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Berliner Kulturnotizen aus  Theater,  Oper und Konzert

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090421

Bitte um Geduld

Meinen treuen Leserinnen und Lesern zunächst ein herzliches Dankeschön - die Zahl der Klicks ist erstmals über die Grenze von 39 000 gestiegen. Bei mir ist derzeit noch Sommerpause, aber ich hoffe, ab Oktober wieder Berichte und Kritiken posten zu können. Bedingung ist allerdings von meiner Seite, dass es möglich ist, die betreffende Vorstellung ohne Maske zu verfolgen. Bis dahin bitte ich noch um etwas Geduld.

Beste Grüße

Horst Rödiger



061421

Ein erlösender Opernabend: 

Minnie rettet ihren Banditen

Premiere von "La fanciulla del West" vor Publikum

in der Staatsoper Unter den Linden Berlin

Giacomo Puccinis Ausflug in das modische Goldrausch-Land des Wilden Westens kam 1910 an der Metropolitan Opera in New York City mit Enrico Caruso als Johnson und Arturo Toscanini am Pult heraus. Die Minnie sang damals Emmy Destinn. Die deutsche Erstaufführung gab es drei Jahre später unter Ignatz Waghalter am Charlottenburger Deutschen Opernhaus, der heutigen Deutschen Oper Berlin. 

Die Neuinszenierung an der Berliner Staatsoper besorgte Lydia Steier, und in Zeiten abklingender Pandemie-Gefahr findet diese Premiere gewissermassen auf zwei Ebenen statt: vor Publikum im Hause Unter den Linden und im kostenlosen Livestream, was die Freude des Zuschauens noch steigert. (Den Livestream konnte man auch in einem Pop-up-Autokino am Flughafen Tempelhof verfolgen, mit Tonwiedergabe übers Autoradio).

Am Pult der Staatskapelle Berlin steht diesmal Sir Antonio Pappano aus London, der Musikchef des Royal Opera House.

Minnie (Anja Kampe), Schankwirtin ihres Zeichens im Saloon “Polka”, ist die einzige Frau in der rauen Männerwelt eines Gold Rush Districts weit draussen im kalifornischen Wilden Westen. Die Männer achten sie alle, begehren sie aber auch. Besonders deutlich zeigt das ein ausgesprochenes Raubein, der Sheriff Jack Rance (Michael Volle).

Der 1. Akt greift beherzt ins volle Milieu. Das Lagerleben besteht am Abend aus Kartenspiel und Whiskytrinken. Auf den Tischen wird getanzt, einer spendiert Zigarren, ein anderer “Whisky für alle”. Sentimentales Heimweh grassiert. Das Bühnenbild schafft reizvolle optische Fixpunkte. Falschspielern geht’s ohne viel Federlesens an den Kragen. Minnie schlichtet einen Streit mit der Knarre in der Hand. Trinkfest ist sie ausserdem. Und gibt Bibelunterricht. 

Ein Postillon kommt. Eine zwielichtige Frau soll behauptet haben, das Versteck des gesuchten Banditen Ramirez zu kennen. Der Sheriff bekennt, dass er Minnie liebt, aber sie weist ihn ab. Rance holt weit aus, seinen Lebensweg mit vollem stimmlichen Einsatz zu schildern. Minnie tut’s ihm gleich, hier die Stimme aufs Äusserste forcierend. 

Ein Fremder tritt ein, erzeugt zunächst Befremden. Er und Minnie sind sich schon früher begegnet. Dieser Mr. Johnson (vorzüglich: Marcelo Álvarez) stösst auf Ablehnung, aber Minnie bürgt für ihn. Beide tanzen zusammen. 

Minnie und Johnson allein zu zweit. Ihr gegenseitiges Vertrauen wächst. Minnie bewacht das dort deponierte Gold der Lagerinsassen. Sie lädt ihn zu sich nach Hause ein. 

Der zweite Akt spielt in Minnies häuslicher Umgebung. Sie macht sich fein, um ihren Besuch zu empfangen. Johnson kommt. 

Sie schildert ihr Leben. Beide diskutieren über die Liebe. Ein Kuss wird gewährt. Schüsse ertönen draussen. Johnson: “Ich will dich für immer ! “ Sein Name sei Dick, sagt er. Jack Rance kommt herein und sagt, Johnson sei der gesuchte Ramirez. Kellner Nick (Stephan Rügamer) will ihn auf dem Weg zu Minnies Haus gesehen haben. Minnie ist gewarnt. 

Johnson verlässt das Haus, und draussen trifft ihn ein Schuss. Er flieht verwundet zurück zu ihr, sie verbirgt ihn auf dem Dachboden.  Jack Rance sucht ihn und erkennt an einem Tropfen Blut, wo er steckt. Sie schlägt absichtsvoll eine Pokerpartie um das Leben von Johnson vor. Er willigt ein. Sie spielen, Minnie gewinnt. Mit einer falschen Karte. Und triumphiert. 

Schneegestöber. Sehr fantasievolle Projektion. Dritter Akt. Hasstirade von Jack Rance. Ein Gehenkter baumelt von der Decke. Ein Pickup rollt herein, und die Verfolger von Ramirez jubeln: der Gesuchte ist gefunden! Ein mächtiger Wirbel mit Feuerwerk: Ramirez soll hängen. Jack Rance verspottet ihn. Dessen Schlusswort, dann senkt sich die Schlinge herab. Aber Minnie gebietet Einhalt. Sie erwirkt allseitige Verzeihung und enteilt mit ihrem Geliebten in ein neues Leben. 

Die Stimmen der Hauptakteure  werden, von einigen anfänglichen, der Dramatik geschuldeten Forcierungen abgesehen, ihrem darstellerischen Ausdruck absolut gerecht. Ein plausibles Bühnenbild und vorzügliche Lichtregie unterstützen die szenische Wirkung. Eine insgesamt überzeugende Aufführung, die auch für die streckenweise kolportagehafte Handlung einen guten, einleuchtenden und bewegenden Ausdruck findet. 

Antonio Pappano am Pult der Staatskapelle erreicht vom ersten Takt an die optimale Balance zwischen vitalem Auftrumpfen und feinsinnig-sensibler Melodik. Das Ganze ist schönster Puccini in einer überaus sorgfältigen Interpretation. 

Reicher, verdienter Applaus, ein erlösender Abend: endlich wieder vor wirklichem, wenn auch hygienebedingt vermindertem Publikum.




061221

Wolfgang Boettcher zum Gedenken

Kammerkonzert von UdK und Hindemith-Gesellschaft 

im Joseph-Joachim-Konzertsaal Berlin 

Die Berliner Universität der Künste gedenkt zusammen mit der Paul-Hindemith- Gesellschaft des im Februar  diesen Jahres verstorbenen Solocellisten der Berliner Philharmoniker und späteren Cello- Professors der UdK , Wolfgang Boettcher, der auch langjähriger Vorsitzender der Berliner Paul-Hindemith- Gesellschaft war, mit zwei Livestream-Kammerkonzerten, deren zweites hier beschrieben wird. 

Vorstands-Beirätin Jutta von Haase würdigt eingangs die herausragende Persönlichkeit und die ungewöhnlich vielfältige musikalische wie organisatorische Leistung von Wolfgang Boettcher. 

Eingeleitet wird das Konzert am 12. Juni 2021 mit der Sonate Nr. 2 G-Dur op. 13 für Violine und Klavier von Edvard Grieg, gespielt von den Schwestern des Verstorbenen, der UdK-Professorin Marianne Boettcher, Violine, und Ursula Trede-Boettcher, Klavier. Das Stück beginnt mit der Satzbezeichnung Lento doloroso, gefolgt von einem Allegro vivace. Die Violine intoniert ein melodisch- einprägsames Thema, das dann im Dialog mit dem Klavier fortgeführt wird und sich zu gesanglicher Freiheit mit eindringlicher Intensität aufschwingt. Es folgt ein Allegro tranquillo, sanft und gleichwohl vital von der Violine vorgetragen. Klavier und Violine in trefflich abgestimmtem Einklang. Die Sonate schliesst mit einem Allegro animato, vom Klavier mit Schwung eingeleitet, von der Violine mit Feuer fortgeführt. 

Nun Uladzimir Sinkevich (Cello) und Naoko Sonoda (Klavier), beide zeitweilig Stipendiaten der Hindemith-Gesellschaft, zunächst mit zwei Stücken für Cello und Klavier von Sergej Rachmaninow op.2, Prélude und Danse orientale. Einleitende Worte des Cellisten erinnern an Wolfgang Boettcher. Ein herrlich schwingender, kraftvoller Celloton, vom Klavier einfühlsam kommentiert. Der “orientalische Tanz” gibt zunächst dem Klavier den vernehmlicheren Part, bis sich das Cello mit stimmungsvoll sanglichem Ton anschliesst und der Rhythmus beide vorantreibt. Claude Debussys Sonate für Violoncello und Klavier d-moll schliesst sich an. Ein Prologue Lent zur Einleitung, dann Sérénade et Finale, zunächst modérément und Pizzikato im Cello, dann Animé. Der begeisternde Celloklang ist hervorragend geeignet, der Erinnerung an Wolfgang Boettcher Leben einzuhauchen. An Raffinesse der Klanggestaltung lassen beide Solisten keine Wünsche offen. 

Den Schlusspart übernehmen Julia Suslov-Wegelin (Violine), Karin Suslov- Götz(Viola) und Alexander Wegelin (Violoncello), alle drei gewissermassen eine Familie, mit Auszügen aus Johann Sebastian Bachs Goldberg-Variationen in einer sehr reizvollen Version für Streichtrio. “Professor Boettcher hat uns inspiriert”, sagt die Geigerin Julia. Die überaus feinfühlige, sehr präzise Umsetzung von Bachs filigraner Figuration ist wie ein Widerschein von Wolfgang Boettchers einfühlsam vermittelten musikpädagogischen Impulsen. 

Viel Beifall vom spärlich in den Joseph-Joachim- Konzertsaal eingesickerten Publikum. Jutta von Haase verabschiedet sich mit Rosen zum Dank an die Mitwirkenden. 


050721

Stipendiaten im Livestream

Kammerkonzert der Hindemith-Gesellschaft Berlin 

Die Corona-Pandemie hat das segensreiche Wirken der Berliner Paul-Hindemith-Gesellschaft weiterhin fest im Griff. Ein Publikum bei Kammerkonzerten mit Stipendiaten, das man um Spenden für die Generierung von Stipendien für Hochbegabte nutzen könnte, existiert derzeit nicht. Lediglich ein „Virtueller Spendenkorb“ lädt dazu ein, sich für ein Livestream-Konzert wie das nachstehend Beschriebene vom 07. Mai 2021 erkenntlich zu zeigen. 

Nach einem Grusswort von Hindemith-Vorstandsbeirätin Jutta von Haase zum Auftakt Schostakowitschs Quartett Nr. 7 mit May Pitchayapa, Violine; Yula Kim, Violine; Julia Palęcka, Viola und Juliet Wolff, Violoncello. Ein farbenreiches, schwungvolles Allegretto zu Beginn, gefolgt von einem stimmungsvollen Lento, klanglich fein abgetönt. Schliesslich ein flott und entschlossen vorgetragenes Allegro, wobei besonders die saubere Justierung der einzelnen Instrumentalstimmen beeindruckt. 

Ein lieblicher Schlussteil, sorgsam einstudiert, entfaltet eine besonders gewinnende Wirkung. 

Danach die Havanaise op. 83 von Camille Saint-Saëns mit Takashi Lorenz Waschkau, Violine und Daniel Streicher, Klavier. Nach einleitenden Klavierakkorden führt die Violine sinnlich-klangschön in das Leitthema  über, das vom Klavier umspielt wird. Dann ein Themenwechsel, die Violine bewundernswert rein und rhythmisch in überaus feiner Harmonie mit dem Klavier. Der Klangsinn des Violinisten zeigt gerade in den hohen Lagen ausgeprägtes, reifes Niveau. Die Doppeltöne gelingen prächtig. Ein tänzerisches Motiv wird hinzugefügt - das war’s dann schon.

Zum Abschluss das Quartett Nr. 3 c-moll von Johannes Brahms mit dem bewährten Marcel Mok am Klavier, Victoria Wong an der Violine, Karolina Pawul an der Viola und Sebastian Mirow , Violoncello. 

Allegronontroppo, eine Seelenspiegelung des Komponisten, geprägt von dessen unglücklicher Liebe zu Clara Schumann. Finster und zerrissen der Auftakt, dem aber bald sinnliche Sanglichkeit folgt. Markante Klavierakkorde, in die sich die Streicher hineinstürzen. Kraftvolle, hervorragend abgestimmte Aufschwünge. Die Viola stimmt in sonorem Ton ein Thema an, dem die beiden anderen Streicher folgen, bis das Klavier das Ensemble auf eine Anhöhe hebt. 

Eine Scherzo im Allegro-Tempo folgt, feinst abgestimmt zwischen Klavier und den Streichern, sauber und ausgeprägt ziseliert, mitreissend in leidenschaftlichem Rhythmus, kraftvoll vorwärtsdrängend. 

Ein nachdenklich-vertiefendes Andante schliesst sich an, vom Cello eingeleitet. Schwesterlich begleitend folgen Violine und Viola. Nun scheint eine beschwichtigende Harmonie eingekehrt zu sein. Brahms’sche Diktion beherrscht die Szene. Behutsamer Ausklang. 

Spielerisch dann das Finale Allegrocomodo, noch einmal hinreissende Melodieführung. Den Streichern folgt das virtuos verzierende Klavier. Schönster unisono-Duktus, fesselnd und begeisternd. Die Melodielinien verschränken sich exakt und scheinbar mühelos. Grösste Klangintensität in wohldisponierter Synthese. Klavierakkorde eröffnen das Finale: der Komponist hat zu kraftvoller, eigener Sprache zurückgefunden. 

Beifall von einer Handvoll Zufalls-Zuhörern für ein ausserordentliche Ensemble-Leistung, dann Jutta von Haases obligatorische Dankeschön-Rosen für die Solisten des Abends. 





042721

Alles blauer Dunst 

Premiere "Il segreto di Susanna"

im Livestream aus der Bayerischen Staatsoper München 

Inhaltlich kein Schwergewicht, sondern eher ein "Intermezzo" vom italienischen Komponisten Ermanno Wolf-Ferrari, uraufgeführt 1919 in München. 

Der junge Graf Gil hat eine wunderschöne Frau namens Susanna. Aber wer etwas so Schönes sein eigen nennt, lebt auch ständig in der Furcht, daß es ihm genommen werden könnte. Eines Tages vermeint der Graf den Duft von Zigarettenrauch wahrzunehmen und wähnt sofort einen heimlichen Liebhaber seiner Frau im Hause. 

Gil plant, seiner Frau eine Falle zu stellen und den heimlichen Konkurrenten zur Strecke zu bringen. Er verläßt zum Schein das Haus, kehrt aber umgehend zurück und durchstöbert wütend alle Räume auf der Suche nach dem vermeintlichen Nebenbuhler, findet aber nichts Einschlägiges. Schliesslich beichtet ihm seine Frau, dass sie sich aus purer Langeweile selbst dem Laster des Rauchens ergeben habe. Beschämt entschuldigt sich der Graf für seine rasende Eifersucht und greift nun selbst zur Zigarette, um es seiner geliebten Gattin gleichzutun, und auch der stumme Diener Sante folgt dem neuen Trend im  Hause Gil.

Diese Handlung wirkt in unseren Tagen auf rührende Weise anachronistisch. Heute greift niemand mehr aus Zuneigung zur Zigarette - stattdessen ist die Nikotinsucht gesellschaftlich geächtet, und wer seine Frau versöhnen möchte, begleitet sie eher in ein First-Class-Restaurant oder auf eine Kreuzfahrt, statt mit ihr im Zigarettenkonsum zu schwelgen. 

Die Inszenierung von Axel Ranisch mischt geschickt Realszenen, die in einem kleinen Geviert auf der Bühne spielen, mit Videoaufnahmen aus einer noblen Villenetage. Flotte Ouvertüre. Der Graf (Michael Nagy) verfolgt seine schöne Susanna (Selene Zanetti) mit der argwöhnischen Jagd nach dem unbekannten Zigarettenraucher. Unterdessen spielt  Sante, der stumme Diener, ein wenig den Clown und scherzt auch schon mal mit dem Dirigenten. Zugespitzter Ehekrach, die Daunenfedern fliegen aus den Kissen des Ehelagers. 

Der Graf verläßt das Haus, der stumme Diener ist heimlicher Hüter des gefährdeten ehelichen Zusammenhalts. Susanna und Sante ziehen gemeinsam an einer (elektronischen) Zigarette, die Rauchschwaden erfüllen den Raum. Der Graf kehrt zurück und stürmt unter eifersüchtiger Hochspannung durch die Wohnung auf der Suche nach dem geargwöhnten Liebhaber. Es folgt die Beichte und die Auflösung der Gewitterwolken: die Qualmer waren die durchaus treue Ehefrau und ihr willfähriger Diener. Erleichtert läßt sich der Graf ebenfalls zum Elektrodunst verführen, der Susannas ganzes Geheimnis war.

Yoel Gamzu am Pult des Bayerischen Staatsorchesters präsentiert Wolf-Ferraris spielerisch-anmutige Musik mit geschmeidigem Körpereinsatz und  in höchst gefälliger Form. Ein unterhaltsamer Opernabend, der leicht ins Ohr geht und nicht schwer im Magen liegt. 


040221

“Toller Tag” im Livestream

Premiere "Figaros Hochzeit"

in der Deutschen Staatsoper Berlin

Wolfgang Amadeus Mozarts Opera Buffa mit dem Libretto von Lorenzo da Ponte nach Beaumarchais, uraufgeführt in Wien am 1. Mai 1786. Die Neuinszenierung von Vincent Huguet hatte ihre Premiere im Livestream aus der Staatsoper Berlin am 1. April 2021. Am Pult der Staatskapelle Berlin stand Daniel Barenboim. Dies war die erste Aufführung aus dem neuen Mozart-da Ponte-Zyklus, der in dieser Saison noch mit "Cosi fan tutte" und "Don Giovanni" fortgeführt wird. 

Ein turbulentes Ränkespiel, gleichermassen von hohem szenischen wie musikalischen Reiz. Sänger und Musiker müssen infolge der Pandemie einmal mehr auf unmittelbare Reaktionen eines Publikums verzichten, was die Atmosphäre zunächst tendenziell etwas abkühlt.

Figaro (Riccardo Fassi) hat das erste Wort. Er freut sich zusammen mit seiner Braut Susanna ( Nadine Sierra), der Zofe der Gräfin, an häuslichen Turnübungen in der Wohnküche. Die Gräfin (Elsa Dreisig) meldet sich am Telefon. Figaro fordert inmitten einer improvisierten Kochshow den Grafen imaginativ zum Tänzchen auf. 

Doktor Bartolo (Maurizio  Muraro) mit Marcellina ( Katharina Kammerloher). Susanna, unbeeindruckt: „Geh, alte Frau.“ Cherubino, der alle Frauen liebt ( Emily d’Angelo) gibt seiner Seelenverwirrung Ausdruck. Der Graf Almaviva (Gyula Orendt) tritt auf und macht Susanna Avancen. Cherubino versteckt sich. Musiklehrer Don Basilio (Stephan Rügamer) taucht auf. Graf contra  Basilio. Der Graf findet den versteckten Cherubino und verdonnert ihn zum Militärdienst. 

Figaro bittet inmitten einer Juniorengruppe um die Heiratserlaubnis. Ein gewaltiger Brautschleier symbolisiert die intendierte Aktion. Der Graf will Zeit gewinnen. Zunächst wird nur Cherubino mit Aplomb und Begleitmusik verabschiedet, Figaro agiert als Stimmführer. Schön artikulierte Stimme. Aktschluss. 

Zweiter Akt: Die Gräfin beklagt ihr Los, denn der Gatte liebt sie nicht mehr. Frustriert willigt sie ein, Cherubino in Mädchenkleider zu stecken, wie Figaro und Susanna das  vorschlagen, damit er als vermeintliche Susanna den Grafen der Untreue überführe. Mitten in die Umkleideszene schneit der Graf herein, und der immer noch nicht abgereiste Cherubino wird in der Garderobe der Gräfin versteckt. Aber der argwöhnische Graf fordert Aufklärung. Während er mit der Gräfin kurz den Raum verlässt, nimmt Susanna den Platz von Cherubino ein, der seinerseits durchs offene Fenster entweicht. Nun muss sich der Graf entschuldigen. Er vermutet in Figaro den Urheber der ganzen Verwirrung und verweigert seine Zustimmung zu dessen Heirat, ehe nicht die Angelegenheit mit einem früheren Heiratsversprechen an Marcellina geklärt ist. Mitreissender Aktschluss. 

Zur Pause lässt sich feststellen, dass sowohl das Ambiente der Räume  wie der Habitus der Personen konsequent entrümpelt wurden. Vom 18. Jahrhundert ist optisch nichts übrig. Einzige Reminiszenz sind die seinerzeitigen gesellschaftlichen Verhältnisse mit der Allmacht des Grafen. 

Dritter Akt: Das Geflecht der Intrigen wird weiter gesponnen. Susanna schlägt dem Grafen zum Schein ein  nächtliches Treffen im Garten vor. Der Richter Don Curzio (Siegfried Jerusalem) hat im Prozess Marcellina recht gegeben: Figaro soll zahlen oder sie heiraten. Der bekennt sich daraufhin als Findelkind, und Marzelline sowie Bartolo stellen sich als Figaros Eltern heraus. Nun wollen beide Paare eine Doppelhochzeit feiern. 

Gräfin und Zofe Susanna schreiben einen Brief, der den Grafen in den nächtlichen Park locken soll, wo ihn Susanna erwarten würde, die aber in Wahrheit die Gräfin in den Kleidern ihrer Zofe ist. 

Vierter Akt: Barbarina (Liubov Medvedeva) berichtet Figaro von dem geplanten Rendezvous im Garten, was dessen eifersüchtigen Argwohn steigert. Susanna und die Gräfin tauschen ihre Kleider. Die vermeintliche Susanna ist nun die Gräfin. Der Graf umgarnt nichtsahnend seine eigene Ehefrau. Figaro erkennt seine Susanna im Gewand der Gräfin. Alle verzeihen zum guten Ende einander und kehren zum Hochzeitsfest zurück. 

Maestro Daniel Barenboim entlockt seiner Staatskapelle einen federnden, klangschönen Mozart-Sound, in den die durchgehend exzellent disponierten Stimmen feinfühlig eingebettet werden. Hervorzuheben vielleicht die komödiantisch besonders agile Susanna von Nadine Sierra und der klangvolle, jugendliche Bass des spielfreudigen Figaro von Riccardo Fassi sowie der überaus flexible Bariton von Gyula Orendt. Elsa Dreisig hat mit ihrer zweiten grossen Arie im 3. Akt einen besonders bewegenden, stimmlich sehr ausdrucksstarken Moment. 

Insgesamt eine durchaus sehenswerte, musikalisch absolut überzeugende Aufführung, in der lediglich die rigorose optische Aktualisierung für eine gewisse Ernüchterung sorgt. Leider ist es dem Rezensenten  trotz ehrlichen Bemühens nicht gelungen, unterwegs deutschsprachige Untertitel einzustellen, deren Angebot in konkurrierenden Berliner Operninstituten inzwischen eine Selbstverständlichkeit ist.






032121

Ein würdiger Nachfolger

der Schenk-Inszenierung 

Barrie Koskys neuer Münchener "Rosenkavalier"

Richard Strauss' höchst erfolgreiche und beliebte "Komödie für Musik",  1911 im Dresdener Königlichen Opernhaus uraufgeführt, nun in einer Neuinszenierung von Barrie Kosky, dem Intendanten der Komischen Oper Berlin, an der Bayerischen Staatsoper München. Die Premiere wurde bei Arte übertragen und fand ohne Publikum statt.

Marlis Petersen als Feldmarschallin, Samantha Hankey als ihr Gespiele Octavian: Eine Standuhr, die rückwärts läuft, gemahnt an die verstreichende Zeit. Die Marschallin in duftigen Dessous tritt herein, in der Tür von Octavian liebkost. Ein Satintuch wird dekorativ herumgereicht. Octavian macht anfangs kein Geheimnis daraus, dass er eine Frau ist, die einen Mann spielt. Umarmungen par terre. Der Tag naht. 

Das Frühstück wird hereingebracht. Bläulich glänzende Pflanzenkübel beleben das Bild. Jedes Ding hat eine Zeit: Ein greisenhafter Engel (der gealterte Cupido ?) streut Flitter über die Liebenden. Besorgnis, entdeckt zu werden vom hoffentlich weit entfernten Feldmarschall. Wo kann sich Octavian verstecken ? Entwarnung: Es ist nicht der Ehegatte, sondern der Ochs auf Lerchenau (Christof Fischesser). Octavian ist jetzt eine adrette Kammerzofe. Ochs will das Fräulein Faninal heiraten. Wer soll die Silberrose überreichen ? Leichte, mühelose Szenenwechsel im Bühnenbild (Rufus Didwiszus). Koketterien mit einem Staubwedel. Flotte, leichtfüssig gestaltete Szenerie im Dialog Marschallin-Ochs.

Drei arme, adelige Waisen und allerlei buntes Jahrmarktsvolk tritt auf: Lever der Marschallin. Cupido mit Panflöte, hübsche Überleitung zur Tenorarie (Galeano Salas) in dekorativen Kostümen. Dialog Ochs und Notar (Christian Rieger) hinter dem  Schminkspiegel. Valzacchi (Wolfgang  Ablinger-Sperrhacke) und Annina (Ursula Hesse von den Steinen) offerieren ihre Spionagedienste. 

Marschallins Nachsinnen über die verfliessende Zeit, in einer prächtigen Robe. Keine alternde, sondern eine junggebliebene, liebende Frau. "Die Zeit, die ist ein sonderbar Ding". Sie ahnt die Trennung von Octavian voraus. Beide sind stimmlich ideal besetzt für diese Gefühlsdarstellungen. Über allem die Standuhr als Symbol der verstreichenden Zeit. Und die Marschallin sitzt sinnend auf dem Uhrpendel. Sehr hübsch. 

Ein großer Tag im Hause des neureichen Herrn von Faninal eröffnet den zweiten Akt. Die Überreichung der silbernen Rose geschieht in einer zauberhaften Szene, in die Octavian mit einer großzügig bemessenen Traumkarosse einfährt. Die Stimmen von Sophie (Katharina Konradi) und Octavian ergänzen einander vorschriftsmäßig in idealer Verquickung. 

Nun kommt Ochs, Sophies Zukünftiger. Ochs und Faninal (Johannes Martin Kränzle) bilden ein höchst einvernehmliches Gespann. Cupido serviert Getränke und bleibt das stets präsente Sinnbild der schnell vergehenden Zeit.  Ein Ringelreihen um die irritierte Sophie, und Ochs hat "ein lerchenauisch' Glück". Sophie flieht vor ihrem Zukünftigen, das lerchenauische Personal stürmt alkoholisiert durch den Raum, und Octavian verbündet sich mit Sophie. Cupido streut wieder Flitter, diesmal über das junge Paar. 

Valzacchi und Annina sammeln Belege, um Sophie bei Ochs zu verklagen.  "Die Fräulein mag ihn nicht", nimmt Octavian allen Mut zusammen. Duell Degen gegen  Ochs. Der macht ein Riesengezeter um den Kratzer, den er dabei kassiert. Faninal tobt, und auch Sophie ist in Rage. Auf Lebenszeit in ein Kloster ? Cupido jetzt als Medikus mit Stethoskop und Stirnreflektor. Annina bringt eine Einladung und rezitiert: vom bewussten Mariandl. 

Der uralte Cupido betritt im dritten Akt einen Kinosaal ohne Publikum. Emsige Arrangements: Octavian zahlt Valzacchi aus, und der teilt die Chargen für die späteren Knalleffekte im  Wirtshaus ein. Man zieht sich um. Die Bühnenmusik stürmt herein. Jetzt ist Octavian das Mariandl und nimmt am gedeckten Tisch Platz. Beide umkreisen sich komödiantisch, Mariandl steigt auf den Tisch.  Dann wird Ochs entkleidet und in einen Morgenmantel gesteckt. 

Auf einmal fordert eine Witwe Alimentezahlungen. Ein Polizeikommissar  (Martin Snell) und Berge von Akten auf dem Tisch. Es droht eine Anklage wegen Verführung Minderjähriger. Faninal taucht auf, rasch herbeigeholt. Allgemeine Verwirrung und heftiger Meinungsstreit. Cupido entsorgt Ochsens Perücke. Mariandl gesteht dem Polizeikommissar, dass sie ein Mann namens Octavian ist. Auf dem Gipfel des Durcheinanders tritt die Marschallin herein, und Cupido sitzt im Souffleurkasten. "Das Ganze war halt eine Farce, und weiter nichts". Tolles Schlußbild vom Kinosaal mit Publikum und Puppen, die den Ochs mit Kamellen bewerfen.

Und die Marschallin schickt Octavian zu Sophie. Die Marschallin hat auch das versöhnliche Schlusswort. Schöne finale Apotheose mit dem jungen Paar und der zeitbewußten Marschallin samt der Standuhr, der Cupido symbolisch den Minutenzeiger abnimmt. 

Vladimir Jurowski am Pult des Bayerischen Staatsorchesters schafft das Kunststück, trotz pandemiebedingt verminderter Orchesterbesetzung den vollen Glanz der Strauss'schen Partitur zu entfalten und die Solisten wie das Orchester sicher durch die turbulenten wie die lyrischen Partien der Handlung zu geleiten. 






031521

Der veredelte Krimi

"Francesca da Rimini" von Riccardo Zandonai

Premiere im Livestream

an der Deutschen Oper Berlin 


Eine als "Tragedia" definierte Oper auf ein  Libretto nach Gabriele d'Annunzio vom italienischen Musikverleger Tito Ricordi  mit der Musik von Riccardo Zandonai, uraufgeführt 1914 in Turin. 

Die Deutsche Oper Berlin zeigt das selten gespielte Opus in einer Neuinszenierung von Christof Loy, der bereits 2018 Erich Wolfgang Korngolds Oper "Das Wunder der Heliane" zu großem Erfolg geführt hatte. Die Titelpartie sang damals Sara Jakubiak, die nun auch die Rolle der Francesca übernommen hat. Am Pult des Orchesters der Deutschen Oper steht Carlo Rizzi. 

Gabriele d'Annunzios Schauerdrama in Versen stand beim Publikum zu Beginn des 20. Jahrhunderts hoch im Kurs. Die in grellem Wechselspiel der Farben geführte Handlung verbindet Arglist und Täuschung, Liebessehnsucht und moralische Schuld mit Eifersucht und Mord. Im Mittelpunkt steht die Figur der Francesca, die selbst leidenschaftlich liebt und gleich von mehreren Männern sehr verschiedenen Charakters begehrt wird. Das dominante Spannungsfeld entsteht zwischen Francesca und dem ihr angetrauten, aber ungeliebten Giovanni (genannt Gianciotto) und seinem als "der Schöne" idealisierten Bruder Paolo, den Francesca leidenschaftlich liebt. Der Konflikt steigert sich bis zum finalen Aufeinandertreffen aller drei  Brüder, das mit dem Tode sowohl von Francesca wie von ihrem Geliebten Paolo endet. Regisseur Christof Loy zeichnet mit Augenmaß und Feingefühl das überaus modern anmutende Charakterbild einer Frau, die ihrem Empfinden folgt  und sich gesellschaftlichen Konventionen entzieht. 

So weit der Handlungsrahmen für ein Szenario, das einem heute in jedem besseren Fernsehkrimi begegnen kann. Was aber Christof Loy bewogen haben mag, gleichwohl diese Version ans Licht zu ziehen, ist sein ausgeprägter Sinn für musikalische Schätze  und für ein exzellentes Sänger/Darstellerensemble, das ihm für die Wiedererweckung zu Gebote stand. 

Ausgangspunkt des Geschehens ist ein politisches Kalkül. Italien im 14. Jahrhundert: Bürgerkrieg zwischen verfeindeten Adelsfamilien. Die schöne junge, aber etwas eigenwillige Francesca aus dem Clan der Polenta (Sara Jakubiak) soll mit einem Sohn der einflussreichen Familie Malatesta verheiratet werden. Ihr Bruder Ostasio (Samuel Dale Johnson) hat dafür alles vorbereitet. Da man aber befürchtet, Francesca würde den eher unattraktiven Giovanni lo Sciancato genannt Gianciotto (Ivan Inverardi) ablehnen, lässt man im geeigneten Moment dessen ansehnlicheren Bruder Paolo il Bello (Jonathan Tetelman) auftreten, von dessen Erscheinung Francesca geblendet ist und beiläufig den Ehevertrag unterschreibt. 

Der zweite Akt spielt am Tage einer Entscheidungsschlacht zwischen den Malatesta und den Paridati. Der Regie gelingt hier das Kunststück, mit Bühnennebel und aufwendigem Herumgerenne sogar ein verheerendes Schlachtgetümmel glaubwürdig zu realisieren. Francesca weiss, dass sie mit der Heirat des ungeliebten Gianciotto betrogen wurde und entschließt sich zur Rache an den intriganten Brüdern. Paolo und Francesca erkennen ihre tiefe gegenseitige Liebe. 

Im dritten Akt kommen Paolo und Francesca vor dem Hintergrund der Lektüre in der Geschichte von Tristan und Isolde einander abermals näher, und sie begreifen ihre Liebe als schicksalhaft und unausweichlich. Das Verhängnis naht im vierten Akt, als der dritte Bruder, der gewalttätige Malatestino ( Charles Workman) dem Ehemann Gianciotto von dem Verhältnis zwischen seiner Frau Francesca und Paolo berichtet und vorschlägt, die beiden in der nächsten Nacht zu überraschen. Gianciottos Eifersucht ist aufs Höchste entflammt, und er tötet die beiden  in  flagranti Ertappten: sowohl Francesca wie seinen Bruder Paolo. Am Rand kauert grinsend der sadistische Denunziant Malatestino. 


Sämtliche Gesangspartien sind in hervorragender, ausgeglichener Qualität besetzt. Neben der auch darstellerisch sehr ausdrucksvollen Sara Jakubiak steht gleichrangig ihr Traumpartner Jonathan Tetelman: eine leidenschaftliche, durchgehend edel getönte Tenorstimme ohne Schärfen in der Höhe. 

Die eigentliche Entdeckung in dieser mitreissend gestalteten Tragödie ist aber die Musik von Riccardo Zandonai. Sie hat gewiss eine klangliche Nähe zu den Kompositionen von Puccini, aber sie führt eigentlich mit manchem raffiniert gesetzten Halbton noch weiter. Carlo Rizzi leitet das bestens aufgelegte Orchester der Deutschen Oper mit Durchblick und feinem Gespür für die Klangvielfalt der Partitur. Aus dem Orchesterprobenraum vernimmt man den stimmungsvollen, von Jeremy Bines einstudierten Chor, und Alexandra Hutton, als Samaritana im Ensemble, offeriert in der Pause einen Gang hinter die Szene, wie man das aus der New Yorker Metropolitan Opera kennt.

Insgesamt ist der Deutschen Oper für eine sehr reizvolle Aufführung von höchster Qualität zu danken, wie das unter den schwierigen Hygienebedingungen der Pandemie umso bewundernswerter ist. 















030721

Stipendiaten im Livestream

Zwei Konzertabende der 

Hindemith-Gesellschaft Berlin 

In Corona-Zeiten ist der verdienstvollen Berliner Paul-Hindemith-Gesellschaft ein Instrument der Begabtenförderung für wirtschaftlich schlecht gestellte Musikstudenten aus der Hand genommen, das sie normalerweise zur Generierung von Fördermitteln nutzt: Konzerte von Stipendiaten, deren Publikum am Ausgang des Konzertsaals um Spenden gebeten wird. Ersatzweise halten jetzt kostenlose Livestream- Konzerte diese Erinnerung wach, und Überweisungen auf ein Spendenkonto sind zum Glück weiterhin möglich und erwünscht. 

Jetzt gab es zwei Kammerkonzerte mit jungen UdK-Musikstudent*innen, die auf der Hindemith-Stipendiatenliste stehen. Zunächst am 5. März im Joseph-Joachim-Konzertsaal Viktoria Wong, Violine mit Béla Bartóks Sonate für Violine solo Sz.117.

Ein sehr anspruchsvolles Werk aus dem Jahre 1944, uraufgeführt in New York durch Yehudi Menuhin.  Die Sonate beginnt mit versonnen gesteigerten Tonfolgen, die allmählich bei sehr schwierigen Griffkombinationen zu grösserer Intensität finden. Mit Hingabe und technischer Perfektion exekutiert. 

Die Fuge im 2. Satz resolut intoniert, rhythmisch komplex, mit raffinierten Akzenten und Betonungsvarianten, wechselnd zwischen mit dem Bogen gestrichenen und gezupften Tönen, mündend in eine mitreissende Tanzsequenz. 

Der 3. Satz Melodia Adagio sanft und melancholisch, die Solistin scheint den Tönen und deren Echo nachzulauschen. Wieder schwierigste Griffkombinationen gestrichen, gezupft und nur angetippt. Sogar der Steg der Violine muss unterwegs versetzt werden.

Zum Schluss ein Prestosatz, der an das Gesumm eines Bienenschwarms erinnert, dann eine volksliedhafte Melodie mit komplizierten Sprungfolgen bringt, die in Doppeltönen weitergeführt werden. Ein entschlossener Abstrich beendet das Werk, das den technischen Fähigkeiten der Solistin das denkbar beste Zeugnis ausstellt.

Danach Marcel Mok mit Mozarts Klaviersonate F-Dur KV 332. Ein inzwischen wohlbekannter Solist, der Mozarts anmutige Erzählweise aufs Einprägsamste wiederzugeben versteht, wobei ihm die erforderliche Technik quasi mühelos zu Gebote steht, was er auch gerade im zweiten Adagiosatz eindrucksvoll zu belegen weiss. Das abschliessende Allegro assai besticht durch Tempo, geläufige Leichtigkeit und Prägnanz. Diesem sympathischen Interpreten ist auf seinem weiteren Weg als Konzertpianist viel Erfolg zu wünschen. 

Zum Abschluss Antonin Dvoráks Terzetto C-Dur op. 74 mit Valentina Paetsch  und Haryum Kang an den Violinen sowie Hwayoon Lee, Viola.

Es beginnt mit dem Satz Introduzione, Allegro ma non troppo, leitet dann in ein Larghetto über, dem sich ein Scherzo mit den Vortragsbezeichnungen Vivace und Poco meno mosso anschliesst. Ans Ende hat der Komponist ein Thema mit Variationen gestellt, das zunächst Poco adagio einsetzt und dann das Stück Molto allegro zu Ende führt.  Die drei Solistinnen verstehen es, die intensive Ausdruckspalette voll auszuschöpfen, die Dvorák hier nutzt. Dabei erreichen sie feinste Tongebung und eine wohlabgestimmte Harmonie des Einklangs. Das funktioniert am Frappierendsten im Scherzo und dem hinreissend temperamentvollen Allegro des Finalsatzes.

Das zweite Konzert am nächsten Abend, wiederum  Joseph-Joachim- Konzertsaal der Universität der Künste Berlin. Paul Hindemiths Sonate für Viola solo op.25 Nr.1 spielt Karolina Pawul, Viola. 

Erster Satz: Breit, Viertelnoten. Klanglich intensiv, die Viola als sonores, kraftvoll intonierendes Streichinstrument. Sehr frisch und straff der zweite Satz: virtuoser Bogenstrich. Der dritte Satz „sehr langsam“: nachdenklich mit an- und abschwellender Tongebung, wieder mit überaus charaktervoller Intonation. Dem vierten Satz wird ein entfesseltes „ rasendes Zeitmass“ verordnet, bei dem es keineswegs auf Tonschönheit ankommt. Schliesslich ein beinahe andächtig klingendes Finale. 

Danach die Flötistin Juree Kim mit der Klavierbegleitung der Gastpianistin Imke Lichtwark in einer Fantasie über Themen aus Webers „ Freischütz“ von Claude-Paul Taffanel. Die junge Solistin kann ihr schon sehr ausgereiftes Können wirkungsvoll einsetzen. Das gelingt ihr sowohl bei den lyrischen, sanglichen Passagen wie in virtuosen Läufen und spielerischen Trillerfiguren. Die Pianistin stärkt die akustische Präsenz der zarten Querflöte mit markantem Auftritt. 

Zwei Violoncelli von Sebastian Mirow und Anne-Claire Dani gestalten als nächstes die Sonate für zwei  Celli von Boris Blacher. Das Werk ist dem Cellisten Wolfgang Boettcher gewidmet, mit dem beide Solisten noch kurz vor seinem überraschenden Tod an der Aufführung gearbeitet hatten.  Nun führen beide das Stück zu seinem Andenken auf. Allegro der erste Satz, dann ein Pizzikato-Presto in hervorragender rhythmischer Präzision. Der dritte Satz ist ein Andante  von grosser Ruhe und Klangschönheit, das beide Solisten mit Intensität und Innigkeit interpretieren.

Am Schluss dieses Konzertabends steht Felix Mendelssohn-Bartholdys Klaviertrio c-moll, gespielt von Johanna Müller Violine, Oliwia Meiser Violoncello und Daria Tudor Klavier, die sich kurz vor der Pandemie als Trio zusammengefunden hatten. Ein Allegro energico e con fuoco leitet das Werk ein, strömende Klangfülle, mit hinreissendem Temperament und individueller Virtuosität vorgetragen. Ein Andante espressivo schliesst sich an. Schönste romantische Kammermusik, gefolgt von einem Scherzo, das „molto allegro quasi  presto“ vorzutragen ist und den drei Solistinnen eine glänzende Gelegenheit gibt, ihren wohlabgestimmten  Einklang in virtuoser Technik unter Beweis zu stellen. Am Schluss steht ein Finale Allegro appassionato, dessen leidenschaftlichen Stil die drei Solistinnen mit intensivem Ausdruck gestalten. Perfekter und mit mehr Feinsinn wird man dieses Trio nicht leicht woanders hören können. Drei hinreissend musizierende junge Frauen, denen es weder an Kraft noch an Feingefühl mangelt. Man wünscht ihnen, dass sie ihre ausgefeilte Kunst bald wieder vor Live-Publikum hören lassen können. 

Vorstands-Beirätin Jutta von Haase lässt es sich nicht nehmen, auch in der etwas kühlen Atmosphäre des Livestreams den Mitwirkenden mit  einer langstieligen Rose für ihr Auftreten zu danken.

Zwei sehr erlebnisreiche Konzertabende mit Interpretationen bemerkenswerter Qualität, denen leider nur der rauschende Beifall aus einem gut gefüllten Konzertsaal fehlte.




022221

Eine Frau wie eine Naturgewalt

Livestream-Premiere "Carmen" 

in der Staatsoper Wien

George Bizets erfolgreichste Oper, 1875 in der Pariser Opéra Comique uraufgeführt, war bei der Premiere eher ein Flop. Wenig später wurde daraus ein grandioser Erfolg, den der Komponist allerdings nicht mehr erlebte. Heute gehört das Werk zu den meistgespielten Stücken dieses Genres überall in der Welt. 

Regisseur der Wiener Neuinszenierung ist Calixto Bieito. Andrés Orozco-Estrada steht am Pult des Wiener Staatsopernorchesters, das praktisch mit den Wiener Philharmonikern identisch ist. 

Müssiggang im Militärposten nahe Sevilla. Die Soldaten, die sich mit Exerzieren oder Joggen fit halten, warten auf die Mittagspause der Mädchen aus der nahen Zigarettenfabrik. Micaëla (Vera-Lotte Boecker, vielleicht die schönste Stimme dieses Abends) fragt nach Don José (Piotr Beczala), der aber erst mit der Wachablösung kommen wird. 

Dann ist Carmencita (Anita Rachvelishvili) da und singt ihre "Habanera". Eine schwere, gewichtige Mezzostimme, in der Höhe mit deutlichem Vibrato, aber mit kraftvoller Tiefe. Sie beherrscht die Szene. Die Männer in Uniform sind hingerissen. Micaëla gibt Don José (schöner Tenor, bisweilen etwas angestrengt) einen Brief und einen Kuss von der Mutter. Noch findet José nichts an Carmen. 

Dann ein Streit unter den Zigarettenmädchen, Carmen soll angefangen haben. Sie muss nun ins Gefängnis, bekennt aber auf Befragen, sie liebe "keinen Offizier, nur einen Brigadier". José und Carmen verfallen einander.

Im zweiten Akt fährt ein dicker Mercedes vor, permanent hupend. Ein Weihnachtsbaum wird errichtet, eine Campingparty mit animierten Handgreiflichkeiten nimmt ihren Lauf. Der allseits bekannte Torero Escamillo (Erwin Schrott) wird umjubelt. 

Die Schmuggler planen die nächste Gaunerei, aber Carmen will nicht mitkommen: Diesmal geht die Liebe vor. Don José kommt, und Carmen singt die "Seguidilla". Dann hört man den Zapfenstreich von der Kaserne, José will dorthin pünktlich zurück, und Carmen reagiert verächtlich. José unterstreicht seine Liebe mit der "Blumenarie", aber Carmen verlangt von ihm, daß er ihr in die Berge folgt. 

Eifersuchtsstreit zwischen Zuniga (Peter Kellner)  und José, der nun gezwungen ist, der Gaunerbande in die Berge zu folgen. "Am Berauschendsten ist dort die Freiheit". 

Dritter Akt: ein Tänzer entkleidet sich im Halbdunkel und ergeht sich dann in pantomimischen Posen. Der Mercedes fährt wieder herein, andere Autos folgen. Die Schmuggler träumen von Reichtum. Kartenbefragung auf der Motorhaube: Carmen mit Frasquita (Slávka Zámečníková)

und Mercédès (Szilvia Vörös). Die beiden Mädchen träumen von jungen Liebhabern, Carmen sieht immer nur den Tod voraus. Micaëla schleicht herein und versteckt sich. Duett Don José und Escamillo: Letzterer liebt Carmen, wie sich herausstellt. Sie rettet Escamillo vor Don Josés eifersuchtsgesteuerter Messerklinge. Escamillo lädt alle zum Stierkampf nach Sevilla ein. 

Im 4. Akt wird eingangs eine Tribüne errichtet. Eine quirlige Volksmenge (Chor und Kinderchor) inszeniert einen gut gemachten Massenjubel, rhythmisch exakt. Carmen und Don José treffen ein letztes Mal auf einander, aber all sein Flehen kann sie nicht umstimmen. Sie wirft ihm den Ring vor die Füße, den  er ihr einst geschenkt hat.  Darauf zieht er ein Messer und tötet sie. 

Insgesamt eine etwas gestraffte und weitgehend entzauberte Handlung. Das Vordergründige dominiert, das Hintergründige spielt kaum eine Rolle. Zwischentöne gibt es nicht. Carmens wetterwendisches Liebesverhalten ist Dokument eines eher oberflächlichen Empfindens, wobei die persönliche Freiheit allemal höher steht als irgendeine längerfristige Beziehung. Carmens einziger tiefergehender Gedanke ist der an den Tod.

Das Wiener Staatsopernorchester unter Andrés Orozco- Estrada illustriert diese erfolgreiche Tragödie kraftvoll und farbenreich mit prägnanter Präzision. In Ermangelung des Publikums spendet am Ende das Orchester den Solisten, dem Chor und dem Regieteam den verdienten Applaus. 




021921

 Ägyptisches aus Paris 

„Aida“ - Neuinszenierung an der Opéra National 

mit der Musik von Giuseppe Verdi in der Regie von Lotte de Beer

Corona-Modus ohne Publikum: Die Digitaluhr zählt die Minuten bis zum Auftakt. Der Begrüssungsbeifall des Publikums entfällt, dafür erhebt sich das Orchester. Dann hebt Michele Mariotti (mit schwarzer Atemschutzmaske) den Taktstock für die Ouvertüre: Das Orchester der Opéra national de Paris setzt ein. 

Szenen während der Ouvertüre: von drei Spielern bewegt, fesselt eine mannshohe Marionette den Blick, eine distanzierende Symbolfigur für die liebende Sklavin Aida. 

Auftrittsarie des Radames, der heute Jonas Kaufmann heisst. „Celeste Aida“: Die Stimme hat Kraft und Glanz, aber er versteht auch, sie zurückzunehmen und wechselt klug zwischen beiden Modi. Dann tritt Ksenia Dudnikova als Amneris auf, festliches Gewand zum Zeichen ihres Ranges als Königstochter.  Aida , die Marionette mit der Stimme von Sondra Radvanovsky,  tritt hinzu, Terzett. Szene mit Chor, alle mit Maske bis auf die Solisten. 

Der König (Soloman Howard) ruft zum Kampf gegen die fremden äthiopischen Eindringlinge auf, Radames wird an die Spitze des Heeres gestellt. „Als Sieger kehre heim“ von Amneris,  Aida antwortet mit einer längeren Replik, eine sehr schöne, in der Höhe kraftvoll aufblühende Sopranstimme, die selbst zurückgenommen grosse Eindruckskraft entfaltet. „Numi pietà“ ist bewegend. 

Chorszene mit Anrufung des Gottes Phta. Masken in Glasvitrinen, Amneris und Radames in der Menge, der goldene Streitwagen wird enthüllt, es wird Sekt gereicht. Duett Radames mit Ramfis (Dmitry Belosselskiy).

Intrige der Amneris, um der Sklavin Aida ihr Liebesgeheimnis zu entlocken. Chor der Dienerinnen, viele lockende Seidenkostüme. Anmutige, kokette Bewegungen zur Ballettmusik. Aida kommt. Amneris teilt ihr höhnend mit, dass die Armee ihres Vaters Amonasro geschlagen wurde. Radames sei tot. Nein, er lebt ! Aida verrät sich mit einem befreiten Aufschrei.  Amneris will Aida vernichten. Der Triumphmarsch tönt herein. Nochmals grossartig Aidas “Numi pietà“.

Triumphmarsch. Keine spektakulären Aida-Trompeten. Dafür in der Mitte der Bühne  eine Prozession, Genrebilder mit rasch wechselnder Dekoration. Darunter auf einmal auch ein triumphierender Napoleon zu Pferde. Amerikanische Soldaten mit aufgepflanzter Siegesfahne. Temporeicher Orchestervortrag. Dann stürzt unvermittelt der Livestream ab. Kein Bild mehr, stattdessen minutenlang ein rein akustischer Genuss. 

Später zurück auf der Szene. Bewegendes Plädoyer des unterlegenen Amonasro ( Ludovic Tézier). Widerstreit von  Hass und Mitgefühl zwischen Amneris, Aida und Radames. Der bittet um Freiheit für die Unterlegenen. Radames soll die Hand von Amneris zum Dank für seinen Sieg erhalten. Sie hat darob jetzt Engelsflügel und einen goldenen Lorbeerkranz für Radames. 

Das Orchester spendet etwas schütteren, aber höchst verdienten Applaus. Eine halbstündige Pause lässt die hochgepeitschten Gefühle etwas abklingen.

Mariotti wieder am Pult. Auftakt mit  grosser klanglicher Finesse: Das  Nilbild. Chöre  von ferne. Amneris und Ramfis. Aida solo in Erwartung von Radames. “Oh Vaterland, nie werde ich dich wiedersehen”. Diese Stimme von Sondra Radvanovsky kann wirklich Gefühle glaubwürdig spiegeln. Eine schwebende Höhe  von bewunderungswürdigem Reiz. Amonasro tritt hinzu, klagt seine Tochter an. 

Radames kommt. Er spricht vom Gegenschlag der Äthiopier. Sie will mit ihm fliehen. Ein betörender Dialog. Auch er denkt an Flucht. Er verrät den Fluchtweg, und Amonasro hat alles  mitgehört. Radames wird als  Verräter festgenommen und angeklagt.

Das Kampfduett zwischen Amneris und Radames: Zuerst lässt Amneris Radames kommen, sie will eine Begnadigung für ihn erwirken, wenn er Aida abschwört. Aber Radames verachtet ihre Intrigen. Sie ihrerseits verflucht ihre Eifersucht.

Radames wird wegen Hochverrats zum Tode verurteilt. 

Radames im versiegelten Grabgewölbe. Er glaubt sich allein. Da tritt Aida herzu und teilt sein Los. Das Schlussduett beider gehört zum Bewegendsten der Opernliteratur.

So endet eine bemerkenswert hervorragende Aufführung, die ebenso durch die exzellenten Stimmen der Solisten wie durch eine kraftvolle, mit zügigen Tempi gestaltete Orchesterleistung überzeugte. Die Aufzeichnung ist noch bis zum 20. Februar auf  operadeparis.fr  zu sehen, 



021421

Charakterstudien zweier Frauen

Premiere "Jenůfa" an der Deutschen Staatsoper Berlin

Leoš Janáčeks Oper von 1904, in Berlin inszeniert von Damiano Michieletto. Am Pult der Staatskapelle Berlin Sir Simon Rattle. 

Noch immer prägen Corona-Maßnahmen unsere Theaterlandschaft. Eine Premiere gibt es deshalb nur als Livestream vor leerem Zuschauerraum zu sehen. Diesmal wird das Ereignis schwerpunktmäßig über 3Sat verbreitet.

Jenůfa (Camilla Nylund, Rollendebut)  liebt Števa (Ladislav Elgr), von dem sie ein Kind erwartet. Nur die Heirat könnte sie aber vor der uferlosen Schande einer unehelichen Geburt bewahren. Die Küsterin (Evelyn Herlitzius), moralische Autorität in der Dorfgesellschaft, verbietet diese Heirat, weil Števa ein gewalttätiger Trunkenbold sei. Jenůfa bringt ihr Kind heimlich zur Welt, und die Küsterin versteckt es im Haus. Števa will Jenůfa nun nicht mehr heiraten, weil sie ihm fremd geworden ist. Števas Stiefbruder Laca (Stuart Skelton) liebt aber Jenůfa und will sie ehelichen. Die Küsterin möchte Jenůfas Zukunft retten und wird das Kind ertränken, wobei sie dann behaupten wird, der Knabe  sei gestorben. 

Am Hochzeitstag von Laca und Jenůfa wird ein toter Knabe im Eis des Flusses gefunden. Die Küsterin bekennt sich schuldig. Jenůfa vergibt ihr, weil sie die fehlgeleitete gute Absicht hinter der Mordtat erkennt.  Am Ende schreitet sie ins Licht der Ehe mit Laca.

Regisseur Damiano Michieletto unterstreicht mit einem asketischen Bühnenbild (Paolo Fantin), das durch Lichtakzente (Alessandro Carletti) seine suggestive Wirkung erreicht, das szenische Konzept der Konzentration auf die Psychologie  der handelnden Personen. Wir bewegen uns in der engmaschigen Sittenstrenge einer zutiefst konservativen Dorfgemeinschaft, in der jeder Bewohner gefangen bleibt. 

Was an dieser Inszenierung wirklich fasziniert, sind die eindrucksvollen Charakterstudien zweier Frauen aus dem engen Dorfmilieu. Die Handlung wird zum bewegenden Abbild widerstreitender Gefühle in den beiden Frauen. 

Camilla Nylund realisiert ihr Rollendebut mit Hingabe und differenziertem Ausdruck. Sowohl die enttäuschte Liebe zu Števa wie die spätere Neigung zu Laca gelingen ihr überzeugend. Die stimmlichen Qualitäten sind gänzlich präsent und erlauben ihr sowohl anteilnehmende Wärme wie den expressiven Angstschrei. Besonders eindringlich gestaltet sie das Mariengebet vor dem Hausaltar. 

Wenn es allerdings noch eine Steigerung dieser Leistung gibt, dann gelingt sie Evelyn Herlitzius in der Rolle der Küsterin Buryjovka. Bei makellosem stimmlichen Ausdruck entwickelt sie in Gestik und szenischer Aktion ein Charakterbild, das die scheinbar widersprüchlichen Züge dieser Frau plausibel werden läßt und ein Mitgefühl generiert. Wie sie nach dem Kindsmord die Szene wieder betritt und mit aufgelöstem Haar verkündet, der Junge sei gestorben, ist höchst einprägsam. Am Ende das Schuldbekenntnis und der Satz zu Jenůfa "Jetzt sehe ich, dass ich mich mehr liebte als Dich" - die überzeugende Darstellung einer bemühten, aber irrenden Person.

Hanna Schwarz zeichnet bei bester stimmlicher Präsenz die Rolle der Großmutter, der alten Buryjovka, die immer bemüht ist, begütigend in die Auseinandersetzungen einzugreifen. 

Die beiden Tenöre gestalten überzeugend die Antipoden in der Heiratskonkurrenz. Ladislav Elgr ist Števa, der die rettende Verbindung mit Jenůfa ausschlägt. Den Gegenpol Lara verkörpert Stuart Skelton mit wuchtiger Gestalt und strahlender Stimmgewalt. 

Am Pult der perfekt intonierenden Staatskapelle Berlin beweist Simon Rattle seine intime Vertrautheit mit Janáčeks farbkräftiger Musik, die von einschmeichelnder Harmonik bis zu schrill expressivem Ausdruck reicht. Ein hübscher Einfall, den kommentierenden Chor im ersten Akt in den ansonsten leeren Zuschauerraum zu platzieren. Von hier kommt dann am Schluß auch der Sound des applaudierenden Chores. Insgesamt eine sehr überzeugende Aufführung, die noch eine Weile in der Mediathek und im weiteren Jahresverlauf auch live auf der Bühne der Staatsoper zu sehen ist. 








010221

Corona macht's möglich:

Neujahrskonzert vor leeren Stuhlreihen

Dies war ohne jeden Zweifel ein historisches Ereignis: Das weltberühmte, stets ausverkaufte Neujahrskonzert der Wiener Philharmoniker, eine Auszeichnung für die wechselnden Gastdirigenten, fand an diesem Neujahrstag vor leerem Saal statt. Im Zeichen der Pandemie hatte man sich an Maßnahmen des Verzichts gewöhnt, aber diesmal war man einfach froh, dass die liebgewordene Jahreseröffnung überhaupt stattfand. Und dass man sie wenigstens über die Funkmedien verfolgen konnte. 

Die Tradition der Neujahrskonzerte mit den Wiener Philharmonikern geht auf das Jahr 1939 zurück, was diesem Datum heute eine etwas ambivalente Färbung gibt. Clemens Krauss dirigierte damals ein Konzertprogramm, das zugunsten des Winterhilfswerks veranstaltet wurde. 

Das jüngste Neujahrskonzert 2021 dirigierte einmal mehr der international renommierte Maestro Riccardo Muti. Auf dem Programm, wie üblich, ein Querschnitt durch die Kompositionen der Strauß-Dynastie und verwandte Melodien. Den Auftakt bildete der "Fatinitza-Marsch" von Franz von Suppé, von dem später auch noch die "Dichter und Bauer"-Ouvertüre zu hören war. Der Löwenanteil der Kompositionen stammte aber aus der Feder von Johann Strauß (Sohn), wozu neben anderen Titeln der "Frühlingsstimmen-Walzer" und der "Kaiserwalzer" gehörten.

Mit der ausdrucksstarken Gestik von  Riccardo Muti am Pult (übrigens bereits zum sechsten Mal) war das Konzert eine sichere Sache und ein schwungvoller  Auftakt für das neue Jahr. Auch die tourismuswerbenden Einschaltungen aus dem Burgenland  und von Spielszenen mit einzelnen Instrumentengruppen sowie die eleganten Ballett-Einlagen waren gut platziert.  Die Einblendung von hunderten von Handy-Selfies, die sich als Ersatz für das fehlende Publikum von überall her zur Unterstützung für das Traditionskonzert gemeldet hatten, zeigte die Verbundenheit mit dem Orchester und seinem alljährlichen Auftreten zum Jahresbeginn. Vorstand Daniel Froschauer sprach diesmal die Grußworte im Namen der Wiener Philharmoniker, deren  kultiviertes  Klangbild einmal mehr begeisterte und faszinierte, wenn auch die gewohnten Interaktionen mit dem geneigten Publikum diesmal entfallen mussten. Riccardo Muti selbst griff zum Schluß noch zum Mikrofon und formulierte seine Botschaft an die Politiker in aller Welt: "Musik ist nicht einfach nur Unterhaltung, sondern ein entscheidender Beitrag zu einer besseren Gesellschaft". 


121220


Professoren musizieren für Stipendien

Livestream-Konzert der Berliner Paul-Hindemith-Gesellschaft

Sie ist überaus verdienstvoll als Stipendien-Generatorin für hochbegabte, aber wirtschaftlich knapp ausgestattete Musik- und Schauspielstudenten: die Berliner Paul-Hindemith-Gesellschaft. In Corona-Zeiten ist ihr ein Hauptkanal der Mittelbeschaffung versperrt: die Veranstaltung von Kammerkonzerten mit Stipendiaten vor Publikum, das anschließend um Spenden gebeten wird. Diese Spendenbitte läßt sich allerdings auch dann aussprechen, wenn solche Konzerte als Livestream ausgestrahlt werden. Ein derartiges Kammerkonzert, diesmal von Musikprofessoren bestritten, war jetzt als Video-Übertragung aus dem  Joseph-Joachim-Konzertsaal an der Berliner Bundesallee zu verfolgen. 

Nach einem Grußwort von Hindemith-Vorstandsbeirätin Jutta von Haase und einer Bemerkung des Cellisten Wolfgang Boettcher zu Beethovens offenbar etwas rigoroser Diktion gegenüber einem Vertreter dieser Instrumentengruppe startet das Konzert mit den "Sieben Variationen über 'Bei Männern, welche Liebe fühlen' aus Mozarts 'Zauberflöte' für Klavier und Violoncello Es-Dur". Am Flügel Björn Lehmann. Das Thema erklingt Andante, man vernimmt die zwei Solisten in überaus  lebhaftem, farbig virtuosem Einklang. Variation III mit schöner, sonorer Cello-Artikulation. Variation IV: Pianoeinleitung spielerisch, sangliche Cello-Einfügung . Variation V ist ein flotter Dialog von Klavier und Cello. Die Nummer VI hingegen ein eher gedanklich ausgreifender Klavierpart, dem sich das Cello modulierend anschliesst. Schliesslich Nummer VII, springlebendig vom Piano vorformuliert, das Cello ergänzt in freier Sprache, dann leuchtet das Thema wieder auf, akzentuierter Ausklang. Anerkennender Applaus aus dem eher spärlich mit ein paar Zugangsberechtigten besetzten Saal.

Zum anschliessenden Duo für Violine und Viola KV 423 von Mozart erläutert zunächst die Geigerin Nora Chastain kurz die Vorgeschichte dieser Komposition. Der Klang von Violine und Viola ergänzt sich wunderbar zwanglos, ein farbenreicher Dialog, sehr gute gegenseitige Abstimmung. Gelöste Virtuosität, heitere Sequenzen. Das folgende Adagio bringt klangliche Intensität, die sofort ihre Flügel ausbreitet. Die Violine agiert ein wenig als Wortführerin, die Viola liefert beiläufig ergänzende Formulierungen. Im anschliessenden Rondeau  allegro stellt die Violine Thesen auf, die von der Viola in präzisen Antworten kommentiert werden.  Reizvoll umrankte Verschränkungen. Unisono- Passagen mit vorwärtsdrängender Artikulation.

Zum Schluss Robert Schumanns Klavierquartett op.47 mit Nora Chastain (Violine), Hartmut Rohde (Viola), Wolfgang Boettcher (Violoncello) und Björn Lehmann (Klavier). Zwei Bachchoräle sind in die hier verwendeten Themen hineinverwoben. 

Das Opus beginnt Sostenuto Assai- Allegro ma non troppo. Markante Schrittgeschwindigkeit. Der Klangcharakter der drei Streichinstrumente ergänzt sich wunderbar mit den verzierenden Repliken des Flügels. Hinreissend vital.

Ein zügiger zweiter Satz Scherzo-Molto vivace folgt mit dem Flügel als melodischem Wortführer; die drei Streicher trippeln wie Verschwörer hinterher. Eine herrlich unheimliche Stimmung. Dann der dritte Satz Andante cantabile: Das Cello intoniert das Thema, die Violine folgt , von der Viola accompagniert, im Hintergrund kommentiert der Flügel. Ein Seitenthema der drei Streicher führt die Gedanken fort. Nun ergreift die Bratsche das Wort. Die übrigen Solisten stimmen ihr bei. Das Cello bejaht das Gesagte. 

Finale. Vivace: temporeich und raffiniert verzahnt, mit Leidenschaft und lebhafter Kolorierung. Trickreich und rhythmisch durchaus vertrackt. Die Vier sind in einem verschworenen Einklang, als würden sie  nie etwas anderes tun als Klavierquartett spielen. Eine letzte, fugierte Steigerung mit brillanten Injektionen der Streicher, dann die Schlussformulierung. 

Die langstieligen Dankesrosen von Jutta von Haase und eine Erneuerung der Spendenbitte runden das Programm ab.  Die fehlerfreie Bild- und Tonregie lag in den Händen von  Laura Picerno. 



120320

Ein schon etwas  älterer Herr macht sich zum Gespött

Neuinszenierung in München: Verdis "Falstaff" 

als Livestream aus der Bayerischen Staatsoper

Es wurde das letzte Werk eines nahezu 80jährigen Komponisten, und es öffnete die Tür zu einer Renaissance der komischen Oper. Giuseppe Verdis "Falstaff" mit dem Libretto von Arrigo Boito (dem Komponisten der Oper "Mefistofele" und Librettisten von Verdis "Otello") lehnt sich an Shakespeares "Die lustigen Weiber von Windsor" an und wurde 1893 in der Mailänder Scala uraufgeführt. Die Komödie gab die Initialzündung für den Stil der leichten, der Komischen Oper, die Komödiantisches mit Philosophischem und mit karikierenden Elementen  verbindet.

Die Münchener Neuinszenierung von Regisseurin Mateja Koleznik spielt in einem Casino. Eigentlich ist das aber nur eine Sammlung universell nutzbarer Rahmen und Türen, hochaufragend, die sich ideal für wechselvolle Durchblicke eignen.  Es gelingt ihr, die im Laufe der Jahrzehnte etwas angestaubte Vorlage mit der Vitalität und dem Tempo unserer Tage auf die Bühne zu bringen.  Dieser Sir John Falstaff (Wolfgang Koch im Rollendebut) ist eben nicht einfach nur ein älterer Herr, sondern ein solcher in herausgehobener gesellschaftlicher Stellung, was wiederum  mißliche Rückwirkungen auf dessen eigene realistische Selbsteinschätzung hat. So hält er die Wirkung seiner Persönlichkeit für unwiderstehlich, insbesondere auf die von ihm umworbenen Damen aus der Society von Windsor.

Zwei Damen der besseren Gesellschaft bekommen gleichlautende Liebesbriefe von Falstaff und entdecken empört, dass sie nur als Vehikel in einer Geldbeschaffungsaktion Falstaffs benutzt werden sollen. Sie schwören, sich zu rächen. Es handelt sich um Mrs. Alice Ford ( Ailyn Pérez), Mrs. Meg Page (Daria Proszek) ,und sie bedienen sich zur Vorbereitung ihres zweimaligen Racheaktes der Freundin Mrs. Quickly (Judit Kutasi). Den stets eifersüchtigen Ehemann Ford singt Boris Pinkhasovich. Der Arzt Dr. Cajus ist Kevin Conners. Alices Tochter Nannetta (Elena Tsallagova)  fesselt mit betont schönem Sopran, und ihr Geliebter Fenton (Galeano Salas) kann seinen Tenor insbesondere in der Arie zu Beginn des Gartenteils erstrahlen lassen.

Vor den geöffneten Casinotüren ergeben sich hinreissende Ensembles in knallbunten Kostümen. Verdis temporeich vorgetragene Musik:  vom Bayerischen Staatsorchester unter Leitung von Michele Mariotti  mit grosser Lebendigkeit und nahezu kabarettistischer Pointierung exekutiert. 

Beide Damen signalisieren nun Falstaff, dass sie ihn mit Ungeduld erwarten.

Ford als Herr Fontana ermuntert Falstaff, um Alice zu werben, um ihre Treue auf die Probe zu stellen. Die  Damen tauschen sich aus und ergeben sich der Vorfreude auf ihre Rache.

Falstaff umgarnt Alice. Liebt er etwa auch Meg ? "Alice, Du musst fliehen, Dein Mann kommt". Fenton und Nanetta bekennen einander ihre Liebe, und der Behälter mit der Schmutzwäsche wird samt dem darin versteckten Falstaff in die Themse gekippt. Großes Tempo, präzises Ineinandergreifen der Elemente, Pluspunkte der Regie. Eine wundervoll lebenskräftige Aufführung. Ein multifunktionales Bühnenbild, das sich wie selbstverständlich der Handlung zur Verfügung stellt (Raimund Orfeo Vogt). Fantasievolle Kostüme (Ana Savić-Gecan), die dem Profil der Figuren in Verbindung mit klar konturierender Lichtregie (Tamás Bányai) einen zusätzlichen Drive geben.

Zweiter Teil: Der mit Themsewasser gefüllte Falstaff beklagt die Schlechtigkeit der Welt. "Es gibt keine Tugend mehr. " Tief zerknirscht ist der gedemütigte Edelmann, 

dem die Grandezza der vermeintlichen Überlegenheit ebenso zu Gebote steht wie die abgrundtiefe Depression des Geprellten. Mrs. Quickly entfacht die alten Flammen wieder in ihm und stürzt ihn in ein zweites Abenteuer mit Alice.

Ein Verwirr-und Versteckspiel  im Garten schließt sich an. Fentons Arie zeigt die ganze Schönheit dieser Stimme. Falstaff mit Hirschgeweih zählt Glockenschläge: Mitternacht!

Verdis unglaublich präsente, vor Vitalität geradezu berstende, in tausend Facetten aufleuchtende Musik triumphiert. Zauberhafter Auftritt der von Pfauenfeder-Fächern  umkränzten Sylphen, von Nanette dirigiert. Dann fällt die ganze Gartenszenerie über Falstaff her. Drei lustige Weiber machen ihm klar, dass er ein Esel war.

Zum Schluss ein besonderer optischer Gag: die handelnden Personen gegen Ende der Gartenszene singen quasi in realistischer Photo-Optik die berühmte Schlussfuge, die dazu auffordert, alles nicht so schwer zu nehmen. Die Mitwirkenden füllen ein letztes Mal die Rahmen-Elemente des Bühnenbildes und vereinen sich zum alles versöhnenden Finale. 

Abschliessend sei nicht verschwiegen, dass die technische Perfektion des Livestreams noch verbesserungswürdig ist. Es gab Unterbrechungen, erzwungene Neustarts und Passagen, die automatisch wiederholt wurden. Was nichts daran ändert, dass diese Darbietungsform ohne Zweifel Zukunft hat.



111820

„Digitales Theaterexperiment“

Zeit-Zeichen: Ein Akt der Verzweiflung

im Berliner Renaissance-Theater


Man starrt auf eine leere Bühne,  auf der nichts geschieht.  

Ein wenig Arbeitslicht von oben, hinten drei mit anthrazitfarbenen Vorhängen verschlossene Auftrittsöffnungen. Totenstille, kein Sound und erst recht kein Akteur. Das geht jetzt fünfundzwanzig Minuten so. Ist das etwa schon die lehrreiche Pointe ? Dem Publikum mal zu zeigen, wie Theater ohne Theater ist? Wie bei des Kaisers neuen Kleidern, aber da war der Kaiser wenigstens zu sehen, wenn auch nackt...

Je länger das dauert, desto rätselhafter wird es. Ist dies eine Eulenspiegelei, eine hochintellektuelle Veralberung des Publikums oder ein Akt gesteigerter Ratlosigkeit, ein bitteres Gemisch aus Zorn und Verzweiflung ? Intendant Guntbert Warns bekam auf Anfrage die Auskunft, dass die Vorstellung etwa eine Stunde dauern werde, ehe er im Parkett Platz nahm und den diesmal offenbar geprellten Zuschauern „viel Vergnügen“ wünschte. 

Mehr als eine halbe Stunde ist vergangen. Wenn man jetzt den Cursor dem Fortschrittsbalken am unteren Bildrand folgen lässt, kann man den Endpunkt der "Vorstellung" bei einer Stunde und zwei Minuten erreichen. Dann fällt der rote Vorhang, und es folgen Videos von früheren Aufführungen. 

Zur Pointe gehört wohl, dass nicht nur das Publikum in der gegenwärtigen Situation nichts zu sehen bekommt, sondern auch der kritische Beobachter nichts zu schreiben hat. 










111120

Livestream mit Stipendiaten

Spendensammeln in Corona-Zeiten:

Konzert der Hindemith-Gesellschaft

Der Teufelskreis der Corona-Restriktionen stranguliert nicht nur die einzelnen Zweige des Kulturbetriebs. Nahezu zur Untätigkeit verdammt sind auch ansonsten so segensreiche Spendensammler, die Stipendien für hochbegabte Musikstudenten vergeben, wie die Berliner Paul-Hindemith-Gesellschaft. Sie veranstaltet normalerweise kostenlose Konzerte mit Stipendiaten und Kammermusikpartnern, bei denen das Publikum am Ende um Spenden gebeten wird, die dann wiederum zur Alimentierung des Stipendienfonds dienen. In Corona-Zeiten fand monatelang keines  dieser Konzerte statt.

Nun hat sich die Hindemith-Gesellschaft vorsichtig aus der Umklammerung gelöst und ein Stipendiatenkonzert mit reduziertem Programm wenigstens über Livestream und mit einer als Fußnote übermittelten Spendenbitte  offeriert. 

Die Präsentation per Livestream bringt eher Studioatmosphäre als das Ambiente eines großen Saals, prall gefüllt  mit erwartungsvollem und beifallsbereitem Publikum. Gleichwohl müssen Konzentration und künstlerische Inspiration ebenso auf der Höhe sein, als gälte es eine CD zu produzieren: das Beste geben, dessen man fähig ist. 

Nebenbei sei auch nicht verschwiegen, dass die Livestream-Übertragung für die etwas Bequemeren unter den Musikliebhabern durchaus auch eine angenehme Seite hat. Zu Hause zu sitzen, ohne sich auf den Weg in den entfernteren Konzertsaal begeben zu müssen und trotzdem die Darbietung in erlesener Hörqualität geniessen zu können, stellt schon eine bedeutende Steigerung der Lebensqualität dar. Es mag eine bescheidene Stufe sein, aber man ist wenigstens nicht mehr von kulturellen Ereignissen gänzlich ausgeschlossen.

Austragungsort ist wieder der Joseph-Joachim-Konzertsaal der UdK Berlin, bekannt aus den Zeiten unbeschränkt öffentlicher Hindemith-Konzerte. Hindemith-Vorstandsbeirätin Jutta von Haase übernimmt die Begrüßung und ruft das Besondere der Situation ins Bewußtsein. Damit alle geeigneten Stipendiaten zu Gehör kommen können, werden statt kompletter Kompositionen nur einzelne Sätze vorgetragen. 

Zum Auftakt das Trio Benjamin mit Johannes Rosenberg/Violine, Karolina Pawul/Viola und Sebastian Mirow/Violoncello, der auch  das Trio kurz vorstellt. Gespielt werden drei Sätze aus Ludwig van Beethovens Serenade D-Dur op.8. Zuerst ein Marschthema, dann ein Adagio: Rosenbergs Violine mit feiner, ausgeglichener Melodieführung, Viola und Cello als behutsam und feinfühlig ergänzende Begleiter, Violine und Viola ihrerseits in sensibel  abgestimmtem Zwiegesang. Klanglich bestens ausgewogen. Zum Satzende ist auch vom Cello etwas mehr zu hören. Dann das lebendig hereintanzende „alla polacca“. Der musikalische Duktus liegt allen Dreien wie eine natürliche Gabe im Blut und im Spiel. Raffiniertes Ritardando mit Blickkontakt zur Violine. 

Es folgt das Allegro aus Beethovens  Duo Es-Dur für Viola (Hwayoon Lee) und Violoncello (Anne-Claire Dani) WoO 32 mit dem originellen Untertitel "Duett mit zwei obligaten Augengläsern". Zuerst ein wenig Stühlerücken , dann Auftritt von Bratsche und Cello. Sie freuen sich, das spielen zu dürfen, ist den einleitenden Worten zu entnehmen. Sehr akkurat und präzise, der Beethoven-Klang wird überzeugend realisiert. Zwei sehr sanglich operierende, gut aufeinander abgestimmte Solistinnen. Hier zeigt sich auch das Cello mal als Melodieführer, die Bratsche mit ergänzenden Ornamenten. Es gibt mehrere Stop-Start- Stellen, die in gutem rhythmischen Einklang dargeboten werden.

Als nächstes zwei Sätze aus der Sonate für Violine und Klavier Nr.2 in D-Dur von Sergej Prokofiew. Die Violine spielt May Pitchayapa Lueangtawikit, den Klavierpart übernimmt Yuko Tomeda. Jetzt kommt also  der Flügel ins Spiel, der Schalldeckel wird aufgeklappt. Zwei Solistinnen. Erster und zweiter Satz, Ansage auf deutsch. Ein junger Mann mit Maske assistiert den beiden Damen beim Umblättern. Noch mal die Instrumente stimmen, dann fliegt der helle Ton der Violine leichthin über die Klavier- Grundierung. Zwei Kameras im Wechsel von links und rechts übermitteln das Videobild. Präzise und wohl geformt der Violinklang, klar artikuliert und verwoben mit den Klavierfiguren. Erst Moderato , dann Scherzo presto. Noble Akkuratesse, von beiden  in vorbildlicher Arbeitsteilung vorgetragen. Violine mit entschiedenem Stilempfinden, das Klavier liefert die akzentuierende Grundstimme. 

Das Allegro con brio aus Beethovens "Waldsteinsonate" Nr. 21 C-Dur spielt anschließend Marcel Mok, den Zuhörern schon aus vielen vorangegangenen Stipendiatenkonzerten vertraut. Federnd und mit feinem Empfinden für die musikalische Linie und die thematische Entwicklung trägt der Pianist vor, Läufe in der rechten und rhythmische Pointierung  in der linken souverän exekutiert. Der Klang wird zurückgenommen und dann erneut gesteigert. Schritt für Schritt, darauf  harmonische Akkorde, ein wohldisponierter Ausklang zum Satzende. Hier agiert schon ein versierter Konzertpianist. 

Schliesslich das Allegro con brio aus Beethovens Sonate Nr. 7 c-moll, dargeboten von  Valentina Paetsch/Violine und Yukako Morikawa/Klavier. 

Das Klavier setzt ein und gibt die Richtung in grossen Schritten vor. Ein  reizvoll formulierter Satz, den die Violine unbeeindruckt vom dominanten Auftritt des Klaviers individuell  umformuliert. Der in Sprüngen vorgegebene Rhythmus wird der Violine zum willkommenen Materialfundus. Behutsam und fein tänzelnd wird die Melodie weitergeführt, die Violine als flatternder Vogel über dem thematischen Geschehen, präzise kleine Sprünge. Feste Akkorde zum Satzfinale. 

Viel Beifall von den wenigen, die sich doch im Saal eingefunden haben. Zum Schluss kommen alle noch einmal auf die Bühne, und eins ist nun doch wie früher: jeder und jede der Ausführenden bekommt eine Dankeschön-Rose aus der Hand von Frau von Haase. Alle sind sichtlich glücklich, dass ihnen dieser Auftritt ermöglicht wurde.



110920

Ein fast vergessenes Traumspiel

Neustart in München: "Die Vögel" von Walter Braunfels

als Livestream aus der Bayerischen Staatsoper

Ein Werk mit singulärem Schicksal: "Die Vögel" nach Aristophanes von Walter Braunfels erlebte die umjubelte Uraufführung unter Bruno Walter am 30. November 1920 im Münchener Nationaltheater. Fünfzig Vorstellungen folgten, Braunfels war einer der angesehensten Komponisten seiner Zeit, wurde verglichen mit Richard Strauss, Franz Schreker und Hans Pfitzner. Von Braunfels, dem "Halbjuden", der als Protestant zum Katholizismus konvertierte, stammt ein beeindruckendes "Tedeum" und eine von Jörg-Peter Weigle 2013 eingespielte "Grosse Messe", farbenreich facettiert.  Was Braunfels' Kompositionen trotz anfänglicher Erfolge in den Hintergrund treten liess, waren Zeitströmungen: der nationalsozialistische Antisemitismus drängte ihn aus dem Beruf, und der musikalische Zeitgeschmack nach dem Zweiten Weltkrieg ließ seine Kompositionen als "unpassend" erscheinen. 

Hundert Jahre nach der Uraufführung und genau einen Tag vor der nächsten Corona-Theaterschliessung hat die Neuinszenierung von Frank Castorf unter der musikalischen Leitung von Ingo Metzmacher nun ihre Premiere im Münchener Nationaltheater. Die Sendung des Livestreams von der Aufführung wurde eigens auf den Premierentag vorgezogen, um den Schließungsvorgaben zu entgehen. 

Der extrovertierte Ratefreund (Michael Nagy) und sein eher introvertierter Kompagnon Hoffegut (Charles Workman) sind vom Leben in der Stadt enttäuscht und wandern hinaus aufs Land, um einen neuen Anfang zu wagen. Sie suchen das Reich der Vögel, um die gewohnten Zerstreuungen hinter sich zu lassen. Wiedhopf, einstens ein Mensch,  nun König der Vögel (Günter Papendell), empfängt die beiden nur widerwillig, da er sich in seiner Abgeschiedenheit gestört fühlt. Ratefreund  entwirft den verlockenden Plan einer Stadt in den Lüften für ein Reich der Vögel, das sich als den Göttern ebenbürtig erweisen kann. Nach ausgiebiger Diskussion siegen die Befürworter der Idee, und der Bau beginnt.

In einer Vollmondnacht trifft der sensible Hoffegut auf die Nachtigall (Caroline Wettergreen) und verfällt dem Zauber ihres Gesangs. Nach Vollendung des Vogel-Baues tritt ein finsterer, mahnender Mann auf, der sich Prometheus (Wolfgang Koch) nennt. Er warnt die Vögel vor der Hybris einer Auseinandersetzung mit den Göttern. Aber Ratefreund stachelt die Vögel unbeirrt zum Kampf auf. Ein Unwetter kommt auf, und das eben erst erstellte "Wolkenkuckucksheim" wird total zerstört. Die gedemütigten Vögel erkennen die unerreichbare Größe der Götter an. Erschüttert von ihren Erlebnissen kehren  die Wanderer Ratefreund und Hoffegut in die Stadt zurück. Ratefreund träumt bereits wieder von der häuslichen Gemütlichkeit, und nur Hoffegut ist in Gedanken noch beim betörenden Gesang der Nachtigall.

Der künstlerische Wert des inzwischen fast vergessenen Traumspiels liegt neben den philosophischen Gedankenspielen, die mit leichter Hand dargeboten werden, vor allem in der bezaubernden musikalischen Gestalt, die einen überzeugenden Beleg für die vielfältigen Reize der spätromantischen Klangwelt liefert. 

Start des Livestreams vor leerem Parkett: Ein pfauenbefiedertes Geschöpf visualisiert den Stücktitel. Es ist die Nachtigall, die hier als Maitresse de plaisir den Gang der Handlung eröffnet. Gewagte Koloraturen sind ihr Markenzeichen, hundert Jahre zuvor von Maria Ivogün dargeboten. 

Ratefreund und Hoffegut irren orientierungslos durch die Landschaft. Zwei Vögel weisen den Weg, und auf einmal sind die beiden Wanderer von gleich mehreren gefiederten Wesen umgeben, die erläutern, wie sie wurden, was sie sind. Sie wollen schon wieder gehen, da erwacht König Wiedhopf aus seiner Mittagsruhe, die offenbar alkoholisch abgefedert war. Ratefreund stösst mit seinem Plan für ein Vogelreich in das Mangelempfinden von Wiedhopf und entzündet dessen Machtgier. 

Das Bühnenbild von Aleksander Denić erinnert an Schiffsaufbauten mit aufgesetzter Kajüte. König Wiedhopf ruft den  süssen Sang der Nachtigall, die aus der Rundbewegung der Drehbühne auftaucht. Sein Ruf versammelt das ganze Vogelvolk, und eine lebhafte Debatte bricht los, nachdem Wiedhopf gestanden hat, dass der Bauvorschlag für das Vogelreich von Menschen stammt. Da kommen übrigens auch wieder Castorfs  portable Videokameras ins Spiel, deren Bilder auf separatem Projektionsschirm zu verfolgen sind.

Ratefreund ruft den Vögeln ihre Machtlosigkeit ins Bewusstsein und verlockt sie, ihre Fesseln abzuwerfen. Krieg gegen Zeus! Die Idee steigt allen zu Kopf. Der Duktus der Repliken lässt dabei strukturell an die „ Meistersinger“ denken. Das neue Reich erwächst aus massloser Selbstüberschätzung. Baubeginn. Ende des Ersten Aufzugs.

Zweiter Aufzug. Vollmondnacht, Romantik pur. Hoffegut und die Nachtigall. Einander überlappende Sehnsüchte. Der  2. Akt des „Tristan“ liefert den Stimmungsrahmen. Beide umkreisen einander in Begeisterung. Stimmlich für Caroline Wettergreen und Charles Workman   die herausforderndste Passage der ganzen Oper, und  sie meistern das mit Bravour. Nun ists heraus: Es ist Liebe, was sie verbindet. 

Jetzt wird Hitchcock auf den Hintergrund projiziert. Seine „ Vögel“ teilen zumindest den Namen mit Braunfels’ Opus. Klänge und Düfte runden das multi-assoziative Empfindungsbild ab. Die „klingende Ferne“ als allumfassende Summe der Gefühle, die beide teilen. In der Projektion dann sogar Vereinigung. 

Der Mond verschwindet, Sonnenaufgang zwischen Hitchcocks flatternden Vögeln. Tippi Hedren wird in der Projektion ausführlich zitiert.  Ratewohl in SS- Uniform gratuliert den Vögeln. Eine erste Hochzeit von Taube und Täuberich in der neuen Wolkenburg. Ein hinreissendes kurzes Intermezzo, dann der Vogelchor. Es gibt nach Castorf-Manier wieder projizierte Texte, die aber wenigstens nicht, den musikalischen Fluss unterbrechend, endlos rezitiert werden. 

Wirkungsvoll vorbereitet: Auftritt Prometheus „ohne Zoll und Gebühren“. Er schildert das eigene Schicksal. Er warnt, aber die Warnung verhallt. Inzwischen tragen Ratefreund und Hoffegut beide die schwarze SS-Uniform. Krieg! Krieg! tönt der Ruf. Furioso der Schlachtszenen. Und Zeus schlägt zurück. Kein Stein bleibt auf dem anderen. Apokalyptisches Finale. Danach reuevolle Zeus-Huldigungen ohne Ende. 

Ratefreund  und Hoffegut, inzwischen wieder uniformlos schwarz gewandet, wandeln heimwärts. 

Die Partitur klingt unter Metzmacher keineswegs einschmeichelnd harmonisch, sondern eher kühl-differenziert, um nicht zu sagen: mehr dem modernen Empfinden angenähert. 

Das Stück führt zwingend vor Augen, dass einige Grunderkenntnisse zur Machtpolitik schon nach dem Ersten Weltkrieg vorlagen, die dann zum Scheitern des Deutschen Reichs im Zweiten Weltkrieg führten. Ob man die Lösung des Konflikts allerdings in der Unterwerfung unter die Götter zu suchen habe, kann füglich bezweifelt werden. 

Frank Castorfs szenische Fantasie fördert aus der Kiste seiner Inventionen bekannte Elemente hervor, die aber hier, legitimiert  durch unser historisches Wissen, einleuchtend erscheinen und wirkungsvoll eingesetzt werden. Insgesamt eine überzeugende, sehenswerte Adaption.


101420

Konzert zweier Legenden

Martha Argerich und Mischa Maisky im Livestream von Klassik Radio

beim Lausitz-Festival in der Synagoge Görlitz

Es war ein Ereignis, das selbst unter den eingeführten Musik-Festivals herausragte: das neu ins Leben gerufene Lausitz-Festival setzte im deutsch-polnischen Kulturraum einen singulären Akzent mit dem Auftreten zweier Instrumentalkünstler, deren Namen überall in der Welt ein Publikum zu versammeln und zu faszinieren vermögen, das höchste Ansprüche zu stellen pflegt. Damit nicht genug: Der Ort ihres Auftretens ist die aufs Sorgfältigste hergerichtete Synagoge in Görlitz. Sie ist an diesem Abend mit wenig Beleuchtungskörpern und sparsamem Kerzenlicht überaus stimmungsvoll beleuchtet. 

Wenn das schon die Konzentration auf die Musik fördert, so wird die eigentliche Kulmination durch eine weitere Besonderheit erreicht, die sowohl die spezifische Zeit der Corona-Pandemie wie die besonderen Schwebungen der Görlitzer Synagoge zusammenzuführen und unvergeßlich zu machen vermag: Es gibt an diesem Abend kein Publikum. Lediglich die beiden Vortragenden und ihre Instrumente sind im Livestream zu beobachten, dessen Klang im ansonsten menschenleeren Synogogenraum mit markantem  Nachhall zu vernehmen ist. 

Mischa Maisky beginnt mit der Cello-Suite Nr. 1 von Johann Sebastian Bach. Sein überaus virtuos eingesetztes Instrument fesselt durch sonoren, markanten Klang, und da jede Ablenkung durch Peripheres unterbleibt, wirkt sein Spiel ungemein fesselnd und mitreissend. Es hat nichts von der Sprödigkeit, die bislang den Hörgenuß an Solostücken für Cello zu beeinträchtigen vermag.

Danach Martha Argerich mit Bachs Klavierpartita Nr. 2. Wunderbare Leichtigkeit und Geläufigkeit, lebendige Frische, als höre man dieses Stück zum ersten Mal. 

Darauf Argerich und Maisky im Duo. Da kein Publikum gegenwärtig ist, verneigen sich beide voreinander - eine hier besonders rührende Geste. Sie spielen Ludwig van Beethovens Sonate für Cello und Klavier opus 5 Nr. 2. Nun ist der Synagogenraum in sanft dunkelblaues Licht getaucht. Der Celloklang erhebt sich wie von selbst in die Höhe, umspielt von den ergänzenden Klavierfiguren und füllt den mit seiner klaren Akustik ideal ausgewählten Kirchenbau. Man hält den Atem an und hat das Gefühl, die Zeit tue das Gleiche. Ebenso mitreissend die folgenden rascheren Sätze, in Präzision und Einklang gleichermaßen vollendet. Das gilt danach auch  für Max Bruchs Opus 47 "Kol Nidre", das hier in besonders angemessener Umgebung erklingt. 

Was in Erinnerung an diesen Abend bestehen bleibt, ist der Eindruck quasi meditativer Konzentration, der die Leistung dieser beiden Ausnahmekünstler noch einmal auf eine besondere Stufe musikalischer Vollendung hebt.









101120

Figürlicher Ausdruck

Georg-Kolbe-Museum in Charlottenburg

wieder geöffnet

In einer Vitrine des Wohnzimmerschranks meines Elternhauses stand eine kleine, schlanke Mädchenfigur mit euphorisch-verträumt ausgebreiteten Armen. Meine Mutter erklärte mir wiederholt,  dies sei eine Replik der Skulptur "Die Tänzerin" von dem Bildhauer Georg Kolbe. Das tanzende Mädchen hat mich unbewußt durch alle Jahre begleitet, die ich im Elternhaus verbrachte.

Jahrzehnte später stiess ich auf den Umstand, dass Georg Kolbes Atelier- und  Wohnhaus, 1928/29 vom Schweizer Architekten Ernst Rentsch in enger Abstimmung mit dem Bauherrn errichtet, sich in gut erhaltenem Zustand in der Westender Sensburger Allee befindet und seit 1950 als Georg-Kolbe-Museum genutzt wird. Zum Ensemble gehört auch das stilistisch ähnliche Wohnhaus von Kolbes Tochter, das nach einer Restaurierung demnächst wieder als Museumscafé eröffnet werden dürfte. Der Besuch vermittelt einen guten Eindruck von der herausragenden Lebensleistung des deutschen Bildhauers und Skulpteurs.

Einen ersten großen Erfolg hatte der 1877 geborene Georg Kolbe mit der erwähnten "Tänzerin", die 1912 in der Berliner Secession gezeigt und dann von der Nationalgalerie angekauft wurde, erringen können. Dieser Initialzündung folgte eine formal und politisch gleichermaßen eigenwillige Entwicklung, die sich aber im weiteren Verlauf von keiner Seite nachhaltig vereinnahmen ließ. Im Museum ist der stilistische und künstlerische Weg des Bildhauers durch die Zwanziger und Dreißiger Jahre bis zu seinem Ableben 1947 in Fotos und Dokumenten nachzuerleben. Durch den stimmungsmäßigen Einklang des gutrestaurierten Museumsbaus mit den gezeigten Skulpturen und Architekturzeichnungen ergibt sich eine lebhafte Impression sowohl vom Zeitkolorit wie von Kolbes Lebensweg.

In Verfolg der Museumsfunktion werden die Atelierräume jetzt auch für die Präsentation anderweitiger Künstler und ihrer Beiträge genutzt. Derzeit geschieht dies für den 1982 in Japan geborenen Shinichi Sawada, dessen eigenwillige, von spitzen Dornen übersäte Ton-Chimären zum Nachdenken über archaische Wurzeln und variantenreiche Implikationen anregen. Der Künstler ist Autist und Autodidakt, der mit seinen keramischen Skulpturen inzwischen internationale Aufmerksamkeit gefunden hat. Die Ausstellung wird bis zum 10. Januar 2021 gezeigt. 


092720

Geschichte live

Wieder im Programm: Tellkamps "Der Turm"

in der Christian Schwochow-Inszenierung auf rbb

Die Wiederbegegnung mit Uwe Tellkamps hellsichtigem Dresden-Roman aus DDR-Zeiten "Der Turm" gerät unerwartet eindrucksvoll. Sei es, dass die seit der Erstsendung 2012 vergangene Zeit den Blick für die Handlung geschärft hat oder dass die Allgewalt der Pandemie das Exemplarische des vorgeführten Geschehens deutlicher hervortreten läßt. Jedenfalls folgt man den beiden Teilen der Fernsehfassung mit nie erlahmendem Interesse und registriert mit Respekt, wie gut es hier gelungen ist, persönliche Schicksale in eine unaufdringliche Geschichtsstunde einzubetten.

Dabei hat der zugrundeliegende Schlüsselroman ja einen zusätzlichen Reiz, der hier im Hintergrund immer mitschwingt. Es ist dem Autor nicht nur gelungen, eine ganze Reihe lebendiger Charaktere vorzuführen, sondern hinter vielen Romanfiguren stehen wohlbekannte Realpersonen aus den späten Jahren der DDR. Keine Porträts, nur jeweils eine Assonanz. So taucht hinter der Romangestalt des Rechtsanwalts Sperber die Silhouette des DDR-Anwalts Wolfgang Vogel auf, und die Figur des SED-Bezirkssekretärs Max Barsano erinnert an Hans Modrow. 

In den Handlungsablauf meisterlich eingewoben ist der schleichende Moralverfall in der Spätzeit der DDR. An die Stelle eines aufrichtigen Bekenntnisses zu den Idealen des Sozialismus tritt immer stärker ein sarkastischer Zynismus, der den einzelnen Personen geradezu eine Doppelgesichtigkeit verleiht. Am deutlichsten läßt sich das in der Entwicklung des Hauptakteurs verfolgen, des Chefarzts Richard Hoffmann (Jan Josef Liefers). Er hatte sich stets bemüht. die Fassade bürgerlicher Lebensführung mit seiner Frau Anne (Claudia Michelsen) allseits abzusichern. Trotzdem gerät er in Konflikt mit der Staatssicherheit, die Kapital aus seinem geheimgehaltenen Verhältnis zu Josta Fischer (Nadja Uhl) zu schlagen versteht. 

Eine zweite Hauptlinie verfolgt die Stufen der Emanzipation des Hoffmann-Sohnes Christian (Sebastian Urzendowski). Er wandelt sich vom anfangs konsequent angepaßten Schüler über verschiedene Stadien des Aufbegehrens in der Militärzeit bei der Volksarmee und einer ernüchternden Phase im Militärgefängnis bis zum Neubeginn nach der Entlassung, wo er seinen weiteren Weg "endlich mal alleine" bestimmen will. 

Die aufkeimende Systemkritik ist in verschiedenen Schattierungen zu verfolgen, unter anderem in der Rolle der Literatin Judith Schevola (Valery Tscheplanova), die es schafft, ihre Texte im Westen veröffentlichen zu lassen. Eine Figur mit ambivalentem Verhalten ist Meno Rohde (Götz Schubert), der Bruder von Richard Hoffmanns Frau Anne. Er agiert als Lektor im Sinne der Staatsführung, fördert aber auch die Kritikfähigkeit des Hoffmann-Sohnes Christian. 

Insgesamt eine durchaus fesselnde Wiederbegegnung mit einer sehr vielfältigen, gegenüber dem Roman etwas gestrafften Filmversion (Drehbuch: Thomas Kirchner). Beide Teile sind noch bis Anfang Oktober in der rbb-Mediathek zu sehen. 


082220

Eine ernüchternde Wette

Mozarts "Cosi fan tutte"

als Aufzeichnung von den Salzburger Festspielen 2020

Manchen gilt Mozarts "Cosi fan tutte", 1790 in Wien uraufgeführt, als musikalisch besonders gelungenes Glanzstück mit dem Libretto von Lorenzo Da Ponte. Die Salzburger Neuinszenierung von 2020 stammt von Christof Loy und hat die Handlung kaum merklich gestrafft, dabei aber die musikalischen Höhepunkte feinsinnig bewahrt.

Die Story ist vergleichsweise simpel. Guglielmo (Andrè Schuen) und Ferrando (Bogdan Volkov) schwören auf die Treue ihrer Verlobten, der Schwestern  Fiordiligi (Elsa Dreisig) und Dorabella (Marianne Crebassa). Don Alfonso (Johannes Martin Kränzle), ein lebenserfahrener Skeptiker, macht sich den Spass, mit den beiden männlichen Akteuren zu wetten, dass es  gelingen werde, die Treue der beiden Mädchen im Handumdrehen ins Wanken zu bringen.  Komplizin bei der Testreihe ist die Dienerin Despina (Lea Desandre), deren Neigung zur Mitwirkung schon mal durch einen Geldschein beflügelt wird. 

Nun entfaltet sich ein komödiantisches Kammerspiel vor einer weissen Wand (Bühnenbild Johannes Leiacker) mit zwei klassizistischen Türen, deren Flügel sich öffnen und schliessen lassen. Auf diesem Hintergrund wirken die schwarzen oder pointiert farbigen Kostüme der Akteure (Kostüme Barbara Drosihn) ungemein plastisch und einprägsam.

Jetzt folgt, in der Regie des Don Alfonso, die Probe aufs Exempel. Guglielmo und Ferrando, eben unter Seufzern ihrer Geliebten vermeintlich  zu Schiff in den Krieg gezogen, kehren in abenteuerlich bunter Verkleidung als fremdländische Adlige zurück und machen nun über Kreuz der jeweils anderen Dame den Hof. Als sie wider Erwarten zunächst abgewiesen werden, täuschen beide einen Selbstmord durch Gift vor und werden dann von Despina mit Hilfe eines gewichtigen Magnetsteins ins Leben zurückgerufen. Im weiteren Verlauf gibts einen Ehevertrag von Fiordiligi und Ferrando sowie Dorabella und Guglielmo, jeweils quasi über Kreuz. Dann kehren die beiden in den Krieg Gezogenen unter ihren echten Namen zurück und schließen ihre beiden Frauen in die Arme, Ferrando seine Dorabella und Guglielmo Fiordiligi. Bleibt nur der unterzeichnete Ehevertrag mit der jeweils anderen, von Don Alfonso listig ins Spiel gebracht. Eifersuchtsszene, allgemeine Zerknirschung, dann das mozart-typische versöhnliche Finale: Glücklich sei der Mensch, der alles nur von der besten Seite nimmt, über die Wechselfälle des Lebens lacht und die Ruhe bewahrt.

Musikalisch wie stimmlich ist die Aufführung ein einziger Hochgenuß. Das gilt sowohl für die Harmonie der beiden Frauenstimmen von Fiordiligi und Dorabella wie für den klangschönen Tenor von Bogdan Volkov  und den kraftvollen Bariton von Andrè Schuen. Ein Sonderlob verdient die agile, stimmlich wunderbar präsente Despina von Lea Desandre. Dirigentin Joana Mallwitz entlockt den Wiener Philharmonikern mit geschmeidiger Zeichengebung einen warmgetönten Mozart-Sound vom Feinsten. Insgesamt ein weiterer Pluspunkt  zum 100jährigen Bestehen der Salzburger Festspiele, bis 31.10.2020 abrufbar in der Mediathek von Arte concert. 



081620

Triumphale Dramatik


Richard Strauss‘ „ Elektra“

von den Salzburger Festspielen 2020

auf 3 Sat

Ein Lichtblick in der pandemisch ausgedörrten Kulturszene: die Eröffnungsvorstellung der diesjährigen Salzburger Festspiele, als Aufzeichnung wiedergegeben auf 3Sat. Richard Strauss' "Elektra", dieser Geniestreich auf ein Libretto von Hugo von Hofmannsthal nach Sophokles, uraufgeführt 1909 in Dresden, diesmal inszeniert von Krzysztof Warlikowski.  Franz Welser-Möst leitete die Wiener Philharmoniker.

Warlikowsky huldigt dem zeitgemäßen Regieprinzip, zusätzliche Verständnishilfen für ein nicht mehr ganz so imaginationsstarkes Publikum anzubieten. So schickt er  Klytemnästra (Tanja Ariane Baumgartner) schon vor dem ersten Orchestereinsatz auf die Szene, um in emphatischer Rede den Mord an ihrem Gatten Agamemnon zu bekennen und zu interpretieren. Aber dann setzt doch noch die Handlung ein, wie man sie kennt, und die Mägde werfen sich Statements über Elektras Seltsamkeiten wie Bälle zu.

Dann Elektras (Ausrine Stundyte) erster großer Monolog "Allein, ganz allein", der ihre psychologische Situation ausleuchtet und die Erinnerung an den Vater heraufbeschwört. Ein erster Eindruck von der Singstimme: ein unüberhörbares Vibrato in der Höhe, aber volle Tonpräsenz, auch in den Tiefen. Die Regie läßt Agamemnon stumm als blutende Schattengestalt einen Wassergraben durchschreiten. Elektra deutet einen ersten Triumphtanz an, ganz selbstgewiß, und da überrascht auch der Griff zur Zigarette nicht sonderlich, wohl ein Emanzipationssymbol.

Chrysothemis tritt auf (Asmik Grigorian), einmal nicht mollig-mütterlich, trotz der im Text festgehaltenen Sehnsucht nach Ehemann und Kindern. Diesmal ist sie einfach ein schlankes junges Mädchen, ebenfalls mit dem Hang zur Zigarette, und ihrer Schwester stimmlich absolut ebenbürtig, wenn nicht sogar überlegen. Dialog der Antagonismen. Beide stehen unter dem gleichen psychologischen Druck in diesem Mörderhaus, aber sie reagieren unterschiedlich darauf. Ein gequältes Duo: die eine will leben, die andere lieber sterben, als diese Situation endlos fortzuschreiben.

Nun kommt Mutter Klytemnästra ins Spiel. Nicht als Paraderolle für gealterte Sopranistinnen, sondern als attraktive Frau in den besten Jahren. So fehlt der Rolle zwar ein Schuss Dämonie, aber ihre erotische Rolle wird glaubwürdiger. Sie trifft auf Elektra in dem krampfhaften Bedürfnis, sich ihrer Tochter endlich einmal zu offenbaren. Die heuchelt zunächst Verständnis, und Klytemnästra berichtet von nächtlichen Alpträumen. Man kann miterleben, wie der lähmende Dämon schrittweise von ihr Besitz ergreift. Und die durchtriebene Tochter nennt mit scheinheiligem Mitgefühl ein Heilmittel, das in Wahrheit den Schandtaten der Mutter die Krone aufsetzt: die Ermordung der Mutter durch den heimkehrenden Bruder. 

Zunächst aber gibt es lügenhafte Informationen über den Verbleib von Orest (Derek Welton). Dann kommt sogar die Nachricht vom angeblichen Tod des Orest, die Klytemnästra frohlocken läßt und Elektra in die totale Hoffnungslosigkeit stürzt. Nun will sie den Rachemord an der Mutter und ihrem Galan Ägisth selbst übernehmen und wirbt mit Hingabe um die Mitwirkung ihrer Schwester, die aber ablehnt. In tiefster Depression :"Nun denn, allein" mit einem heimlich versteckten Beil.

Ein Fremder kommt herein, erkennt Elektra: "Du musst verwandtes Blut zu denen sein, die starben". Er flüstert: "Orestes lebt". Die unvergleichliche Szene des gegenseitigen Erkennens: überwältigend, beide zutiefst ergriffen. Dann schreitet Orest zur Tat. Ruhelose Figuren in den Streichern, dann Licht aus, Schreie, Blut tropft vom Proszenium. 

Ägisth kehrt heim und flucht über den Ungehorsam des Volkes. Elektra weist ihm mit gleisnerischer Liebenswürdigkeit den Weg. Ägisth geht in die Falle und wird getötet. Auch Chrysothemis kommt mit blutverschmiertem Messer aus dem Haus: sie hat sich, vom Beispiel des Bruders beflügelt, dem verheerenden Racheakt angeschlossen. Elektra kostet ihren Triumph in übersteigerter Raserei aus und stürzt nach ihrem Tanz tot zu Boden.

Insgesamt eine überaus eindrucksvolle, überzeugend besetzte Aufführung, die den ganzen Umfang dieses Psychodramas zutreffend abbildete. Franz Welser-Möst hatte mit den Wiener Philharmonikern ein erfahrenes, exzellent brillierendes Strauss-Orchester vor sich, das dem Bühnengeschehen ein farbenreiches Fundament gab. 



072920

Die Dämonie der Pandemie

Was uns da im Frühjahr 2020 überfallen hat, entwickelt nachgerade eine dämonische Kraft der Verwandlung. Wir wissen nicht, wann und auf welcher Stufe die Invasion enden wird. Bis dahin leben wir täglich unter Bedingungen, die für uns neu sind und die uns den Zugang zum Gewohnten massiv verwehren. 

Was einst gesellschaftliche Realität war und felsenfest gesichert erschien, ist mittlerweile aus den Angeln gehoben und auf unabsehbare Zeit unerreichbar. Eine der markantesten Auswirkungen der Pandemie ist der Abstandszwang mit seinen Auswirkungen. Eine der elementarsten Verhaltensweisen des Menschen, aufeinander zuzugehen und sich impulsiv zu umarmen, ist eliminiert. Theater und Konzerte zu besuchen und einen begrenzten Zuschauerraum in lustvoll erlebter Enge zu füllen, bleibt uns versagt. Was das Publikum quält, wird für die Veranstalter zur Existenzfrage: es ist kaum möglich, mit den zugelassenen Zuschauerzahlen kostendeckende Einnahmen zu erzielen. So wird eine noch ungenannte Anzahl von Veranstaltern zur Aufgabe gezwungen, und manche Formen zwangloser oder ritualisierter Geselligkeit mit mehr oder weniger hohem kulturellen Anspruch werden auf der Strecke bleiben, ganz leise und zunächst unbemerkt verschwinden.Keiner gesellschaftlich wirksamen Kraft hätten wir sehenden Auges eine derart brutal verändernde Gewalt zugestanden. Aber die Veränderung kam über Nacht, und niemand wurde nach seinem Einverständnis gefragt. Das ist die Dämonie der Pandemie.

 

042320

Ein erstaunlicher Film 

"Der Klavierspieler vom Gare du Nord" ("Au bout des doigts")

von Ludovic Bernard über Prime Video

Diese Coronazeit ist wie geschaffen dafür, sich über Mediatheken oder Streamingdienste Filme anzusehen, die bisher immer links von der Achtsamkeit liegen geblieben waren. So suchte ich gestern bei Prime Video nach einem ganz anderen Titel, in dem auch ein Pianist im Mittelpunkt stand, und geriet ganz zufällig an diesen Film von Ludovic Bernard. Der Film ist relativ neu, erst im Juni des Vorjahres in Deutschland angelaufen. Um Vorinformationen hatte ich mich nicht gekümmert, war also offen für alle Eindrücke, die auf mich zukommen würden.

Und in einer ganz lapidaren, gelassenen Erzählweise passieren da Dinge, die mich ansprechen, fesseln und zunehmend gefangen nehmen. Im Pariser Gard du Nord, einer vor quirligem Leben nahezu berstenden Bahnstation, steht am Rande der Besucherströme ein Klavier zur allfälligen Benutzung für jeden, der mag. Ein junger Mann namens Mathieu Malinski (Jules Benchetrit) setzt sich an das Instrument und spielt mit frappierender Geläufigkeit Bach. Polizisten werden auf ihn aufmerksam und hetzen den sofort Fliehenden über Gänge und Rolltreppen bis zu einem Bahnsteig, wo er sie geschickt abschütteln kann. Mathieu ist kein unbeschriebenes Blatt, sondern hat sich mit Kumpels bei Einbrüchen hervorgetan - daher das Interesse der Ordnungshüter. 

Belauscht hat den jungen Klavierspieler aber auch Pierre, Leiter einer Klavierklasse am Pariser Konservatorium (Lambert Wilson), der spontan vom Vortragsstil des Mathieu fasziniert ist, der ihn ein paar Tage später erneut im Bahnhof hört, ihn anspricht und seine Visitenkarte mit der Bitte aushändigt, ihn zurückzurufen. Inzwischen ist dann Mathieu aufgrund seiner Delikte zu einer Jugendstrafe verurteilt worden, die ihn zu Putzarbeiten ausgerechnet im Foyer des Konservatoriums verpflichtet, wo Pierre lehrt. Er macht ein Date mit Mathieu am Steinway-Flügel des großen Konzertsaals der Musikhochschule. In Rückblenden erfährt der Zuschauer, woher Mathieus bereits hochgradiges Können stammt: ein greiser Nachbar hatte ihm jahrelang kostenlos Klavierunterricht gegeben und dabei das Gespür für das Zusammenwirken von Virtuosität und Gefühl beim Interpretieren in ihm geweckt. 

Pierre ist insgeheim vom exorbitanten Talent seines Kandidaten fasziniert. Inwieweit sich in diese beinahe erotische Beziehung Erinnerungen an seinen eigenen Sohn einmischen, der 15jährig an Leukämie verstorben war, bleibt unaufdringlich in der Schwebe. Nun beginnt ein spannungsreiches Tauziehen zwischen dem ambitionierten Lehrer, der seinen Schützling zu einem weltweit beachteten Klavierwettbewerb anmelden will, und dem jungen Mathieu, der aus den Zwängen des Übungsbetriebs immer wieder auszubrechen versucht. Zum Glück lernt er eine ebenfalls junge dunkelhäutige Cellistin kennen, und aus dieser mal gut, mal weniger gut funktionierenden Beziehung erwächst ihm Unterstützung immer dann, wenn er aus Frust den ganzen Kram am liebsten hinschmeißen möchte. 

Die gestrenge Impulsgeberin, die diesen ungeschliffenen Edelstein Mathieu nun zu einem Brillanten am Klavier formen will, ist "die Gräfin" (Kristin Scott Thomas), anfangs distanziert kritisch und eher biestig im Ton, aber sie wird mit der Zeit gleichfalls zur Bewunderin von Mathieus Talent und zur engagierten Verfechterin seiner Nominierung für den Wettbewerb.

Ausgerechnet unmittelbar vor dem großen Tag überfallen Mathieu wieder Zweifel an seiner Erstklassigkeit, und er will dem Wettbewerb ausweichen. Diesmal versteht es  seine Mutter, diese letzte Bremse vor dem finalen Erfolg zu lösen, und Mathieu stürmt in den Wettbewerbssaal, wo er in letzter Minute und etwas außer Atem eintrifft. Setzt sich an den Flügel, spielt den ersten Satz aus Rachmaninows Zweitem Klavierkonzert und siegt mit Bravour über seine Konkurrenz. Die Schlußeinstellung zeigt, wie er ein paar Monate später das Konzertpodium im New Yorker Lincoln Center betritt. 

Natürlich ist das alles eher ein Märchen als ein alltäglicher Regelfall. Aber die konsequente Erzählweise, die einfach nur aneinanderreiht, statt modische Komplikationen à la Hollywood hinzuzufügen, gewinnt Sympathie, die sich immer weiter steigert.

Mitzuerleben, wie sich das Talent dieses jungen Pianisten allen Schwierigkeiten und Rückschlägen zum Trotz durchsetzt, einfach weil es das verdient, ist gerade in schwierigen Coronazeiten eine höchst positive Erfahrung. 


041420

Kulturdämmerung


Gedanken zur Total-Resektion des Kulturbetriebs

aus Anlaß der Corona-Pandemie


Der Vorgang ist ungeheuerlich und zumindest in diesem Jahrhundert hierzulande ohne Beispiel: In Umsetzung der Kontaktverbote zur Ausbreitungsdämpfung des Corona-Virus ordnete die oberste Regierungsinstanz die Schliessung aller Institute an, die üblicherweise Menschenansammlungen verursachen und bei denen der geforderte Mindestabstand von Mensch zu Mensch nicht eingehalten werden kann. Auf der Strecke bleiben kleine und große Theater, Opernhäuser und Konzertsäle. Dergleichen kannte man allenfalls aus dem Jahre 1944, als Reichsminister Dr. Goebbels im Zuge des "totalen Krieges" sämtliche "Vergnügungsstätten" schließen ließ. 

Das Diktat ist folgenreich. Mit den Aufführungsstätten sind auch alle betroffen, die dort für gewöhnlich auftreten: Schauspieler, Musiker, Mimen und Pantomimen, alle, die von Auftritten leben und nun keine Einnahmen mehr haben, und nicht zuletzt die Veranstaltungsorte selbst, deren Budget nun auf lebensgefährliche Weise ausgezehrt wird. 

Ein kleines, zeittypisches Hoffnungsfenster öffnet sich durch Internet-Kommunikationstechnik. Theater und Musikveranstalter bieten Mitschnitte oder Live-Übertragungen von Schauspiel-, Opern-und Musikbühnen. die mindestens das Interesse des Publikums wachhalten können und das Bewußtsein schärfen für die Tragweite dieses gewaltsam erzwungenen Kulturverzichts.  Freilich sind das nur Zeichen für den Überlebenswillen der künstlerischen Kreativität. Zur wirtschaftlichen Stabilisierung tragen sie nur dann bei, wenn es gelingt, die Livestreams mit effizienter Spendengenerierung zu verbinden.

Das vielleicht Wichtigste ist aber das fundamentale Mangelempfinden, das den Kulturkonsumenten  in diesen Wochen überfällt. Was bleibt übrig von der Welt, in der es sich zu leben lohnt, wenn Musik und Theater entfallen ?  Welche Ideen bleiben, wenn der beflügelnde Impuls der schönen Künste ersatzlos verschwindet ? Das Erbe aus jahrhundertelanger künstlerischer Schöpferkraft kann auf einmal nicht mehr genutzt werden, um den heute Lebenden geeignete Wege zu weisen. Es gibt Menschen, für die  das Erleben kultureller Ereignisse den entscheidenden Lebensinhalt bildet. Hier bedeutet die Amputation nicht nur eine Verarmung, sondern einen ganz erheblichen Verlust von Lebensenergie. 

Bleibt nur die Hoffnung auf die Zeit, die alles verwandelt. Bald, aber nicht zu früh soll bitte alles wieder so sein wie vor der Corona-Invasion. Eine Welt mit gesteigertem Bewusstsein wird es dankbar registrieren.



 031820

Liebesspiel mit Hindernissen

"Schmetterlinge sind frei" per Livestream

aus dem Schloßpark Theater Berlin 

Die vom Coronavirus inszenierte Attacke auf den Kulturbetrieb hat gerade für die kleinen Häuser ziemlich ruinöse Folgen. Einige von ihnen haben sich dennoch dafür entschieden, zum Publikum hinzugehen, wenn das Publikum sie schon nicht besuchen darf. Das Transfermedium ist das Internet, die Aufführungsform der zeitgleiche Livestream. Beifall und Zwischenrufe entfallen zwar, aber jeder Theaterfan kann sich auf diese Weise immerhin einen  Eindruck von Charakter und Qualität einer Aufführung verschaffen. Bleibt nur die Hoffnung, dass auch Mittel und Wege gefunden werden, den Privattheatern den schmerzlichen Ausfall der Ticketeinnahmen zu entgelten. 

Das Stück stammt vom US-amerikanischen Autor Leonard Gershe, kam 1969 auf die Bühne und war 1972 unter dem Titel "Butterflies are free" die Vorlage für einen erfolgreichen Kinofilm mit Goldie Hawn, der zahlreiche Auszeichnungen bekam. Regisseurin am Schlosspark Theater ist Irene Christ.

Der junge Don Baker(Johannes Hallervorden) wagt einen mutigen Schritt und zieht von zu Hause aus. Sein Handikap: er ist blind, aber er macht kein Aufhebens von dieser Eigenschaft, die er mit Intelligenz, Geruchs- und Tastsinn sowie Hörvermögen kompensiert. Überdies kann er Gitarre spielen und verfügt über eine angenehme Songstimme. In seiner simpel möblierten Bude besucht ihn seine Nachbarin Jill Tanner (Helen Barke), ein recht aufgedrehtes Mädchen mit grossen Träumen von der eigenen Zukunft. Beide kreisen Im Dialog um ihre Situation, wobei die Wahrnehmungsdivergenzen zwischen Blinden und Sehenden einen roten Handlungsfaden liefern. 

Bis auf einmal die Mutter Frau Baker ( Julia Biedermann) in der Tür steht, mit Ironie geladen und berstend vor Energie, die beiden inzwischen verliebten jungen Leute auseinanderzubringen. Sie häuft Sarkasmen, Bosheiten und Anmassungen nach einem Don wohlbekannten Muster aufeinander. Der durchaus blitzende Dialog schlägt Funken und liefert ein amüsantes Feuerwerk kleiner zwischenmenschlicher Gemeinheiten. Aber die dominante Mutter gibt nicht nach und will ihren widerstrebenden Sohn zurück nach Hause holen. Das Vorhaben misslingt. 

Nun richtet Mutter ihre destruktiven Energien auf Jill von nebenan und versucht, ihr die ersehnte Karriere als Schauspielerin madig zu machen. Jetzt fliegen die Dialogfetzen zwischen der eifersüchtigen Mutter und der angehenden Geliebten des Sohnes. Vorhang.

Dann Mutter und Sohn wieder in der Bude mit Hochbett. Mutter gibt sich zum Schein nachgiebig und lobt das Talent ihres Sohnes als Songschreiber. Jill kehrt zurück, mit dem Regisseur  Ralph Austen( Fabian Stromberger) im Arm. Heftige Diskussion über ein Stück, in dem Jill eine Rolle spielen soll. Eine Tournüre der Drehbühne bringt Jills Nebenzimmer ins Spiel. 

Don begreift, dass ihm Jill zu entgleiten droht. In einem widerborstigen Wortgefecht erinnert die Mutter an Texte, die sie einstens verfasste, um die Emanzipation ihres Sohnes zu fördern. Jill will ausziehen, spendiert ein Abschluss-Statement über ihren Konnex mit Ralph. Aus dem finalen Gezänk entwickelt sich dann die abschliessende Kulmination: Don und Jill brauchen einander und wollen ihren weiteren Weg gemeinsam gehen. 

Ein grosses Kompliment verdient die Initiative, diese Aufführung per Livestream zu vermitteln. Da spielt es keine Rolle, dass die Farben des Bühnenbildes gelegentlich etwas schwach ausgeleuchtet sind und der Ton in Spitzenlautstärke nicht zu vernehmen ist. Auf jeden Fall lässt sich in Zeiten der erzwungenen Publikumsabstinenz kein besseres Bindeglied zu einem  liebgewordenen Theater finden als eine solche Livestream-Übertragung. 




031220
Corona macht‘s möglich

Premiere „Carmen“ ohne Publikum
in der Deutschen Staatsoper Berlin

Das „neue“ Virus aus der chinesischen Provinz mischt die Gewohnheiten der Europäer in gänzlich ungewohnter und unerwarteter Weise auf. Der Impetus trifft mit irritierender Geschwindigkeit nicht nur medizinische Ressourcen und behäbige Verwaltungsabläufe, sondern auch den gesamten Kulturbetrieb mit seinen engagiert vorbereiteten Premieren. Die Situation zwingt zur Suche nach Alternativen. Die Deutsche Staatsoper Berlin stand vor der Wahl, ihre lange angekündigte „Carmen“ entweder mit der Schliessungsvorgabe verpuffen zu lassen oder andere Wege der Veröffentlichung zu finden. Engagement und Erfindungsgabe eröffneten einen Ausweg, der in kaum 24 Stunden gebahnt wurde: Der Zuschauerraum bleibt leer, und Bühnenhandlung samt Orchesterstimmen kommen als Livestream mit technischer Unterstützung des Rundfunks Berlin- Brandenburg auf die Bildschirme der interessierten Öffentlichkeit. 

So kommt also nun eine illustre Barenboim-Premiere als zweidimensionale Dokumentation vor die Augen und Ohren der dezentralisierten Zuschauer. Kein Szenenbeifall, keine zustimmende oder ablehnende Publikumsreaktion liefert den Widerpart zum Bühnengeschehen. Gleichwohl kann man auf diese Weise visuell und akustisch einen Eindruck davon gewinnen, welche Vorzüge oder Defizite die Inszenierung von Martin Kušej offenbart. 

Das Bühnenbild kann ohne Übertreibung kärglich genannt werden. In ihm bewegen sich die handelnden Personen in farblich gut akzentuierten Kostümen vor uni-koloriertem Hintergrund. Die georgische Mezzosopranistin Anita  Rachvelishvili verkörpert die Titelrolle, in der Aufführungsgeschichte dieser Oper hundertfach in den verschiedensten Schattierungen dargeboten. Diesmal ist es eine Carmen von vergleichsweise wuchtiger Statur, deren Stimme gelegentlich ein massives Tremolo liefert, die aber auch grosse Zärtlichkeit sowie leidenschaftliche Expressivität zu vermitteln vermag. Ihr zur Seite als überwältigter Counterpart, der über Carmen seine Quasiverlobte Micaela ( mit schönem, kraftvollen Sopran: Christiane Karg) vergisst, der junge Michael Fabiano, der seinen warmgetönten Tenor nicht nur in der berühmten Blumenarie bewegend einzusetzen versteht. Der Stierkämpfer Escamillo ist, stimmlich etwas weniger eindrucksvoll, der Bariton Lucio Gallo, und das Ensemble ergänzen eine ganze Reihe gut besetzter weiterer Figuren aus der Soldaten- und Schmugglerszene. Am Pult der bestens disponierten Staatskapelle Berlin der unverändert vitale Daniel Barenboim, der mit Geschick bemüht ist, den Verlust an Atmosphäre durch den Fortfall des Publikums mit vermehrter Intensität auszugleichen. 

In Erinnerung bleibt eine Aufführung, der durch die Reduzierung auf die optakustische Wiedergabe ein entscheidendes Glanzlicht für das Erleben fehlte. Eher hatte man den Eindruck, einer Probe beizuwohnen. Insgesamt ein überraschend deutliches Plädoyer für die Erhaltung und Fortführung szenischer Opernaufführungen mit Publikum.