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Berliner Kulturnotizen aus  Theater,  Oper und Konzert

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 042320

Ein erstaunlicher Film 

"Der Klavierspieler vom Gare du Nord" ("Au bout des doigts")

von Ludovic Bernard über Prime Video

Diese Coronazeit ist wie geschaffen dafür, sich über Mediatheken oder Streamingdienste Filme anzusehen, die bisher immer links von der Achtsamkeit liegen geblieben waren. So suchte ich gestern bei Prime Video nach einem ganz anderen Titel, in dem auch ein Pianist im Mittelpunkt stand, und geriet ganz zufällig an diesen Film von Ludovic Bernard. Der Film ist relativ neu, erst im Juni des Vorjahres in Deutschland angelaufen. Um Vorinformationen hatte ich mich nicht gekümmert, war also offen für alle Eindrücke, die auf mich zukommen würden.

Und in einer ganz lapidaren, gelassenen Erzählweise passieren da Dinge, die mich ansprechen, fesseln und zunehmend gefangen nehmen. Im Pariser Gard du Nord, einer vor quirligem Leben nahezu berstenden Bahnstation, steht am Rande der Besucherströme ein Klavier zur allfälligen Benutzung für jeden, der mag. Ein junger Mann namens Mathieu Malinski (Jules Benchetrit) setzt sich an das Instrument und spielt mit frappierender Geläufigkeit Bach. Polizisten werden auf ihn aufmerksam und hetzen den sofort Fliehenden über Gänge und Rolltreppen bis zu einem Bahnsteig, wo er sie geschickt abschütteln kann. Mathieu ist kein unbeschriebenes Blatt, sondern hat sich mit Kumpels bei Einbrüchen hervorgetan - daher das Interesse der Ordnungshüter. 

Belauscht hat den jungen Klavierspieler aber auch Pierre, Leiter einer Klavierklasse am Pariser Konservatorium (Lambert Wilson), der spontan vom Vortragsstil des Mathieu fasziniert ist, der ihn ein paar Tage später erneut im Bahnhof hört, ihn anspricht und seine Visitenkarte mit der Bitte aushändigt, ihn zurückzurufen. Inzwischen ist dann Mathieu aufgrund seiner Delikte zu einer Jugendstrafe verurteilt worden, die ihn zu Putzarbeiten ausgerechnet im Foyer des Konservatoriums verpflichtet, wo Pierre lehrt. Er macht ein Date mit Mathieu am Steinway-Flügel des großen Konzertsaals der Musikhochschule. In Rückblenden erfährt der Zuschauer, woher Mathieus bereits hochgradiges Können stammt: ein greiser Nachbar hatte ihm jahrelang kostenlos Klavierunterricht gegeben und dabei das Gespür für das Zusammenwirken von Virtuosität und Gefühl beim Interpretieren in ihm geweckt. 

Pierre ist insgeheim vom exorbitanten Talent seines Kandidaten fasziniert. Inwieweit sich in diese beinahe erotische Beziehung Erinnerungen an seinen eigenen Sohn einmischen, der 15jährig an Leukämie verstorben war, bleibt unaufdringlich in der Schwebe. Nun beginnt ein spannungsreiches Tauziehen zwischen dem ambitionierten Lehrer, der seinen Schützling zu einem weltweit beachteten Klavierwettbewerb anmelden will, und dem jungen Mathieu, der aus den Zwängen des Übungsbetriebs immer wieder auszubrechen versucht. Zum Glück lernt er eine ebenfalls junge dunkelhäutige Cellistin kennen, und aus dieser mal gut, mal weniger gut funktionierenden Beziehung erwächst ihm Unterstützung immer dann, wenn er aus Frust den ganzen Kram am liebsten hinschmeißen möchte. 

Die gestrenge Impulsgeberin, die diesen ungeschliffenen Edelstein Mathieu nun zu einem Brillanten am Klavier formen will, ist "die Gräfin" (Kristin Scott Thomas), anfangs distanziert kritisch und eher biestig im Ton, aber sie wird mit der Zeit gleichfalls zur Bewunderin von Mathieus Talent und zur engagierten Verfechterin seiner Nominierung für den Wettbewerb.

Ausgerechnet unmittelbar vor dem großen Tag überfallen Mathieu wieder Zweifel an seiner Erstklassigkeit, und er will dem Wettbewerb ausweichen. Diesmal versteht es  seine Mutter, diese letzte Bremse vor dem finalen Erfolg zu lösen, und Mathieu stürmt in den Wettbewerbssaal, wo er in letzter Minute und etwas außer Atem eintrifft. Setzt sich an den Flügel, spielt den ersten Satz aus Rachmaninows Zweitem Klavierkonzert und siegt mit Bravour über seine Konkurrenz. Die Schlußeinstellung zeigt, wie er ein paar Monate später das Konzertpodium im New Yorker Lincoln Center betritt. 

Natürlich ist das alles eher ein Märchen als ein alltäglicher Regelfall. Aber die konsequente Erzählweise, die einfach nur aneinanderreiht, statt modische Komplikationen à la Hollywood hinzuzufügen, gewinnt Sympathie, die sich immer weiter steigert.

Mitzuerleben, wie sich das Talent dieses jungen Pianisten allen Schwierigkeiten und Rückschlägen zum Trotz durchsetzt, einfach weil es das verdient, ist gerade in schwierigen Coronazeiten eine höchst positive Erfahrung. 


041420

Kulturdämmerung


Gedanken zur Total-Resektion des Kulturbetriebs

aus Anlaß der Corona-Pandemie


Der Vorgang ist ungeheuerlich und zumindest in diesem Jahrhundert hierzulande ohne Beispiel: In Umsetzung der Kontaktverbote zur Ausbreitungsdämpfung des Corona-Virus ordnete die oberste Regierungsinstanz die Schliessung aller Institute an, die üblicherweise Menschenansammlungen verursachen und bei denen der geforderte Mindestabstand von Mensch zu Mensch nicht eingehalten werden kann. Auf der Strecke bleiben kleine und große Theater, Opernhäuser und Konzertsäle. Dergleichen kannte man allenfalls aus dem Jahre 1944, als Reichsminister Dr. Goebbels im Zuge des "totalen Krieges" sämtliche "Vergnügungsstätten" schließen ließ. 

Das Diktat ist folgenreich. Mit den Aufführungsstätten sind auch alle betroffen, die dort für gewöhnlich auftreten: Schauspieler, Musiker, Mimen und Pantomimen, alle, die von Auftritten leben und nun keine Einnahmen mehr haben, und nicht zuletzt die Veranstaltungsorte selbst, deren Budget nun auf lebensgefährliche Weise ausgezehrt wird. 

Ein kleines, zeittypisches Hoffnungsfenster öffnet sich durch Internet-Kommunikationstechnik. Theater und Musikveranstalter bieten Mitschnitte oder Live-Übertragungen von Schauspiel-, Opern-und Musikbühnen. die mindestens das Interesse des Publikums wachhalten können und das Bewußtsein schärfen für die Tragweite dieses gewaltsam erzwungenen Kulturverzichts.  Freilich sind das nur Zeichen für den Überlebenswillen der künstlerischen Kreativität. Zur wirtschaftlichen Stabilisierung tragen sie nur dann bei, wenn es gelingt, die Livestreams mit effizienter Spendengenerierung zu verbinden.

Das vielleicht Wichtigste ist aber das fundamentale Mangelempfinden, das den Kulturkonsumenten  in diesen Wochen überfällt. Was bleibt übrig von der Welt, in der es sich zu leben lohnt, wenn Musik und Theater entfallen ?  Welche Ideen bleiben, wenn der beflügelnde Impuls der schönen Künste ersatzlos verschwindet ? Das Erbe aus jahrhundertelanger künstlerischer Schöpferkraft kann auf einmal nicht mehr genutzt werden, um den heute Lebenden geeignete Wege zu weisen. Es gibt Menschen, für die  das Erleben kultureller Ereignisse den entscheidenden Lebensinhalt bildet. Hier bedeutet die Amputation nicht nur eine Verarmung, sondern einen ganz erheblichen Verlust von Lebensenergie. 

Bleibt nur die Hoffnung auf die Zeit, die alles verwandelt. Bald, aber nicht zu früh soll bitte alles wieder so sein wie vor der Corona-Invasion. Eine Welt mit gesteigertem Bewusstsein wird es dankbar registrieren.



 031820

Liebesspiel mit Hindernissen

"Schmetterlinge sind frei" per Livestream

aus dem Schloßpark Theater Berlin 

Die vom Coronavirus inszenierte Attacke auf den Kulturbetrieb hat gerade für die kleinen Häuser ziemlich ruinöse Folgen. Einige von ihnen haben sich dennoch dafür entschieden, zum Publikum hinzugehen, wenn das Publikum sie schon nicht besuchen darf. Das Transfermedium ist das Internet, die Aufführungsform der zeitgleiche Livestream. Beifall und Zwischenrufe entfallen zwar, aber jeder Theaterfan kann sich auf diese Weise immerhin einen  Eindruck von Charakter und Qualität einer Aufführung verschaffen. Bleibt nur die Hoffnung, dass auch Mittel und Wege gefunden werden, den Privattheatern den schmerzlichen Ausfall der Ticketeinnahmen zu entgelten. 

Das Stück stammt vom US-amerikanischen Autor Leonard Gershe, kam 1969 auf die Bühne und war 1972 unter dem Titel "Butterflies are free" die Vorlage für einen erfolgreichen Kinofilm mit Goldie Hawn, der zahlreiche Auszeichnungen bekam. Regisseurin am Schlosspark Theater ist Irene Christ.

Der junge Don Baker(Johannes Hallervorden) wagt einen mutigen Schritt und zieht von zu Hause aus. Sein Handikap: er ist blind, aber er macht kein Aufhebens von dieser Eigenschaft, die er mit Intelligenz, Geruchs- und Tastsinn sowie Hörvermögen kompensiert. Überdies kann er Gitarre spielen und verfügt über eine angenehme Songstimme. In seiner simpel möblierten Bude besucht ihn seine Nachbarin Jill Tanner (Helen Barke), ein recht aufgedrehtes Mädchen mit grossen Träumen von der eigenen Zukunft. Beide kreisen Im Dialog um ihre Situation, wobei die Wahrnehmungsdivergenzen zwischen Blinden und Sehenden einen roten Handlungsfaden liefern. 

Bis auf einmal die Mutter Frau Baker ( Julia Biedermann) in der Tür steht, mit Ironie geladen und berstend vor Energie, die beiden inzwischen verliebten jungen Leute auseinanderzubringen. Sie häuft Sarkasmen, Bosheiten und Anmassungen nach einem Don wohlbekannten Muster aufeinander. Der durchaus blitzende Dialog schlägt Funken und liefert ein amüsantes Feuerwerk kleiner zwischenmenschlicher Gemeinheiten. Aber die dominante Mutter gibt nicht nach und will ihren widerstrebenden Sohn zurück nach Hause holen. Das Vorhaben misslingt. 

Nun richtet Mutter ihre destruktiven Energien auf Jill von nebenan und versucht, ihr die ersehnte Karriere als Schauspielerin madig zu machen. Jetzt fliegen die Dialogfetzen zwischen der eifersüchtigen Mutter und der angehenden Geliebten des Sohnes. Vorhang.

Dann Mutter und Sohn wieder in der Bude mit Hochbett. Mutter gibt sich zum Schein nachgiebig und lobt das Talent ihres Sohnes als Songschreiber. Jill kehrt zurück, mit dem Regisseur  Ralph Austen( Fabian Stromberger) im Arm. Heftige Diskussion über ein Stück, in dem Jill eine Rolle spielen soll. Eine Tournüre der Drehbühne bringt Jills Nebenzimmer ins Spiel. 

Don begreift, dass ihm Jill zu entgleiten droht. In einem widerborstigen Wortgefecht erinnert die Mutter an Texte, die sie einstens verfasste, um die Emanzipation ihres Sohnes zu fördern. Jill will ausziehen, spendiert ein Abschluss-Statement über ihren Konnex mit Ralph. Aus dem finalen Gezänk entwickelt sich dann die abschliessende Kulmination: Don und Jill brauchen einander und wollen ihren weiteren Weg gemeinsam gehen. 

Ein grosses Kompliment verdient die Initiative, diese Aufführung per Livestream zu vermitteln. Da spielt es keine Rolle, dass die Farben des Bühnenbildes gelegentlich etwas schwach ausgeleuchtet sind und der Ton in Spitzenlautstärke nicht zu vernehmen ist. Auf jeden Fall lässt sich in Zeiten der erzwungenen Publikumsabstinenz kein besseres Bindeglied zu einem  liebgewordenen Theater finden als eine solche Livestream-Übertragung. 




031220
Corona macht‘s möglich

Premiere „Carmen“ ohne Publikum
in der Deutschen Staatsoper Berlin

Das „neue“ Virus aus der chinesischen Provinz mischt die Gewohnheiten der Europäer in gänzlich ungewohnter und unerwarteter Weise auf. Der Impetus trifft mit irritierender Geschwindigkeit nicht nur medizinische Ressourcen und behäbige Verwaltungsabläufe, sondern auch den gesamten Kulturbetrieb mit seinen engagiert vorbereiteten Premieren. Die Situation zwingt zur Suche nach Alternativen. Die Deutsche Staatsoper Berlin stand vor der Wahl, ihre lange angekündigte „Carmen“ entweder mit der Schliessungsvorgabe verpuffen zu lassen oder andere Wege der Veröffentlichung zu finden. Engagement und Erfindungsgabe eröffneten einen Ausweg, der in kaum 24 Stunden gebahnt wurde: Der Zuschauerraum bleibt leer, und Bühnenhandlung samt Orchesterstimmen kommen als Livestream mit technischer Unterstützung des Rundfunks Berlin- Brandenburg auf die Bildschirme der interessierten Öffentlichkeit. 

So kommt also nun eine illustre Barenboim-Premiere als zweidimensionale Dokumentation vor die Augen und Ohren der dezentralisierten Zuschauer. Kein Szenenbeifall, keine zustimmende oder ablehnende Publikumsreaktion liefert den Widerpart zum Bühnengeschehen. Gleichwohl kann man auf diese Weise visuell und akustisch einen Eindruck davon gewinnen, welche Vorzüge oder Defizite die Inszenierung von Martin Kušej offenbart. 

Das Bühnenbild kann ohne Übertreibung kärglich genannt werden. In ihm bewegen sich die handelnden Personen in farblich gut akzentuierten Kostümen vor uni-koloriertem Hintergrund. Die georgische Mezzosopranistin Anita  Rachvelishvili verkörpert die Titelrolle, in der Aufführungsgeschichte dieser Oper hundertfach in den verschiedensten Schattierungen dargeboten. Diesmal ist es eine Carmen von vergleichsweise wuchtiger Statur, deren Stimme gelegentlich ein massives Tremolo liefert, die aber auch grosse Zärtlichkeit sowie leidenschaftliche Expressivität zu vermitteln vermag. Ihr zur Seite als überwältigter Counterpart, der über Carmen seine Quasiverlobte Micaela ( mit schönem, kraftvollen Sopran: Christiane Karg) vergisst, der junge Michael Fabiano, der seinen warmgetönten Tenor nicht nur in der berühmten Blumenarie bewegend einzusetzen versteht. Der Stierkämpfer Escamillo ist, stimmlich etwas weniger eindrucksvoll, der Bariton Lucio Gallo, und das Ensemble ergänzen eine ganze Reihe gut besetzter weiterer Figuren aus der Soldaten- und Schmugglerszene. Am Pult der bestens disponierten Staatskapelle Berlin der unverändert vitale Daniel Barenboim, der mit Geschick bemüht ist, den Verlust an Atmosphäre durch den Fortfall des Publikums mit vermehrter Intensität auszugleichen. 

In Erinnerung bleibt eine Aufführung, der durch die Reduzierung auf die optakustische Wiedergabe ein entscheidendes Glanzlicht für das Erleben fehlte. Eher hatte man den Eindruck, einer Probe beizuwohnen. Insgesamt ein überraschend deutliches Plädoyer für die Erhaltung und Fortführung szenischer Opernaufführungen mit Publikum.