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Berliner Kulturnotizen aus  Theater,  Oper und Konzert

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082220

Eine ernüchternde Wette

Mozarts "Cosi fan tutte"

als Aufzeichnung von den Salzburger Festspielen 2020

Manchen gilt Mozarts "Cosi fan tutte", 1790 in Wien uraufgeführt, als musikalisch besonders gelungenes Glanzstück mit dem Libretto von Lorenzo Da Ponte. Die Salzburger Neuinszenierung von 2020 stammt von Christof Loy und hat die Handlung kaum merklich gestrafft, dabei aber die musikalischen Höhepunkte feinsinnig bewahrt.

Die Story ist vergleichsweise simpel. Guglielmo (Andrè Schuen) und Ferrando (Bogdan Volkov) schwören auf die Treue ihrer Verlobten, der Schwestern  Fiordiligi (Elsa Dreisig) und Dorabella (Marianne Crebassa). Don Alfonso (Johannes Martin Kränzle), ein lebenserfahrener Skeptiker, macht sich den Spass, mit den beiden männlichen Akteuren zu wetten, dass es  gelingen werde, die Treue der beiden Mädchen im Handumdrehen ins Wanken zu bringen.  Komplizin bei der Testreihe ist die Dienerin Despina (Lea Desandre), deren Neigung zur Mitwirkung schon mal durch einen Geldschein beflügelt wird. 

Nun entfaltet sich ein komödiantisches Kammerspiel vor einer weissen Wand (Bühnenbild Johannes Leiacker) mit zwei klassizistischen Türen, deren Flügel sich öffnen und schliessen lassen. Auf diesem Hintergrund wirken die schwarzen oder pointiert farbigen Kostüme der Akteure (Kostüme Barbara Drosihn) ungemein plastisch und einprägsam.

Jetzt folgt, in der Regie des Don Alfonso, die Probe aufs Exempel. Guglielmo und Ferrando, eben unter Seufzern ihrer Geliebten vermeintlich  zu Schiff in den Krieg gezogen, kehren in abenteuerlich bunter Verkleidung als fremdländische Adlige zurück und machen nun über Kreuz der jeweils anderen Dame den Hof. Als sie wider Erwarten zunächst abgewiesen werden, täuschen beide einen Selbstmord durch Gift vor und werden dann von Despina mit Hilfe eines gewichtigen Magnetsteins ins Leben zurückgerufen. Im weiteren Verlauf gibts einen Ehevertrag von Fiordiligi und Ferrando sowie Dorabella und Guglielmo, jeweils quasi über Kreuz. Dann kehren die beiden in den Krieg Gezogenen unter ihren echten Namen zurück und schließen ihre beiden Frauen in die Arme, Ferrando seine Dorabella und Guglielmo Fiordiligi. Bleibt nur der unterzeichnete Ehevertrag mit der jeweils anderen, von Don Alfonso listig ins Spiel gebracht. Eifersuchtsszene, allgemeine Zerknirschung, dann das mozart-typische versöhnliche Finale: Glücklich sei der Mensch, der alles nur von der besten Seite nimmt, über die Wechselfälle des Lebens lacht und die Ruhe bewahrt.

Musikalisch wie stimmlich ist die Aufführung ein einziger Hochgenuß. Das gilt sowohl für die Harmonie der beiden Frauenstimmen von Fiordiligi und Dorabella wie für den klangschönen Tenor von Bogdan Volkov  und den kraftvollen Bariton von Andrè Schuen. Ein Sonderlob verdient die agile, stimmlich wunderbar präsente Despina von Lea Desandre. Dirigentin Joana Mallwitz entlockt den Wiener Philharmonikern mit geschmeidiger Zeichengebung einen warmgetönten Mozart-Sound vom Feinsten. Insgesamt ein weiterer Pluspunkt  zum 100jährigen Bestehen der Salzburger Festspiele, bis 31.10.2020 abrufbar in der Mediathek von Arte concert. 



081620

Triumphale Dramatik


Richard Strauss‘ „ Elektra“

von den Salzburger Festspielen 2020

auf 3 Sat

Ein Lichtblick in der pandemisch ausgedörrten Kulturszene: die Eröffnungsvorstellung der diesjährigen Salzburger Festspiele, als Aufzeichnung wiedergegeben auf 3Sat. Richard Strauss' "Elektra", dieser Geniestreich auf ein Libretto von Hugo von Hofmannsthal nach Sophokles, uraufgeführt 1909 in Dresden, diesmal inszeniert von Krzysztof Warlikowski.  Franz Welser-Möst leitete die Wiener Philharmoniker.

Warlikowsky huldigt dem zeitgemäßen Regieprinzip, zusätzliche Verständnishilfen für ein nicht mehr ganz so imaginationsstarkes Publikum anzubieten. So schickt er  Klytemnästra (Tanja Ariane Baumgartner) schon vor dem ersten Orchestereinsatz auf die Szene, um in emphatischer Rede den Mord an ihrem Gatten Agamemnon zu bekennen und zu interpretieren. Aber dann setzt doch noch die Handlung ein, wie man sie kennt, und die Mägde werfen sich Statements über Elektras Seltsamkeiten wie Bälle zu.

Dann Elektras (Ausrine Stundyte) erster großer Monolog "Allein, ganz allein", der ihre psychologische Situation ausleuchtet und die Erinnerung an den Vater heraufbeschwört. Ein erster Eindruck von der Singstimme: ein unüberhörbares Vibrato in der Höhe, aber volle Tonpräsenz, auch in den Tiefen. Die Regie läßt Agamemnon stumm als blutende Schattengestalt einen Wassergraben durchschreiten. Elektra deutet einen ersten Triumphtanz an, ganz selbstgewiß, und da überrascht auch der Griff zur Zigarette nicht sonderlich, wohl ein Emanzipationssymbol.

Chrysothemis tritt auf (Asmik Grigorian), einmal nicht mollig-mütterlich, trotz der im Text festgehaltenen Sehnsucht nach Ehemann und Kindern. Diesmal ist sie einfach ein schlankes junges Mädchen, ebenfalls mit dem Hang zur Zigarette, und ihrer Schwester stimmlich absolut ebenbürtig, wenn nicht sogar überlegen. Dialog der Antagonismen. Beide stehen unter dem gleichen psychologischen Druck in diesem Mörderhaus, aber sie reagieren unterschiedlich darauf. Ein gequältes Duo: die eine will leben, die andere lieber sterben, als diese Situation endlos fortzuschreiben.

Nun kommt Mutter Klytemnästra ins Spiel. Nicht als Paraderolle für gealterte Sopranistinnen, sondern als attraktive Frau in den besten Jahren. So fehlt der Rolle zwar ein Schuss Dämonie, aber ihre erotische Rolle wird glaubwürdiger. Sie trifft auf Elektra in dem krampfhaften Bedürfnis, sich ihrer Tochter endlich einmal zu offenbaren. Die heuchelt zunächst Verständnis, und Klytemnästra berichtet von nächtlichen Alpträumen. Man kann miterleben, wie der lähmende Dämon schrittweise von ihr Besitz ergreift. Und die durchtriebene Tochter nennt mit scheinheiligem Mitgefühl ein Heilmittel, das in Wahrheit den Schandtaten der Mutter die Krone aufsetzt: die Ermordung der Mutter durch den heimkehrenden Bruder. 

Zunächst aber gibt es lügenhafte Informationen über den Verbleib von Orest (Derek Welton). Dann kommt sogar die Nachricht vom angeblichen Tod des Orest, die Klytemnästra frohlocken läßt und Elektra in die totale Hoffnungslosigkeit stürzt. Nun will sie den Rachemord an der Mutter und ihrem Galan Ägisth selbst übernehmen und wirbt mit Hingabe um die Mitwirkung ihrer Schwester, die aber ablehnt. In tiefster Depression :"Nun denn, allein" mit einem heimlich versteckten Beil.

Ein Fremder kommt herein, erkennt Elektra: "Du musst verwandtes Blut zu denen sein, die starben". Er flüstert: "Orestes lebt". Die unvergleichliche Szene des gegenseitigen Erkennens: überwältigend, beide zutiefst ergriffen. Dann schreitet Orest zur Tat. Ruhelose Figuren in den Streichern, dann Licht aus, Schreie, Blut tropft vom Proszenium. 

Ägisth kehrt heim und flucht über den Ungehorsam des Volkes. Elektra weist ihm mit gleisnerischer Liebenswürdigkeit den Weg. Ägisth geht in die Falle und wird getötet. Auch Chrysothemis kommt mit blutverschmiertem Messer aus dem Haus: sie hat sich, vom Beispiel des Bruders beflügelt, dem verheerenden Racheakt angeschlossen. Elektra kostet ihren Triumph in übersteigerter Raserei aus und stürzt nach ihrem Tanz tot zu Boden.

Insgesamt eine überaus eindrucksvolle, überzeugend besetzte Aufführung, die den ganzen Umfang dieses Psychodramas zutreffend abbildete. Franz Welser-Möst hatte mit den Wiener Philharmonikern ein erfahrenes, exzellent brillierendes Strauss-Orchester vor sich, das dem Bühnengeschehen ein farbenreiches Fundament gab. 



072920

Die Dämonie der Pandemie

Was uns da im Frühjahr 2020 überfallen hat, entwickelt nachgerade eine dämonische Kraft der Verwandlung. Wir wissen nicht, wann und auf welcher Stufe die Invasion enden wird. Bis dahin leben wir täglich unter Bedingungen, die für uns neu sind und die uns den Zugang zum Gewohnten massiv verwehren. 

Was einst gesellschaftliche Realität war und felsenfest gesichert erschien, ist mittlerweile aus den Angeln gehoben und auf unabsehbare Zeit unerreichbar. Eine der markantesten Auswirkungen der Pandemie ist der Abstandszwang mit seinen Auswirkungen. Eine der elementarsten Verhaltensweisen des Menschen, aufeinander zuzugehen und sich impulsiv zu umarmen, ist eliminiert. Theater und Konzerte zu besuchen und einen begrenzten Zuschauerraum in lustvoll erlebter Enge zu füllen, bleibt uns versagt. Was das Publikum quält, wird für die Veranstalter zur Existenzfrage: es ist kaum möglich, mit den zugelassenen Zuschauerzahlen kostendeckende Einnahmen zu erzielen. So wird eine noch ungenannte Anzahl von Veranstaltern zur Aufgabe gezwungen, und manche Formen zwangloser oder ritualisierter Geselligkeit mit mehr oder weniger hohem kulturellen Anspruch werden auf der Strecke bleiben, ganz leise und zunächst unbemerkt verschwinden.Keiner gesellschaftlich wirksamen Kraft hätten wir sehenden Auges eine derart brutal verändernde Gewalt zugestanden. Aber die Veränderung kam über Nacht, und niemand wurde nach seinem Einverständnis gefragt. Das ist die Dämonie der Pandemie.

 

042320

Ein erstaunlicher Film 

"Der Klavierspieler vom Gare du Nord" ("Au bout des doigts")

von Ludovic Bernard über Prime Video

Diese Coronazeit ist wie geschaffen dafür, sich über Mediatheken oder Streamingdienste Filme anzusehen, die bisher immer links von der Achtsamkeit liegen geblieben waren. So suchte ich gestern bei Prime Video nach einem ganz anderen Titel, in dem auch ein Pianist im Mittelpunkt stand, und geriet ganz zufällig an diesen Film von Ludovic Bernard. Der Film ist relativ neu, erst im Juni des Vorjahres in Deutschland angelaufen. Um Vorinformationen hatte ich mich nicht gekümmert, war also offen für alle Eindrücke, die auf mich zukommen würden.

Und in einer ganz lapidaren, gelassenen Erzählweise passieren da Dinge, die mich ansprechen, fesseln und zunehmend gefangen nehmen. Im Pariser Gard du Nord, einer vor quirligem Leben nahezu berstenden Bahnstation, steht am Rande der Besucherströme ein Klavier zur allfälligen Benutzung für jeden, der mag. Ein junger Mann namens Mathieu Malinski (Jules Benchetrit) setzt sich an das Instrument und spielt mit frappierender Geläufigkeit Bach. Polizisten werden auf ihn aufmerksam und hetzen den sofort Fliehenden über Gänge und Rolltreppen bis zu einem Bahnsteig, wo er sie geschickt abschütteln kann. Mathieu ist kein unbeschriebenes Blatt, sondern hat sich mit Kumpels bei Einbrüchen hervorgetan - daher das Interesse der Ordnungshüter. 

Belauscht hat den jungen Klavierspieler aber auch Pierre, Leiter einer Klavierklasse am Pariser Konservatorium (Lambert Wilson), der spontan vom Vortragsstil des Mathieu fasziniert ist, der ihn ein paar Tage später erneut im Bahnhof hört, ihn anspricht und seine Visitenkarte mit der Bitte aushändigt, ihn zurückzurufen. Inzwischen ist dann Mathieu aufgrund seiner Delikte zu einer Jugendstrafe verurteilt worden, die ihn zu Putzarbeiten ausgerechnet im Foyer des Konservatoriums verpflichtet, wo Pierre lehrt. Er macht ein Date mit Mathieu am Steinway-Flügel des großen Konzertsaals der Musikhochschule. In Rückblenden erfährt der Zuschauer, woher Mathieus bereits hochgradiges Können stammt: ein greiser Nachbar hatte ihm jahrelang kostenlos Klavierunterricht gegeben und dabei das Gespür für das Zusammenwirken von Virtuosität und Gefühl beim Interpretieren in ihm geweckt. 

Pierre ist insgeheim vom exorbitanten Talent seines Kandidaten fasziniert. Inwieweit sich in diese beinahe erotische Beziehung Erinnerungen an seinen eigenen Sohn einmischen, der 15jährig an Leukämie verstorben war, bleibt unaufdringlich in der Schwebe. Nun beginnt ein spannungsreiches Tauziehen zwischen dem ambitionierten Lehrer, der seinen Schützling zu einem weltweit beachteten Klavierwettbewerb anmelden will, und dem jungen Mathieu, der aus den Zwängen des Übungsbetriebs immer wieder auszubrechen versucht. Zum Glück lernt er eine ebenfalls junge dunkelhäutige Cellistin kennen, und aus dieser mal gut, mal weniger gut funktionierenden Beziehung erwächst ihm Unterstützung immer dann, wenn er aus Frust den ganzen Kram am liebsten hinschmeißen möchte. 

Die gestrenge Impulsgeberin, die diesen ungeschliffenen Edelstein Mathieu nun zu einem Brillanten am Klavier formen will, ist "die Gräfin" (Kristin Scott Thomas), anfangs distanziert kritisch und eher biestig im Ton, aber sie wird mit der Zeit gleichfalls zur Bewunderin von Mathieus Talent und zur engagierten Verfechterin seiner Nominierung für den Wettbewerb.

Ausgerechnet unmittelbar vor dem großen Tag überfallen Mathieu wieder Zweifel an seiner Erstklassigkeit, und er will dem Wettbewerb ausweichen. Diesmal versteht es  seine Mutter, diese letzte Bremse vor dem finalen Erfolg zu lösen, und Mathieu stürmt in den Wettbewerbssaal, wo er in letzter Minute und etwas außer Atem eintrifft. Setzt sich an den Flügel, spielt den ersten Satz aus Rachmaninows Zweitem Klavierkonzert und siegt mit Bravour über seine Konkurrenz. Die Schlußeinstellung zeigt, wie er ein paar Monate später das Konzertpodium im New Yorker Lincoln Center betritt. 

Natürlich ist das alles eher ein Märchen als ein alltäglicher Regelfall. Aber die konsequente Erzählweise, die einfach nur aneinanderreiht, statt modische Komplikationen à la Hollywood hinzuzufügen, gewinnt Sympathie, die sich immer weiter steigert.

Mitzuerleben, wie sich das Talent dieses jungen Pianisten allen Schwierigkeiten und Rückschlägen zum Trotz durchsetzt, einfach weil es das verdient, ist gerade in schwierigen Coronazeiten eine höchst positive Erfahrung. 


041420

Kulturdämmerung


Gedanken zur Total-Resektion des Kulturbetriebs

aus Anlaß der Corona-Pandemie


Der Vorgang ist ungeheuerlich und zumindest in diesem Jahrhundert hierzulande ohne Beispiel: In Umsetzung der Kontaktverbote zur Ausbreitungsdämpfung des Corona-Virus ordnete die oberste Regierungsinstanz die Schliessung aller Institute an, die üblicherweise Menschenansammlungen verursachen und bei denen der geforderte Mindestabstand von Mensch zu Mensch nicht eingehalten werden kann. Auf der Strecke bleiben kleine und große Theater, Opernhäuser und Konzertsäle. Dergleichen kannte man allenfalls aus dem Jahre 1944, als Reichsminister Dr. Goebbels im Zuge des "totalen Krieges" sämtliche "Vergnügungsstätten" schließen ließ. 

Das Diktat ist folgenreich. Mit den Aufführungsstätten sind auch alle betroffen, die dort für gewöhnlich auftreten: Schauspieler, Musiker, Mimen und Pantomimen, alle, die von Auftritten leben und nun keine Einnahmen mehr haben, und nicht zuletzt die Veranstaltungsorte selbst, deren Budget nun auf lebensgefährliche Weise ausgezehrt wird. 

Ein kleines, zeittypisches Hoffnungsfenster öffnet sich durch Internet-Kommunikationstechnik. Theater und Musikveranstalter bieten Mitschnitte oder Live-Übertragungen von Schauspiel-, Opern-und Musikbühnen. die mindestens das Interesse des Publikums wachhalten können und das Bewußtsein schärfen für die Tragweite dieses gewaltsam erzwungenen Kulturverzichts.  Freilich sind das nur Zeichen für den Überlebenswillen der künstlerischen Kreativität. Zur wirtschaftlichen Stabilisierung tragen sie nur dann bei, wenn es gelingt, die Livestreams mit effizienter Spendengenerierung zu verbinden.

Das vielleicht Wichtigste ist aber das fundamentale Mangelempfinden, das den Kulturkonsumenten  in diesen Wochen überfällt. Was bleibt übrig von der Welt, in der es sich zu leben lohnt, wenn Musik und Theater entfallen ?  Welche Ideen bleiben, wenn der beflügelnde Impuls der schönen Künste ersatzlos verschwindet ? Das Erbe aus jahrhundertelanger künstlerischer Schöpferkraft kann auf einmal nicht mehr genutzt werden, um den heute Lebenden geeignete Wege zu weisen. Es gibt Menschen, für die  das Erleben kultureller Ereignisse den entscheidenden Lebensinhalt bildet. Hier bedeutet die Amputation nicht nur eine Verarmung, sondern einen ganz erheblichen Verlust von Lebensenergie. 

Bleibt nur die Hoffnung auf die Zeit, die alles verwandelt. Bald, aber nicht zu früh soll bitte alles wieder so sein wie vor der Corona-Invasion. Eine Welt mit gesteigertem Bewusstsein wird es dankbar registrieren.



 031820

Liebesspiel mit Hindernissen

"Schmetterlinge sind frei" per Livestream

aus dem Schloßpark Theater Berlin 

Die vom Coronavirus inszenierte Attacke auf den Kulturbetrieb hat gerade für die kleinen Häuser ziemlich ruinöse Folgen. Einige von ihnen haben sich dennoch dafür entschieden, zum Publikum hinzugehen, wenn das Publikum sie schon nicht besuchen darf. Das Transfermedium ist das Internet, die Aufführungsform der zeitgleiche Livestream. Beifall und Zwischenrufe entfallen zwar, aber jeder Theaterfan kann sich auf diese Weise immerhin einen  Eindruck von Charakter und Qualität einer Aufführung verschaffen. Bleibt nur die Hoffnung, dass auch Mittel und Wege gefunden werden, den Privattheatern den schmerzlichen Ausfall der Ticketeinnahmen zu entgelten. 

Das Stück stammt vom US-amerikanischen Autor Leonard Gershe, kam 1969 auf die Bühne und war 1972 unter dem Titel "Butterflies are free" die Vorlage für einen erfolgreichen Kinofilm mit Goldie Hawn, der zahlreiche Auszeichnungen bekam. Regisseurin am Schlosspark Theater ist Irene Christ.

Der junge Don Baker(Johannes Hallervorden) wagt einen mutigen Schritt und zieht von zu Hause aus. Sein Handikap: er ist blind, aber er macht kein Aufhebens von dieser Eigenschaft, die er mit Intelligenz, Geruchs- und Tastsinn sowie Hörvermögen kompensiert. Überdies kann er Gitarre spielen und verfügt über eine angenehme Songstimme. In seiner simpel möblierten Bude besucht ihn seine Nachbarin Jill Tanner (Helen Barke), ein recht aufgedrehtes Mädchen mit grossen Träumen von der eigenen Zukunft. Beide kreisen Im Dialog um ihre Situation, wobei die Wahrnehmungsdivergenzen zwischen Blinden und Sehenden einen roten Handlungsfaden liefern. 

Bis auf einmal die Mutter Frau Baker ( Julia Biedermann) in der Tür steht, mit Ironie geladen und berstend vor Energie, die beiden inzwischen verliebten jungen Leute auseinanderzubringen. Sie häuft Sarkasmen, Bosheiten und Anmassungen nach einem Don wohlbekannten Muster aufeinander. Der durchaus blitzende Dialog schlägt Funken und liefert ein amüsantes Feuerwerk kleiner zwischenmenschlicher Gemeinheiten. Aber die dominante Mutter gibt nicht nach und will ihren widerstrebenden Sohn zurück nach Hause holen. Das Vorhaben misslingt. 

Nun richtet Mutter ihre destruktiven Energien auf Jill von nebenan und versucht, ihr die ersehnte Karriere als Schauspielerin madig zu machen. Jetzt fliegen die Dialogfetzen zwischen der eifersüchtigen Mutter und der angehenden Geliebten des Sohnes. Vorhang.

Dann Mutter und Sohn wieder in der Bude mit Hochbett. Mutter gibt sich zum Schein nachgiebig und lobt das Talent ihres Sohnes als Songschreiber. Jill kehrt zurück, mit dem Regisseur  Ralph Austen( Fabian Stromberger) im Arm. Heftige Diskussion über ein Stück, in dem Jill eine Rolle spielen soll. Eine Tournüre der Drehbühne bringt Jills Nebenzimmer ins Spiel. 

Don begreift, dass ihm Jill zu entgleiten droht. In einem widerborstigen Wortgefecht erinnert die Mutter an Texte, die sie einstens verfasste, um die Emanzipation ihres Sohnes zu fördern. Jill will ausziehen, spendiert ein Abschluss-Statement über ihren Konnex mit Ralph. Aus dem finalen Gezänk entwickelt sich dann die abschliessende Kulmination: Don und Jill brauchen einander und wollen ihren weiteren Weg gemeinsam gehen. 

Ein grosses Kompliment verdient die Initiative, diese Aufführung per Livestream zu vermitteln. Da spielt es keine Rolle, dass die Farben des Bühnenbildes gelegentlich etwas schwach ausgeleuchtet sind und der Ton in Spitzenlautstärke nicht zu vernehmen ist. Auf jeden Fall lässt sich in Zeiten der erzwungenen Publikumsabstinenz kein besseres Bindeglied zu einem  liebgewordenen Theater finden als eine solche Livestream-Übertragung. 




031220
Corona macht‘s möglich

Premiere „Carmen“ ohne Publikum
in der Deutschen Staatsoper Berlin

Das „neue“ Virus aus der chinesischen Provinz mischt die Gewohnheiten der Europäer in gänzlich ungewohnter und unerwarteter Weise auf. Der Impetus trifft mit irritierender Geschwindigkeit nicht nur medizinische Ressourcen und behäbige Verwaltungsabläufe, sondern auch den gesamten Kulturbetrieb mit seinen engagiert vorbereiteten Premieren. Die Situation zwingt zur Suche nach Alternativen. Die Deutsche Staatsoper Berlin stand vor der Wahl, ihre lange angekündigte „Carmen“ entweder mit der Schliessungsvorgabe verpuffen zu lassen oder andere Wege der Veröffentlichung zu finden. Engagement und Erfindungsgabe eröffneten einen Ausweg, der in kaum 24 Stunden gebahnt wurde: Der Zuschauerraum bleibt leer, und Bühnenhandlung samt Orchesterstimmen kommen als Livestream mit technischer Unterstützung des Rundfunks Berlin- Brandenburg auf die Bildschirme der interessierten Öffentlichkeit. 

So kommt also nun eine illustre Barenboim-Premiere als zweidimensionale Dokumentation vor die Augen und Ohren der dezentralisierten Zuschauer. Kein Szenenbeifall, keine zustimmende oder ablehnende Publikumsreaktion liefert den Widerpart zum Bühnengeschehen. Gleichwohl kann man auf diese Weise visuell und akustisch einen Eindruck davon gewinnen, welche Vorzüge oder Defizite die Inszenierung von Martin Kušej offenbart. 

Das Bühnenbild kann ohne Übertreibung kärglich genannt werden. In ihm bewegen sich die handelnden Personen in farblich gut akzentuierten Kostümen vor uni-koloriertem Hintergrund. Die georgische Mezzosopranistin Anita  Rachvelishvili verkörpert die Titelrolle, in der Aufführungsgeschichte dieser Oper hundertfach in den verschiedensten Schattierungen dargeboten. Diesmal ist es eine Carmen von vergleichsweise wuchtiger Statur, deren Stimme gelegentlich ein massives Tremolo liefert, die aber auch grosse Zärtlichkeit sowie leidenschaftliche Expressivität zu vermitteln vermag. Ihr zur Seite als überwältigter Counterpart, der über Carmen seine Quasiverlobte Micaela ( mit schönem, kraftvollen Sopran: Christiane Karg) vergisst, der junge Michael Fabiano, der seinen warmgetönten Tenor nicht nur in der berühmten Blumenarie bewegend einzusetzen versteht. Der Stierkämpfer Escamillo ist, stimmlich etwas weniger eindrucksvoll, der Bariton Lucio Gallo, und das Ensemble ergänzen eine ganze Reihe gut besetzter weiterer Figuren aus der Soldaten- und Schmugglerszene. Am Pult der bestens disponierten Staatskapelle Berlin der unverändert vitale Daniel Barenboim, der mit Geschick bemüht ist, den Verlust an Atmosphäre durch den Fortfall des Publikums mit vermehrter Intensität auszugleichen. 

In Erinnerung bleibt eine Aufführung, der durch die Reduzierung auf die optakustische Wiedergabe ein entscheidendes Glanzlicht für das Erleben fehlte. Eher hatte man den Eindruck, einer Probe beizuwohnen. Insgesamt ein überraschend deutliches Plädoyer für die Erhaltung und Fortführung szenischer Opernaufführungen mit Publikum.