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Berliner Kulturnotizen aus  Theater,  Oper und Konzert

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 031820

Liebesspiel mit Hindernissen

"Schmetterlinge sind frei" per Livestream

aus dem Schloßpark Theater Berlin 

Die vom Coronavirus inszenierte Attacke auf den Kulturbetrieb hat gerade für die kleinen Häuser ziemlich ruinöse Folgen. Einige von ihnen haben sich dennoch dafür entschieden, zum Publikum hinzugehen, wenn das Publikum sie schon nicht besuchen darf. Das Transfermedium ist das Internet, die Aufführungsform der zeitgleiche Livestream. Beifall und Zwischenrufe entfallen zwar, aber jeder Theaterfan kann sich auf diese Weise immerhin einen  Eindruck von Charakter und Qualität einer Aufführung verschaffen. Bleibt nur die Hoffnung, dass auch Mittel und Wege gefunden werden, den Privattheatern den schmerzlichen Ausfall der Ticketeinnahmen zu entgelten. 

Das Stück stammt vom US-amerikanischen Autor Leonard Gershe, kam 1969 auf die Bühne und war 1972 unter dem Titel "Butterflies are free" die Vorlage für einen erfolgreichen Kinofilm mit Goldie Hawn, der zahlreiche Auszeichnungen bekam. Regisseurin am Schlosspark Theater ist Irene Christ.

Der junge Don Baker(Johannes Hallervorden) wagt einen mutigen Schritt und zieht von zu Hause aus. Sein Handikap: er ist blind, aber er macht kein Aufhebens von dieser Eigenschaft, die er mit Intelligenz, Geruchs- und Tastsinn sowie Hörvermögen kompensiert. Überdies kann er Gitarre spielen und verfügt über eine angenehme Songstimme. In seiner simpel möblierten Bude besucht ihn seine Nachbarin Jill Tanner (Helen Barke), ein recht aufgedrehtes Mädchen mit grossen Träumen von der eigenen Zukunft. Beide kreisen Im Dialog um ihre Situation, wobei die Wahrnehmungsdivergenzen zwischen Blinden und Sehenden einen roten Handlungsfaden liefern. 

Bis auf einmal die Mutter Frau Baker ( Julia Biedermann) in der Tür steht, mit Ironie geladen und berstend vor Energie, die beiden inzwischen verliebten jungen Leute auseinanderzubringen. Sie häuft Sarkasmen, Bosheiten und Anmassungen nach einem Don wohlbekannten Muster aufeinander. Der durchaus blitzende Dialog schlägt Funken und liefert ein amüsantes Feuerwerk kleiner zwischenmenschlicher Gemeinheiten. Aber die dominante Mutter gibt nicht nach und will ihren widerstrebenden Sohn zurück nach Hause holen. Das Vorhaben misslingt. 

Nun richtet Mutter ihre destruktiven Energien auf Jill von nebenan und versucht, ihr die ersehnte Karriere als Schauspielerin madig zu machen. Jetzt fliegen die Dialogfetzen zwischen der eifersüchtigen Mutter und der angehenden Geliebten des Sohnes. Vorhang.

Dann Mutter und Sohn wieder in der Bude mit Hochbett. Mutter gibt sich zum Schein nachgiebig und lobt das Talent ihres Sohnes als Songschreiber. Jill kehrt zurück, mit dem Regisseur  Ralph Austen( Fabian Stromberger) im Arm. Heftige Diskussion über ein Stück, in dem Jill eine Rolle spielen soll. Eine Tournüre der Drehbühne bringt Jills Nebenzimmer ins Spiel. 

Don begreift, dass ihm Jill zu entgleiten droht. In einem widerborstigen Wortgefecht erinnert die Mutter an Texte, die sie einstens verfasste, um die Emanzipation ihres Sohnes zu fördern. Jill will ausziehen, spendiert ein Abschluss-Statement über ihren Konnex mit Ralph. Aus dem finalen Gezänk entwickelt sich dann die abschliessende Kulmination: Don und Jill brauchen einander und wollen ihren weiteren Weg gemeinsam gehen. 

Ein grosses Kompliment verdient die Initiative, diese Aufführung per Livestream zu vermitteln. Da spielt es keine Rolle, dass die Farben des Bühnenbildes gelegentlich etwas schwach ausgeleuchtet sind und der Ton in Spitzenlautstärke nicht zu vernehmen ist. Auf jeden Fall lässt sich in Zeiten der erzwungenen Publikumsabstinenz kein besseres Bindeglied zu einem  liebgewordenen Theater finden als eine solche Livestream-Übertragung. 




031220
Corona macht‘s möglich

Premiere „Carmen“ ohne Publikum
in der Deutschen Staatsoper Berlin

Das „neue“ Virus aus der chinesischen Provinz mischt die Gewohnheiten der Europäer in gänzlich ungewohnter und unerwarteter Weise auf. Der Impetus trifft mit irritierender Geschwindigkeit nicht nur medizinische Ressourcen und behäbige Verwaltungsabläufe, sondern auch den gesamten Kulturbetrieb mit seinen engagiert vorbereiteten Premieren. Die Situation zwingt zur Suche nach Alternativen. Die Deutsche Staatsoper Berlin stand vor der Wahl, ihre lange angekündigte „Carmen“ entweder mit der Schliessungsvorgabe verpuffen zu lassen oder andere Wege der Veröffentlichung zu finden. Engagement und Erfindungsgabe eröffneten einen Ausweg, der in kaum 24 Stunden gebahnt wurde: Der Zuschauerraum bleibt leer, und Bühnenhandlung samt Orchesterstimmen kommen als Livestream mit technischer Unterstützung des Rundfunks Berlin- Brandenburg auf die Bildschirme der interessierten Öffentlichkeit. 

So kommt also nun eine illustre Barenboim-Premiere als zweidimensionale Dokumentation vor die Augen und Ohren der dezentralisierten Zuschauer. Kein Szenenbeifall, keine zustimmende oder ablehnende Publikumsreaktion liefert den Widerpart zum Bühnengeschehen. Gleichwohl kann man auf diese Weise visuell und akustisch einen Eindruck davon gewinnen, welche Vorzüge oder Defizite die Inszenierung von Martin Kušej offenbart. 

Das Bühnenbild kann ohne Übertreibung kärglich genannt werden. In ihm bewegen sich die handelnden Personen in farblich gut akzentuierten Kostümen vor uni-koloriertem Hintergrund. Die georgische Mezzosopranistin Anita  Rachvelishvili verkörpert die Titelrolle, in der Aufführungsgeschichte dieser Oper hundertfach in den verschiedensten Schattierungen dargeboten. Diesmal ist es eine Carmen von vergleichsweise wuchtiger Statur, deren Stimme gelegentlich ein massives Tremolo liefert, die aber auch grosse Zärtlichkeit sowie leidenschaftliche Expressivität zu vermitteln vermag. Ihr zur Seite als überwältigter Counterpart, der über Carmen seine Quasiverlobte Micaela ( mit schönem, kraftvollen Sopran: Christiane Karg) vergisst, der junge Michael Fabiano, der seinen warmgetönten Tenor nicht nur in der berühmten Blumenarie bewegend einzusetzen versteht. Der Stierkämpfer Escamillo ist, stimmlich etwas weniger eindrucksvoll, der Bariton Lucio Gallo, und das Ensemble ergänzen eine ganze Reihe gut besetzter weiterer Figuren aus der Soldaten- und Schmugglerszene. Am Pult der bestens disponierten Staatskapelle Berlin der unverändert vitale Daniel Barenboim, der mit Geschick bemüht ist, den Verlust an Atmosphäre durch den Fortfall des Publikums mit vermehrter Intensität auszugleichen. 

In Erinnerung bleibt eine Aufführung, der durch die Reduzierung auf die optakustische Wiedergabe ein entscheidendes Glanzlicht für das Erleben fehlte. Eher hatte man den Eindruck, einer Probe beizuwohnen. Insgesamt ein überraschend deutliches Plädoyer für die Erhaltung und Fortführung szenischer Opernaufführungen mit Publikum.