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Berliner Kulturnotizen aus  Theater,  Oper und Konzert

 
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Festlicher Pomp zum Totengedenken

Verdis "Requiem" unter Roberto Abbado
aus Parma über Opera Vision

Unter dem Eindruck des Ablebens von Rossini und des führenden italienischen Schriftstellers Alessandro Manzoni komponierte Giuseppe Verdi sein "Requiem", das am ersten Todestag Manzonis 1874 in der Mailänder Kirche San Marco uraufgeführt wurde.
Die jetzt verbreitete Aufzeichnung stammt vom 18.09.2020. Roberto Abbado, der Neffe des langjährigen Chefs der Berliner Philharmoniker, dirigierte das Werk beim Festival Verdi in Parma. Es spielt die Filarmonica Arturo Toscanini, es singt der Chor des Teatro Regio di Parma. Die Solisten sind Eleonora Buratto (Sopran), Anita Rachvelishveli (Mezzosopran), Giorgio Berrugi (Tenor) und Roberto Tagliavini (Bass).

Die Aufzeichnung ist bis zum 23.06.2024 in der Opera Vision-Mediathek abrufbar.

Der Requiem-Text entspricht im Wesentlichen der römisch-katholischen Liturgie des Totengottesdienstes. Das Motiv des "Dies irae" (Tag des Zornes), Symbol der Abrechnung mit allen menschlichen Verfehlungen, kehrt im Textverlauf viermal wieder. Daraus läßt sich schließen, dass Verdi dieser Aspekt des Requiems mit der Anrufung Gottes besonders am Herzen lag.

Der Introitus gibt zum Auftakt gewissermaßen die Stimmung vor. Eine Verbeugung vor Gott, eine erste Huldigung, darauf  das groß aufblendende "Kyrie" für Soli und Chor.

Dann die neun Abschnitte umfassende Sequenz , bereits unter dem Titel "Dies irae". Der Chor leitet die Folge ein. Die furchterregenden Schrecken des letzten Gerichtstages werden mit Pauken und Trompeten heraufbeschworen. Dann die wundersame Posaune "tuba mirum", deren vielfach verstärkter Klang jedes andere Geräusch ersterben lässt. Die Natur, ja selbst  der Tod hält den Atem an. Der Bassist teilt sich den Effekt mit dem Chor.

Dann wird die Kamera näher auf die Gerichtsszene gelenkt. Ein "liber scriptus" wird nach vorn getragen, in dem alle Geschehnisse verzeichnet sind. Diesmal ist der Mezzo hier der Wortführer, der Chor pflichtet bei. Alles Verborgene wird jetzt sichtbar.

"Was soll ich armer Mensch nun sagen ?" fragen sich Sopran, Mezzo und Tenor. Am besten, man wirft sich zu Boden und anerkennt den göttlichen Richter in seiner furchterregenden Majestät - er möge den Angeklagten retten. Die Stimmen der Hoffenden verbinden sich. Der Mensch geht in sich und appelliert an des Richters Gerechtigkeitssinn.

Je verfahrener die Situation, desto dringender ist eine Fürsprache vonnöten, die göttliches Wohlwollen auslösen könnte. Schliesslich hat diese höchste Instanz auch Maria von jeder Schuld freigesprochen. Mögest Du meine Gebete nicht gering achten. Der Tenor hat das flehende Wort, und der Zerknirschung ist kein Ende. Der Bassist möge mit den Gerechten gerufen werden und zur Rechten Gottes sitzen dürfen.

Tag der Tränen, nur die Anrufung Jesu mag vielleicht helfen, appellieren die Solisten.

Nun das "Offertorium": die Opfergaben werden beschrieben und dargebracht, und der Höchste Richter wird an die Versprechungen erinnert, die er einst dem Abraham gegeben hatte.

Dann das "Sanctus": die bedingungslose Unterwerfung ohne Wenn und Aber unter die absolute Heiligkeit. Dem Lamm Gottes wird gehuldigt, und die Gemeinsamkeit wird beschworen, der das ewige Licht leuchten möge.

Zum Finale noch einmal eine dreifache Beschwörung: die flehentliche Bitte um Befreiung von der Schuld, der vierte Hinweis auf den Tag des Gerichts. Ein letzter Appell an die Gnade des höchsten Richters, Sopran und Chor, beendet die Totenmesse.

Gesamteindruck: Verdis Requiem ist und bleibt in der geistlichen Musik ein Eckstein  der glaubensstarken Gottesfurcht. In der vorliegenden Aufnahme brillieren vor allem die Solisten, und das von Roberto Abbado dirigierte monumentale Klangbild festigt den Eindruck, es hier mit einer der nachdrücklichsten Umsetzungen der klassischen Totenmesse zu tun zu haben. Wenn unter den Solisten eine Siegespalme verliehen werden sollte, würde ich mich für die Sopranistin Eleanora Buratto entscheiden, wobei das Solistenquartett insgesamt gut besetzt war.










Fast eine Neuentdeckung
Franz Schrekers "Der singende Teufel"
aus dem Theater Bonn über Opera Vision

Die Oper des österreichischen Komponisten wurde 1928 unter Erich Kleiber in Berlin uraufgeführt.
Die Aufnahme stammt vom 19.05. 2023 und ist bis 17.09.2024 auf der Opera Vision Mediathek abrufbar.
Dirk Kaftan leitet das Beethoven Orchester Bonn.

1.Akt: Amandus Herz (Mirko Roschkowski) hat eine kleine Orgel gebaut. Pater Kaleidos (Tobias Schabel) plädiert dafür, dass Amandus die von seinem Vater begonnene Riesenorgel vollendet. Amandus erbittet Bedenkzeit, als er erfährt, dass der Vater durch Wahnsinn und Feuertod an der Fertigstellung gehindert wurde.
Höhle der Alardis(Dshalmilja Kaiser) : Die Heiden suchen die schönste Jungfrau für das Frühlingslehen: Lilian (Anne-Fleur Werner) soll sich demjenigen hingeben, der als Anführer gegen die Pfaffen zieht.
In der Nacht bemüht sich Lilian vergeblich, Amandus als Anführer der Heiden zu gewinnen.

2. Akt: Gewölbe im Kloster mit der einstigen Werkstatt von Amandus' Vater. Amandus ist geplagt von der mühseligen Arbeit an der Riesenorgel und folgt der Aufforderung von Kaleidos nicht. Als draussen die Klänge des Todesaustragens zu hören sind, stürzt er dem heidnischen Zug hinterher.
Mondnacht am Waldrand: Auf dem Sonnwendfest bekennt sich Aladis zu einer Naturreligion und verhöhnt die Pfaffen. Amandus will Lilian wegführen, das Volk verspottet ihn. Im Zweikampf überwältigt ihn Ritter Sinbrad (Pavel Kudinov) , lässt ihn fesseln und verschleppt Lilian. Als Kaleidos ihn findet, führt der ihn zurück in den Frieden des Klosters.

3. Akt: Amandus hat als Mönch die Orgel vollendet. Kaleidos fordert aber von ihm, dass die neue Orgel den Kriegsruf Gottes  in die Ohren der brandschatzenden Heiden schleudert.
Im Klostergarten warnt Lilian den Amandus vor den Heiden. Der ruft die Mönche zusammen.

4. Akt: Die Auseinandersetzung um die Frage, ob es einen Gott gibt, treibt dem Höhepunkt zu. Lilian hat das Kloster in Brand gesteckt. Später tritt sie dem Amandus geläutert entgegen in dem Bewusstsein, ihn von seinen Zwangsvorstellungen befreit zu haben, und entfernt sich aus der Szene.

Gesamteindruck: Ungeachtet eindrucksvoller choreografischer und gesanglicher Leistungen haftet dieser Geschichte vom orgelbauenden Mönch zwischen den Fronten einer geistigen Auseinandersetzung zwischen klösterlichen und heidnischen Elementen eine gewisse Sprödigkeit an, die eine wirklich fesselnde Identifikation mit den Geschehnissen auf der Bühne verhindert. Ausserdem schien mir die mitgelieferte Handlungsbescheibung nur eine äusserst vage Verknüpfung mit dem Bühnengeschehen zu haben. Das ändert nichts daran, dass einzelne Szenen durchaus fesselnde Faszination entwickeln, unterstützt von einer Musik, die stilistisch am Rand der Spätromantik angesiedelt ist.

Seltsamerweise begegnet man auch den in der Handlungsbeschreibung immer wieder beschworenen zauberhaft zarten Orgelklängen in der musikalischen Gestalt des Werkes nicht. Was bleibt, ist die bewundernswerte Intensität, mit der das Regieteam (Julia Burbach) sich der Aufgabe angenommen hat, der Handlung Plausibilität und szenische Gestalt zu geben.



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Liebe im Schatten der Revolution
Umberto Giordanos "Andrea Chénier"
im Livestream aus Bologna über Opera Vision

Das Liebesdrama aus der Französischen Revolution wurde 1896 an der Mailänder Scala uraufgeführt. Das Libretto stammt von Luigi Illica, der später als Puccini-Librettist zahlreiche Erfolge feierte.

Die Neuinszenierung am Teatro Comunale di Bologna stammt von Pier Francesco Maestrini. Die Aufzeichnung erfolgte am 01.10. 2022 und ist bis 12.07.2024 bei Opera Vision abrufbar.

Die ukrainische Musikdirektorin Oksana Lyniv leitet das Teatro Comunale di Bologna Orchestra.

1.Akt: Ein Ball im Hause der Gräfin von Coigny (Federica Giansanti). Carlo Gérard (Roberto Frontali) äussert als Bediensteter unverhohlen seine Abneigung gegen die Aristokratie und prophezeit den Untergang der herrschenden Klasse. Die Gräfin inspiziert den Ballsaal in Begleitung ihrer Tochter Maddalena ( Erika Grimaldi). Die Gäste treffen ein, darunter der Schriftsteller Fléville ( Stefano Marchisio) und sein Freund, der Dichter Andrea Chénier (Gregory Kunde). Ein Abt (Orlando Polidoro) bringt beunruhigende Nachrichten direkt aus Paris. Als Intermezzo ein kurzes Hirtenspiel von Fléville. Die Gräfin bittet auch Chénier, einen eigenen Text vorzutragen, was dieser anfangs ablehnt und erst nach Verspottung durch Maddalena einlenkt. Er trägt etwas vor, das mit romantischen Tönen beginnt und rasch in einer Parabel gegen die Tyrannei endet. Zwar sind die anwesenden Aristokraten empört, aber Maddalena ist offenbar nachhaltig beeindruckt. Man tanzt die Gavotte, als auf einmal eine Schar hungriger Menschen ins Haus stürmt, die Gérard hereingelassen hat, die er aber auf Geheiss der Gräfin gleich wieder hinauswerfen muss und zusammen mit ihnen das Haus und den gräflichen Dienst verlässt.

2. Akt: Paris 1794 unter der Schreckensherrschaft von Robespierre. Maddalena und ihr Dienstmädchen Bersi (Cristina Melis) sind in der Hauptstadt  angekommen, wo Bersi als Kurtisane ihren Lebensunterhalt verdient. Schmissige Revolutionssongs erklingen. Chénier und sein Freund Roucher (Vittorio Vitelli) tauschen Informationen aus. Roucher will Chénier veranlassen, aus Paris zu fliehen, aber der sucht nach der Autorin geheimnisvoller Briefe, die Roucher für eine Person mit lockerer Moral hält. Gérard, inzwischen ein Revolutionsführer, beauftragt einen Spitzel, Maddalena für Chénier zu finden. Maddalena erscheint, als Dienstmädchen verkleidet. Beide gestehen sich ihre Liebe. Der Spitzel und Gérard verhaften das Liebespaar, ehe ein Fluchtversuch gelingen kann. Chénier duelliert sich mit Gérard, der verwundet wird und der ihn zur Flucht ermuntert, da sein Name auf einer Fahndungsliste des Revolutionstribunals steht.

3.Akt: Im Warteraum des Revolutionsgerichts. Ganz Europa greift Frankreich an. Gérard, dessen Wunden verheilt sind, erscheint und spricht zum Volk. Die Menge ist auf der Straße und singt La Carmagnole, die Revolutionshymne. Chénier ist gefangen genommen worden. Gérard schreibt die Anklageschrift gegen Chénier, und ihn überkommt dabei die Leidenschaft für Maddalena: Sein wahnsinniges Liebesgeständnis stürzt Maddalena in tiefste Verzweiflung. Um Chénier zu retten,ist sie bereit, sich Gérard hinzugeben. Der verspricht Maddalena, dass er Chénier auch um den Preis des eigenen Lebens retten wird. Das Volk strömt in den Gerichtssaal, Chénier wird des Hochverrats angeklagt. Zwar beteuert er seine Unschuld, aber auch das Plädoyer von Gérard ändert nichts am Urteil der Geschworenen: Tod.

4. Akt: Im Gefängnis von St. Lazare. Chénier vollendet ein letztes Gedicht und zeigt es seinem Freund Roucher. Gérard begleitet Maddalena ins Gefängnis. Sie bezahlt den Wärter mit Gold und Bargeld, damit sie anstelle eines anderen Hinrichtungskandidaten ihrem Geliebten in den Tod folgen kann. Die Liebenden treffen sich in der Zelle. Es tagt, die Todesstunde naht. Die Guillotine dräut von ferne.

Gesamteindruck: Eine dramatische Schilderung, die nahe an den tatsächlichen Ereignissen bleibt. Der bewegende Abschied der Liebenden vom Leben beeindruckt ebenso wie zuvor der tumultuöse Ablauf der Gerichtsverhandlung. Oksana Lynivs Orchesterleitung gelingt es absolut überzeugend, den Widerstreit der Leidenschaften in Koordinierung mit dem Orchesterpart abzubilden.




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Klosterstrenge und Zauberspuk
Aus dem New National Theatre Tokyo:
"Suor Angelica" von Puccini und Ravels
"L'Enfant et les Sortilèges" über Opera Vision

Das Tokyoter Theater kombiniert zwei Werke, die bei uns kaum je gekoppelt gezeigt werden: Puccinis dem "Il trittico" entnommene "Suor Angelica", 1918 an der New Yorker Metropolitan Opera uraufgeführt, und Ravels "L'Enfant et les Sortilèges", 1925 in der Opéra de Monte Carlo erstmals gezeigt.

Die Livestream-Aufzeichnung stammt vom 4. 10. 2023. Sie ist bis 15.06.2024 auf Opera Vision zu sehen.

Die Regie der Aufführung  hat Jun Aguni. Das Tokyo Philharmonic Orchestra spielt unter der Leitung von Ryusuke Numajiri.


Giacomo Puccinis "Suor Angelica" thematisiert das Motiv  unerfüllter Mutterliebe. Schwester Angelica (Chiara Isotton) wurde in ein Kloster verbannt, nachdem sie ein uneheliches Kind geboren hatte, das man ihr fortnahm. In der täglichen Routine  sprechen die Schwestern über ihre Wünsche, und nur Angelica behauptet, keine zu haben. Dabei wissen alle, dass Angelicas grösster Wunsch darin besteht, etwas von ihrer Familie zu hören, zu der seit Jahren kein Kontakt mehr besteht.

Eine Kutsche fährt vor, und die Äbtissin kündigt Besuch an, Angelicas Tante, die Prinzessin (Junco Saito).

Als beide allein sind, erklärt die Prinzessin, dass Angelicas Schwester verheiratet werden soll und Angelica ein Dokument unterschreiben soll, in dem sie auf ihr Erbe verzichtet. Auf die Frage nach ihrem Kind bekommt Angelica die kalte Antwort, dass der Junge vor zwei Jahren an einem Fieber gestorben sei. Am Boden zerstört unterschreibt Angelica das Dokument, und die Tante reist wortlos ab.

Angelica trauert über den mutterlosen Tod ihres Kindes und will sich mit einem Gift das Leben nehmen, das sie aus Blumen im Klostergarten gebraut hat. Nach dem Trunk wird ihr bewusst, dass sie eine Todsünde begangen hat und sie ihren Sohn deshalb nie wiedersehen wird. Sie bittet die Jungfrau Maria um Vergebung, und als sie stirbt, erscheint ihr das Kind in einer Vision und grüsst sie vom Himmel aus.

Dann ein radikaler  Szenenwechsel zu Maurice Ravels "L'Entfant et les Sortilèges", deutsch vielleicht "Das Kind und der Zauberspuk". Das Libretto für diese Explosion der Fantasie schrieb die französische Schriftstellerin Colette. Die Grundidee ist ganz einfach: ein Schulkind(Chloé Briot) weigert sich, seine Hausaufgaben zu erledigen und kehrt seinen Zorn stattdessen gegen das Inventar, das es umgibt. Und das überraschende Wunder: diese Gegenstände erwachen auf einmal zum Leben und lehnen sich gegen das widerborstige Kind auf.  Viele kleine Auseinandersetzungen. Dann erscheinen zwei Katzen, und das Kind folgt ihnen hinaus in die Nacht.
Insekten und Frösche sind ebenso zu hören wie Eulenrufe, und ein Baum stöhnt über eine ihm zugefügte Wunde. Die Tiere meiden das Kind, das sich einsam fühlt und seine Mutter vermißt. Ein Gerangel bricht los, bei dem ein Eichhörnchen verletzt wird. Das Kind verbindet die Wunde. Diese Samariterhandlung verändert die Einstellung der Tiere : sie sind gerührt und tragen das Kind zurück ins Haus, wo ein Licht entzündet wird. Das Kind breitet seine Arme aus und ruft "Maman" nach seiner Mutter.

Gesamteindruck: In Suor Angelica wird mit konseqenter Dramaturgie auf die Zuspitzung der Auseinandersetzung mit ihrer Tante hingearbeitet, bis die gänzlich Desillusionierte das Dokument unterzeichnet, das sie aller Rechte beraubt und sie in den Abgrund der Hoffnungslosigkeit stürzt. Sie startet einen ergreifenden Dialog mit der Fiktion ihres Sohnes im Himmel, wunderschöner Schlusston und aufblühende Stimmkraft. Bewegendes Zwischenspiel. Die Schwester führt die Schale mit dem tödichen Elixier zum Munde, sie will nur noch ihrem Sohn folgen. Sieghafte Spitzentöne, dann die Erkenntnis des Verdammtseins ob einer Todsünde. Die Anrufung Mariens: grandiose Pathetik. Viel Beifall vor dem Vorhang für eine herausragende Gesangsleistung.

Der fantasievolle Ausflug in die Eskapaden eines Schuljungen führt anschliessend in eine gänzlich andere Welt. Uhr, Teekanne, Teetasse, das Feuer und eine wunderschöne Prinzessin, vielleicht des Kindes erste heimliche Geliebte ? Da kommt die Arithmetik und bringt alles durcheinander, das Geheimnis der Rechenaufgaben liegt offen auf dem Tisch. Lieber folgt er den beiden miauenden Katzen. Eine herrliche Kombination von Opernszenen und Balletteinlagen. Er begrüsst den Garten, hört den Baum seufzen und folgt einer Libelle. Jetzt werden die kleinen sadistischen Sünden an Tieren aufgerechnet. Ein paar Frösche formen Ballettposen. Die Fledermaus, und nun das Eichhörnchen mit der umwickelten Pfote. Das Kind ist zusammengebrochen, und jetzt bedauern die Tiere sein Schicksal. Also zurück ins Haus, und das rettende Wort "Maman" rufen. Eine wohlmeinende Prozession bildet sich, und "Maman" steht in der Tür mit ausgebreiteten Armen.

Das Tokyo Philharmonic Orchestera findet sich mit virtuoser Souveränität durch die klanglichen Raffinessen von Puccini und Ravel. Die Begegnung mit einer höchst einfühlsamen und szenisch detailreich umgesetzten Aufführung.

 











 

 

 

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Tödliche Intrigen
Verdis "Otello" live aus der Poznań Opera

Die vieraktige Oper von Giuseppe Verdi mit einem Libretto von Arrigo Boito, das auf dem gleichnamigen Bühnenstück von William Shakespeare aufbaut, erlebte 1887 an der Mailänder Scala ihre Uraufführung.

An der Poznań Opera wird die Premiere einer  Neuinszenierung von Sir David Pountney gezeigt. Das Poznań Opera Orchestra und der Poznań Opera Chorus singen und spielen unter der Leitung von Jacek Kaspszyk.

Die Liveübertragung übernimmt Opera Vision. Die Aufzeichnung von der Premiere ist noch bis 25.05.2024 auf der Mediathek von Opera Vision abrufbar.

1.Akt:Während eines Gewitters kehrt Otellos Militärtruppe siegreich aus einer Schlacht zurück. Otello (Gwyn Hughes John) bleibt siegreich auch im Widerstreit mit den Elementen. Jago (Dario  Solari) hingegen fühlt sich betrogen, weil nicht er zum Hauptmann befördert wurde, sondern stattdessen der junge Cassio(Piotr Kalina). So reift in ihm der Plan, sich an dem siegreichen Feldherrn zu rächen. Roderigo (Piotr Friebe), der in Otellos Frau Desdemona verliebt ist, wird in die Intrige hineingezogen. Gequält von unerwiderter Liebe, erliegt er den Einflüsterungen Jagos. Der macht Cassio unbemerkt betrunken und bricht dann einen Streit zwischen Cassio und Roderigo vom Zaun. Montano (Damian Konieczek) trennt die Streitenden. Der betrunkene Cassio verwundet Montano. Otello ruft die Männer zur Ordnung. Cassio wird degradiert. Der Streit weckt Desdemona auf (Iwona Sobotka), die zu Otello hinzutritt. Als die beiden Liebenden allein sind, erinnern sie sich an den Beginn ihrer gegenseitigen Zuneigung. Otello wird von der Ungewissheit über den Bestand ihrer Liebe gequält. Aber Desdemona beruhigt: nichts wird sich ihnen in den Weg stellen.

2.Akt: Jago spinnt weiter an seiner Intrige. Dem niedergeschlagenen Cassio rät er, Desdemona zu bitten, sich bei Otello für ihn einzusetzen. Der junge Mann folgt diesem Rat, aber Jago weckt Eifersucht in Otello: Ist Desdemona ihm treu ? Desdemona, nichtsahnend, bittet um Gnade für Cassio. Otello wittert Verrat, den er wütend zurückweist.
Dann komt ein Taschentuch ins verhägnisvolle Spiel. Jago versteht es, den Keim der Eifersucht immer tiefer in das Gemüt Otellos zu senken. Jago fragt Otello, ob er jemals ein  Taschentuch wie dieses hier in Desdemonas Hand gesehen habe. Jago überzeugt Otello davon, Cassio im Schlaf Desdemonas Namen habe sage hören, wobei er ihr Taschentuch bei ihm gesehen haben will.

3. Akt: Desdemona bittet erneut um Gnade für Cassio. Otello fragt sie nach dem Taschentuch, einst ein Verlobungsgeschenk an seine Geliebte. Als Desdemona wieder für Cassio eintritt, beschimpft Otello sie. Jago lässt durch einen geschickten Trick das Gespräch zwischen ihm und Cassio mithören, und Otello ist sicher, dass der Mann über seine Affäre mit Desdemona spricht. Dies wird ihm durch das Taschentuch in Cassios Hand bestätigt, das Jago ihm in die Hand gedrückt hat.
Lodovico (Rafal Korpik) erscheint mit Informationen über die Absetzung von Otello, der zu mächtig geworden ist. Der Titel des Oberbefehlshaber wird nun Cassio verliehen. Otello, entmachtet, demütigt öffentlich seine Frau. Jago thriumphiert.

4. Akt: Ein letztes Mal sucht Desdemona Trost in dem alten Lied on der Weide. Otello erscheint, ist selbst ungerührt und erwürgt seine Geliebte trotz aller Unschuldsbeteuerungen. Der Plan, Cassio zu ermorden, scheitert, weil Emilia (Gosha Kowalinska) die Wahrheit über das von Jago ausgeheckte Komplott enthüllt. Verzweifelt und gänzlich desillusioniert nimmt sich Otello das Leben.

Gesamteindruck: Die Aneignung dieser jahrhundertealten Handlung, ihre Umsetzung durch Boito und Verdi und schliesslich die Präsentation duch das Ensemble der Oper von Poznań hinterlässt einen tiefen Eindruck, der vor allem durch den verheerenden Kahlschlag der totalen Eifersucht getragen wird. Das Orchester unter der Leitung von Jacek Kaspszyk überzeugt durch einen kraftvollen, die Dramatik unterstützenden Auftritt. Die darstellerische und stimmliche Leistung vor allem von Otello und Desdemona wirkt besonders durch das Bühnenbild von Raimund Bauer, das sich in scheinbarer Monumentalität gleichwohl überaus flexibel variieren lässt.







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Eine tödliche Alternative

Puccinis "Manon Lescaut" als Livestream
mit Starbesetzung aus der Wiener Staatsoper

Giacomo Puccinis Oper wurde 1893 im Turiner Teatro Regio uraufgeführt. An der Textfassung hatten sieben renommierte Librettisten sowie Puccini selbst gearbeitet. Der Handlung liegt der Roman "Histoire du Chevalier des Grieux et de Manon Lescaut" des Abbé Prévost aus dem Jahre 1731 zugrunde.

Die Regie der Wiener Inszenierung hat Robert Carsen. Die musikalische Leitung liegt in den Händen von Jader Bignamini.

1. Akt: Manon (Anna Netrebko) ist ein hübsches junges Mädchen vom Lande, das ihr Bruder Lescaut (Davide Luciano) in ein nahegelegenes Kloster geleiten soll. Auf dem Weg dorthin begegnet sie dem Studenten Des Grieux (Joshua Gerrero), der sich auf den ersten Blick in sie verliebt. Ein reicher älterer Mann namens Geronte di Ravoir (Evgeny Solodovnikov) findet gleichfalls Gefallen an Manon und will sie entführen. Edmondo (Carlos Osuna) weist seinen Freund Des Grieux auf die Absichten Gerontes hin. Des Grieux gesteht Manon seine Liebe, und beide beschliessen, nach Paris zu fliehen. Lescaut tröstet Geronte mit dem Hinweis, dass Manon eine Existenz in Armut bald satt haben  und sich stattdessen einem Leben mit Geronte im Wohlstand zuwenden werde.

2. Akt: Der Bruder kennt seine Schwester gut, deren Berater er gewissermaßen ist. Manon hat ihren mittellosen Studenten verlassen, um an der Seite Gerontes ein Leben in mondänem Wohlstand zu führen. Insgeheim beichtet sie aber ihrem Bruder Lescaut, dass der neuerdings gefundene materielle Überfluss keineswegs ihren Des Grieux aufzuwiegen vermag. Geronte prahlt vor einigen Freunden mit seiner neuen Eroberung Manon. Des Grieux überfällt Manon mit heftigen Vorwürfen, da sie ihn verlassen hat. Als sie ihn aber um Vergebung anfleht, erliegt er wieder ihrem faszinierenden Charme. Nun kommt plötzlich Geronte wieder ins Spiel. Manon, ganz im erneuerten Banne von Des Grieux, verlacht Geronte, der sich mit Racheschwüren entfernt.

Des Grieux drängt Manon zur sofortigen Flucht, aber sie kann sich nicht so abrupt von den liebgewordenen Zeichen ihres materiell sorglosen Vorlebens lösen. Zu lange zögert sie bei dem Versuch, möglichst viele Kleider, Juwelen und Geldbeträge für unterwegs zusammenzuraffen. Geronte erscheint und lässt sie als Diebin in Haft nehmen.

3. Akt: Ein sinfonisches Intermezzo von großer Finesse leitet den dritten Akt ein und spiegelt die schicksalhafte Wendung zum Dramatischen im Lebenslauf der Titelheldin wider.
Der Versuch, Manon aus der Haft zu befreien, misslingt. Stattdessen soll sie nun nach Amerika deportiert werden. Des Grieux, der sie nicht mehr verlassen will, darf sie begleiten.

4. Akt: Manon und Des Grieux befinden sich in einer Einöde. Die erschöpfte Manon bittet ihn, irgendwo Wasser aufzutreiben. Alleingelassen lässt sie ihr Leben Revue passieren und erkennt ihre Fehler. Als Des Grieux zurückkehrt, bekennt sie sich noch einmal dazu, ihn zu lieben und stirbt in seinen Armen.

Gesamteindruck: Bei aller Faszination angesichts von Puccinis Musik bleibt der Eindruck, dass hier nicht sein stärkstes Werk vorliegt. Immerhin ist die Leistung von Anna Netrebko in der Titelrolle ohne jeden Zweifel bewundernswert. Sie gestaltet sowohl ihre ersten Auftritte als eher unbedarftes Mädchen vom Lande wie ihre großen Szenen als vom Wohlstand verwöhnte Trophäe ihres großzügigen Steuereintreibers wie die höchst emotionalen Augenblicke der Wiedergewinnung ihres wahren Liebhabers, die Szene als Deportierte in Handschellen  und  auch den Abschied vom Leben in durchaus ergreifender Weise. Ihre Stimme kann dabei sowohl glanzvoll wie einschmeichelnd sein, während ihr Counterpart Joshua Gerrero vergleichsweise eindimensional operiert und stimmlich anfangs etwas angestrengt wirkt. Erst in den Schlußszenen offenbart seine Stimme ihre ganze Dimension. Angenehm ausgewogen und szenisch präsent der Bariton von Davide Luciano als Bruder Lescaut. Jader Bignamini am Pult des Wiener Opernorchesters gibt den zuverlässigen akustischen Rahmen für dieses Drama des Hin- und Hergerissenseins einer einsamen, jungen Frau zwischen leidenschaftlicher Liebe und der vergänglichen Faszination grenzenlosen Reichtums.

Missfallen hat bei der Livestream-Übertragung eigentlich nur die weit mehr als einstündige Unterbrechung durch eine Mammutpause zwischen dem 2. und dem 3. Akt, für die es keine szenische Begründung gibt.







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Barbiere british
Rossinis "Il barbiere di Siviglia" als Livestream
aus der britischen Garsington Opera
über Opera Vision

Gioachino Rossinis Opera buffa in zwei Akten wurde 1816 in Rom uraufgeführt. Sie basiert auf dem Libretto von Cesare Sterbini, der sich wiederum auf die literarische Vorlage "Le barbier de Séville" von Pierre Augustin Caron de Beaumarchais stützt.

Garsington Opera ist ein englisches Opernfestival, das alljährlich im Juni und Juli in Wormsley Park in den Chiltern Hills / Buckinghamshire stattfindet. Die Aufzeichnung stammt vom 16. 07. 2023 und ist bis zum 24.04.2024 auf der Opera Vision-Mediathek abrufbar.

Die Regie der Aufführung hat Christopher Luscombe, der die Handlung in die späten 1920er Jahre verlegt.  The English Concert spielt auf historischen Instrumenten unter der musikalischen Leitung von Douglas Boyd.

Graf Almaviva (Andrew Stenson) hat in Madrid Rosina (Katie Bray), den Schützling von Dr. Bartolo (Richard Burkhard), gesehen und sich in sie verliebt. Er ist ihr nach Sevilla gefolgt und gibt sich dort als der arme Student Lindoro aus.

1.Akt: Der Graf erkennt in Figaro (Johannes Kammler), Barbier der Stadt und allseits bekanntes Faktotum(schwungvolle Auftrittsarie) seinen ehemaligen Diener und vertraut ihm seine Absichten an. Zufällig hört er, dass Dr. Bartolo sein Mündel Rosina noch am selben Tag heiraten will. Mit der Aussicht auf eine fürstliche Belohnung schmiedet Figaro daraufhin einen Plan, den Grafen in Bartolos Haus zu schmuggeln, indem der sich  als Soldat verkleidet und behauptet, dort einquartiert worden zu sein.

Rosina hat ihren noch unbekannten Verehrer ins Herz geschlossen und will ihn unbedingt für sich gewinnen (glänzende Auftrittsarie, stimmlich wie darstellerisch). Aber Doktor Bartolo hat gerüchteweise vom Interesse des Grafen gehört und will dessen Absichten durchkreuzen. Don Basilio, Rosinas Musiklehrer (Callum Thorpe), plädiert für den Einsatz der einen oder anderen Verleumdung (einfallsreiche Solonummer). Figaro schlägt Rosina vor, Lindoro mit einem Brief Mut zu machen, aber diese Idee hatte sie selbst schon. Bartolo artikuliert seinen Argwohn in einer virtuosen Soloauftritt.

Es klopft, und an der Tür ist ein betrunkener Soldat, der ein Quartier verlangt. In der anschliessenden Verwirrung gelingt es Almaviva, Rosina eine Nachricht zuzustecken. Bartolos Wut über den Eindringling ruft am Ende sogar die Polizei auf den Plan. Almaviva entgeht der Verhaftung nur durch Preisgabe seiner Identität, was die allgemeine Verwirrung nur noch weiter steigert.

2. Akt: Während Bartolo noch damit beschäftigt ist, das bisher Geschehene zu begreifen, tritt der Graf erneut auf, diesmal verkleidet als Don Alonso, Musiklehrer in  Vertretung des angeblich erkrankten Don Basilio, der Rosina Gesangsunterricht erteilen will. Rosina wählt zum Missfallen Bartolos eine Arie aus einer neuen Oper. Der Graf kann sich Rosina als Lindoro zu erkennen geben und ihr ankündigen, dass er um, Mitternacht mit ihr durchbrennen will.

Figaro will Bartolo rasieren und stiehlt ihm dabei die Schlüssel. Don Basilio taucht auf und lässt sich nur mit Mühe davon überzeugen, dass er Fieber hat und ins Bett gehört. Bartolo bekommt mit, wie die beiden Liebenden miteinander flüstern, und wirft Don Alonso hinaus.

Bartolo und Basilio kommen gemeinsam zu dem Schluss, dass der mysteriöse Don Alonso niemand anderes als der Graf gewesen ist. Basilio soll schnell einen Notar herbeiholen. Bartolo stellt Rosina wegen ihres Briefes an Lindoro zur Rede und redet ihr ein, dass Lindoro ein Agent des Grafen sei, der sie nur ihres Geldes wegen heiraten will. Sie meint, betrogen worden zu sein, und willigt ein, Bartolo zu heiraten.

Figaro und Almaviva  klettern über den Balkon ins Haus, und Rosina erfährt, dass Lindoro in Wahrheit der Graf persönlich ist. Die Flucht der Liebenden scheitert,  weil die Leiter am Balkon verschwunden ist. Basilio kommt mit einem Notar, der Rosina mit Bartolo verheiraten soll, sich aber bestechen lässt und stattdessen die Ehe Rosinas mit dem Grafen attestiert. Bartolo kommt zu spät zurück und hat das Nachsehen.

Gesamteindruck: Regisseur Christopher Luscombe gelingt es, mit seiner von Kostümen und Masken unterstützten Wendung zum Stil der Zwanziger Jahre eine komödiantische Vitalisierung des Handlungsablaufs zu erreichen. So wird einmal mehr die meisterliche musikalische Strukturierung dieser Opera buffa wirksam, die jeder der Hauptfiguren mehr als nur eine raffiniert aufgebaute Auftrittsarie zugesteht. Unter den sorgsam ausgewählten Solisten steht die Koloratursopranistin Katie Bray an der Spitze, die mit souveräner Virtuosität und hinreissender Geläufigkeit  jeden Auftritt der Rosina zu einer bewundernswerten Szene werden lässt. Das musikalische Gerüst der Aufführung liefern die Solisten von The English Concert unter der vitalen Leitung von Douglas Boyd, womit  sie sich gemeinsam als musikalisches Ensemble von erlesener Finesse erweisen.




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Stimmungsmix und Traummusik

Puccinis Intention war es, ein tragisches, ein lyrisches und ein heiteres Stück zu einem Opernabend zu verbinden. Die Wiener Neuinszenierung stammt von Tatjana Gūrbaca. Die musikalische Leitung des 1918 in New York uraufgeführten Operntrios hat Philippe Jordan.

Il tabarro. Zum Auftakt eine handfeste Liebestragödie. Der Schiffer Michele (Michael Volle) liebt unverändert seine Frau Giorgetta (Anja Kampe), die aber nach dem Tod ihres gemeinsamen Kindes ein Verhältnis mit dem Löscharbeiter Luigi (Joshua Gerrero) begonnen hat. Vergeblich bittet Michele seine Frau, zu ihm zurückzukehren, wie es in besseren Zeiten war.

Michele, rasend vor Eifersucht, entdeckt Luigi und erwürgt ihn. Dann wickelt er die Leiche in seinen Mantel, mit dem er in gutenTagen seine Frau gewärmt hatte. Giorgetta kommt an  Deck, und Michele fordert sie auf, sich wieder zu ihm unter den Mantel zu setzen. Sie sieht den Leichnam ihres Liebhabers, schreit auf, und der Vorhang fällt. "Schwer glücklich sein " steht in fein gezeichneten Versalien am Bühnenhintergrund.

Suor Angelica. In einer Klosterkirche nahe Siena ist Gottesdienst. Nach der Zeremonie bestraft die Schwester Eiferin(Daria Sushkova) zwei Laienschwestern, die zu spät zum Gottesdienst kamen, haben aber nicht die für diesen Fall vorgeschriebenen Bußübungen durchgeführt, Während Angelica (Eleonora Buratto) den Kräutergarten pflegt, erklärt die Lehrmeisterin (Patricia Nolz) einer Novizin das Geheimnis der drei "Abende des vergoldeten Brunnens". Sie denken an den Tod der Schwester Bianca Rosa. Schwester Genoveva schlägt vor, einen Krug mit dem "goldenen Wasser" auf Schwester Rosas Grab zu giessen. Angelica wendet ein , dass es im Tod keine Wünsche gebe, weil die Mutter Gottes dort jeden Wunsch schon im Keim erfülle. Angelica behauptet wie die meisten anderen Schwestern, keinen Wunsch zu haben.

Angelicas Tante, die Fürstin, besucht sie im Kloster. Angelica will von der Fürstin Näheres etwas über das Schicksal ihres unehelichen Kindes erfahren, das ihr kurz nach der Geburt genommen wurde. Die Fürstin schweigt zunächst und sagt dann kurz angebunden, dass es vor zwei Jahren gestorben sei.

Ein versöhnliches Ende naht: die Fürstin kommt mit einer Spielzeuglokomotive und dem durchaus lebendigen Sohn von Angelica, die entseelt zu Boden sinkt.


Gianni Schicchi. Nun ist dem komödiantischen Vergnügen Tür und Tor geöffnet. Die habgierige Verwandtschaft wird gewahr, dass sie nach dem  Testament des reichen Florentiners Buoso Donati allesamt leer ausgehen werden, wo sie doch gehofft hatten, als reiche Erben vom Sterbebett des Verblichenen scheiden zu können. Zum Glück findet sich mit dem durchtriebenen Gianni Schicchi (Ambrogio Maestri)  ein skrupelloser Schauspieler, der sich ins Sterbebett legt und dem Letzten Willen  einen für die Verwandtschaft lukrativeren Testamentstext unterschiebt. Die Handlung lässt an quirliger, explosiver Spielfreude keine Wünsche offen, und Philippe Jordan gibt mit seiner exzellenten Musikerschar der Handlung die richtigen Impulse.

Das Experiment, alle drei Einakter an einem Abend zu präsentieren, kann mit ruhigem Gewissen als gelungen bezeichnet werden. Im "Tabarro" glänzen besonders die Solisten Michael Volle, Anja Kampe und Joshua Gerrero.
Bei "Suor Angelica" beeindruckt vor allem der hochdramatische Sopran von Eleonora Bouratto. In "Gianni Schicci" kann Serena Sáenz ihre "O mio Babbino Caro"-Arie mit Anstand abliefern, und die Wiener Philharmoniker sind das ideale Orchester für den zusätzlichen Input-Drive.


 



093023

Standhaft und glaubensfest
Tschaikowskys “Die Jungfrau von Orléans” per Livestream aus der Deutschen  Oper am Rhein über Opera Vision

Die Oper mit dem Libretto nach Schiller vom Komponisten wurde 1881 im Mariinski-Theater in St. Petersburg uraufgeführt.

Die Düsseldorfer Neuinszenierung stammt von Elisabeth Stöppler. Die Düsseldorfer Symphoniker dirigiert Vitali Alekseenok.

Die Live-Aufzeichnung der Oper erfolgte am 30. 08. 2023.

Der Livestream ist bis 29.03. 2024 in der Mediathek von Opera Vision abrufbar.

Erster Akt. Johanna (Maria Kataeva) betet in der Dorfkirche. Visionen suchen sie heim, die sich nicht fixieren lassen. Die anderen Kirchenbesucher spotten über Johannas Betroffenheit. Vater Thibaut (Sami Luttinen) ist vom Verhalten seiner Tochter irritiert und argwöhnt, sie sei vom Teufel besessen. Nur ihr Freund Raimond ( Aleksandr Nesterenko) hält unbeirrt zu ihr.

Der Krieg im Land rückt näher. Bertrand (Beniamin Pop) berichtet der zusammengelaufenen Menge von den Schrecknissen der Front in Orléans und der Belagerung durch feindliche Truppen. Entgegen der herrschenden Meinung prophezeit Johanna den Sieg des Königs über seine Feinde und die Befreiung von Orléans. Gänzlich unerwartet berichtet der Soldat Lauret (Zilvinas Miškinis), daß der feindliche Führer gefallen sei, was die Menge an Wunder glauben und dem Gebet Johannas folgen lässt.

Johanna entfernt sich innerlich immer mehr von ihrem bisherigen Leben und will in den Krieg ziehen. Ein Engel (Mara Guseynova) erscheint ihr und ermutigt sie mit der Überreichung eines Schwertes zum Kampf.

Zweiter Akt. König Karl (Sergej Khomov) sucht mit seiner Geliebten Agnes Sorel (Luiza Fatyol) den Beichtvater (Johannes Preißinger) auf. Dunois (Evez Abdulla), königlicher Heerführer, versucht vergeblich, Karls gedankenlos verliebten Übermut zu zügeln, und erinnert ihn an seine Verantwortung als Heerführer im Krieg.

Der Soldat Lauret stürzt herein und  stirbt zu Füßen des Königs an seinen Kriegsverletzungen. Als Karl darob terrorisiert fliehen will, verlässt ihn Dunois. Agnes kann Karl  mit beredten Worten wieder aufrichten.

Überraschend erscheint der Kardinal (Thorsten Grümbel) und berichtet, dass wunderbarerweise eine unbekannte junge Frau den Feind in die Flucht geschlagen habe. Lauter Jubel kündigt die Ankunft dieser "Jungfrau" an.

Johanna tritt auf, offenbart Karl die Kenntnis seiner geheimsten Gebete und fasziniert nicht nur den König. Auf Befragen schildert sie ihre prophetischen Visionen. Daraufhin setzt sich Karl unter dem Jubel der Menge an die Spitze seiner Truppen.

Dritter Akt. Am Rande des Schlachtfeldes stellt Johanna den feindlichen Soldaten Lionel ( Richard Šveda) und fordert ihn zum Kampf auf Leben und Tod, kann ihm aber den letzten Streich nicht versetzen. Irritiert hadert sie mit ihren ungewohnten Gefühlen für diesen Soldaten, der seiner Zuneigung für Johanna vermehrt nachgibt.

Dunois überbringt eine neue Siegesbotschaft von der Front. Aus Liebe zu Johanna wechselt Lionel die Richtung und stellt sich Dunois für den Kampf an der Seite von König Karl zur Verfügung.

Gemeinsam mit Agnes und dem Kardinal zieht Karl zur Siegesfeier mit Totengedenken ein. In seiner Dankesrede fordert Karl von Johanna den Beweis ihrer Heiligkeit. Vater Thibaut wirft ihr erneut den Bund mit dem Teufel vor und fordert sie auf, sich zu verteidigen. Aber Johanna schweigt.

Vierter Akt. Trotz der Gewissensbisse, ihre Sendung zu unterlaufen, gesteht sich Johanna den Überschwang ihrer Liebe zu Lionel ein, die er erwidert. Beide träumen von einer gemeinsamen Zukunft. Aber die Hoffnung trügt: Lionel wird erschossen, und Johanna endet auf dem Scheiterhaufen.

Tschaikowskys Musik mit ihrem Mut zum pathetischen Auftrumpfen und anderseits ihrer feinfühligen Darstellung intimer Seelenregungen eignet sich in besonderer Weise zur Darstellung des Lebens- und Leidensweges der "Jungfrau von Orléans", der nach überraschenden Erfolgen gleichwohl mit dem Flammentod als Hexe endet. Kam die Inspiration nun vom Himmel, wie sie selber behauptet, oder von dunklen Mächten, wie ihre Kritiker argwöhnen ? Die Deutsche Oper am Rhein kann ein sorgsam ausgewähltes Ensemble und gut geschulte Chöre (Leitung Gerhard Michalski) in großen Szenen aufbieten, um den Bilderbogen magischer Wirkungen zwischen Gut und Böse Realität werden zu lassen. An erster Stelle verdient wohl der strahlende Sopran der Titelfigur von Maria Kataeva eine besondere Hervorhebung. Der Orchesterleitung von Vitali Alekseenok gelingt es eindrucksvoll, die üppigen Farben von Tschaikowskys Partitur zum Glanz zu bringen.

 


15092

Die überhörte Warnung

"Cassandra" von Bernard Foccroulle (Uraufführung)
aus dem Brüsseler Théâtre La Monnaie
als Livestream über Opera Vision

Der belgische Komponist Bernard Foccroulle, ehemaliger Direktor des Théâtre La Monnaie und des Festival d' Aix-en-Provence, hat für seine erste Oper ein sehr aktuelles Thema gewählt: die Warnungen vor einer Klimakatastrophe und die mangelnde gesellschaftliche Resonanz für diese Botschaft. Typologisches Signum für diesen Vorgang ist die Figur der trojanischen Prophetin Cassandra, deren Vorhersagen das brennende Troja nicht verhindern konnten.

Die Regie der Aufführung hat Marie-Ève Signeyrole. Das La Monnaie Symphony Orchestra spielt unter der Leitung von Kazushi Ono. Der Live-Mitschnitt vom 14.09.2023 ist noch bis 14.03.2024 in der Opera Vision Mediathek abrufbar.

Prolog und Erste Szene. Ein Passant öffnet ein Buch. Hinter ihm taucht eine Frauengestalt auf. Stimmen aus dem Off sind zu hören. Menschengeister aus früheren Zeiten sprechen zu Cassandra (Katarina Bradić). Die Erinnerung an die Katastrophe des brennenden Troja wird aufgerufen und an Cassandras damaligen Klagelaut. Was sie sah, was sie sagte: alles ist präsent. Gottes Werk ist zerstört.

Zweite Szene. Sandra Seymour (Jessica Niles), eine Doktorandin der Klimatologie, beendet ein Klimasymposium mit humoristischer Einlage. Nach ihrem Auftritt greift  hinter der Bühne ein Aktivist sie an: es ist Blake (Paul Appleby), ein Student der klassischen Literatur. Die beiden  attackieren  und verlieben sich zugleich.

Dritte Szene. Von Apollon (Joshua Hopkins) hat Cassandra die Gabe, in die Zukunft zu sehen, aber als sie ihn abweist, spuckt er ihr in den Mund: niemand soll ihren Weissagungen  glauben. Apollon verspottet sie: jeder, der wirklich will, kann die Zukunft sehen. Trauer und Kummer plagen Cassandra.

Vierte Szene. Cassandra wird von hunderten Bienen eingekreist.

Fünfte Szene. Ein Jahr später sind Sandra und Blake ein Paar. Jeder von beiden arbeitet auf seinem Studiengebiet: Sandra berechnet das Schmelzen der Polkappen in der Antarktis, und Blake studiert den Agamemnon von Aischylos. Darin äussert Cassandra den Ausdruck "Ototoi popoi", der den maßlosen Schrecken der Visionen wiedergibt, von denen die Prophetin heimgesucht wird. Wie Cassandras Vorhersagen werden auch Sandras Prognosen für die Klimakrise nirgendwo gehört. Prophetische Lieder sind aufdringlich und nicht willkommen.

Sechste Szene. Abendessen in Sandras Familie, um den 55. Geburtstag von Sandras Mutter Victoria (Susan Bickley) zu feiern. Ausgelassene Stimmung mit vielen Seitenhieben. Die Reise der Eltern in die Antarktis wird diskutiert. Vater Alexander (Gidon Saks) sieht Chancen für sein Fachgebiet im Abschmelzen des Polareises. Darob schockiert, wollen Sandra und Blake aufbrechen, aber dann wird die Geburtstagstorte geliefert. Naomi (Sarah Defrise) verkündet, sie sei schwanger.

Siebente Szene. Die Bibliothek der Toten. König Priamos muss immer wieder lesen, was im Laufe der Geschichte über seinen Tod und den Untergang Trojas geschrieben wurde. Er wirft Cassandra vor, die Stadt und ihn selbst mit einem Fluch belegt zu haben. Bis ihm unter dem Einfluss von Hekuba deutlich wird, dass Cassandras Worte keineswegs ein Fluch waren. Als Cassandra allein in der Bibliothek zurückbleibt, wird sie von einer Todesvision heimgesucht.

Achte Szene. Blake wünscht sich ein Kind von Sandra, die aber zweifelt, ob man neues Leben in diese Welt senden sollte. Laut Blake kämpfen sie für eine bessere Welt, die ihrer Kinder. Aber Sandras Zweifel bleibt.

Neunte Szene. Abermals summen Bienen.

Zehnte Szene. Naomi singt ihrem ungeborenen Kind ein Wiegenlied. Das Mädchen soll einmal Alexandra heissen.

Elfte Szene. Ein Boot auf dem Weg zur Antarktis. Nach Abschluss ihrer Dissertation startet Sandra ein letztes Mal ihre Präsentation, die ihr aber Schimpfwörter und Beleidigungen einbringt. Sandra kündigt daraufhin an, Aktivistin zu werden und wie Blake in die Antarktis zu reisen. Sandras Eltern sind bei der Vorführung anwesend, und ihr Vater erhält währenddessen einen Anruf, der ihn vom Untergang von Blakes Expeditionsschiff informiert. Anschliessend überbringt die Familie Sandra die Schreckensnachricht. Daraufhin bricht sie zusammen. Gleichzeitig platzt Naomis Fruchtblase, und Cassandra erscheint der alleingelassenen Sandra.

Zwölfte Szene. Sandra begreift, dass ihr Schicksal mit dem von Cassandra verknüpft ist. Cassandra will Sandra trösten, deren Qualen sie kennt. Bevor sie sich entfernt, schärft sie Sandra ein, dass es keinen Gott gibt, der ihr die Rede verbietet. Niemand wird sie also daran hindern, gehört zu werden.

Dreizehnte Szene. Fünf Bienen summen, die kein Bewusstsein haben für das, was um sie herum geschieht.

Dem Komponisten Bernard Foccroulle ist die Vertonung einer szenischen Collage gelungen, die expressiven Ausdruck mit Augenblicken grosser musikalischer Schönheit verbindet. Die eingesetzten, hervorragend ausgewählten Stimmen können dem musikalischen Duktus starke Wirkungen abgewinnen. So gelingt hier in aktueller Musiksprache eine Folge von eindrucksvollen Bildern, die den Konflikt zwischen  visionär empfindsamen Einzelgängern und der sehr viel trägeren Gesamtgesellschaft sinnfällig vorführen.




090923

Ein Tänzchen mit dem Grafen
Mozarts "Le nozze di Figaro"
von Opera Ballet Vlaanderen über Opera Vision

"Le nozze di Figaro" nach Beaumarchais' "Der tolle Tag" bietet ein prärevolutionäres Szenario, in dem die Kritik am Adel stellenweise schon recht deutlich durchschimmert. Und es ist ein Stück, in dem die Jugend samt aller Jugendgefühle eine treibende Rolle spielt. Mozarts Oper wurde 1786 in Wien uraufgeführt. Das Libretto stammt von Lorenzo da Ponte.

Die Aufführung der belgischen Opera Ballet Vlaanderen aus der Oper Antwerpen wurde am 27. 06. 2023 aufgezeichnet und ist in der Opera Vision Mediathek noch bis zum 08.03.2024 abrufbar.

Die Inszenierung stammt von Tom Goossens. Das Symfonisch Orkest Opera Ballet Vlaanderen spielt unter der Leitung von Marie Jacquot.

Erster Akt. Es ist der Hochzeitstag von Figaro (Božidar Smiljanić), dem Bediensteten des Grafen Almaviva (Kartal Karagedik) , und Susanna (Maeve Höglund), der Kammerzofe der Gräfin (Lenneke Ruiten). Das Schlafzimmer, das der Graf dem Figaro angeboten hat, grenzt an die Gemächer von Graf und Gräfin. Das "droit de Seigneur ", das dem Grafen erlauben würde, die Braut zu entjungfern, hat dieser zwar gerade kürzlich außer Kraft gesetzt, aber ein Widerruf erscheint nicht ausgeschlossen. Figaro ahnt, was der Graf vorhaben könnte, und plant, ihn zu überlisten.

Figaro schuldet Marcellina (Eva van der Gucht) noch Geld und hatte einstmals versprochen, sie zu heiraten, wenn es ihm nicht gelänge, die Schulden zu tilgen. Dr. Bartolo, ehemals Beschützer der Gräfin, hat gleichfalls mit Figaro noch ein Hühnchen zu rupfen. Der liebestolle Cherubino (Anna Pennisi) bittet Susanna um Fürsprache bei dem Grafen, der ihn entlassen hatte.

Auf einmal taucht der Graf auf, und Cherubino versteckt sich. So hört er, wie der Graf um Susanna wirbt. Nun versteckt sich der Graf und vernimmt , was der Musiklehrer Basilio ( Daniel Amaldos) über Cherubino und die Gräfin zu berichten weiss. Dann kommt der Graf aus dem Versteck, entdeckt den unglücklichen Cherubino und verbannt ihn zum Militär.

Zweiter Akt. Die Gräfin klagt darüber, die Liebe des Grafen verloren zu haben. Figaro verrät, wie er den Grafen überlisten will: ein anonymer Brief behauptet, dass die Gräfin einen Liebhaber habe. Susanna ist zu einem Treffen mit dem Grafen im Garten bereit, aber das wird Cherubino wahrnehmen, als Frau verkleidet.

Eifersüchtig und wütend taucht der Graf auf. Cherubino hat sich im Kleiderschrank versteckt und verursacht ein Geräusch. Die Gräfin behauptet, Susanna sei die Urheberin, öffnet dem Grafen aber nicht die Tür. Cherubino entweicht durchs Fenster, und Susanna klettert rasch in den Kleiderschrank. Die Gräfin versucht ihrem Ehemann zu erklären, was Cherubino im Kleiderschrank zu suchen hat, aber dann kommt zur allgemeinen Überraschung Susanna zum Vorschein. Die beiden Frauen behaupten, dass Figaro den anonymen Brief geschrieben habe. Der gesellt sich nichtsahnend ihnen zu. Bartolo (Stefaan Degand), Basilio und Marzellina erheben Klage gegen Figaro, um ihn zur Heirat mit Marzellina zu zwingen, und der Graf hat Oberwasser.

Dritter Akt. Die Gräfin und Susanna schmieden einen Plan, um die amourösen Vorhaben des Grafen zu durchkreuzen. Bei einem Treffen im Garten wollen sie die Rollen tauschen, die Gräfin will als Susannas Magd auftreten.
Der Graf besteht darauf, dass Figaro seine Schulden an Marzellina begleicht und sie stehenden Fußes heiratet. Gerade noch rechtzeitig wird Figaro dadurch gerettet, dass er sich in einer drolligen Gerichtsszene als der verschollene Sohn Marzellinas und Bartolos erweist, er also kaum seine Mutter heiraten kann.


Vierter Akt.  Das große Versteckspiel im Garten: der Graf und Figaro warten auf Susanna. Die Gräfin wartet auf den Grafen, Bartolo und Basilio erwarten die Erneuerung des "Droit du Seigneur". Der Graf erscheint und wirbt um "Susanna", die in Wahrheit seine Gattin ist. Der eifersüchtige Figaro erkennt seine Braut an ihrer Stimme und versöhnt sich mit ihr. Der Graf wähnt seine Frau in den Armen seines Kammerdieners, bis die echte Gräfin ihre Maske abnimmt und ihrem Gatten verzeiht. Eine rauschende Feier krönt den Tag.

Die Aufführung hat eine ganze Reihe gewinnender Pluspunkte, auch wenn mit der bisweilen zeremoniellen Feierlichkeit überlieferter Inszenierungen kräftig Schlitten gefahren wird. Die Hauptpartien sind mit gut ausgewählten Stimmen besetzt, so dass Mozarts wohldisponierter musikalischer Satz in besten  Händen ist. Marie Jacquots Dirigat setzt den Geist von Mozarts Musik feinfühlig in Szene, was der kompositorischen Ausgewogenheit des Abends überzeugend zugute kommt.









082623

Andere Länder, andere Sitten
Rossinis "Il turco in Italia" im Livestream
aus Aix-en-Provence über Opera Vision

Rossinis Opera buffa "Der Türke in Italien" stand nach der Uraufführung 1814 an der Mailänder Scala etwas im Schatten der süffisanten Bewertung, ein bloßer Abklatsch des Vorgängerwerks "Die Italienerin in Algier" zu sein, das ein Jahr zuvor in Venedig gestartet war. Dort hatte allerdings eine Italienerin im Ausland für Furore gesorgt, während diesmal ein türkischer Fürst auf Reisen sich in Italien in die etwas flatterhafte Gattin des italienischen Don Geronio verliebt  und damit erhebliche Verwirrung stiftet.

Opera Vision zeigt eine Aufzeichnung der Oper vom 11.07. 2014 beim  Festival Aix-en-Provence, die in der  Opera Vision-Mediathek noch bis zum 25.12.2023 abrufbar ist. Die Inszenierung stammt von Christopher Alden, Marc Minkowski leitet die Musiciens du Louvre-Grenoble.

Erster Akt. Das zweiaktige Opernlibretto hat gewissermaßen eine Rahmenhandlung. Deren Gestaltung übernimmt der Dichter Prosdocimo (Pietro Spagnoli), der stets auf der Suche nach Handlungselementen ist, die er in sein nächstes Theaterstück einbauen kann. Don Geronio (Alessandro Corbelli) erscheint und will mit einer Gruppe soeben gelandeter Sinti und Roma über seine Frau Fiorilla (Olga Peretyatko) sprechen, aber Zaida (Cecelia Hall), die Wortführerin der Roma-Truppe, kauft ihm schnell den Schneid ab, so dass er sich zurückzieht. Dem gespannt lauschenden Dichter beichtet Zaida ihr Pech: sie sollte den türkischen Prinzen Selim Damelec (Adrian Sâmpetrean) heiraten, der sie aber zu Unrecht zum Tode verurteilt hat. Davor hat sie lediglich der getreue Albazar ( Juan Sancho) gerettet, mit dem sie geflohen ist.

Kaum ist Zaida verschwunden, als Fiorilla auftritt und ein Loblied auf die Freiheit des Herzens zu Gehör bringt. Ein Schiff nähert sich, dem ein türkischer Prinz entsteigt, eben jener Selim, der sogleich Kontakt zu Fiorilla sucht und plaudernd mit ihr lustwandelt. Als sich der Dichter wieder blicken läßt, trifft er auf Fiorillas  Liebhaber Don Narciso (Lawrence Brownlee), der vor Eifersucht zu bersten scheint. Dann  erscheint auch noch Don Geronio, der wiederum voller Wut seine Frau am Arm eines Türken sieht. Als einziger freut sich der Dichter, weil er nun alle Elemente einer deftigen Farce beisammen hat.

Fiorilla hat Selim zum Kaffee in ihr Haus eingeladen, aber dabei stört Geronio. Seine Frau nutzt die Gelegenheit und behauptet, ihr Gatte sei nur gekommen, um dem türkischen Gast das Gewand zu küssen. Don Narciso ermuntert Geronio, sich nicht herumkommandieren zu lassen. Selim stiehlt sich davon. Geronio beschwert sich beim Dichter, der ihm rät, seine Frau in die Schranken zu weisen. Dabei hofft er, einen saftigen Ehestreit in seinen Stücktext einbauen zu können, und das Kalkül geht auf. Der folgende Streit ist vom Feinsten und ein Mix aus Zorn und feinsinnig erotischen Liebesbekundungen, gekrönt von Fiorillas virtuosen Koloraturen.

Selim wartet auf Fiorilla, um mit ihr durchzubrennen, und erkennt Zaida unter den Roma. Narciso, Geronio und schliesslich Fiorilla kommen hinzu, und letztere ist diesmal wütend, als sie Selim mit einer anderen Frau sieht. Der Dichter nutzt seine Chance, die allgemeine Verwirrung noch anzuheizen.

Zweiter Akt.  Der Dichter rät Geronio, etwas zu trinken, das Mut macht, damit seine Komödie vorankommt. Selim will Geronio nach Landessitte seine Frau abkaufen. Fiorilla kommt mit Zaida herein und lässt den Türken zwischen beiden wählen. Selim fährt auf die schöne Fiorilla ab, aber nachdem Zaida weggeschickt wurde, empfindet er auf einmal Mitleid mit ihr, was wiederum Fiorilla in Rage bringt.
Der Dichter hat einen Plan, die Entführung Fiorillas durch Selim zu verhindern. Auf einem Maskenball soll Zaida dem Selim vorspielen, Fiorilla zu sein. Als Narciso das hört, beschliesst er, gleichfalls als Selim verkleidet zum Ball zu gehen. Während des Balls nähert sich Narciso der Fiorilla, die ihn für Selim hält, der sich wiederum zu Zaida hingezogen fühlt. Dem verwirrten Geronio rät der Dichter, seiner Frau mit Scheidung zu drohen. Geronio tut das, und der Dichter gibt Fiorilla einen Brief, in dem ihr Mann sie verstösst. Nun bekommt sie Gewissensbisse und bereut ihr Verhalten - zur Freude des Dichters, dessen Komödie nun ein moralisches Ende findet.

Fiorilla ist bereit, in ihr Elternhaus zurückzukehren, aber Geronio verzeiht ihr, und Selim macht sich mit Zaida auf den  Rückweg in sein Heimatland.

Die Aufführung erreicht durchgehend den unnachahmlichen Rossini-Drive, der sich insbesondere in den raffiniert beschleunigten Ensembleszenen ausdrückt. Marc Minkowski leitet sein hellwaches Instrumentalensemble mit Hingabe zu einer durchgehend gewahrten Balance, die eine gut funktionierende Basis für die solistischen Sängerleistungen ist, worunter man vielleicht neben den fulminanten Auftritten von Olga Peretyatko auch den mitreissenden Tenor von Lawrence Brownlee und den Selim von Adrian Sâmpetrean hervorheben sollte. Nicht vergessen sei auch Pietro Spagnoli in der Rolle des Dichters, der den Maître de plaisir zu geben hat.  Ein perfekter Rossini-Abend, ganz aus dem Geiste dieses unvergleichlichen Komponisten, vom Publikum in Aix-en-Provence zu Recht ausgiebig bejubelt.

 




082023 
Der düpierte Bramarbas
Verdis "Falstaff" von den Salzburger Festspielen
auf 3Sat

Die Geschichte vom etwas gealterten Ritter, der sich für unwiderstehlich hält und stattdessen von den "lustigen Weibern von Windsor" auf die Schippe genommen wird, hat Giuseppe Verdi zu seiner letzten Oper inspiriert, die 1893 an der Mailänder Scala uraufgeführt wurde.  Das Libretto von Arrigo Boito baut auf Shakespeares Stück "Die lustigen Weiber von Windsor" auf und verwendet außerdem Elemente aus dessen "Heinrich IV."

Die Salzburger Inszenierung stammt von Christoph Marthaler, der auf Orson Welles Bezug nimmt. Ingo Metzmacher dirigiert die Wiener Philharmoniker. Premiere war am 12. August. Die Aufzeichnung ist noch bis 18.09.2023 in der 3Sat-Mediathek abrufbar.
Sir John Falstaff ist wie stets auf der Suche nach Geldgebern und  schönen Frauen. Gleich zwei gut betuchten Vertreterinnen des schönen Geschlechts schreibt er gleich lautende Liebesbriefe, was die gut miteinander bekannten Damen Alice Ford und Meg Page  durch Textvergleich mit Empörung feststellen. Beide beschliessen, Falstaff eine Lektion zu erteilen und laden ihn zu einem Rendezvous im Hause Ford ein.

Regisseur Christoph Marthaler leitet die Aufführung mit einer Szenenfolge ein, die als Hommage an den Regisseur Orson Welles gedacht ist. Die Atmosphäre eines Filmstudios wird mit verschiedenen Drehorten suggeriert, eine Klappe fällt, und dann erklingt der einleitende Kneipenstreit mit Falstaff. Diese Filmstudio-Szenerie zieht sich durch die gesamte Aufführung. Ebenso erklärt sich das Orson-Welles-Double, vielleicht Marthaler selbst, das in einer eigenen Folge stummer Spielszenen durch die überlieferte Falstaff-Handlung geistert.
Jurist Dr. Cajus (Thomas Ebenstein)  stürmt herein und beschuldigt Falstaff (Gerald Finley), dessen Diener Bardolfo (Michael Colvin) und Pistola (Jens Larsen) hätten ihn bestohlen. Nach einigem Hin und Her wird die Klage abgewiesen, und Cajus schwört, sich künftig nur noch mit ehrlichen Leuten zu betrinken.

Falstaff braucht Geld, und als zu erleichterndes Opfer hat er den reichen Mr. Ford auserkoren, der eine schöne Frau hat. Ausserdem gibts noch Mrs. Meg Page. Die Dienerschaft lehnt es ab, Falstaffs Liebesbrief zu den umworbenen Damen zu tragen. So bleibt der Botendienst an Falstaffs Pagen Robin hängen.

Nächste Szene: Alice Ford (Elena Stikhina) und Meg Page (Cecilia Molinari) studieren je einen Liebesbrief von Falstaff, die beide bis auf die Anrede den selben Wortlaut haben. "Das zahlen wir ihm heim !" schwört das Damen-Quartett, zu dem auch Mrs. Quickly (Tanja Ariane Baumgartner) zählt. Unterdessen gestehen sich Alices Tochter Nanetta (Giulia Semenzato) und ihr Geliebter, der junge Fenton (Bogdan Volkov) ihre gegenseitige Zuneigung.

Ford (Simon Keenlyside) taucht auf, stellt sich als Herr Fontana vor und klagt, er liebe Alice abgöttisch, die ihn aber immer nur abweise. Wenn es Falstaff gelänge, sie zu verführen, wäre ihm das einen Batzen Geld wert. Darauf gesteht Falstaff, dass er bereits eine Verabredung mit ihr habe.

Ford, rasend vor Eifersucht, und der liebestolle Falstaff begeben sich in trügerischer Eintracht zum Meeting point im Hause Ford.
Falstaff steht in der Tür zu Fords Haus und wähnt sich auf der Strasse des Gewinners.

Ford naht, rasend vor eifersüchtiger Wut, und das traute Stelldichein Falstaffs mit Alice platzt. Mit Mühe gelingt es noch, den plötzlich zum Fremdkörper mutierten Falstaff in einem Wäschekorb verschwinden zu lassen, der auf dem Höhepunkt des Tohuwabohus in die Themse geleert wird.

Der klatschnasse Ritter klagt über die Schlechtigkeit der Welt. "Und trotzdem, alter John, geh deinen Weg". Ausgerechnet jetzt kommt Mrs. Quickly, um den allmählich trocknenden Falstaff zu einem neuen Techtelmechtel mit Alice einzuladen, um Mitternacht im Park von Windsor an der Hermes-Eiche. Anfangs strikt ablehnend, lässt sich Falstaff aber dann doch überreden, als "Schwarzer Jäger" zu erscheinen, mit einem Hirschgeweih auf dem Kopf.

Nun startet das große Mitternachts-Verkleidungs-Durcheinander. Anfangs ein Solo für Fenton, der seine Liebe zu Nannetta besingt. Falstaff erscheint in der befohlenen Verkleidung, und auch Alice ist auf der Szene. Fenton wird als Mönch verkleidet, und Nannette erscheint pünktlich zum Glockenschlag als Feenkönigin mit Gefolge.

Falstaff wird nach Strich und Faden gepiesackt, die kollektive Rache an seinen Ausschweifungen läßt kein Schimpfwort aus. Der kommentiert mit einer eigenen Schimpfkanonade und bekennt: "Allmählich dämmert mir, dass ich ein Esel war". Und Ford darf gleich zwei Paare miteinander vermählen: Fenton und Nannetta, gegen welche Verbindung er sich so lange gesträubt hatte, und Dr. Cajus - mit Bardolfo. Alles mündet in die Schlussfuge: Alles ist Spass auf Erden, der Mensch ist als Narr geboren.

Insgesamt ist die Aufführung zuvörderst wegen ihrer musikalischen Gestalt zu loben, deren Vollkommenheit sich kaum noch steigern lässt. Die Stimmen in den Hauptpartien sind mit kundiger Hand ausgewählt und geben dem musikalischen Erscheinungsbild einen herausgehobenen Glanz. Gerald Finley in der Titelpartie ist von kaum zu überbietender Perfektion, vielleicht einen Hauch zu jugendlich für einen fetten, alten Säufer, gesegnet mit einem herrlich strömenden Bariton, der sowohl über zarte Höhen wie über majestätisch und kraftvoll vorgetragene Basisstatements und eine überragende Bühnenpräsenz verfügt. Die Stimmen der "lustigen Weiber" sind sämtlich von erlesener Klangqualität, und Ingo Metzmacher am Pult der Wiener Philharmoniker gelingt das Kunststück, Verdis ungemein vitale und fordernde Musik mit aller Noblesse und Präzision hören zu lassen. Hinter dieser musikalischen Bilanz treten alle möglichen Kritikpunkte an der szenischen Gestaltung zurück. Immerhin ist es gelungen, die Riesenbühne des Salzburger Festspielhauses über die volle Länge des Abends mit einleuchtenden szenischen Events zu füllen.









0724223
Liebe zwischen Pyramiden
Verdis “Aida” als Livestream
aus der Bayerischen Staatsoper München

Giuseppe Verdis Oper in vier Akten auf ein Libretto von Antonio Ghislanzoni verarbeitet ein Szenario des Ägyptologen Auguste Mariette Bey.  Die Uraufführung fand 1871 im Khedivial-Opernhaus in Kairo statt.
Die per Livestream übertragene Aufführung der Bayerischen Staatsoper folgt einer Inszenierung von Damiano Michieletto. Daniele Rustioni leitet das Bayerische Staatsorchester. Die Aufzeichnung wird auf STAATSOPER.TV abrufbar sein.

Die Handlung ist in die Zeit der ägyptischen Pharaonen verlegt. Aida ist eine äthiopische Königstochter, die als Geisel nach Ägypten verschleppt wurde. Der ägyptische Heerführer Radamès steht im Konflikt zwischen seiner Liebe zu Aida und der Loyalität zum ägyptischen Pharao und der Hochzeit mit dessen Tochter Amneris.

Erster Akt. Radamès (Riccardo Massi) meditiert über seine Situation. Die Pharaonentochter Amneris ( Judit Kutasi) will herausfinden, welche Gefühle Radamès für sie empfindet. Als Aida (Elena Stikhina) hinzutritt, ändert sich sein Verhalten, und Amneris argwöhnt eine Rivalin.
Der Pharao tritt ein, begleitet von Oberpriester Ramfis (Alexander Köpeczi) und dem Hofstaat. Ein Bote berichtet vom Einfall äthiopischer Truppen unter König Amonasro. Aida ist dessen Tochter, was aber nur sie allein weiss. Radamès wird zum Feldherrn des ägyptischen Heeres ernannt. Aida allein: sie ist hin-und hergerissen zwischen dem Wunsch, ihren Radamès als Sieger heimkehren zu sehen und dem Wunsch, dass Äthiopien den Krieg gewinnt. Sie fleht die Götter um Hilfe an.

Mit feierlichem Zeremoniell überreicht Ramfis dem Radamès ein Kampfschwert, und der Gott Ptah wird gebeten, den Sieg zu gewähren.

Zweiter Akt. Das ägyptische Heer war siegreich. Zur Ballettmusik gibts Szenen mit spielenden Kindern, die sich mit Luftballonfiguren vergnügen. Amneris sehnt ihren Geliebten herbei. Aida kommt hinzu, und Amneris will ihr das Geheimnis ihrer Liebe entreissen. Sie erschreckt Aida mit der Behauptung, Radamès sei in der Schlacht gefallen, und Aida offenbart, wen sie liebt. Nun sind die Rivalinnen entlarvt. Jede erklärt ihre Position, offene Feindschaft herrscht nun zwischen ihnen.

Große Szene vor den Toren Thebens: der Pharao empfängt feierlich den Sieger Radamès und seine Truppen. Die im Krieg gefangenen Äthiopier werden vorgeführt. Einer von ihnen ist Amonasro, Aidas Vater (George Petean). Es werden Orden an die teils verletzten "siegreichen Krieger" vergeben. Amonasro und auch Radamès bitten um die Freilassung der Gefangenen. Ramfis und der Pharao geben alle frei - bis auf Amonasro und Aida, die als  "Friedenspfand" zurückbehalten werden sollen. Zum Dank für seinen Sieg soll Radamès  die Pharaonentochter Amneris heiraten und später Thronfolger des Pharao werden.

Dritter Akt.  Nacht am Nil. Ramfis führt Amneris zum Isistempel, wo sie vor ihrer Hochzeit zu der Göttin beten will. Hier wartet auch Aida auf Radamès. Zunächst erscheint aber ihr Vater, der sie bewegen will, Radamès ein militärisches Geheimnis zu entlocken. Aida lehnt diese Hilfe anfangs ab, gibt dann aber einer Drohung ihres Vaters nach. Sie bittet Radamès, mit ihr aus Ägypten zu fliehen. Er nennt einen geheimen Pfad, der von ägyptischen Truppen nicht bewacht wird. Amonasro tritt aus seiner Lauschposition hervor und gibt sich als König der Äthiopier zu erkennen. Amneris kommt aus dem Tempel hervor und beschimpft Radamès als Verräter. Der verhindert, dass sich Amonasro auf Amneris stürzt, aber er lehnt die Flucht mit Aida und ihrem Vater ab und lässt sich widerstandslos festnehmen. Aida und Amonasro entkommen.

Vierter Akt. Die verzweifelte Amneris lässt den gefangenen Radamès vorführen und beschwört ihn, sich vor dem Gericht der Priester zu verteidigen. Er glaubt Aida getötet und sieht keinen Sinn in einem Leben ohne sie. Amneris berichtet, dass Amonasro zwar gefallen sei, Aida aber am Leben. Er solle auf Aida verzichten und stattdessen das Leben, ihre Liebe und den Thron erhalten. Radamès lehnt ab und kehrt in seinen Kerker zurück. Das Gericht der Priester verurteilt Radamès, unterhalb des Altars der Gottheit lebendig eingemauert zu werden. Die Seufzer und Klagen von Amneris ändern daran nichts mehr.

Das letzte Bild dieses Aktes, in dem sich die beiden Liebenden als lebendig Begrabene wiederfinden, ist  eigentlich von deprimierender Ausweglosigkeit, wird aber zu einer geöffneten Szene, in der Radamès und Aida ihr Schlussduett mit verklärenden Akzenten versehen.

Die Inszenierung legt besonderen Wert darauf, jede Verherrlichung des Krieges auszuschliessen. So wird anfangs und auch im weiteren Verlauf die Welt spielender Kinder als Hintergrund gezeigt, in die das hasserfüllte Kampfgeschehen zwischen den verfeindeten Völkern einbricht. Zum Triumphmarsch verteilt der Pharao Orden an lauter Kriegsversehrte, von denen einer im Lichte des  Punktscheinwerfers die soeben erhaltene Auszeichnung verächtlich fortwirft.

Die Stimmen der Solisten sind sämtlich treffend gecastet und gewinnen im Laufe der Vorstellung noch an dramatischem Ausdruck. Allen voran die Titelheldin Aida (Elena Stikhina), die bis in die Spitzentöne der Auseinandersetzungen über eine hervorragende Präsenz und Ausdrucksstärke verfügt. Der junge Daniele Rustioni am Pult des Bayerischen Staatsorchesters gibt Verdis Partitur geschärften Ausdruck und klangliche Zielsicherheit.




070823
Die Nixe und der Prinz
Dvořáks "Rusalka" im Livestream
aus der Dutch National Opera Amsterdam
über Opera Vision

Antonin Dvořáks Märchenoper auf ein Libretto von Jaroslav Kvapil wurde 1901 am Prager Nationaltheater uraufgeführt. Thematisch besteht eine Verwandtschaft zu "Undine" von Friedrich de la Motte Fouqué, Andersens "Die kleine Meerjungfrau" und der altfranzösischen Melusinensage.
Die Amsterdamer Neuinszenierung stammt von Philipp Stölzl und Philipp M. Krenn. Joana Mallwitz leitet das Royal Concertgebouw Orchestra. Die Aufzeichnung vom 13.06.2023 ist bis zum 07.11.2023 auf Opera Vision abrufbar.

Die beiden Regisseure der Amsterdamer Neuinszenierung haben beherzt ihrer Fantasie Raum gelassen und die Handlung in die goldene Zeit Hollywoods verlegt. Eine junge Frau träumt im Kino von einem märchenhaften Leben an der Seite eines gutaussehenden Filmstars. Philipp Stölzl, der ja auch ein erfolgreicher Filmregisseur ist, hat hier naheliegenderweise mal in die Kino-Kiste gegriffen und das Flair der faszinierenden amerkanischen Traumfabrik als Background für Dvořáks Märchenoper genutzt.

Während der Ouvertüre bevölkern Zauberwesen die Bühne, eine Kinohandlung entfaltet sich. Filmschönheiten tummeln sich. Die Handlung vor dem Kinoeingang ähnelt dem Hollywood-Großstadtmilieu, mit Gangstertypen und Zuhältern. Rusalka(Johanni van Oostrum)  ist eins dieser unscheinbaren Straßenmädchen, traurig, weil ohne Partner. Sie träumt von einem Filmprinzen, den sie auf einem Plakat bewundert. Sie meint, sich verwandeln zu müssen, um ihrem Prinzen überhaupt aufzufallen. Dazu soll ihr die Hexe Ježibaba (Raehann Bryce-Davis) verhelfen. Rusalka fleht den Mond an, ihr behilflich zu sein, und konsumiert eine Droge. Ježibaba ist bereit, ihr zu helfen, stellt aber eine Bedingung. "Einen schönen Körper, eine schöne Seele" will Rusalka von ihr. Im Gegenzug soll sie ihre Stimme verlieren.

Die Verwandlung findet statt, im Patientenstuhl von Ježibabas Schönheitssalon. Rusalka steht auf und ist eine neue Existenz. Unter den Augen eines Drehteams tritt der  Prinz (Pavel Černoch) im Studio vor die Kamera und steht im Mittelpunkt einer  Filmszene. Da kommt die verwandelte Rusalka herein, der Prinz ist gefesselt und bezaubert. Das einzig Rätselhafte: sie schweigt beharrlich. Die Pressefotografen stürzen sich auf sie, der Prinz hat Mühe, die Paparazzi fernzuhalten. Aber seine Jagd habe ein Ende, sagt er, nun habe er gefunden, was er suchte.

Casting-Klatsch in der Künstlergarderobe. Der Prinz soll eine Schönheit gefunden haben, die er heiraten will. Geht das mit rechten Dingen zu ? Sind da dunkle Mächte im Spiel? Und da ist er, der Prinz mit seiner Angebeteten. Aber da ist noch eine Menschenprinzessin (Annette Dasch),  und der Prinz wendet sich ihr zu. Rusalkas Kälte und Stummheit schaffen dagegen eine Distanz. Die Schminktische werden abgeräumt, Rusalka ist wieder mit sich allein, während der Prinz sich an  ihrer Konkurrentin erfreut.

Matrosenballett im Filmstudio. Der Wassermann (Maxim Kuzmin-Karavaev) hat alles kommen sehen und warnte Rusalka schon vor ihrem Verwandlungsschritt. Nun bittet sie ihn um Hilfe, da ihr Prinz sie verlassen hat.

Inzwischen ist der Prinz aber seiner neuen Liebe bereits wieder überdrüssig. Beide Frauen belauern gegenseitig mit Eifersucht ihr Werben um den Prinzen.

Rusalka kehrt zurück in ihr Strassenstrichmilieu vor dem Kinoeingang, das ihr fremd geworden ist. Nun weiss sie endgültig nicht mehr, wo sie hingehört. Ježibaba erscheint, kommentiert die Klage Rusalkas, von aller Welt verlassen zu sein. Sie soll den Prinzen töten, sagt Ježibaba, was sie aber ablehnt.
Aus dem Kinomilieu treten Traumgestalten hervor, stossen Verwünschungen aus. In ihrer Mitte der Prinz.

Das Filmproduktionstrio sucht Ježibaba und ihren Rat. Der Prinz sei verhext, heisst es. Der Wassermann fährt dazwischen und räumt mit den Verleumdungen auf. Dann tritt unvermittelt der Prinz wieder auf und klagt über seine verworrene Seelenlage. Eine Slow-Motion-Pantomime nimmt die Handlung auf.

Rusalka steigt aus dem Autowrack, in dem sie sich verborgen hatte, und spricht nun den Prinzen mit wiedergewonnener Stimme an. Sie ist wieder ein Geist, und wenn sie ihn küsst, wird dies tödlich sein. Der Horizont reisst auf und bevölkert sich mit Traumgestalten. In einem letzten Traumbild entschwebt der Prinz gen Himmel, und der Wassermann hat das abschliessende, klagend kommentierende Wort. Rusalka setzt sich einen Schuss und stirbt.

Angesichts der Schwierigkeiten, die zutiefst romantische und von vielen Zwischentönen geprägte Fabel einem heutigen Publikum nahezubringen, ist die Neuinszenierung zumindest legitim und insgesamt durchaus gelungen. Die sängerischen Leistungen insbesondere von Johanni van Oostrum sind herausragend. Ihre szenische Spannweite vom sanften Mondlied bis zu den hochdramatischen Ausbrüchen der Schlußphase ist bewundernswert. Gleichfalls bemerkenswert ist die Leistung von Raehann Bryce-Davis, die als Hexe Ježibaba streckenweise die Szene beherrscht. Joana Mallwitz führt das Royal Concertgebouw Orchestra mit sicherer Hand durch Dvořáks farbenreiche Partitur.



070123

Ein fundamentaler Sinneswandel
Verdis "Nabucco" im Livestream
aus dem Grand Théâtre de Genève
über Opera Vision

Giuseppe Verdis Oper "Nabucco" verarbeitet ein Libretto von Temistocle Solera und wurde 1842 im Mailänder Teatro alla Scala uraufgeführt. Thema ist einerseits das Streben des jüdischen Volkes nach Freiheit aus der babylonischen Gefangenschaft  und auf der anderen Seite die maßlose Selbstüberschätzung des Titelhelden Nabucco (in der Bibel Nebukadnezar II.), der sich  zum Gott erheben will und darauf in Wahnsinn verfällt, von dem ihn erst das Bekenntnis zum Gott der Hebräer befreit.

Die Genfer Neuinszenierung stammt von der brasilianischen Regisseurin Christiane Jatahy. Antonino Fogliani leitet das Orchestre de la Suisse Romande. Die Aufzeichnung vom 17. 06. 2023 ist bis 30. 12. 2023 auf Opera Vision abrufbar.

Erster Teil. Jerusalem.  Im Jerusalemer Tempel Salomos fleht das hebräische Volk den Schutz seines Gottes herbei gegen die assyrische Invasion unter Nabucco, dem König von Babylon (Nicola Alaimo). Der Hohepriester Zaccaria (Riccardo Zanellato) hat Nabuccos Tochter Fenena (Ena Pongrac) gefangen genommen und will sie zur Wiedergewinnung des Friedens nutzen. Ismaele, der Neffe des Königs von Jerusalem ( Davide Giusti) kommt mit der Nachricht vom raschen Vordringen der Truppen Nabuccos. Zaccaria vertraut Fenena dem Ismaele an und bricht selbst zur Kampflinie auf. Als er fort ist, gestehen Ismaele und Fenena einander ihre Liebe.
Fenenas missgünstige Schwester Abigaille (Saioa Hernández), die ebenfalls Ismaele liebt, meldet den Fall Jerusalems und will das besiegte Volk retten, wenn er sich ihr zuwendet. Ismaele lehnt ab, und Fenena bekennt sich spontan zum Hebräergott. Zaccaria, in die Enge getrieben, droht mit Fenenas Hinrichtung, die Ismaele verhindern kann.  Der siegreiche Nabucco befiehlt die Zerstörung des Tempels und die Versklavung der Hebräer. Zaccaria verflucht Ismaele als Verräter seines Volkes.

Zweiter Teil. Gottlosigkeit. Im Königspalast von Babylon entdeckt Abigaille, dass sie keineswegs Nabuccos Tochter ist, sondern in Wahrheit von Sklaven abstammt. Der Hohepriester des Baal teilt ihr mit, dass Fenena die hebräischen Sklaven befreien will. Abigaille soll den Thron übernehmen. Anna, Zaccarias Schwester (Giulia Bolcato), rechtfertigt Ismaele: da Fenena sich zum Gott der Hebräer bekannt hat, sei er ein Gefolgsmann und kein Verräter.
Dramatische Wende: Nabucco taucht auf,  will weder den Gott der Hebräer noch den der Babylonier dulden und stattdessen sich selbst zum Gott erheben. Da trifft ihn der Blitz und treibt ihn in den Wahnsinn. Abigaille ergreift die Krone.

Dritter Teil. Die Prophezeiung. Abigaille, nun inthronisierte Herrscherin, nimmt die Huldigungen ihrer Untertanen entgegen. Der Hohepriester verlangt, die Tötung von Fenena und den Hebräern voranzutreiben. Nabucco tritt ein, sichtlich verstört, und soll das Urteil unterschreiben. Er tut es, fragt aber nach dem Schicksal von Fenena. Niemand könne sie retten, dekretiert Abigaille. Nabucco droht mit der Enthüllung von Abigailles Herkunft durch ein Dokument, das Abigaille aber verächtlich zerreisst. Dann lässt sie den ohnmächtigen Ex-König verhaften.
Am Ufer des Euphrat beklagen die versklavten Hebräer in machtvoller Chorszene ihre verlorene Heimat. Zaccaria spricht ihnen Mut zu und prophezeit, dass Babylon fallen wird.

Vierter Teil. Das gestürzte Idol. Das Volk fordert Fenenas Tod. Der machtlose Nabucco bittet den Gott der Hebräer um Verzeihung und verspricht, ihn anzuerkennen, wenn er seine Tochter rettet. Abdallo (Omar Mancini) bestärkt Nabucco mit einem Trupp Soldaten in der Absicht, seinen Thron zurückzuerobern.
In den Gärten warten die Hebräer auf ihre Vernichtung. Da stürmt Nabucco mit seiner Truppe herein und verkündet den Wiederaufbau des Jerusalemer Tempels. Abigaille habe sich vergiftet, sagt er. Die Sterbende wird von zwei Soldaten hereingeleitet, bittet alle um Verzeihung und tut den letzten Atemzug. Zaccharia verkündet, dass Nabucco, der nunmehr Jehova dient, der künftige König der Könige sein wird.

Die Inszenierung hat es sich zur Aufgabe gemacht, den überlieferten Effekt der Musik durch entschlossene, moderne szenische Elemente zu ergänzen und zu verstärken. Das betrifft vorrangig den Einsatz der Videotechnik, und zwar nicht nur durch Projektionen. Vielmehr werden Kameraleute in die Szene geholt, die die Reaktionen der Protagonisten aus unmittelbarer Nähe abbilden. Nicht genug damit: Zaccaria nimmt selbst für eine Sequenz die Kamera in die Hand und setzt sie ein. Zweites szenisches Element ist das Wasser. Es kommt als Regen von oben und gibt als geschlossene Fläche eine feuchte Grundlage für eine ganze Reihe von Szenen.

Diese optischen Anreicherungen überlagern allerdings nie die musikalische Geschlossenheit unter der souveränen Stabführung von Antonino Fogliani, der das Orchestre de la Suisse Romande in mitreissendem Duktus zu dramatischen Höhepunkten führt. Die stimmlichen Leistungen der Solistinnen und Solisten sind in ihrer Steigerung im Laufe der Aufführung wirklich überragend. Allen voran die Abigaille von Saioa Hernández, gefolgt von Davide Giusto als Ismaele und Nicola Alaimo als Nabucco. Nicht vergessen sei die geschlossene, eindrucksvolle Leistung der sorgfältig einstudierten Chöre. Den wirkungsstarken Abschlusseffekt liefert "Va pensiero" als Song, der durch die Positionierung der Choristen den ganzen Zuschauerraum einbezieht.



 061323

Ehebruch als Akt der Befreiung

"Lady Macbeth von Mzensk" von Dmitri Schostakowitsch
als Livestream aus der Wiener Staatsoper

Das Libretto der Oper von Schostakowitsch stammt von Alexander Preis und verarbeitet eine Novelle von Nikolai Leskow. Die Uraufführung fand 1934 in Leningrad statt. Unter dem Druck der sowjetischen Kulturbürokratie änderte der Komponist sowohl den Text wie die musikalische Gestalt des Werkes mehrfach. So wurde 1963 eine gemilderte Fassung unter dem Titel "Katerina Ismailova" uraufgeführt. Nach dem Tode Schostakowitschs 1975 brachte Mstislav Rostropowitsch die Urfassung der "Lady Macbeth" im Westen wieder ins Gespräch. Die Oper beginnt entgegen der formalen Tradition nicht mit einer Ouvertüre, sondern mit einem Arioso der Katerina, in dem sie ihre Gefühle zum Ausdruck bringt.
Die Neuinszenierung an der Wiener Staatsoper stammt von Matthias Hartmann. Alexander Soddy dirigiert das Orchester der Wiener Staatsoper.

Erster Akt. Katerina (Elena Mikhailenko),  jung und schön, ist in der trägen russischen Kleinstadt Mzensk mit dem farblosen Kaufmann Sinowi Ismailow (Andrei Popov) verheiratet. Sie hadert mit ihrem öden, gleichförmigen Leben und dem herrischen Auftreten ihres Schwiegervaters Boris Ismailow (Günter Groissböck). Während ihr Gatte sich auf einer Dienstreise befindet, mischt sich Katerina im Hof des Kaufmannshauses in die Auseinandersetzung einiger Arbeiter mit der hilflosen Köchin ein. Unter ihnen ist auch  Sergej (Dmitry Golovnin), passionierter Schürzenjäger, der Katerina zum Ringkampf fordert. Mit lautem Zornesausbruch  unterbricht der Schwiegervater Boris diese Rangelei und schickt Katerina ins Haus. Später kommt Sergej unter einem Vorwand in Katerinas Zimmer und verführt sie, die zuvor wortreich beklagt hatte, dass niemand sie liebt.

Zweiter Akt. Sergej verlässt Katerinas Zimmer durchs Fenster. Dabei erwischt ihn Schwiegervater Boris und prügelt ihn zusammen mit herbeigerufenen Arbeitern windelweich. Boris verlangt noch etwas zu essen, und Katerina mischt Rattengift unter die Speise. Das ist das Ende von Boris, der zuvor noch die rasche Rückkehr seines Sohnes Sinowi von der Dienstreise veranlasst hatte. Hier kann auch der Pope nicht mehr helfen, der aber wenigstens das Sterben des Boris mit dem Tod einer Ratte vergleicht.
In den folgenden Nächten ist Sergej stets der Bettgenosse von Katerina. Die hat aber immerhin ein schlechtes Gewissen mit Alpträumen bei ihrem Verhalten, auch wenn sie Sergei zu immer neuen Liebesbeweisen anstachelt.
Und dann passiert's: der dienstreisende Gatte kommt mitten in der Nacht zurück. Sergej kann sich gerade noch verstecken, aber der misstrauische Rückkehrer entdeckt im Ehebett einen fremden Ledergürtel, mit dem er nun Katerina traktiert. Das ist der Ausgangspunkt für den zweiten Mord: Serjoscha springt aus seinem Versteck heraus und erschlägt  Sinowi mit Katerinas Unterstützung.

Dritter Akt. Grünes Licht für die Heirat von Katerina und Sergej - bis ein Betrunkener die Leiche Sinowis im Keller entdeckt und die Polizei holt. Drolliges Intermezzo über die Leiden des schlecht bezahlten, gefährlichen  Polizeiberufs. Die Hüter der Ordnung stürmen dann unvermittelt in die brausende Hochzeitsfeier hinein und nehmen das Paar fest, das anschliessend zu lebenslanger Zwangsarbeit verurteilt wird.

Vierter Akt. In elegischem Ton eingeleitet: der groteske Modus menschlicher Gemeinheit erfährt eine weitere Steigerung. Auf dem Transport zur Zwangsarbeit will Katerina zu Sergej gelangen, der sich aber inzwischen viel mehr für die junge Sonjetka (Maria Barakova) interessiert. Die will sich aber nur dann mit ihm einlassen, wenn er ihr warme Socken  besorgt. Sergej luchst Katerina ihre Socken ab, aber sie durchschaut diese Machenschaft. Sie stürzt Sonjetka in einen Fluss und springt selbst hinterher. Momente der Aussichtslosigkeit im Zwangsarbeiterschicksal.

Stärkstes Ausdrucksmittel dieser Sittentragödie mit Krimi-Charakter ist die kraftvoll akzentuierende und markant rhythmisierende Musik von Schostakowitsch. Die Zwischenspiele an den Übergängen der einzelnen Bilder haben den Charakter eigener dramatischer Episoden und werden unter der souveränen, gestisch klug dosierenden  Leitung von Alexander Soddy zu eigenen Kulminationspunkten.

Darstellerisch und stimmlich sind die Leistungen von Günther Groissböck (Boris), Elena Mikhailenko (Katerina) (ein grandioser dramatischer Sopran) und Dmitry Golovnin (Sergej) besonders hervorzuheben. Der Gesamteindruck ist eher der eines dramaturgisch raffiniert zubereiteten Krimis als der einer beklagenswerten Reihe von ethischen Verfehlungen. Nachdenkliche Elemente hat vor allem der vierte Akt mit seiner Schilderung des Zuges zum  Zwangsarbeiterlager und der ausweglosen Tristesse unter lauter gescheiterten Existenzen. Schostakowitschs Musik harmoniert mit dieser Sicht der Dinge ganz vortrefflich, zumal sie exzellent und delikat dargeboten wird.










052823
Singend zum Schafott
Poulencs "Dialogues des Carmélites"
als Livestream aus der Wiener Staatsoper

Geheimtip oder Dokument einer Überbewertung ? Francis Poulencs Griff in die Geschichte der Französischen Revolution, 1956 für die Mailänder Scala komponiert und dort 1957 uraufgeführt, behandelt die Ereignisse im Karmelitinnenkloster von Compiègne bis zum Ende der 16 Märtyrerinnen unter der Guillotine am 17. Juli 1794 in Paris. Das Libretto vom Komponisten fußt auf einem Bühnenstück von Georges Bernanos, das wiederum die Novelle "Die Letzte am Schafott" von Gertrud von Le Fort verarbeitet. Die Wiener Inszenierung der dreiaktigen Oper stammt von Magdalena Fuchsberger. Bertrand de Billy dirigiert das Orchester der Wiener Staatsoper.

Erster Akt. Blanche de la Force (Nicole Car),Tochter des Marquis de la Force (Michael Kraus) und Schwester des Chevaliers (Bernard Richter), fürchtet sich vor den Pöbeleien aus dem revolutionären Volke und möchte zu ihrem Schutz in das örtliche Karmelitinnenkloster eintreten.  Die sterbenskranke Priorin de Croissy (Michaela Schuster) schildert ihr dort das harte Leben in der Klostergemeinschaft. Trotzdem will Blanche dazugehören und den Namen "Blanche von der Todesangst Christi" annehmen. Sie lernt die übrigen Klosterinsassinnen kennen. Die Priorin schildert im Gespräch mit Mère Marie von der Menschwerdung ( Eve-Maud Hubeaux) ihre  düsteren Traumvisionen vom weiteren Schicksal des Klosters.

Zweiter Akt. Blanche und die gleichfalls neu ins Kloster eingetretene Novizin Constance de Saint-Denis (Maria Nazarova) halten die Totenwache für die verstorbene Priorin. Mère Marie schickt Blanche zu Bett. Madame Lidoine (Maria Motolygina) wird neue Priorin. Alle Klosterinsassen beten ein Ave Maria.

Nach der Pause (von einstündigem Wiener Format) schwappt das revolutionäre Geschehen aus der externen Welt in die Geschlossenheit des Klosters hinein. Der  Chevalier will seine Schwester in Sicherheit bringen, aber Blanche folgt ihm nicht. Die Insassen des Klosters wollen bleiben, trotz der Gefahr, die ihnen offensichtlich droht.

Dritter Akt. Auf dem Weg zum Opfertod stimmen die Märtyrerinnen in verklärender Kostümierung einen Gesang an, der Maria verherrlicht. Das dumpfe Zuschlagen der Guillotine interpunktiert den musikalischen Duktus. Blanche findet als Letzte in die Reihe der Opfer, bis auch sie verstummt.

Technische Schwierigkeiten bei der Wiedergabe der Livestream-Übertragung  nach der Pause trübten etwas die Transparenz der Handlung, aber was bleibt, ist der Eindruck einer sehr geschlossenen Ensembleleistung, die überzeugend den Einbruch des revolutionären Geschehens in die zuvor  separierte  klösterliche Welt zu vermitteln vermochte. Insbesondere die Figur der Blanche fesselte mit ihrem facettenreichen Persönlichkeitsbild. Bertrand de Billy hatte eine glückliche Hand  bei der Wiedergabe der Schönheiten von Poulencs Partitur.



 

170523
Die Geburt der Anglikanischen Kirche
Camille Saint-Saëns "Henry VIII"
aus Brüssel auf Opera Vision

Die Oper von Saint-Saëns, 1883 in der Pariser Opéra Garnier uraufgeführt, greift mit vollen Händen in die englische Geschichte und brachte seinerzeit dem Komponisten die gewünschte Anerkennung als Opernkomponist beim Pariser Publikum. Das Libretto von Pierre-Léonce Détroyat und Paul-Armand Silvestre fusst auf Pedro Calderón de la Barcas historischem Drama "La cisma de Inglaterra" von 1627. Vier Personen stehen im Mittelpunkt der Handlung, die auf die Abspaltung der Anglikanischen Kirche Englands von der römisch-katholischen Kurie Bezug nimmt. Allen voran Henry VIII, König von England (Lionel Lhote) und seine Gattin Catherine d'Aragon (Marie-Adeline Henry). Ihre Gegenspielerin ist Anne de Boleyn (Nora Gubisch), in der Vergangenheit die Geliebte des soeben akkreditierten spanischen Gesandten am englischen Hof, Don Gomez de Féria (Ed Lyon). Die Neuinszenierung am Brüsseler Théâtre La Monnaie besorgte Olivier Py. Das La Monnaie Symphony Orchestra spielt unter der Leitung von Alain Altinoglu. Der Live-Mitschnitt erfolgte am 16.05.2023 und ist noch bis 16.11. 2023 auf Opera Vision zu sehen.

Der erste Akt der vieraktigen Oper spielt im Palast des englischen Königs, wo der Herzog von Buckingham, einst Günstling des Herrschers, gerade zum Tode verurteilt worden ist. Ganz anders die Stimmung des jungen Don Gomez: er feiert seine Ernennung zum neuen spanischen Botschafter in England, die er nicht zuletzt seiner Mätresse Anne de Boleyn zu verdanken hat, die sich bei Henrys Gemahlin Catherine für ihn eingesetzt hat. Ausführlich meditiert Henry über die Macht der Liebe, gewandet im modernen dunklen Strassenanzug. Manche wollen wissen, dass sogar der König selbst ein Auge auf Anne geworfen habe. Sollte er sie gar heiraten wollen, müsste allerdings zuvor seine bestehende Ehe aufgelöst werden, was nur mit ausdrücklicher Billigung des Papstes möglich wäre.
Die Königin tritt ein. Catherine bittet vergeblich um Gnade für Buckingham. Der König stellt ihr stattdessen Anne, aus Frankreich kommend, als neue Hofdame vor und ernennt sie als Zeichen seines Wohlwollens zur Marquess of Pembroke. Anne ist verwirrt, und Gomez reagiert mit Verunsicherung auf die unverhohlene Neigung des Königs. Buckingham stirbt unter dem Schwert.

Der zweite Akt spielt in den Gärten von Richmond Palace. Zu Ehren von Anne de Boleyn, die mit dem König aus London gekommen ist, werden Lustbarkeiten vorbereitet. Dekorative pantomimische Balletteinlagen mit Chorbegleitung. Gomez wirft Anne vor, ihre Beziehung zu vernachlässigen. Als der König mit Anne allein ist, wirbt er um ihre Liebe. Seine Mätresse möchte sie nicht werden, aber als er ihr anbietet, seine bestehende Ehe zu lösen und sie zu heiraten, willigt sie ein und geniesst die Aussicht auf ungeahnten Machtzuwachs. Catherine kommt hinzu und missbilligt den Ehrgeiz Annes. Der König seinerseits stösst Catherine mit der Aussage vor den Kopf, dass sie nicht mehr lange Königin sein wird. All dies vollzieht sich in Gegenwart des päpstlichen Legaten, Cardinal Campeggio (Vincent Le Texier).
Die Pause wird mit der Wiedergabe eines mehrszenigen Divertissements zu illustrativer Ballettmusik (sehr präzise und fesselnd exekutiert) gefüllt, das dem Publikum des Abends auf dem Platz vor dem Theater offeriert wird und das ursprünglich Teil des zweiten Akts war.

Der dritte Akt  führt zurück in den Londoner Palast des Königs, wo der päpstliche Legat darauf wartet, vorgelassen zu werden. Der König (zu Pferde) verwirft die Autorität des Papstes und preist seine Liebe zu Anne. Die fürchtet Komplikationen und will Henry von seinem Plan abbringen, unterstreicht aber ihre Liebe zu ihm. Nun empfängt der König den Cardinal. Der besteht darauf, dass es Pflicht des Königs sei, auf die Scheidung zu verzichten. Henry will das Volk entscheiden lassen und geht zur Tür. Sorgenvoll nimmt der Cardinal Zuflucht zum Gebet, flankiert von ausdrucksvollen pantomimischen Demonstrationen, die den grundlegenden Bruch des Schismas mit der klerikalen Tradition illustrieren.
In der grandios inszenierten Parlamentsszene beantragt Henry formell die Auflösung seiner Ehe, während ihn Catherine anfleht, darauf zu verzichten. Gomez setzt sich für die Königin ein, was Henry vehement tadelt. Der Cardinal will jede Entscheidung gegen die Gültigkeit der Ehe zwischen Henry und Catherine annullieren. Der König läßt das Volk eintreten, das begeistert schwört, ihm in eine neue Kirche folgen zu wollen. Daraufhin verkündet Henry seine Ehe mit Anne und wird prompt exkommuniziert.

Im vierten Akt, wieder mit einer Ballettpantomime eingeleitet, zeigt sich die neue Königin besorgt über den Seelenzustand ihres Gatten. Gomez kommt mit einer Nachricht von der sterbenskranken Catherine für den König an. Wechselseitige Befürchtungen: Anne argwöhnt, dass Gomez dem König Liebesbriefe aus der Vergangenheit aushändigen könnte, und Henry befürchtet, dass Gomez sein Rivale im Ringen um die Liebe von Anne sein könnte. Auf die Kunde von der schweren Erkrankung Catherines beschliesst der König, sie in Begleitung von Gomez wiederzusehen.

Ein ingeniöses Kofferballett schafft den Übergang zur folgenden Szene. Auf Schloss Kimbolton, ihrem Refugium, hört Catherine, wie das Volk dem König zujubelt. In Erwartung ihres nahenden Todes übergibt sie Gomez ihr Gebetbuch, in dem der verhängnisvolle Brief von Anne steckt. Anne versucht, diesen Brief zurückzubekommen. Henry trifft ein und will Catherine der Doppelzüngigkeit überführen. Catherine, nun schwach und eifersüchtig, vernichtet am Ende den brisanten Brief , bevor sie stirbt. Wütend droht Henry, eigenhändig all jene zu töten, die ihn betrogen haben. Das Schlussquartett von Henry, Gomez, Catherine und Anne gehört zu den musikalischen Höhepunkten der Oper.

Dieser große historische Bilderbogen mit der hoch differenzierten, stilistisch betont französischen Musik von Camille Saint-Saëns ist ein zu Unrecht verschollenes Meisterwerk der Opernliteratur, das die Brüsseler Inszenatoren wieder ans Licht geholt haben. Henrys bis heute nachwirkende Entscheidung erscheint nicht mehr nur als ein Akt von dessen Machtausübung, sondern auch als Resultante aus dem spannenden Wettstreit zweier ehrgeiziger, gleichfalls machtbewusster Frauen. Alain Altinoglu meistert seine Rolle als Chef d'orchestre bei diesem Schlüsselmoment der Weltgeschichte mit Akkuratesse und Feingefühl. Unter den stimmlichen Leistungen ragt vor allem die von Lionel Lhote als Henry VIII. hervor, was der Akzentverteilung in diesem Drama gut bekommt.


 

041523
Die Heimkehr
des verschollenen Seefahrers

Claudio Monteverdis "Il ritorno d' Ulisse in Patria"
als Livestream aus der Wiener Staatsoper

Wer dieser Tage den Zugang zu Monteverdis Oper von 1640 sucht, betritt eine gänzlich andere Klangwelt, als wir sie aus der Klassik und Romantik gewohnt sind. Darin besteht aber eben der Reiz, ein solches Werk mit seiner eigengesetzlichen Tonsprache auch in das Saisonprogramm eines aktuellen Opernhauses wie der Wiener Staatsoper aufzunehmen. Die in Wien überlieferte Partitur besteht aus einem Prolog und drei Akten. Aus den erhaltenen Libretti läßt sich allerdings schliessen, dass es einmal fünf Akte gegeben haben könnte.
Die Neuinszenierung der Wiener Staatsoper stammt von Jossi Wieler und Sergio Morabito. Das Orchester der Wiener Staatsoper spielt unter der Leitung von Pablo Heras-Casado.

Im Prolog beschwert sich die Allegorie der "menschlichen Gebrechlichkeit" (Helene Schneiderman, Jörg Schneider, Daria Sushkova und Katleho Mokhoabane) über die Irritationen, die ihr von der rasch vergehenden Zeit (Andrea Mastroni), dem launischen Glück (Miriam Kutrowatz) und der blinden Liebe (Alma Neuhaus) zugemutet werden. Zum Lohn wird sie von diesen drei Faktoren verspottet.

Das Libretto stützt sich auf die Gesänge 13 bis 23 der dem griechischen Dichter Homer zugeschriebenen Odyssee. Es geht um die Heimkehr des Königs Odysseus (italienisch Ulisse) (Georg Nigl) aus dem trojanischen Krieg, der nach jahrzehntelanger Irrfahrt schlafend auf seiner Heimatinsel Ithaka abgesetzt wird. Er verkleidet sich als Bettler, wird vom Sauhirten Eumete (Robert Bartneck) aufgenommen und gibt sich zunächst nur seinem Sohn Telemaco (Josh Lovell) zu erkennen. Seine Frau Penelope (Kate Lindsey) wird in Abwesenheit ihres vermißten Gatten von drei Freiern zur Heirat gedrängt.

Die Strippenzieher im Hintergrund sind die antiken Göttergestalten Giove(Jupiter, Daniel Jenz), Nettuno (Poseidon, Andrea Mastroni), Minerva (Athene, Isabel Signoret) und Giunone (Juno, Anna Bondarenko). Ihr Widerstreit spiegelt sich in den Schicksalen, denen die Menschen ausgesetzt sind.

Penelope klagt in beredter Artikulation über die endlose Wartezeit bis zur die Rückkehr des Gatten. Sie meint, für fremde Schuld büßen zu müssen, und ersehnt die Erlösung von der Bedrängnis durch die unerbetenen Freier. Nur die Amme Ericlea (Helene Schneiderman) hält zu ihrer Königin. Penelope appelliert an Ulisse, zurückzukehren.
Eurimaco (Hiroshi Amako) preist die ihm gewidmete liebevolle Zuneigung von Melanto (Daria Sushova).

Zwischenspiel: Hochmütig sei der Mensch, aber von den Himmlischen gelenkt, dekretieren die Götter.

"Schlafe ich oder wach ich ?" fragt sich Ulisse, hadert mit seinem Schicksal und räsoniert über die eigenmächtigen Götter. Er preist einen Hirtenknaben (Minerva) am Wegrand und sucht dessen Hilfe. Der rät ihm zur Anonymität.
Amor contra Penelope: Sich neu verlieben - ja oder nein ?

Ulisse findet an der Quelle Arethusa seinen alten Hirten Eumete. Er verkündet, dass Ulisse lebt und zu Penelope zurückkehren wird. Telemaco taucht auf, Eumete und Ulisse in einem flotten Duett. Ulisse, eben noch scheintot, erwacht zu eigener Diktion und gibt sich Telemaco als sein Vater zu erkennen. Dem verschlägt es vor Glück nahezu die Rede. Nun aber auf zur Mutter !

Melanto und Eurimaco beklagen Penelopes Abneigung, sich neu zu verlieben. Die weist aber die sie bedrängenden Antinoo, Pisandro und Anfinomo einmal mehr zurück. Tanz und Gesang sollen die Königin aufheitern.
Eumete kündigt die Rückkehr Telemacos an. Naht die Rache des Ulisses ? Sollte man Telemaco umbringen?
Jupiters Vogel am Himmel erschreckt die Freier.

Minerva schlägt ein klärendes Wettspiel vor.

Nach der Pause hat erst mal Telemaco das Wort. Er berichtet, dass ihn die schöne Helena empfangen habe. Penelope hält dagegen. Telemaco bleibt dabei: Ulisse wird zurückkehren und sein Reich erneuern. Der ergreift das Wort und rüstet zum Angriff. Es gibt ein Armdrücken nach bayerischer Manier. Penelope lädt den unbekannten Bettler ein. Eine Königskrone wird ausgelobt.

Die Freier lassen nicht nach im Werben um die Gunst Penelopes. Der noch immer unerkannte Ulisse schaut von der Seite zu. Sie lässt den Bogen des starken Ulisse herbeischaffen. Pisandro darf als erster. Der kann aber den Bogen nicht spannen. Anfinomo ist der nächste. Auch er hat Pech, der Bogen bleibt ungespannt. Auch der Versuch des dritten Freiers scheitert. Der noch immer unentlarvte Ulisse greift nach dem Bogen und spannt ihn mühelos. Er langt nach der Maske, die Minerva ihm reicht. Kaum hat er sie aufgesetzt, sind die Freier und alle anderen Widersacher hinfällig. Iro bringt sich um.

Penelope verharrt im Zweifel. Eumete will ihr einen Hinweis geben: der erfolgreiche Bogenschütze war Ulisse ! Telemaco bestätigt das. Penelope fährt fort zu zweifeln. Minerva mischt sich ein: Jupiter wird angerufen. Juno plädiert dafür, Ulisse in seine alten Rechte einzusetzen. Nettuno gibt ihn schliesslich frei: er soll leben !

Die Amme Ericlea erkennt ihren alten Herrn an einer Narbe. Aber Penelope zweifelt immer noch. Erst ein Hinweis Ulisses auf ein Detail der Gestaltung ihres Ehebettes überzeugt sie. "Nun erweis ich der Liebe die Ehre".
Schlussensemble: "Jauchzet. ihr Lüfte".

Monteverdis Musik ist überraschend farbig und von kurzweiliger Figuration. Sie verblüfft mit einem nahezu modernen Drive und gebietet über beachtliche, quirlig-lebendige Klangentfaltung. Die Solisten jagt sie durch abenteuerliche Koloratursequenzen. Wenn man bedenkt, dass die Instrumentierung gar nicht überliefert ist, tut die Musik eine desto überzeugendere Wirkung. Geschickt eingefügte Zwischenspiele begleiten die Szenenwechsel mittels der Drehbühne. Tutti-Intermezzi treiben die Handlung voran, sprunghaft zupackende Tanzweisen beleben die musikalische Gestalt. Pablo Heras-Casado hält sein hellwaches Philharmoniker-Team mit größter Präzision zu immer neuen, fesselnden Spurts an. Ein insgesamt mitreissendes, virtuos umgesetztes Szenario.



040823

Ägyptisches aus Rom
Verdis "Aida" als Livestream
über Opera Vision

Giuseppe Verdis "Aida", 1871 in Kairo uraufgeführt, fußt auf einem Libretto von Antonio Ghislanzoni, das wiederum ein Szenario des Ägyptologen Auguste Mariette verarbeitet. Verdis Oper, für die er den Kompositionsauftrag erst nach längerem Zögern und gegen das exorbitante Honorar von 150 000 Goldfranken übernommen hatte, war schon 1870 fertig, konnte aber erst im Dezember 1871 im neuen Kairoer Opernhaus über die Bühne gehen, weil Kostüme und Requisiten während der preussischen Belagerung von Paris im Deutsch-Französischen Krieg eingeschlossen waren. Aus "Aida" wurde eine der erfolgreichsten Opern des 19. Jahrhunderts.

Die Live-Aufzeichnung aus dem Teatro dell'Opera di Roma stammt vom 09.02.2023 und ist bis zum 07.10.2023 bei Opera Vision abrufbar.

Regisseur der römischen Aufführung ist Davide Livermore. Das Orchester des Teatro dell'Opera di Roma und der Chor stehen unter der Leitung von Michele Mariotti.

1.Akt : Die äthiopische Prinzessin Aida (Krassimira Stoyanova) ist von ägyptischen Militärs gefangen genommen und zur Sklavin gezwungen worden. Ihre Entführer kennen aber Aidas wirkliche Identität nicht. Aida und Radames (Gregory Kunde), der Heerführer der Ägypter, sind ein Liebespaar. Aidas Vater, König Amonasro von Äthiopien (Vladimir Stoyanov), rückt mit seinen Truppen in Ägypten ein, um seine Tochter zu finden und sie zu befreien. Amneris (Ekaterina Semenchuk), die Tochter des ägyptischen Königs, ist gleichfalls in Radames verliebt, aber sie weiss, dass seine Neigung einer anderen gilt. Sie hält Aida für dessen heimliche Geliebte. Als der ägyptische König ( Giorgi Manoshvili) vom Einfall der Äthiopier berichtet, ist Aida im Zwiespalt: zwar liebt sie Radames, will aber auch loyal zu ihrem Vaterland Äthiopien sein.

2.Akt: Radames hat an der Spitze seines Heeres die Äthiopier besiegt, und nun wird gefeiert. Amneris bringt Aida dazu, das Geheimnis ihrer Liebe zu gestehen, indem sie vorgibt, Radames sei im Kampf gefallen. Amneris reagiert auf Aidas Bekenntnis mit grenzenloser Wut. Aida findet ihren Vater Amonasro unter den kriegsgefangenen Äthiopiern wieder, aber zu seinem Schutz wird die Lüge verbreitet, der äthiopische König sei in der Schlacht gefallen. Radames bittet seinen König um die Freilassung der Geiseln. Der stimmt zwar zu, behält aber Aida und Amonasro zurück.

3. Akt: In der Nähe des Isistempels treffen sich Gläubige, um den Segen für die vermeintlich bevorstehende Hochzeit von Amneris und Radames zu erflehen. Radames trifft sich heimlich mit Aida und macht ihr einen Heiratsantrag. Amonasro belauscht dieses Gespräch.  Als er sich zu erkennen gibt, meint er verraten zu sein. Amneris und der  Oberpriester Ramfis (Riccardo Zanellato)  sehen Radames und Aida zusammen. Radames will die Chance zur Flucht mit Aida und Amonasro nicht nutzen und lässt sich stattdessen widerstandslos festnehmen.

4.Akt: Nachdem Radames sich weigert, durch Abschwören freizukommen, wird er zum Tode verurteilt. In dem unterirdischen Gewölbe, in das er eingemauert wird, entdeckt er zu seiner Überraschung Aida, die ihn dort bereits erwartet, um gemeinsam mit ihm zu sterben. Ihr vereintes Schlussduett beendet die Oper.

Der Aufführung gelingt eine weitreichende Geschlossenheit. Das Bühnengeschehen wird sehr wesentlich durch ausgiebige Bewegungschöre und ergänzende Videoprojektionen bestimmt. Michele Mariotti hat mit dem hervorragend disponierten Orchester die musikalische Entwicklung gut im Griff. Unter den Solisten, wenngleich die Stimmen teils ihren ersten Glanz schon hinter sich haben, stehen die beiden Rivalinnen an erster Stelle. Krassimira Stoyanova erreicht streckenweise große Ausdruckskraft und Innigkeit, und der Mezzo von Ekaterina Semenchuk als Amneris ist ihr an Intensität der Präsentation durchaus ebenbürtig. Von Gregory Kunde als Radames hätte man sich etwas mehr Jugendlichkeit gewünscht. Am Schlussduett in der tödlichen Einsamkeit des Grabes verstummt die Kritik: es bleibt eine der stärksten Szenen der Opernliteratur.



 032523

Eine düstere Tragödie
Moussorgskys "Boris Godunow" als Aufzeichnung aus dem New National Theatre Tokio über Opera Vision

Modest Moussorgskys Oper fußt auf einem Drama von Alexander Puschkin und hatte eine sehr wechselvolle Aufführungsgeschichte. Die vorliegende Inszenierung vom polnischen Regisseur Mariusz Treliński ist eine Kooperation mit der Polish National Opera und kombiniert die Urfassung von 1869 mit einer revidierten Version von 1872. Die Aufzeichnung stammt vom 17. 11. 2022 und ist bis zum 24. 09. 2023 auf Opera Vision zu sehen. Das Tokyo Metropolitan Symphony Orchestra spielt unter der Leitung von Kazushi Ono.

Boris Godunow will an die Macht. Seine politischen Gegner wollen dagegen den "Prätendenten", einen angeblichen Nachfahren des früheren Zaren, per Staatsstreich an die Spitze bringen. Godunow, von finsteren Ahnungen und Gewissensbissen geplagt, hält diesen Kandidaten eher für einen Racheengel, der ihm nach dem Leben trachtet.
Boris Godunow (Guido Jentjens) verbringt vor seiner Krönung die Zeit am Bett seines gelähmten Sohnes Fjodor (Eiko Koizumi). Godunows Tochter  Xenia (Kanae Kushima) und deren Amme (Mika Kaneko) sind ihm ebenfalls freundlich gesinnt. Gleichwohl ist er gegenüber Nahestehenden wie Schuiski (Arnold Bezuygen) und Schtscheljakow (Naoyuki Akitani) schroff und aggressiv. Vor Annahme der Krone trifft sich Godunov mit seinem entschiedenen Gegner, dem ranghöchsten Mönch Pimen (Goderzi Janelidze). Er zwingt sich, ihm diplomatische Höflichkeit zu erweisen. Visionäre Szene: ein Krankenzimmer mit mehreren Patientenbetten, und einer der dort Lagernden wird hinausgeschleift. Volk und Militär huldigen dem neuen Zaren Boris, der sie mit Versprechungen abspeist.

Erster Akt. Pimen manipuliert die ihm hörigen Mönche. Seinen Adepten Grigorij  (Kazuma Kudo) lässt er glauben, er sei die Wiedergeburt jenes Zarewitschs, der von Anhängern Boris Godunows ermordet wurde. Er wird "der Prätendent", der falsche Dmitri, der das Verbrechen Godunows an ihm rächen will.

Unterwegs zu Godunow steigen zwei Mönche mit dem Prätendenten in einer Provinzkneipe bei einer Schankwirtin ab (Kasumi Shimizu). Ein mysteriöses Rollkommando sucht nach dem Prätendenten und bricht ein Gemetzel vom Zaun. Da von den Schergen keiner lesen kann, interpretiert jeder Mönch den Text des Fahndungsblatts anders.

Zweiter Akt.  Godunows Tochter trauert um ihren Verlobten.  Godunow will sie trösten. Sein behinderter Sohn Fjodor hat die ersten Schritte an Krücken getan und fantasiert von seiner Zukunft als Herrscher.  Godunows Vertrauter Schuiski spürt die Labilität des Zaren. Gemeinsam beschwören sie die Erinnerung an den Ort Uglich, wo der Zarewitsch ermordet wurde. Die Schilderung bringt Godunow an den Rand des Wahnsinns. Er fleht zu Gott, ihm seine Schuld zu verzeihen.

Dritter Akt. Die desorientierten Parlamentarier folgen der Propaganda des Prätendenten und wenden sich gegen Godunow. Der hat den nächsten Alptraum. Er sieht sich umringt von ermordeten Kindern aus Uglich. Sein Sohn Fjodor erdrosselt ihn hasserfüllt. Jurodivy, ein heiliger Narr, durch den Gott spricht, beschuldigt den Fiebernden, und Fjodor wirft ihm vor, den Zarewitsch abgeschlachtet zu haben.

Vierter Akt. Die Abgeordneten des Parlaments sind zerstritten. Godunow erscheint, vom Wahnsinn gezeichnet, und Schuiski verspottet ihn auf einmal. Pimen spricht von einem Geist des ermordeten Zarewitsch, der wie eine Reliquie die Menschen heilen könne. Godunow beichtet seine Verbrechen, vom Wahnsinn  geleitet. Nun kehrt sich alles um: der Prätendent betritt mit einer Gang von Wolfsmönchen den Raum und ermordet seinen Protektor Pimen. Dann verwundet er Godunow, der um ein Gespräch unter vier Augen mit seinem Sohn bittet. Dabei entschuldigt sich Godunow bei Fjodor, der mit Unverstand reagiert. Um ihn vor der Grausamkeit des Prätendenten zu bewahren, gibt Godunow seinem Sohn selbst den Tod.
Im Finale überstürzen sich die Hinrichtungen. Das ganze Parlament geht geschlossen in den Tod, der zuletzt auch Godunow trifft. Über allem steht das Bild des Prätendenten, der sich als Erlöser geriert, das Blut Godunows aus einem Kelch  trinkt und sich zum neuen Zaren proklamiert.

Trelińskis Interpretation schildert den  Ablauf der Tragödie wie eine Studie von psychologisch motivierter Konsequenz, die in der deprimierenden Schlußsteigerung mündet. Unterstützt von Moussorgskys kompromisslos skizzierender musikalischer Gestaltung ist eine Tragödie zu erleben, die entlang einer unaufhaltsamen Kaskade des Schreckens bis zum Fürchterlichsten hinabstürzt, getrieben von der Gewalt einer überragenden Schuld, die fortzeugend immer neue Verbrechen auslöst.  Die szenische Umsetzung dieser fatalen Fabel ist überzeugend gelungen, und das Orchester bewältigt den musikalischen Part mit gutem Gespür für die charakterisierenden Farben und die Dramatik des Geschehens, unterstützt von den wirkungsstarken Chören und dem flexiblen, mit Videoprojektionen intensivierten Bühnenbild.  Stimmlich kann vor allem Kazuma Kudo in der Rolle des Prätendenten beeindrucken.

 



031823
Wie man einen Grafen zügelt
"Le nozze di Figaro"  live aus der Wiener Staatsoper
auf Arte

Das Libretto zu Mozarts 1786 von der Wiener Hofoper uraufgeführten Opera buffa stammt von Lorenzo da Ponte und verarbeitet die Komödie "La folle journée ou le Mariage de Figaro" von Pierre Augustin Caron de Beaumarchais aus dem Jahre 1778. Die Handlung spielt vor jenem Zeithorizont, der 1789 zur Französischen Revolution führte und den Vorrechten des Adels damit ein Ende setzte.

Die Neuinszenierung an der Wiener Staatsoper hat Barrie Kosky vorgenommen. Sie hatte am 11. März 2023 Premiere. Die auf Arte zeitversetzt gezeigte Live-Aufzeichnung stammt vom  17. März 2023 und ist bis 15.Juni 2023 auf Arte concert zu sehen.  Kleine Besonderheit: die Darstellerin der Susanna, Ying Fang, ist diesmal stimmlich indisponiert. An ihrer Stelle singt Maria Nazarova den Gesangspart aus dem Orchestergraben. Philippe Jordan leitet das Wiener Staatsopernorchester.

Erster Akt. Figaro (Peter Kellner) inspiziert mit seiner Verlobten Susanna ein Zimmer, das sie bewohnen könnten. Susanna berichtet vom Grafen Almaviva, der nicht seiner eigenen Frau nachstellt, sondern zum Beispiel auch Susanna. Figaro  sinnt auf Gegenmittel. "Wenn der Herr Graf zu tanzen wünscht..."

Susanna kabbelt sich mit Marzellina (Stephanie Houtzeel), die sich gleichfalls Hoffnungen auf Figaro macht. Cherubino (Patricia Nolz) outet sich als liebestoller (stimmlich durchaus berückender) Page, der im Grunde allen Frauen im Schloss nachstellt. Graf Almaviva (Andrè Schuen) tritt herein und macht sofort aus seiner Neigung zu Susanna kein Hehl. Basilio (Josh Lovell) und der Graf verbünden sich, um den ewig verliebten Cherubino aus dem Haus zu schaffen. Eine Hofgesellschaft bringt dem Grafen heuchlerische Huldigungen dar. Der  Graf schickt Cherubino zum Militär.

Zweiter Akt. Die Gräfin (Hanna-Elisabeth Müller) beklagt ihr Schicksal an der Seite des ungetreuen Grafen. Zofe Susanna kommt hinzu und versucht zu trösten. Figaro heuchelt Verständnis für des Grafen amouröse Streifzüge und schlägt den Damen einen listigen Schlachtplan vor. Cherubino kommt hinzu und bittet die Gräfin um Schutz, um seine Abschiebung zu verhindern. Cherubino wird mit tatkräftiger Assistenz der Damen in ein weibliches Wesen verwandelt. Dann klopft es an der verschlossenen Tür. Cherubino ab in den Wandschrank. Der Graf kommt herein und schnuppert mißtrauisch in allen Ecken. Den Liebhaber vermutet er im verschlossenen Wandschrank und verlässt mit der Gräfin den Raum. Susanna lässt Cherubino frei, der sich rasch wieder in seine Uniform kleidet und aus dem Fenster in den Garten springt. Graf und Gräfin zurück im Raum. Mit Gewalt den Wandschrank öffnen ? Auf einmal kommt da ganz gelassen Susanna  heraus.  Nun hat die Gräfin Oberwasser, und der Graf bittet zerknirscht um Vergebung.

Da ist nur noch dieses Offizierspatent.  Der Graf soll in die Heirat von Figaro und Susanna einwilligen. Der Gärtner stürzt herein und beklagt, dass einer aus dem Fenster in sein Blumenbeet gesprungen ist. Figaro behauptet, selbst gesprungen zu sein. Auf dem Offizierspatent für Cherubino fehlt das Siegel.

Basilio und Marzellina kommen hinzu: jeder hat eine Litanei von Vorwürfen und Behauptungen von Vorrechten. Zum Aktschluss sieben Personen im Ensemble: Marzellina, Basilio, Bartolo, der Graf sowie Susanna, die Gräfin und Figaro.

Dritter Akt. Der Graf wähnt sich von Susanna und Figaro hintergangen. Don Curzio (Andrea Giovannini) verkündet das Urteil in der Heiratsaffäre mit Marzelline: zahlen oder heiraten ! Es stellt sich aber heraus, dass Figaro in Wahrheit  das Findelkind Raffaello ist und Basilio samt Marzelline seine Eltern sind. Also ist eine Heirat mit Marzelline unmöglich.

Und Cherubino wird mit Assistenz von Barberina zum zweiten Mal als Mädchen verkleidet. Die Gräfin trauert den Stunden trauter Zweisamkeit mit ihrem Grafen nach.

Susanna und die Gräfin schreiben dem Grafen einen scheinheiligen Brief, mit einer Anstecknadel verschlossen. Ein Chor von Blumenmädchen, darunter Cherubino, streut der Gräfin zu Ehren Blumen aus. Der Gärtner entlarvt Cherubino, der Graf sinnt auf Rache. Die Doppelhochzeit: Marcellina und Basilio sowie Susanna und Figaro. Ein kleines Tänzchen der Neuvermählten. Der Graf bekommt seinen Brief, der ihn in den Garten bestellt, und sticht sich an der Anstecknadel.

Vierter Akt.  Im Garten.  Barberina beweint die verlorene Anstecknadel. Figaro ereifert sich über die geargwöhnte Doppelzüngigkeit der Frauen. Susannas Arie "Oh säume länger nicht..." kommt zauberhafterweise aus dem Orchestergraben. Grosser Applaus. Cherubino schleicht sich an die vermeintliche Susanna heran, die in Wahrheit die Gräfin ist. Der Graf umwirbt die erhoffte Susanna und damit ungewollt seine Frau und schenkt ihr einen Brillantring. Figaro erkennt Susanna im Gewand der Gräfin. Der Graf umwirbt weiter die Pseudo-Susanna und wähnt seine Frau  stattdessen  in den Armen von Figaro. Auf Knien bittet er später seine Frau um Vergebung, als die Verwechslung offenbar wird. Schlussensemble: Allseitige Verzeihung und euphorisches Feuerwerk.

In Barrie Koskys Inszenierung stimmt wieder einmal nahezu alles, und er geizt auch nicht mit originellen Einfällen, um szenischen Leerlauf auszuschliessen. Seine Personenregie ist von zupackender Vitalität, und der Zuschauer kommt gar nicht auf die Idee, den Blick von der Bühne abzuwenden. Zur belebenden Wirkung gehört auch ein kräftiger Schuss Erotik, und die Solisten sind gehalten, davon nach ihren Möglichkeiten Gebrauch zu machen. Sie sind, ein junges Ensemble, samt und sonders vortrefflich ausgewählt und weder an Spielfreude noch an stimmlicher Präsenz zu übertreffen. Die nahezu lippensynchrone Doppelrolle von Ying Fang und Maria Nazarova ist ein besonderes Bravourstück. Philippe Jordan am Pult des Orchesters der Wiener Staatsoper steuert diese Aufführung einfühlsam und stilsicher durch Mozarts meisterliche Partitur.



031123

Heiratswirbel in der Konditorei
Cimarosas "Il matrimonio segreto" (Die heimliche Ehe)
in einer Aufzeichnung aus dem Teatro Regio di Parma
als Livestream bei Opera Vision

In Domenico Cimarosas Opernkomödie, die 1792 im Wiener Burgtheater uraufgeführt wurde, stiftet eine zunächst geheimgehaltene Eheverbindung zweier Hauptpersonen eine heilloser Verwirrung unter verschiedenen alternativen Heiratskandidaten. Für die  Aufführung aus Parma verlegt Regisseur Roberto Catalano die Handlung in eine von Tiffanys inspirierte Konditorei, in der ein junges Ensemble die an komplexen Verwicklungen reiche Story vorträgt. Am Pult des Orchestre Cupiditas steht der ebenfalls junge italienische Dirigent Daniele Levi, der bereits an vielen europäischen Opernhäusern Erfolge feiern konnte. Cimarosas Musik, die im Geiste Mozarts auch mit dem späteren Rossini verwandt ist, hat schon bei den Zeitgenossen begeisterte Anerkennung gefunden. Die Aufzeichnung stammt vom 10.02.2023 und ist bis 10.09.2023 bei Opera Vision zu sehen.

Erster Akt: Geronimo (Francesco Leone) ist  ein erfolgreicher Geschäftsmann, der im New York der 1950er Jahre eine gutgehende Kuchenboutique betreibt. Er hat zwei Töchter: Carolina (Giulia Mazzola) und Elisetta (Marilena Ruta). Carolina hat zuvor heimlich Paolino (Antonio Mandrillo) geheiratet, den Buchhalter von Geronimos Geschäft, dem es gelingt, Elisetta mit dem Grafen Robinson (Jan Antem) zusammenzubringen und dafür von ihm das Angebot einer erheblichen Mitgift zu erhalten, was Paolino das Wohlwollen Geronimos sichern soll. Fidalma (Veta Pilipenko) lässt Elisetta wissen, dass sie zu heiraten gedenkt, ohne aber ihren Ehekandidaten zu nennen.

Nun kommt der Graf ins Spiel, ein Vertreter des von Vater Geronimo besonders geschätzten Adelsstandes. Als er die Szene betritt und Carolina sieht, möchte er statt Elisetta lieber sie ehelichen, für die Hälfte der zugesagten Mitgift.
In der Folge entwickelt sich eine Situation voller Missverständnisse und argwöhnischer Unterstellungen. Ungeachtet des gräflichen Interesses verkündet Carolina, dass sie nicht kultiviert genug sei, um einen Adligen heiraten zu können. Als der Graf wieder allein ist, vermutet er, dass Carolina einen Liebhaber habe. Er verfolgt Carolina weiter, und Elisetta fühlt sich zu Recht verschmäht. Schliesslich erklärt der Graf ganz offen, dass er Carolina und nicht die für ihn vorgesehene Elisetta liebt. Allgemeine Verwirrung und großes Durcheinander ist die Folge.

Zweiter Akt. Geronimo geht zum Grafen, um ihn zur Lage zu befragen. Die Situation spitzt sich zu, bis der Graf einen Nachlass bei der Mitgift anbietet. Geronimo gefällt das unter der Bedingung, dass Elisetta zustimmt. Paolino erfährt diese neue Wendung vom Grafen und will seine letzte Karte ausspielen: die Vermittlung durch Fidalma. Die deutet nun aber Paolinos Verlegenheit als Zeichen der Liebe und will ihn heiraten. Paolino geht zu Boden, und Fidalma offenbart der herbeigeeilten Carolina ihre Absichten in der Annahme, dass auch Paolino einwilligt. Der sieht nur noch den Ausweg, gemeinsam mit Carolina zu fliehen.

Die Verwirrung setzt sich noch über mehrere Stufen fort, bis schliesslich Carolina und Paolino ihre heimliche Verbindung gestehen und und um Vergebung bitten. Der Graf gibt sich angesichts vollendeter Tatsachen grossmütig und erklärt sich bereit, Elisetta zu heiraten. Geronimo verzeiht reihum, und alle feiern einen versöhnlichen Ausklang.

Die Aufführung gefällt vor allem durch die komödiantische Spielfreude des jungen Ensembles, das sich auch bisweilen durch  ganz hervorragende Einzelleistungen auszeichnet, etwa von Marilena Ruta mit ihren Koloraturen samt der präzisen Artikulation und Jan Antem als souverän-sonorer Graf Robinson.  Davide Levi am Pult hält das Spiel der Missverständnisse mit geübter Hand zusammen und findet gemeinsam mit dem aufmerksamen Orchester stets eine zuverlässige Basis für die Soli und ihre wechselnden Gruppierungen.



030623
Im Schatten der Geschichte
Premiere von Prokofiews Oper "Krieg und Frieden"
als Livestream aus der Bayerischen Staatsoper München

Unter dem Eindruck des deutschen Überfalls auf die Sowjetunion begann Sergei Prokofiew ab 1941 mit der Komposition einer Oper in drei Akten nach Leo Tolstois Roman "Krieg und Frieden". Das Libretto hierzu schrieb der Komponist selbst gemeinsam mit seiner späteren Ehefrau Mira A. Prokofiewa. Ein erster Teil wurde 1946 in Leningrad uraufgeführt. Ort und Zeit der Handlung: Russland, 1812.

Die Münchener Neuinszenierung stammt von Dmitri Tscherniakov. Er dampfte den Dreiakter auf 13 Bilder ein, die in zwei Teile gegliedert sind. Spieldauer 4 Stunden.  Wladimir Jurowski leitet das Bayerische Staatsorchester.

Teil 1: Eine junge Frau zwischen zwei Männern. Erste grosse Massenszene: Der Silvesterball. Pierre Besuchow (Arsen Soghomonyan) stellt Natascha Rostowa(Olga Kulchynska) seinen Freund Andrej Bolkonski (Andrei Zhilikhovsky) vor und ermutigt ihn, sie zum Tanz aufzufordern. Natascha ist glücklich, Andrej träumt in Gedanken davon, dass Natascha seine Frau wird.
Nach einiger Zeit besucht Nataschas Vater Ilja Rostow (Mischa Schelomianski) den alten Fürsten Bolkonski (Sergei Leiferkus), um die Familie von Nataschas künftigem Bräutigam kennenzulernen. Misshelligkeiten zwischen den beteiligten Personen trüben die Stimmung.
Hélène Besuchowa (Victoria Karkacheva) macht ihren Bruder Anatol Kuragin (Bekhzod Davronov) mit Natascha bekannt. Anatol versucht Natascha zu gewinnen, indem er ihr seine Liebe gesteht. Natascha ist verwirrt und bildet sich jetzt ein, in Anatol verliebt zu sein.
In der folgenden Nacht stiftet Anatol Kuragin Dolochow (Alexei Botnarciuc) an, Natascha für ihn zu entführen und eine heimliche Trauung mit ihr zu veranlassen.
Natascha will in die Flucht einwilligen, aber Achrossimova (Violeta Urmana) verhindert die Aktion. Pierre erzählt Natascha, Anatol könne nicht ihr Bräutigam werden, weil er bereits verheiratet sei. Die irritierte Natascha versucht vor Verzweiflung, sich umzubringen.
Pierre verlangt von Anatol die Herausgabe von Nataschas Briefen und fordert ihn auf, die Stadt zu verlassen. Anatol stimmt aus Furcht zu. Denissow (Dmitry Cheblykov) gibt den Kriegsbeginn bekannt.

Teil 2: Die Schlacht bei Borodino bahnt sich an. "Zwölf Nationen Europas überfielen Russland". Eine Situation wird in eine emphatische Chorszene verlegt, die bei umgekehrten Rollen  an die heutige Konfrontation Russlands mit der Ukraine erinnert. Die Leiden des Volkes im Krieg. Die Musik ist hier nahe bei Puccini.

Einige Monate später. Andrej erinnert sich im Gespräch mit Denissow an die Trennung von Natascha und den Tod seines Vaters. Andrej im Dialog mit Pierre. Feldmarschall Kutusow (Dmitry Ulyanov) inspiziert die Positionen und feuert die Soldaten zu Heldentaten an.

Napoleon verfolgt die Schlacht, aber anstelle von Siegesmeldungen treffen immer neue Hiobsbotschaften ein. Erste Ahnungen einer nahenden Katastrophe für die "Grande Armee". Treffliche Groteskszenerie.

Die Armee der Franzosen plündert sich durchs Land.  Pierre schmiedet einen Plan zur Ermordung Napoleons. Zusammen mit mutmaßlichen Brandstiftern wird er verhaftet und entgeht nur knapp der Erschießung. Unter den Gefangenen lernt er Karatajew (Mikhail Gubsky) kennen, der sich fortan um ihn kümmert.

Ausgelassener Massentrubel. Fabelhaft inszeniert. Kutusow schiesst von der Balkonbrüstung herunter. Dunkle, mondlose Nacht, ein Bluteid gegen den Feind wird geschworen. Andrej ist schwer verwundet. Im Fieberwahn hält er Natascha zunächst für einen Geist. Sie bittet ihn um Verzeihung für alles ihm zugefügte Leid. Vom ersten Tage an habe sie ihn geliebt. "Die Liebe ist das Leben". Wie sie sich umarmen und im Walzertakt wieder niederstürzen - ein Abschied in mehreren Atemzügen.

Die geschlagene feindliche Armee rückt ab und nimmt die Gefangenen mit. Darunter auch Pierre und Karatajew. Partisanen befreien kämpfend die Gefangenen. Pierre findet durch all dies Leid zu Frieden und innerem Einklang.
Schlusswort für Feldmarschall Kutusow mit machtvoller Bühnenmusik.

Ein insgesamt grandioser Bilderbogen, dessen szenische Faszination keinen Augenblick nachlässt. Großer, lang anhaltender Jubel vom Premierenpublikum für die mitreissende Bewegungsregie von Dmitri Tscherniakov, für die bestens instruierten Chöre, die perfekt besetzten Solisten und das meisterlich charakterisierende Staatsorchester unter der souveränen Leitung von Vladimir Jurowski.







021723
Fernöstliches aus Finnland
Puccinis "Turandot" live
aus der finnischen Nationaloper Helsinki
über Opera Vision

Giacomo Puccinis letzte Oper "Turandot" wurde erst nach dem Tode des Komponisten von Franco Alfano nach Puccinis Aufzeichnungen vollendet. Die Uraufführung fand 1926 in der Mailänder Scala unter Leitung von Arturo Toscanini statt.
Die Neuinszenierung an der Finnischen Nationaloper besorgte Sofia Adrian Jupither. Die musikalische Leitung hat Pietro Rizzo. Der Livestream von dieser Aufführung ist bis 16.08.2023 bei Opera Vision abrufbar.
Turandot - die grausame Prinzessin, die alle Bewerber  schwierige Rätsel lösen läßt. Bleiben die richtigen Antworten aus, verfällt der Kandidat dem Henker. So lautet dieses mörderische Gesetz - bis ihm der Tartarenprinz Calaf Einhalt gebietet, der die Liebe der Prinzessin Turandot gewinnt.

Die Inszenierung von Sofia Adrian Jupither versucht, die überlieferten Stereotype in der Charakterzeichnung der Rollen dieser Oper zu hinterfragen, wie dies heute möglich ist, und auf diese Weise zu einer neuen, tieferen Sicht der psychologischen Befindlichkeiten zu kommen.

Der sensationslüsternen Volksmenge verkündet ein Ausrufer, dass Prinzessin Turandot denjenigen Bewerber heiraten werde, der ihre drei Rätsel löst. Am Rande ein alter Mann, Timur ( Matti Turunen), der Vater des Prinzen Calaf (Mikheil Sheshaberidze), der seinen Sohn hier zufällig trifft, zusammen mit Liu (Reetta Haavisto). Der Mond geht auf, sein fahles Licht bescheint eine gespenstische Massenszene mit dem Auftritt des Henkers Put-In-Pao. Der Prinz von Persien, der am Rätsellösen gescheitert ist, steht vor seiner Hinrichtung. Prinzessin Turandot tritt auf. Prinz Calaf ist von ihrer Schönheit schlagartig beeindruckt. Er will nicht mit Timur und Liu fliehen, sondern um Turandot werben, auch wenn die drei Minister Ping(Jussi Merikanto), Pang (Mika Pohjonen) und Pong (Tomas Pavilionis) ihm dringend davon abraten. Er lässt sich aber nicht umstimmen. Auch die Einrede von Liu, die Calaf liebt, vermag nichts auszurichten. Er schlägt den Signalgong, seine Bewerbung ist vollzogen.

Die drei Minister malen sich eine mögliche Heiratszeremonie aus, wenn endlich die grausamen Rätsel der Prinzessin einmal gelöst würden. Sie lassen die Anzahl der in den Vorjahren gescheiterten Bewerber Revue passieren. Sie sind Executionsminister geworden, wider Willen. Sie träumen von einem Leben ohne Schuldgefühle.
Das alles in einer Szene von grossem musikalischen Reiz.

Die nächste Szene - die nächste Hinrichtung ? Die Weisen nehmen Aufstellung, um die Antworten des neuen Bewerbers zu prüfen. Das Tor der Empore öffnet sich, Kaiser Altoum (Jussi Miilunpalo) wird herausgeführt. Der richtet sein Wort an den neuen Bewerber Calaf, und er beklagt, zu diesem blutigen Ritual seit Menschengedenken gezwungen zu sein. Calaf beharrt darauf, sich dem Zeremoniell stellen zu wollen.

Turandot ( Astrik Khanamiryan) tritt an die Balkonbrüstung und schildert zunächst, wie sie im Gefolge jahrhundertelangen Unrechts dazu gekommen ist, sich dem Zugriff der Bewerber zu entziehen. Kein Mann solle sie jemals besitzen dürfen.
Das erste Rätsel: Es ist die Hoffnung, bestätigen  die Weisen. Das zweite Rätsel: auch dieses löst Calaf. Es ist das Blut,wie die Weisen zustimmend festhalten. Nun die dritte Rätselfrage: banges Warten, dann die erlösende Antwort von Calaf: es ist Turandot selbst, ihr Name ist die Lösung. Alle drei Rätsel sind gelöst, die Prinzessin besiegt. Sie fleht ihren Vater Altoum an, sie nicht dem siegreichen Prinzen wie eine Sklavin auszuliefern. Nun ergreift dieser  selbst die Initiative und stellt eine Rätselfrage. Wenn Turandot bis zum Morgengrauen seinen Namen nennen kann, dann will er sich geschlagen geben.
Fieberhaft wird nun während der Nacht versucht, den Namen des Tartarenprinzen zu ermitteln. Seine Arie "Nessun dorma" gehört zum Standardrepertoire aller grossen Tenöre, und der georgische Sänger des Prinzen entledigt sich seiner Aufgabe mit Kraft und Glanz.

Die drei Minister sind wieder zur Stelle, um dem Prinzen mit wechselnden Versprechungen seinen Namen zu entlocken. Liu wird herbeigeschleppt, aber sie gibt sich den Tod, um den Namen des Prinzen nicht preisgeben zu müssen.
Die Prinzessin ist beeindruckt von Lius Opfermut.  Sie steigt von der Empore herab zum Prinzen, der sie mit werbenden Worten empfängt. Sie wehrt ihn erneut ab. Dann finden beide zu einem ersten Kuss. Sie hält sich für geschändet, er bekennt ihr mit immer neuen Worten seine aufrichtige Liebe. Nun gesteht sie ihrerseits ein Gefühl von Hass und Liebe zugleich. Und dann schenkt er ihr zum Beweis seiner Zuneigung den Namen: Calaf, Timurs Sohn. Dieser Schritt verwandelt Turandot, und sie verkündet dem herbeilaufenden Volk, der Name ihres Gatten sei "Liebe". Erleichterter Jubel von der gesamten Entourage. Es regnet Blätter von Rosenblüten.

Eine insgesamt durchaus beeindruckende Aufführung in einem sehr imposanten Bühnenbild. Die Chöre sind hervorragend einstudiert und die Stimmen der Solisten mit Feingefühl ausgewählt. Die warmherzige Liu ist ebenso überzeugend wie die anfangs eiskalte Prinzessin Turandot, deren Sopran lediglich partienweise etwas kräftig tremoliert. Den Preis für die schönste stimmliche Leistung hat wohl der Tenor des Prinzen Calaf verdient. Am Pult des Orchesters der Oper von Helsinki beweist Pietro Rizzi eine intensive Vertrautheit mit Puccinis Partitur und den musikalischen Akzenten, die ihre grandiose Wirkung tragen.


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Liebe und Laster
Richard Strauss' "Salome" als Livestream
von der Premiere aus der Wiener Staatsoper

Richard Strauss' Opern-Einakter nach Oscar Wilde in der Übersetzung von Hedwig Lachmann wurde 1905 im Königlichen Opernhaus Dresden uraufgeführt. Der anrüchige Charakter der Handlung, der sich insbesondere in den Interaktionen zwischen Salome und Jochanaan offenbart, hat anfangs zur Absetzung des Werkes sowohl an der Wiener Hofoper wie an der New Yorker Metropolitan Opera und anderen Opernhäusern geführt. Heute wird die Oper als "erste Literaturoper" angesehen und wegen szenischer und musikalischer Raffinessen als "Einstieg ins moderne Musiktheater" gefeiert.
Die Neuinszenierung an der Wiener Staatsoper stammt von dem 1975 geborenen französischen Schauspieler und Regisseur Cyril Teste. Die musikalische Leitung hat Philippe Jordan.

Nach einer kurzen Orchestereinleitung von wenigen Takten ist sofort die schwirrende, schwüle Atmosphäre am Hofe des Königs Herodes präsent. Vor einem Festgelage im Palast des Herodes Antipas in Galiläa stehen Soldaten auf Wache, darunter auch der Hauptmann Narraboth (Daniel Jenz), gewissermaßen ein Stalker, vernarrt in die Person der Herodes-Stieftochter Salome (Malin Byström).  Aus der Tiefe der Zisterne hört man die Stimme des dort gefangen gehaltenen  Propheten Jochanaan (Iain Paterson), der seine Botschaften verkündet und der Herodes-Gattin Herodias (Michaela Schuster) ihre Sünden vorwirft.

Salome kommt aus dem Bankettsaal heraus und will den Propheten sehen, dessen Stimme sie hört. Sie verführt Narraboth, ihr die Zisterne zu öffnen, was Herodes  ausdrücklich verboten hat. Salome zeigt sich hier in einem eher leichtfertig-oberflächlichen Habitus. Jochanaan steigt aus der Zisterne empor. Seine ersten Worte gelten Herodes, "dessen Sündenbecher jetzt voll ist". Dann spricht er von Herodias. Salome verfolgt die Worte Jochanaans mit einer Mischung aus Faszination und Abgestossensein. Narraboth versucht sie von der Betrachtung des Propheten abzuhalten. Sie wird zunehmend gefesselt: "Sein Fleisch muss sehr kühl sein."

"Ich bin Salome, Tochter der Herodias, Prinzessin von Judäa". Nun der Gegensatz: sie ist zunehmend fasziniert, er stösst sie zurück. Salome formuliert den Nachklang ihres Eindrucks in emphatischen Worten. Dann nennt sie seinen Leib "grauenvoll" und steigert sich in den Rausch hinein, ihn berühren zu wollen. Der Prophet weist sie erneut ab. Salome pendelt hin und her zwischen Lobpreisungen und Schmähungen Jochanaans. Sie findet immer neue Bilder und Vergleiche, um ihrer Begeisterung  Ausdruck zu geben. "Lass ihn mich küssen, deinen Mund". Narraboth versucht vergeblich, die Prinzessin zurückzuhalten. Nun tritt eine ins Edle verklärte zweite Mädchenfigur auf, kniet neben dem Propheten, bis Salome sie fortschickt. Der Prophet wendet sich angewidert ab: "Du bist verflucht!" Die Edle und die Sünderin umarmen einander, Narraboth gibt sich den Tod, der Prophet geht zurück in die Zisterne.

Nun entschliesst sich Salome zu einer Radikallösung. Herodes (Gerhard Siegel) kommt mit Herodias aus dem Palast heraus und entdeckt den toten Narraboth. Wilde Halluzinationen plagen ihn, böse Zeichen, der Vogelflug. Er sieht Salome und findet sie ungewöhnlich blaß. Er lädt sie zu Wein und Früchten ein, äussert morbide Lust an ihren Äusserungen, will sie "auf dem Thron deiner Mutter" sitzen lassen. Da klingt die Stimme Jochanaans wieder aus der Zisterne heraus. Fünf Juden streiten über die Natur des Propheten und die von ihm verkündete Lehre. Die mädchenhaft reine Doppelgängerin von Salome bleibt weiterhin auf der Szene. Ist der Messias gekommen ? Herodes verbietet, dass der die Toten erweckt.

Jochanaan fährt fort, fürchterliche Prophezeiungen gegen Herodias zu schleudern. Herodes fordert Salome auf, für ihn zu tanzen. Sie könne dafür alles begehren, und sei es die Hälfte seines Königreichs. Seine Halluzinationen drücken ihn zu Boden. Und Salome tanzt den Tanz der sieben Schleier, auf die allerdings hier verzichtet wird. Stattdessen liefert sie pantomimische Gesten am Bankett-Tisch. Eine Kamera folgt ihren szenischen  Darstellungen, deren  Bild wird zur Videoprojektion. Die mädchenhafte Doppelgängerin ahmt die Auftritte nach und vollendet die Schlussphase des Tanzes. Dem Orchester fällt die Hauptrolle der szenischen Skizzierung zu.

Nun will Salome zum Lohn  etwas "in einer Silberschüssel" haben :"den Kopf des Jochanaan". Herodes hat unglücklicherweise einen Eid geschworen, und er kommt nun aus dieser Klemme nicht mehr heraus. Alle Verheissungen herrlicher Reichtümer und Juwelen bringen Salome nicht von ihrem Wunsch ab. Schliesslich ergibt sich Herodes in sein Schicksal: "Man soll ihr geben, was sie verlangt". Herodias ist höchst angetan vom perversen Wunsch ihrer Tochter. Zu spät: der Henker geht in die Zisterne und kommt wieder nach oben mit dem abgeschlagenen Kopf des Propheten. Auf die Silberschüssel wird verzichtet, stattdessen verschmilzt der Kopf des Henkers mit der Maske des Jochanaan. Der Triumph der Salome ist ihr Schlußmonolog, wo die Stimme nun auch die notwendige Prägnanz und Klarheit hat. "Jochanaan, du warst schön". Nun wird aus dem Monolog ein Dialog mit dem Henker, der wie in Trance die Rolle des Getöteten übernimmt und Salome  umarmt. Der Henker stellt nun einen silbernen Teller mit der Totenmaske ab. "Das Geheimnis der Liebe ist größer als das Geheimnis des Todes".

Herodes, angewidert: "Sie ist ein Ungeheuer ! " Salomes letzte Worte: "Ich habe deinen Mund geküsst, Jochanaan. Es war ein bitterer Geschmack auf deinen Lippen." Herodes'  Befehl: "Man töte dieses Weib! "

Grandioser Schlussbeifall für Malin Byström, deren stimmliche Leistung insbesondere in der Schlußphase an Ausdruckskraft und ausgeglichener Schönheit keine Wünsche offen liess. Philippe Jordans Leistung am Pult des Staatsopernorchesters war der überzeugende dramaturgische Halt für die insgesamt anspruchsvolle Präsentation.








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Der geprellte Lustmolch
Verdis "Falstaff" als Live-Mitschnitt
vom Maggio Musicale Fiorentino
auf Opera Vision

Verdis von Altersweisheit widerstrahlende letzte Oper baut auf einem Text von Arrigo Boito auf, der sich wiederum an Shakespeares "Die lustigen Weiber von Windsor" orientierte. Die Uraufführung fand1893 im Teatro alla Scala in Mailand statt.

Das Musikfestival "Maggio Musicale Fiorentino" gilt als das älteste seiner Art in Italien und wurde 1933 gegründet.
Auf Opera Vision wird der Live-Mitschnitt der Aufführung vom 23.11.2021 gezeigt. Der Livestream von dieser Aufzeichnung  ist bei Opera Vision noch bis 10.06.2023 zu sehen.

Die Inszenierung stammt von dem renommierten deutschen Regisseur Sven-Eric Bechtolf. Chor und Orchester des Maggio Musicale Fiorentino leitet Sir John Eliot Gardiner.

Sir John Falstaff (Nicola Alaimo), der füllige Ritter von der stabilen Gestalt, ist zutiefst von seiner unwiderstehlichen Wirkung auf Frauen überzeugt. Zugleich zwingt ihn chronischer Geldmangel, über Wege zur Sanierung seiner prekären materiellen Lage nachzusinnen.

Erster Akt: Ein Konflikt im Wirtshaus.  Dr. Cajus (Christian  Collia) beschuldigt Falstaff, daß dessen Diener Bardolfo ( Antonio Garés) und Pistola (Gianluca Buratto) ihn bestohlen haben sollen. Da Cajus aber nicht weiss, wer von beiden es war, weist Falstaff die Klage zurück. Falstaff fragt seine Diener nach dem reichen Bürger Ford (Simone Piazzola). Ausserdem berichtet er von mehreren Bürgersfrauen, die in ihn vernarrt seien. Falstaff hat werbende, gleichlautende Briefe an zwei von ihnen geschrieben, Mrs. Alice Ford (Ailyn Pérez) und Mrs. Meg Page (Caterina Piva).

Zweites Bild: Szene im Garten. Beide Frauen haben ihre Briefe erhalten und lesen sie sich nun gegenseitig vor. Dabei stellen sie fest, dass die Briefe bis auf die Anrede vollkommen gleich lauten. Voller Empörung beschliessen sie, dem Schreiber Falstaff eine Lehre zu erteilen. Ihre Freundin Mrs. Quickly (Sara Mingardo) soll ihm einen Brief von Alice überbringen, der ihn zu einem Treffen einlädt, bei dem er verspottet werden soll. Ford will Falstaff in sein Haus locken und ihn dort mit seiner Frau in flagranti erwischen. Fords Tochter Nannetta ( Francesca Boncompagni) und der junge Fenton (Matthew Swensen) gestehen einander ihre Liebe.

Zweiter Akt. Wieder im Wirtshaus. Mrs. Qickly überbringt Falstaff die Einladung von Alice. Ford kommt, stellt sich als Herr Fontana vor und behauptet, Alice unsterblich zu lieben, die aber nichts von ihm wissen wolle. Falstaff lässt den Überraschten wissen, dass er bereits einen Termin mit ihr habe. Als Falstaff geht, um sich umzuziehen, lässt Ford seiner Wut und Eifersucht freien Lauf, bis Falstaff wundervoll verkleidet und siegesgewiss zurückkehrt. Beide gehen zusammen los.
Nächstes Bild: Ein Raum im Haus von Ford.  Falstaff tritt ein. Als er Alice umarmen will, meldet Mrs. Qickly, dass die eifersüchtige Meg im Anmarsch sei. Falstaff versteckt sich hinter einem Wandschirm. Dort verbergen sich auch Nannetta und Fenton, nachdem sich Falstaff in einen Wäschekorb geflüchtet hat. Die jungen Liebenden gönnen sich einen lauten Kuss, woraufhin Ford den Falstaff dort vermutet. Er reisst den Wandschirm um, entdeckt aber nur das junge Liebespaar. Alice befiehlt ihren Dienern, den Wäschekorb samt verborgenem Falstaff in die Themse zu schütten.

Dritter Akt. Erstes Bild: Ein Platz vor dem vielfach vorgestellten Wirtshaus. Falstaff sitzt klatschnass und frierend vor der Tür und jammert über die Schlechtigkeit der Welt. Eine Kanne Glühwein bringt ihn wieder zu Verstand. Mrs. Quickly lädt ihn zu einem neuen Treffen mit Alice ein, um Mitternacht bei Hernes Eiche im Park von Windsor, verkleidet als "Der schwarze Jäger", mit einem Hirschgeweih auf dem Kopf.

Zweites Bild: Der Park von Windsor.  Als der verkleidete Falstaff auf Alice eindringen will, erscheinen auf einmal Nannetta und Bürger samt Bürgerinnen von Windsor, als Feenkönigin mit Gefolge verkleidet. Falstaff wird nach Strich und Faden verspottet und gepiesakt. Als Highlight der Maskerade soll nun eine Doppelhochzeit stattfinden. Ford vermählt zwei verkleidete Paare, und es stellt sich heraus, dass er Nannetta und Fenton verbunden hat - und Dr. Cajus mit Bardolfo. Alle vereinen sich zu der berühmten Schlußfuge: "Alles ist Spaß auf Erden, der Mensch ist als Narr geboren".

Die Aufführung ist ohne Einschränkung hoch zu loben, weil sie den poetischen szenischen Charme des Librettos voll ausschöpft, mit einfallsreichen Kostümen (Kevin Pollard) die Wirkung steigert und in perfekter Verschmelzung mit Verdis Musik eine ergötzlichen Effekt erreicht. Das ist zu einem guten Teil das Verdienst von Sir John Eliot Gardiner am Pult des vorzüglichen Orchesters, der mit souveräner Stabführung für die makellose Gesamtwirkung sorgt. Die Stimmen der Solisten sind mit Sorgfalt ausgewählt und tragen mit komödiantischer Spielfreude zum Erfolg des Ganzen bei.



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Meisterlich
Wagners "Die Meistersinger von Nürnberg"
im Livestream aus der Wiener Staatsoper

Richard Wagners "Meistersinger", 1868 in München uraufgeführt, haben aus verschiedenen Gründen ihren festen Platz in der deutschen Operngeschichte, und manche Gestalten wie Hans Sachs oder Pogners Eva, Walther von Stolzing sowie der Merker Beckmesser können geradezu als Prototypen deutscher Opernfiguren gelten.
Die Wiener Neuinszenierung stammt von Keith Warner. Am Pult des Wiener Staatsopernorchesters steht Philippe Jordan.

Eingangs das berühmte "Meistersinger"-Vorspiel, das längst seinen separaten Weg in die Konzertprogramme der Welt gefunden hat. Philippe Jordan geht es zügig, aber intensiv an und läßt die majestätische Klangflut mit fein differenzierten Tempi fantasievoll strömen.

Erster Aufzug. Hans Sachs(Michael Volle) am Schreibpult, dahinter der Chor in der Katharinenkirche. Wundervoll historisierende Kostüme( Kaspar Glarner). Der reisende Ritter Walther von Stolzing (David Butt Philipp) fragt die Gottesdienstgängerin Eva (Hanna-Elisabeth Müller) etwas unvermittelt, ob sie schon Braut sei. Auch Freundin Magdalena (Christina Bock) kann das nicht so direkt beantworten. Es ist etwas komplizierter: Eva ist von ihrem Vater Veit Pogner demjenigen versprochen, der im Meistergesang obsiegt. Hans Sachs' Lehrjunge David (Michael Laurenz) bekräftigt dies noch mit ein paar Hinweisen auf die Tücken der Tabulatur, nach der die Leistungen der Wettsänger bewertet werden.

Szenenwechsel. Die Lehrbuben bauen die Kulisse für die heutige Sitzung des Singgerichts auf. David instruiert Stolzing über die Gesangsgesetze. Viel komödiantischer Drive im Spiel, bewegliche Stimme. Die zugehörigen Noten werden auf dem Projektionsschirm angezeigt. Stolzing hört's mit wachsendem Widerwillen und begreift die Schwierigkeit der Aufgabe, die auf ihn wartet.

Das Gemerk wird eingerichtet, obwohl heute nur Freiung ist. David erläutert die Bewertungprozedur. Merker Beckmesser (Wolfgang Koch) bekennt, dass er selbst danach strebt, die Hand von Eva zu gewinnen.
Veit Pogner (Georg Zeppenfeld) setzt seine Tochter Eva zum Preis im Wettgesang aus. Aber: keine Ehe ohne Zustimmung der Braut. Sachs will am liebsten das Volk mitentscheiden lassen. Wer soll der Freier sein ? Pogner empfiehlt Stolzing. Der setzt zu einem Lied an: "Am stillen Herd zur Winterszeit.." Kritische Einwürfe von Beckmesser.
Merker Beckmesser nimmt Platz im Gemerk. Sieben Fehler darf der Bewerber höchstens machen. Rezitation aus der Tabulatur. Dann das "Fanget an": Stolzings improvisierter Gesang. Beckmesser kratzt Minuspunkte auf seine Tafel. Dann ereifert er sich zum Beweis, dass Stolzing versungen habe. Sachs äussert eine abweichende Meinung über den Vortrag, hält Beckmesser für voreingenommen. Stolzing singt weiter, Beckmesser krittelt weiter. Im anschliessenden Tumult stürmt alles davon.

Die Pause von etwa einer Stunde hat Wiener Format.

Zweiter Aufzug. Vater Pogner im bedächtigen Dialog mit seiner Tochter.
Schuster Sachs vor dem Haus in der Sommerluft mit dem Fliedermonolog. Dann Sachs im Gespräch mit Eva. Sie lässt sich neugierig berichten, wie die Freiung gelaufen ist.

Eva Pogner, der die Werbung unter ihrem Fenster gilt, läßt sich von Magdalena vertreten und gesellt sich lieber zum wartenden Stolzing. Der landet eine Schimpftirade auf den beschränkten Geist der Meister. Im Hintergrund fantasievolle Geistergestalten. Ein stimmkräftiger Nachtwächter (Peter Kellner) lässt sich vernehmen.
Sachs macht er sich einen Spaß daraus, dem singend werbenden Beckmesser unter dem Vorwand, dessen Schuhe auszubessern, quasi ein Retourkutsche in Sachen Merkerei zu verpassen. Die Hammerschläge auf den Schuh erinnern an Xylophonspiel.

Und nun entwickelt sich aus geheimnisvoll treibender Mechanik stufenweise eine der herrlichsten Prügeleien der Bühnengeschichte, nachdem halb Nürnberg aus dem Bett gefallen ist und sich lustvoll daran beteiligt. Bis der Nachtwächter wieder zu hören ist, diesmal im Kostüm des Sensenmannes. "Wahn" steht im Bühnenhintergrund geschrieben.

Dritter Aufzug. Die gekonnte Modernität des Walther von Stolzing setzt sich am Ende durch gegen die verknöcherte Tabulatur der regelversessenen Meister, und ein Schuster mit Sinn für gesellschaftlichen Ausgleich rückt die verfeindeten Maßstäbe wieder zurecht.

Noch einmal eine Verwechslung als Motor der szenischen Entwicklung. Beckmesser eignet sich einen Liedtext an,  den er für von Sachs erdacht hält, trägt ihn später unglücklich vor und gibt damit den Weg frei für Stolzings Sieg, den eigentlichen Autoren des Liedes. Der Ritter bekommt seine Eva, und Sachsens Schlußwort ist für den heutigen Geschmack etwas anachronistisch.

Diese ganze Aufführung steht ohne Zweifel unter einem glücklichen Stern. Zu loben ist zuvörderst eine überaus lebendige, dabei stets natürliche szenische Gestaltung, die keiner aufgepfropften Regieeinfälle bedarf. Philipp Jordans musikalische Leitung liefert einen guten Teil der Vitalität, von der die Szene lebt, durch die  Klangkultur des Orchesters überzeugend getragen. Die Besetzung ist durchgehend exzellent, allen voran Michael Volle als Sachs und Georg Zeppenfeld  im Gewand des reichen Goldschmieds Veit Pogner. Wolfgang Kochs Sixtus Beckmesser ist ein würdiger Counterpart, der am Ende auf der Strecke bleibt. Hanna Elisabeth Müller und Christina Bock geben der weiblichen Komponente Gefühl und Empfindung samt stimmlichem Format.  Der stilsichere Stolzing von David Butt Philip und der spielfreudige Schusterlehrling David sind gleichermaßen Sterne des Ensembles. Schliesslich verdient die durchgehend bestens verständliche Artikulation für alle Solisten eine besondere Hervorhebung.


 

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Facetten der Liebe
Richard Strauss' "Ariadne auf Naxos"
aus der Royal Swedish Opera Stockholm
auf Opera Vision

Von der "Ariadne" nach dem Libretto von Hugo von Hofmannsthal mit der Musik von Richard Strauss gibt es zwei Fassungen. In der ersten erklingt die Oper nach Molières "Der Bürger als Edelmann", so uraufgeführt 1912 in Stuttgart. Danach ersetzten beide das Molière-Stück durch ein eigenes Vorspiel, das im Hause eines unbenannten neureichen Wieners spielt. Diese zweite Fassung hatte 1916 in Wien ihre Uraufführung und wird seither zumeist in dieser Form auf die Bühne gebracht.

An der Stockholmer Oper stammt die Inszenierung von Katharina Jakhelln Semb. Das Royal Swedish Orchestra steht unter der Leitung von Alan Gilbert, dem derzeitigen Musikdirektor in Stockholm und Chefdirigenten des Hamburger Elbphilharmonie-Orchesters. Die Aufnahme stammt vom 18.10. 2022.

Hofmannsthal hatte das Vorspiel in die Atmosphäre einer Probebühne gestellt, in der sich die Protagonisten der späteren Oper schon einmal kurz blicken lassen. Hier eröffnet ein Schattenspiel mit einem Wollknäuel das Szenario, worauf die Ouvertüre einsetzt, der weiterhin  Schattenspiele auf dem Projektionsschirm folgen. Dann tritt der Haushofmeister  (Andreas T Olsson) auf, der schwedisch spricht, während der ihn herausfordernde Musiklehrer (Ola Eliasson) die deutsche Sprache benutzt.

Der Komponist (Johanna Rudström) muss behutsam mit den Variationen bekanntgemacht werden, die der alles bezahlende Inhaber durch den Haushofmeister verlangt.  Die Bühnenhandlung im Vordergrund wird weiter durch Schattenrisse auf dem Projektionsschirm ergänzt und begleitet. Allmählich begreift der Komponist, dass seine hehre Opernhandlung durch seichte Komödiantenauftritte konterkariert werden soll.
Nun lassen sich die Hauptfiguren aus der Opernhandlung der Reihe nach blicken. Ariadne (Christina Nilsson) geht voran. Da kommt der Haushofmeister (auf schwedisch) mit dem neuesten Änderungswunsch: Ariadne und Tanzmaskerade sollen gleichzeitig gespielt werden, um pünktlich mit dem anschliessenden Feuerwerk beginnen zu können.

Der Komponist ist am Boden zerstört. Der Musiklehrer versucht ihn aufzumuntern. "Hundert große Meister haben ihre erste Aufführung noch mit ganz anderen Zugeständnissen erkauft":  der Tanzmeister (Petter Moen) rät zu Zugeständnissen.

Zerbinetta (Sofie Asplund) präsentiert ihre Version der geplanten Handlung. Der Komponist (schöne leidenschaftliche Sopranstimme, Sonderlob für eine Sängerin, die eigentlich im Mezzofach zu Hause ist) setzt seine Sicht dagegen. Komponist und Zerbinetta kommen sich näher. Komponist zum Musiklehrer: "Musik ist eine heilige Kunst". Er begreift, worauf er sich eingelassen hat.

Nun die eigentliche Oper. Drei Nymphen (Najade: Madeleine Allsop), Dryade (Kari Koskinen) und Echo (Agnes Auer) begleiten den Schlaf der Ariadne am Strand der Insel Naxos. Ariadne beklagt ihr Schicksal, von Theseus verlassen zu sein. Die Akteure der Tanzmaskerade lassen sich mit gelegentlichen Einwürfen vernehmen.
Ariadnes weit ausholende Klage voller Selbstmitleid wird von der Komödiantentruppe kommentiert. Harlekin (Jens Persson Hertzman) erreicht nicht einmal, dass sie aufblickt.

Jetzt Ariadnes Arie "Es gibt ein Reich..." Ein wenig störend, dass Ariadnes Gesang nicht sauber lippensynchron im Videobild wiedergegeben wird. Die stimmliche Leistung mit ihren grossen Bögen  ist absolut überzeugend.
Jetzt die Komödiantentruppe: "Die Dame gibt mit trübem Sinn..." Dazu Puppenspiel-Einblendungen. Dann Zerbinettas Bravourarie : "Grossmächtige Prinzessin..." Auch hier leider Synchronitätsmängel im Video.  Stimmlich ist die Dame voll auf der Höhe und der Partie absolut gewachsen. Die mörderischen Superkoloraturen kommen präzise. Jubelnder Szenenbeifall.

Dann ein Geplänkel Zerbinetta-Harlekin. Alle vier Komödianten schäkern mit Zerbinetta. Noch einmal Puppenspiel- Einblendungen. Dann bleibt die Bühne leer.

Die Nymphen nehmen als erste den landenden Bacchus wahr (Michael Weinius), der von der Zauberin Circe kommt.
Der vom Text geforderte „junge Gott“ ist ein deutlich gereifter Bacchus, der  in einem Weinglas sitzend aus der Tiefe aufsteigt. Die Nymphen reichen ihm einen blauseidenen Morgenmantel. Ariadne wähnt den Todesboten nahe.
In Blitz und Donner werden Bacchus und Ariadne einander gewahr. Bacchus hält Ariadne für eine Art Circe. Die kann aber mit dieser Zuordnung begreiflicherweise nichts anfangen. Bacchus: "Ich bin der Herr über ein Schiff".

Im folgenden Dialog nähern sich die gegenseitigen Vorstellungen voneinander an. Beide fühlen sich verwandelt. Noch einmal tönen Einwürfe der Nymphen und von Zerbinetta herein. Zerbinetta und der versöhnte Komponist reichen einander die Hände. Bacchus hat das Schlußwort: "Nun bin ich ein anderer, als ich war."

Insgesamt eine sehr gelungene Aufführung, die besonders in der musikalischen Qualität anhand der Orchesterleistung als vorzügliche Adaption ungeachtet gewisser Mängel in der Aufzeichnungstechnik zu bewerten ist.

Auf der Opera Vision Mediathek bis 09.06. 2023



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Vom Zauber der silbernen Rose
Richard Strauss' "Der Rosenkavalier"
Live aus dem Brüsseler Théàtre La Monnaie
über Opera Vision

Was für Richard Wagner die "Meistersinger" waren, gelang Richard Strauss durch seine Komödie für Musik "Der Rosenkavalier" mit dem Libretto von Hugo von Hofmannsthal: beiden Opern eignet eine hohe Popularität, ein beherzter Rückgriff in eine idealisierte Epoche der Vergangenheit und ein großartiger Reichtum an musikalischer Erfindung.
Die Strauss-Oper wurde 1911 im Königlichen Opernhaus Dresden unter der musikalischen Leitung von Ernst von Schuch uraufgeführt,  in der Inszenierung von Max Reinhardt und mit Bühnenbild und Kostümen von Alfred Roller. Die Bühnenhandlung wurde ungeachtet aller vorangegangenen Unkenrufe ein überwältigender Publikumserfolg, der regelrechte Wallfahrten aus dem In-und Ausland zu den Dresdener Aufführungen auslöste, ganz zu schweigen von den zahlreichen Nachfolge-Inszenierungen an anderen deutschen Opernhäusern in kürzester Zeit.  

Die Brüsseler Neuinszenierung stammt von Damiano Michieletto, das La Monnaie Symphony Orchestra spielt unter der Leitung von Alain Altinoglu.

Erster Akt. Die Feldmarschallin Fürstin Werdenberg (Sally Matthews) vergnügt sich mit ihrem jugendfrischen Geliebten Octavian (Michèle Losier), den sie zärtlich "Quinquin" nennt. Da klingelt's: zum Glück ist es nicht ihr Mann, der Feldmarschall, sondern "nur" der Cousin, der Baron Ochs auf Lerchenau (Matthew Rose). Octavian verkleidet sich eiligst als Kammerzofe, und er kann sich danach der plumpen Avancen des Baron Ochs kaum erwehren. Ochs braucht Geld und will deshalb Sophie (Liv Redpath) ehelichen, die Tochter des neureichen Herrn von Faninal (Dietrich Henschel). Die Marschallin bietet ihm an, dass Octavian als Brautwerber die obligatorische silberne Rose überbringen soll.  Das "Lever" der Marschallin folgt, und ein buntes Völkchen erobert das Schlafzimmer der Fürstin. Als die aufdringlichen Besucher abgezogen sind, sinniert die Marschallin über das Wesen der verfliessenden Zeit, vorausahnend, dass der Tag der Trennung von Octavian unabwendbar kommen wird.

Zweiter Akt. Ein grosser Tag im Hause Faninal. Die Kutsche mit dem Rosenkavalier fährt vor. Der Zwischenvorhang hebt sich, und Sophie und Octavian erblicken einander zum ersten Mal. Der Funke springt über. Sophie bewundert den Duft der silbernen Rose. Über eine Plauderei finden beide näher zueinander. Dann präsentiert Vater Faninal seine Tochter dem künftigen Bräutigam, dem Baron Ochs. Faninal und der Bräutigam sind einhelliger Meinung, nur die Braut hegt gänzlich andre Gedanken. Octavian fühlt sein Blut kochen. Als beide allein sind, schmieden sie ein konträres Konzept. Sie wollen einander gehören, einzig und allein. Baron Ochs kommt hinzu. "Die Fräulein liebt Sie nicht". Octavian und der Baron duellieren sich. Dann fliesst ein Tropfen Blut, und der Baron macht daraus einer Riesenaffäre. Faninal ist konsterniert ob der Blamage und will Sophie in ein Kloster verbannen.
Da kommt wie gerufen eine Einladung für den Baron, am nächsten Tag zu einem Rendezvous mit einer Dame zu kommen. Mit zurückgewonnenem Selbstbewußtsein nimmt er die Einladung an, tanzend zum Rosenkavalier-Walzer.

Dritter Akt. Eine längere Szenensequenz zur Einleitung: rätselhafte Bilder von Menschen, die ausgestopfte Vögel tragen. Dann wieder klingt dieses wunderbare Walzerthema herein, und Bediente warten in einem Wirtshaus dem Baron auf, der mißtrauisch die Umgebungsbedingungen prüft, um "die Rechnung runterdrucken" zu können. Mariandel betritt die Szene, der verkleidete Octavian, und Baron Ochs macht ihr den Hof. Mariandel tanzt zu "der schönen Musi". Ochs geht auf die Knie und küsst ihr die Füsse. Schwarze Vögel schweben symbolträchtig über der Szene, und Ochs meint, der Raum sei verhext. Jetzt wird die Polizei gerufen, die Sittenpolizei. Wer ist das junge Mädchen ? Faninal kommt und dementiert, dass Mariandel seine Tochter sei. Das Chaos setzt sich fort, bis die Marschallin hinzutritt, die als einzige den Überblick bewahrt. Mariandel erweist sich als Octavian, und die Marschallin überzeugt den Polizeikommissar, dass alles nur "eine wienerische Maskerad"  war. Am Ende sind Octavian und Sophie beisammen, und die Marschallin zieht sich sanft resignierend zurück.

Damiano Michielettos Regie ist bemüht, der Handlung eine gewisse Leichtigkeit mitzugeben und längere Instrumentalpassagen mit Bühnenhandlung zu füllen. Die Ungeduld des Publikums unserer Tage fordert gelegentlich ihren Tribut. Die Stimmen der Solistinnen und Solisten kommen bisweilen an ihre Grenzen, und die darstellerischen Fähigkeiten sind gleichfalls oft überschaubar. Gleichwohl ist Aufführung von angenehmer Ausgewogenheit, und das Dirigat von Alain Altinoglu schöpft die Partitur im Rahmen der Möglichkeiten  von Chor und Orchester voll aus. Insgesamt ein sehenswerter Abend mit einer ganzen Reihe von Vorzügen.

Im Livestream bei Opera Vision zu verfolgen bis 16.05. 2023



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Die Legende von der Allmacht des Goldes
Richard Wagners Tetralogie-Vorabend
"Das Rheingold" aus der Staatsoper Berlin
als Live-Mitschnitt vom 29. Oktober 2022 bei Arte

Nach Golde drängt, am Golde hängt doch alles. Ach, wir Armen! (Goethe,"Faust")

Richard Wagner hat mit der Handlung seiner Tetralogie "Der Ring des Nibelungen" auch eine Chiffre für die fatalen Nebenwirkungen des Kapitalismus ersonnen - ein Aspekt, der allerdings erst in Bayreuther Nachkriegs-Inszenierungen deutlicher herausgearbeitet wurde. Die Uraufführung fand noch ohne Billigung des Komponisten 1869 in München statt, 1876 eröffnete dann der "Vorabend" die erste Bayreuther Präsentation des gesamten "Rings".

Die neue "Ring"-Inszenierung an der Berliner Staatsoper Unter den Linden stammt von Dmitri Tcherniakov. Premiere dieser Version war am 2. Oktober 2022. Am Pult der Staatskapelle Berlin steht Christian Thielemann.

Das ungewöhnlich ausführliche Vorspiel vermittelt ein Gefühl für die "Ursuppe" des Rheins, in der die Rheintöchter Flosshilde(Anna Lapkovskaja), Wellgunde (Natalia Skrycka) und Woglinde (Evelin Novak) in aller Unschuld den Schatz des Rheingolds hüten. Doch der Nibelung Alberich (Johannes Martin Kränzle) nähert sich auf der Suche nach Liebe. Die Wassernixen lassen ihn abblitzen, verraten aber das eigentliche Geheimnis ihres Goldschatzes: daraus kann man einen Ring schmieden, der "maßlose Macht" verleiht. Die Bedingung: der Ringträger muss der Liebe entsagen.

Alberich überlegt nicht lange, schwört der Liebe ab, raubt das Gold und entkommt unter dem Protestgeschrei der Rheintöchter. Sein Ziel ist das unterirdische Nibelheim, wo er mit dem neugeschaffenen Ring  das dort hausende Volk der  Nibelungen zur Zwangsarbeit verdonnert.

Auf der Erdoberfläche haben inzwischen die Riesenbrüder Fasolt ( Mika Kares) und Fafner ( Peter Rose) wie vereinbart die Götterburg Walhall errichtet. Göttervater Wotan (Michael Volle) hatte ihnen zum Lohn die göttliche Freia ( Anett Fritsch) versprochen, die als einzige die Äpfel aus dem Garten der Jugend pflücken kann, denen die Götter ihre Unsterblichkeit verdanken. Wotan sucht nach einem Ersatz für Freia und bittet Loge (Rolando Villazon) um Rat. Der hört unterwegs von Alberich und seinem Ring. Die Riesen sind interessiert, behalten aber einstweilen Freia als Geisel.

Wotan und Loge reisen nach Nibelheim und luchsen Alberich den Nibelungenschatz samt Tarnhelm und Ring ab. Alberich schäumt vor Wut und verflucht den Ring. Urmutter Erda taucht auf, warnt vor dem unheilvollen Ring und prognostiziert eine "Götterdämmerung", das Ende der Götter. Wotan gibt den Riesen den Schatz mit Tarnhelm und Ring, und sogleich zeigt der Fluch seine Wirkung: Fafner erschlägt Fasolt im Streit um die Beute.
Die Götter nehmen Walhall in Besitz, aber die unheilvolle Wirkung des vermaledeiten Rings steht erst am Anfang.

Tcherniakovs szenische Imaginationskraft ist mit Wagners zaubrischer Götterwelt gänzlich unverwandt. Hier tragen die Götter moderne Strassenanzüge, und die Aufgabe, einen Hauch von Wagners ursprünglichen Vorstellungen ins Hier und  Jetzt zu holen, fällt gänzlich Christian Thielemann und seiner Staatskapelle zu, die diese ihre Kunst allerdings auch auf höchst überzeugende Weise unter Beweis stellen.

Die Eingangsszene zeigt nicht etwa schwimmende Nixen, sondern drei Krankenschwestern, die vor einem Stresslabor promenieren, in dem Alberich an einen Patientensessel gefesselt ist. Die Stimmen der Pflegerinnen sind gut abgeglichen. Wie entwendet Alberich nun das Gold ? Aha, er reisst sich los und verflucht die Liebe. Er nimmt das Inventar einfach mit und läßt das Pflegepersonal ratlos zurück.

Drei Damen im Diskussionsraum, die Projektion einer Planskizze von Walhall führt weiter in der Handlung. Wotan (Michael Volle) und Fricka (Claudia Mahnke) im Dialog über den Neubau. Aber was ist mit Freia ? Sie ist in der Gewalt der Riesen.  Freia stürzt herein. Wotan will Loge konsultieren. Erst einmal rühmen sich die Riesen ihrer Bauleistung. Froh (Siyabonga Maqungo) stellt sich schützend von Freia. Loge (Rolando Villazón) im Cordanzug   weiss Rat: Er bringt die Sache mit dem geraubten Gold ins Gespräch, dazu den machtverleihenden Ring. Die Riesen wollen sich statt Freias mit dem Nibelungenhort zufriedengeben. Wotan verfügt: Auf nach Nibelheim ! Eine Fahrstuhltür öffnet sich.

Grandios: zwei Ebenen tiefer liegen die Arbeitsräume der Zwangsarbeiter von Nibelheim. Alberich drangsaliert seinen Bruder Mime (Stephan Rügamer). Schrittweise entlocken Wotan und Loge dem Alberich, wie sein Machtgefüge funktioniert. Per Tarnhelm will er sich in eine Riesenschlange verwandeln(die man sich hinzudenken muss). Loge verlangt, dass er auch eine Kröte werde. Dann wird er gefesselt.  Per Fahrstuhl gehts wieder nach oben, vorbei an den Kaninchen, die schon Tierschützern ein Dorn im Auge waren.
Dem Alberich wird sowohl der Tarnhelm wie der Ring entrissen. Mit einem erneuten Fluch legt er die Wurzeln künftiger Verwicklungen. Die Riesen erhalten den Hort, Urmutter Erda (Anna Kissjudit)  spricht ihre Prophezeiung, die Riesen bekommen auch noch den Ring und werden durch Pistolenschuss erste Opfer des Fluchs, der ihm anhaftet.

Summa summarum muß man wohl etwas Abbitte leisten, was die Regiekonzeption angeht. Tcherniakov hat immerhin eine handfeste  Krimihandlung zustande gebracht, wie sie in unseren Tagen auch im  Fernsehen angeboten wird. Das versöhnlich-verbindende  Band ist Thielemanns bewunderungswürdige Orchesterleitung, kraftvoll und transparent zugleich, ein Wunder an imaginativer Kreativität. Hervorzuheben ist wohl die sängerische und darstellerische Leistung von Alberich (Johannes Martin Kränzle), die in seinem letzten Fluch gipfelt, der überzeugend zum geheimen Motor der gesamten  Handlung wird.





  

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Die Zähmung der Eiskalten
Giacomo Puccinis "Turandot" aus der Staatsoper
Unter den Linden Berlin in einer Aufzeichnung
auf Arte Concert

Puccinis letzte Oper nach dem Theaterstück von Carlo Gozzi wurde nach dem Tode des Komponisten von Franco Alfano anhand von Aufzeichnungen Puccinis vollendet und erst 1926 unter der Leitung von Arturo Toscanini an der Mailänder Scala uraufgeführt. Die Berliner Neuinszenierung von Philipp Stölzl leitet Zubin Mehta am Pult der Staatskapelle Berlin. Die Aufzeichnung wird über Arte Concert verbreitet.

Die Oper "Turandot" hat der Opernszene gleich eine ganze Reihe von Paraderollen beschert. Allen voran die grausame Prinzessin Turandot selbst, eine beherrschende Bühnenerscheinung für dramatische Soprane. Gut in Erinnerung Gladys Kuchta an der Deutschen Oper Berlin, als Gast auch einmal Birgit Nilsson, unvergeßlich mit James King als Prinz Calaf. Ebenso im Glanz eines unvergänglichen Starruhms: Luciano Pavarotti mit seiner sieghaften Arie "Nessun dorma" - "Keiner schlafe": eine Arie, die regelmäßig überbordenden Publikumsjubel auszulösen imstande war.

Entsprechend hoch sind die Erwartungen, die an die Neuinszenierung der Berliner Staatsoper geknüpft werden. Regisseur Philipp Stölzl löst die Aufgabe der szenischen Rahmengestaltung durch Überhöhung ins Symbolische. Die Bühne wird im Hintergrund nahezu gänzlich von einer über Schnüre dirigierten, überdimensionalen Puppe eingenommen, die sowohl die Allmacht der mörderischen Prinzessin wie auch die mechanistische Starre einer Diktatur fernöstlicher Prägung vergegenwärtigt.

Eingangs huldigt das Volk dieser übermächtigen Symbolfigur. Ein Ausrufer rezitiert die Bedingungen, die für Bewerber um die Hand der Prinzessin Turandot gelten: drei Rätsel sind zu lösen, und wer versagt, wird dem Henker ausgeliefert. Prinz Calaf (Yusif Eyvazov) findet in der Volksmenge seinen verschollen geglaubten Vater Timur (René Pape) wieder, der von Liù ( Aida Garifullina) geleitet wird. Pantomimisch unterstützte Chorszene bis zum Auftritt des Henkers Put-in-Pao, der sein Messer wetzt. Ein gescheiterter Bewerber wird hingerichtet, dem Volk zum Trotz, das Gnade fordert. 

Prinz Calaf ist vom Anblick der Prinzessin fasziniert und bewirbt sich als  Rätsellöser. Die  drei Minister Ping (Gyula Orendt), Pang (Andrés Moreno Garcia) und Pong (Siyabonga Maqungo) versuchen vergeblich, den verliebten Prinzen von der Bewerbung abzuhalten. Auch die warmherzige Einrede von Liù vermag nichts auszurichten. Calaf ruft nach Turandot und bewirbt sich.

Die drei Commedia dell'Arte - Minister Ping, Pang und Pong haben eine kurzweilige Stunde der Geschichtsinterpretation. Sie schreiten über den Berg von Schädeln der gescheiterten Bewerber und träumen von einer schöneren Welt.

Den greisen Kaiser Altoum singt Siegfried Jerusalem. Calaf beteuert, sich der Prüfung unterziehen zu wollen. Turandot (Elena Pankratova) tritt auf und stellt ihre Rätselfragen, nicht ohne zuvor einen Exkurs in die Geschichte des chinesischen Reiches zu unternehmen, der erhellt, was der psychologische Hintergrund ihrer grausamen Mordpraxis ist: niemand soll sie je besitzen dürfen.

Das erste Rätsel: Calaf löst es als "Die Hoffnung". Nun das zweite: auch hier hat Calaf die richtige Deutung: "Das Blut". Zweimal richtig, aber was nun ? Ihr letzter Trumpf ist Nummer drei, und alle bangen um Calaf. Es fällt ihm nicht leicht, aber er findet das richtige Lösungswort: "Turandot". Es ist geschafft, die Prinzessinpuppe fällt auseinander, und nun muss wohl der Sieg der Liebe verkündet werden. Die gedemütigte Prinzessin bittet Vater Altoum indes um einen Aufschub. Calaf seinerseits stellt nun ein Rätsel: Wie ist sein Name ? Bevor der Tag anbricht, muss die Frage beantwortet sein.

Eingehüllt in eine Wärmedecke singt Calaf seine berühmte Arie "Keiner schlafe". "Im Morgengrauen werde ich siegen": mit überraschendem Glanz und strahlender Kraft präsentiert Eyvazov diesen klassischen Dauerbrenner. Das Volk versucht, den unbekannten Namensträger mit tausend Tricks zu umgarnen, und die drei Minister tun das Ihrige, um ihn unter Druck zu setzen. Timur und Liù werden herbeigeschleppt und erpreßt. Liù bleibt standhaft und begeht Selbstmord, ohne den Namen dessen zu verraten, den sie liebt.

Den Schluß der Oper liefert die ergänzende Alfano-Fassung. Turandot und der unbekannte Prinz bewegen sich aufeinander zu. Turandot will sich vor Schändung bewahren und nimmt einen Trank zu sich, der sich aber eher als  Liebestrank erweist. Der Prinz nennt aus freien Stücken seinen Namen, und Turandot verkündet dem Volk, sein Name sei "Liebe". Alle atmen auf, die gnadenlose Mordserie hat ein Ende.

Der Berliner Staatsoper ist mit dieser Inszenierung ein Volltreffer gelungen. Das Sängerensemble ist in allen Partien mit hervorragenden und leistungsfähigen Stimmen besetzt, und Altmeister Zubin Metha am Pult der Staatskapelle ist ein Garant für eine wirkungsvolle Präsentation der Puccini-Partitur. Insgesamt ein gelungener Opernabend, der den ganzen Reiz dieser letzten Puccini-Oper ausschöpft.

Diese Aufzeichnung ist bis zum 13.01. 2023 auf Arte Concert zu verfolgen.





092422
Das Leben als Kartenspiel
Tschaikowskys "Pikovaya Dama"
aus dem Brüsseler Théâtre La Monnaie
Live-Mitschnitt über Opera Vision

Die 1890 im Sankt Petersburger Mariinski-Theater uraufgeführte Oper stützt sich auf eine Erzählung des Dichters Alexander Puschkin, aus der Tschaikowskys jüngerer Bruder Modest das Libretto erarbeitet hatte.

Als sich im Brüsseler Theater der blaue Vorhang öffnet, folgt das Orchester der Stabführung  Nathalie Stutzmanns, und ein zunächst anonymer Pianist sitzt vor einem Konzertflügel und setzt versonnen zum Klavierspiel an. Von links und rechts tritt Publikum hinzu. Erste Chorszene. "Feind Russlands, flieh !" Der blaue Vorhang wird von Hand zugezogen, und zwei Männer tauschen sich über ihr Glück im Spiel aus. Dann öffnet sich der Vorhang wieder, und aus verschiedenen Sitzecken wird diskutiert. Hermann (Dmitry Golovnin) bekennt seine Liebe zu Lisa, obwohl die mit Prinz Yeletzki (Jacques Imbrailo) verlobt ist. Von der Großmutter Lisas hofft er das Geheimnis zu erfahren, wie man jedes Kartenspiel gewinnt. Die Großmutter (Anne Sofie von Otter) wurde früher angesichts ihrer Spielleidenschaft "Pique Dame" genannt.

Auf dem Konzertflügel türmt sich inzwischen eine Auswahl von Transistorradios (Inszenierung: David Marton). Der anonyme Pianist greift mittlerweile in die Tasten. Er begleitet Hermanns Monolog.  Drei Karten sinds, geht die Rede, die das Geheimnis des Glücks im Spiel einschließen.

Zweiter Akt. Der Pianist improvisiert, und zwei Soprane besingen die Schönheit der Landschaft. Die Zuhörer applaudieren. Lisas liebste Romanze erklingt. "Laßt uns ein russisches Lied singen". Sehr rhythmisch, aber offenbar zum Mißfallen einer Gouvernante (Mireille Capelle) der Comtesse Großmutter.

Lisa (Anna Nachaeva) lässt ihr bisheriges Leben Revue passieren. "Woher kommen diese Tränen ?" Sie fühlt sich einsam. Die Nacht, so meint sie, kennt das Geheimnis ihrer Seele. Hermann bekennt seine leidenschaftliche Zuneigung  zu Lisa. Er überhäuft sie mit Liebeszeichen, aber sie geht nicht darauf ein. Er streckt ihr seine Hand entgegen, sie greift zu. Dann ruft sie die Großmutter herbei, von der sie zu Bett geschickt wird. Hermann will die Namen der drei Karten wissen. Nun will er mit Lisa leben und sterben. Beide küssen sich.

Szenenwechsel.  Zwei Mädchen am Transistorradio vor dem Vorhang. Was hören sie ?
Die Großmutter allein. Der Chor rahmt sie ein und plädiert dafür, das Leben zu geniessen. Lisa geht der Großmutter zur Hand. Yeletski bekennt seine Liebe zu Lisa. "Ich will alles für dich tun". Hermann sieht's von weitem. Lisa schickt einen Jungen als Boten hinauf zu Hermann. Der wird nahezu wahnsinnig, weil er die drei Karten nicht kennt, um für ein Leben mit Lisa reich zu werden.

Ein bezaubernd mozartisches Duett zweier Frauen. Ein golden gerüsteter Ritter steigt die Treppe herab und himmelt die gekrönte Dame in Rot an, die ihm ihre Krone aufsetzt. Ein Mädchen nimmt den Weg aus der Höhe auf die Szene, und der Ritter setzt nun ihr die Krone auf. Dann kommt wieder der Pianist, nun mit Fell und einer Keule bekleidet. Das vom szenischen Spiel begeisterte Publikum spendet reichen Beifall.

Hermann hat das alles verfolgt. Lisa kommt und will mit ihm fortziehen. Er besteht auf der Kenntnis der drei Karten. Inmitten einer großen Chorszene wird die Großmutter gekrönt.

Dritter Akt. Großmutter in meditativer Versenkung. Hermann kommt dazu. Er will der Großmutter ihr Kartengeheimnis entreissen. "Ich sehe ständig ihr Gesicht vor mir ". Lisa tritt auf und bekennt sich erneut zu Hermann.
Die Großmutter: "Wir können nicht mehr tanzen und singen". Sie trauert der Ahnenreihe adeliger Fürstennamen nach. Hermann tritt von der Seite heran und geht auf sie zu. Sie fordert ihn auf, fortzugehen. Beider Hände berühren sich. Sie lehnt sich an ihn an. Auge in Auge: Ein flüchtiger Kuss. Er versucht, ihr das Kartengeheimnis zu entlocken, appelliert an ihre Jugenderinnerungen. "Alte Hexe" nennt er sie dann, zieht eine Pistole. Die Großmutter liegt am Boden."Sie ist tot!" Herzinfarkt. Lisa tritt hinzu. Sie klagt ihn des Mordes an.

Hermann im Elend. Er hat Lisa in einen fürchterlichen Abgrund gestossen. Alpträume und Schreckensvisionen. Eine Großmutter am Münzfernsprecher nennt die drei Karten. Hermann hat's gehört. Das düstere Bühnenbild rangiert sich neu. Lisa wartet auf Hermann. "Ich bin am Ende meiner Kräfte".
Hermann und Lisa endlich beieinander ? "Lass uns nicht warten, die Uhr tickt". Hast Du sie getötet? So ist es wahr!
Ging es nun um Lisa oder nur um die drei Karten ?

Drei abgerissene Typen vor dem Vorhang. Sie mixen eine Tinktur, verteilen sie auf drei Gläser. Der Vorhang öffnet sich zu einem Trinklied. Karten werden gelegt. Einer singt ein Grotesklied am Flügel. Der Chor antwortet und reisst den musikalischen Duktus voran. Hermann in einer grandios resümierenden Schlussszene. Er verfehlt den Gewinn und seine Lisa, gibt sich den Gnadenschuss.

Regisseur David Marton verwandelt das Puschkinsche Verwirrspiel in eine recht lebendige Bilderfolge, die er auch beherzt mit ein paar modernen Requisiten versieht. Dabei verdienen auch die straff arrangierten Chorszenen eine Hervorhebung. Die Entdeckung des Abends ist aber Tschaikowskys sehr lebendige, gelegentlich dramatisch geschärfte, farbenreiche und stilistisch wandlungsfähige Musik. Nathalie Stutzmann am Pult pointiert die Höhepunkte der Partitur souverän und akzentbewußt.

Die Aufzeichnung ist noch bis März 2023 bei De Munt/La  Monnaie zu sehen.



091122
Glaubenskrieg und Machtspiele

Verdis Oper "Nabucco"
aus dem Steinbruch St. Margarethen /Österreich
als Aufzeichnung auf 3Sat

Die Oper, 1842 im Mailänder Teatro alla Scala uraufgeführt, war der erste große Erfolg Verdis auf der Opernbühne.

Der erste Akt spielt im Tempel des Salomon in Jerusalem. Dort haben sich Juden versammelt, um das Los der  kürzlich vom assyrischen Herrscher Nabucco (Lucas Meacham)  besiegten Israeliten zu beklagen. Der Hohepriester Zaccaria (Jongmin Park) spricht seinen Gefolgsleuten Mut zu, da sie in Nabuccos Tochter Fenena eine wertvolle Geisel hätten. Fenena ( Monika Bohinec)  wird von Ismaele (Jinxu Xiahou) bewacht, der in sie verliebt ist. Sie hatte ihn einst aus gefährlicher Lage befreit, als er Gefangener in Babylon war. Abigaille (Ekaterina Sannikova), von allen für Nabuccos erstgeborene Tochter gehalten,  betritt in Begleitung feindlicher Soldaten den Tempel und bekennt ihrerseits die Liebe zu Ismaele. Zaccaria will Fenena töten, wenn Nabuccos Leute den Tempel entweihen. Ismaele rettet sie.

Zweiter Akt : Abigaille erfährt, dass sie "nur" die Tochter einer Sklavin ist. Sie will sich an Fenena rächen, der Nabucco den Thron zugesprochen hat. Als sie ihren Plan ausführen will, ergreift Nabucco selbst die Krone und erklärt sich zum Gott, den alle anbeten sollen. Ein aufziehendes Gewitter (wirkungsvolle Beleuchtungseffekte im Bühnenbild) läßt Blitze neben ihm einschlagen, die ihm den Verstand rauben.
Abigaille hat sich die Krone aufgesetzt und läßt Nabucco einsperren.

Dritter Akt: An den Ufern des Euphrat beklagen die Juden den Verlust íhres Heimatlandes mit dem berühmten Gefangenenchor. Zaccaria spricht seinem Volk Mut zu mit dem Hinweis auf eine Prophezeiung vom Untergang Babylons.

Vierter Akt: Nabucco erwacht aus seinem Alptraum und fleht zum Gott der Juden, Fenena zu erretten. Königstreue Wachen erscheinen und folgen ihm, um Fenena zu befreien und die Krone zurückzugewinnen.
Mit ihm getreuen Soldaten stürmt Nabucco die Opferzeremonie und läßt das dort gezeigte Götzenbild zerstören. Die Juden sind darauf befreit, und Nabucco befiehlt seinen Leuten, sich vor dem Judengott Jahweh zu verneigen. Abigaille nimmt Gift und bittet sterbend den Hebräergott um Verzeihung. Der konvertierte Nabucco preist zusammen mit dem Volk Israels Jehova.

Die reichlich raffiniert verstrickte Handlung bekommt durch Verdis mitreissend vitale Musik immer wieder neue klärende Impulse. Die Aufführung überzeugt mit erfreulich frischen, kraftvollen Stimmen insbesondere in den Partien des Titelhelden Nabucco, des Ismaele und der Frauenpartien von Fenena und Abigaille. Dem erfreulich gut disponierten Piedra-Festivalorchester unter der Leitung von Alvise Casellati ist eine kraftvolle, die Handlung vorantreibende Leistung zu bescheinigen. Bis 10.10. 2022 ist die Aufzeichnung in der 3Sat-Mediathek zu sehen.



 

090422
Die selbstbestimmte Frau 
Bizets "Carmen" aus der Arena di Verona
als Aufzeichnung bei 3Sat

George Bizets Oper in vier Akten mit dem Libretto von Meilhac und Halévy nach der Novelle von Prosper Mérimée wurde 1875 in der Pariser Opéra-Comique uraufgeführt und brachte dem Komponisten zuerst wenig Anerkennung. Erst nach seinem Tod im Jahr der Uraufführung begann der Siegeszug dieser Oper, die heute weltweit zu den meistgespielten Werken der Opernliteratur gehört.

Das Amphitheater von Verona wurde etwa im Jahre 30 n.Chr. errichtet und ist heute dank zahlreicher Restaurierungen eine der besterhaltenen römischen Stadionbauten. Es wird seit 1913 nicht zuletzt wegen der guten Akustik wieder regelmäßig als Theater genutzt. Die Arena bietet jetzt 22 000 Zuschauern Platz.
Die Mezzosopranistin Elīna Garanča gilt heute auf den Opernbühnen der Welt als eine Art "Carmen par excellence". In der Veroneser Inszenierung von Franco Zeffirelli leitet Marco Armiliato das Orchester der Arena di Verona. Den Don José singt Brian Jagde, den Torero Escamillo Claudio Sgura. Micaela ist Maria Teresa Leva, Frasquita und Mercédès sind Daniela Capiello und Sofia Koberize.

Start im grandiosen Rund der  Arena. Armiliato gibt mit zügigem Tempo im Vorspiel den ersten Impuls. Dann die erste Szene mit üppigem Aufgebot an Chor und Statisterie. Echte Pferde, echte Kinder. Michaëla fragt nach Don José. "Gewimmel auf dem Markt", ganz wörtlich. Viel fürs Auge. Ein unvergleichlicher Aufmarsch.

Lauter Männer warten auf die "braunen Tabakmädchen". Pause in der Zigarettenfabrik. Jeder Galan findet seine ersehnte Schöne. Da kommt Carmencita. Die "Habanera", das Lied von der Liebe als wilder Vogel. "Wenn ich dich liebe, nimm dich in Acht". Koketterie mit der männlichen Entourage. Stimmlich herrlich bis in die tiefe Lage von Carmen. Applaus.
Carmen holt eine Rose aus ihrem Dekolleté und wirft sie Don José entgegen. Don José und Micaëla. im Dialog. Sie übergibt einen Brief samt Kuss im Auftrag der Mutter. Don José liest den Brief.

Aufruhr aus dem Hintergrund. Streit unter den Tabakmädchen: Carmen soll eine Kollegin mit dem Messer verletzt haben. Carmen setzt sich trällernd über Vorwürfe hinweg. "Ich liebe einen anderen". Sie lässt sich in die Haft abführen, aber Don José fesselt sie absichtsvoll nur leicht. Dann die Seguidilla. Beide kommen sich suggestiv näher. Schrittweise verfällt er ihr und hält ihre Liebe für gegenseitig und unverbrüchlich. Carmen reisst sich los und entkommt.
Zweiter Akt. Taverne von Lillas Pastia. Wieder eine üppige Szenerie mit jeder Menge Details fürs Auge. Carmen fesselt mit einem Song die Schar der Gäste, die einstimmen. Carmen tanzt triumphierend auf einer Tischplatte. Drei Strophen, jede schneller als die vorige. Alles mündet in einen wirbelnden Gruppentanz.

Torero Escamillo taucht auf, die Gäste jubeln ihm zu. Der Stierkämpfer hat sein Auftrittslied, das von den Höhen und Tiefen seiner Rolle in der Arena handelt. Carmen lauscht scheinbar uninteressiert. "Auf in den Kampf, Torero!"
Escamillo und Carmencita sprechen einander an. Die Kneipe leert sich. Ein paar Schmuggler bleiben zurück und nötigen Carmen, mit Frasquita und Mercédès für einen Diebeszug in die Berge zu ziehen. Carmen verkündet, sie sei verliebt.
Don José singend von draussen herein, setzt  sich neben Carmen, die ihn mit Freude hat kommen hören. Carmen tanzt ihm vor, wieder auf der Tischplatte, schwenkt die Röcke in aufreizenden Posen. Der Zapfenstreich ertönt: José muss zurück in die Kaserne. Carmen verspottet ihn wegen seiner Befehlshörigkeit. Dies ist die Bruchstelle der Liebe. José will dominieren, Carmen verweigert das. Dann die "Blumenarie" : José romantisiert ihre Beziehung. "Carmen, je t'aime". Nein, du liebst mich nicht, ist ihre Antwort. Dann würdest Du mit mir in die Berge ziehen.  Gleichwohl mündet der Dialog in einen Kuss, bevor die Diskrepanz wieder aufreisst.

Don José und sein Vorgesetzter wollen sich duellieren, letzterer wird von den Banditen festgesetzt. Carmen überredet José zur Flucht in die Berge.

Dritter Akt. Das freie Leben der Banditen. Stimmungsvolles Flötensolo im Zwischenspiel. Herumschleichende Gestalten in nächtlichem Blaulicht, eindrucksvolle Luftaufnahmen des ganzen Theaters. Der Antagonismus zwischen Carmen und José schwelt weiter. Er warnt sie davor, von Trennung zu sprechen.

Es werden Karten gelegt, um etwas über die Zukunft der Mädchen zu erfahren. Carmen ist dran und zieht eine Karte, die unausweichlich den Tod bedeutet.

Micaëla streift durch das bergige Gelände auf der Suche nach José. Sie will Carmen zur Rede stellen, die aus José einen Verbrecher gemacht habe.

José und Escamillo treffen aufeinander und wollen sich duellieren. Hinzukommende Banditen verhindern das. Carmen steht an der Seite, beobachtend. "Sieh dich vor, Carmen". Micaëla kommt dazu, die Verwirrung steigernd. José will an Carmen festhalten, "verfluchtes Weib".

Vierter Akt. Aufgalopp des Publikums vor dem Stierkampf. Wieder ein Wunder der Massenregie mit Ballett,  verdient hohes Lob. Applaus.
Carmen an der Seite von Escamillo beim Einzug in die Stierkampfarena. "Ja, ich liebe dich, Escamillo". Carmen, nimm dich in Acht. "Ich bin keine Frau, die vor ihm zittert".

José: Laß uns ein neues Leben beginnen. Carmen: Zwischen dir und mir ist alles aus. Ich weiss, dass du mich töten wirst.
Carmen: "Ich bin frei geboren". "Dann töte mich ". Sie wirft ihm ihren Ring vor die Füße. Er zückt ein Messer und ersticht sie.

Viel Beifall für eine sehr geschlossene, trotz der Monumentalität nie erdrückende Inszenierung mit Eīina Garanča als krönendem Stern. Marco Armiliato war ein souveräner Dirigent des gut zusammengesetzten Orchesters der Arena di Verona. Bis 03.12. 2022 in der 3Sat Mediathek zu sehen.




 

082122
Der Traum von einem anderen Leben
Leoš Janáčeks "Katja Kabanova"
als Aufzeichnung von den Salzburger Festspielen
auf 3 Sat

Leoš Janáčeks dreiaktige Oper aus der beengten Lebenswelt einer jungen Ehefrau, uraufgeführt 1921 im Nationaltheater Brünn, fußt auf einem Libretto des Komponisten nach dem Drama "Gewitter" von Alexander Ostrowski. Die diesjährige Salzburger Inszenierung stammt von Barrie Kosky, dem langjährigen Intendanten der Berliner Komischen Oper.
Dass es sich bei dieser Handlung um ein Gesellschaftsdrama handelt, macht Regisseur Kosky gleich in der Einleitung deutlich, in der die Kamera an den Rücken einer Volksmenge entlang fährt, die in den Bühnenhintergrund starrt. Die Szene des 1. Aktes spielt im Vordergrund dieser Situation. Anfangs eine Auseinandersetzung zwischen Dikoj (Jens Larsen) und seinem Neffen Boris (David Butt Philip). Anschliessend bekriegen sich die reiche Witwe Kabanicha (Evelyn Herlitzius) und Katja (Corinne Winters). Die Pflegetochter Varvara (Jarmila Balázová) setzt sich für Katja ein. Beide sinnieren über ihr Dasein.
Janáčeks Musik ist auf intensive Weise mit der tschechischen Sprachmelodie verwoben. Dirigent Jakub Hrúša arbeitet dies am Pult der Wiener Philharmoniker sorgfältig heraus.

Katja träumt von Freiheit, vom Fliegen wie ein Vogel. Sie träumt aber auch von einem anderen Menschen als ihrem Ehemann Tichon (Jaroslav Brezina), und sie begreift das durchaus als Sünde. Ihr Mann beteuert, sie immer noch zu lieben. Tichon muss auf Geschäftsreise, und Katja will, dass er ihr einen Schwur abnimmt, in seiner Abwesenheit niemand anderen anzusehen. Die Kabanicha, Tichons Mutter,  mischt sich mit eigenen Forderungen ein.
Zweiter Akt. Wieder Individuum und Gesellschaft im Kontrast. Kabanicha tadelt Katjas Verhalten beim Abschied von Tichon. Varvara fädelt feinsinnig ein Treffen mit Boris ein. Ein Schlüssel brennt wie Kohlen in Katjas Hand. In Gedanken spielt sie Phasen der Annäherung an Boris durch. Sie will ihn sehen.

Die Kabanicha als Domina mit ihrem Geliebten Dikoj, der dem Alkohol verfällt. Zwischenspiel, Hrúša am Pult als sensibler Zeichengeber.

Boris und Katja in einer Verquickung  von Sehnsucht und Abwehr. "Ich habe keinen freien Willen", sagt Katja. Boris' Wille möge über sie herrschen. Ein erster Kuss, dezent und delikat. "Warum sterben, wenn das Leben so schön ist ?" Varvara und Kudrjáš (Benjamin Hulett) kommen hinzu. Aus dem Off die emphatisch gesteigerten Stimmen von Katja und Boris.
Dritter Akt. Katja wird von Zweifeln über ihr Handeln heimgesucht. Disput über die Natur eines Gewitters. Tichon kommt von der Reise zurück. Ihr schlechtes Gewissen plagt sie. Katja beichtet ihren Fehltritt. Dramatische Kulmination in der Musik. Varvara hat das böse Ende kommen sehen.

Katjas Geständnis hat ihr keine Erleichterung verschafft. Ihr Monolog im Rücken der Volksmasse: Keine Erinnerung blieb ihr an das Rendezvous mit Boris. Grandiose Personenregie, Ausdruck von Katjas Qualen. "Wozu soll ich noch leben ?" Aber die Sehnsucht nach Boris bleibt. Und er tritt erneut hinter sie, dann vor sie. Spiel der Hände. Vergeblicher Versuch, ihn zu halten. Ob er i für ihr Geständnis böse ist ? Wie soll alles weiter werden ? "Laß mich dich ansehen, zum letzten Mal". Ein paar irrwitzige Visionen, dann springt sie ins Wasser. Harte Schläge des Orchesters beenden das Drama.

Die darstellerischen und sängerischen Leistungen sind erstklassig, allen voran die Katja von Corinne Winters, die sowohl als szenische Interpretin wie in ihrer stimmlichen Leistung von strahlender Schönheit höchstes Lob verdient. Die musikalische Präsenz der Wiener Philharmoniker bringt unter  Jakub Hrúša die feinsten Klanggebilde aus Janáčeks Partitur bewegend zu Gehör. Bis 20. September noch in der 3Sat-Mediathek zu sehen.   







080722
Familiendämmerung in Bayreuth
Premiere “Götterdämmerung”
von den Bayreuther Festspielen auf  3Sat

Richard Wagners opus magnum, die Tetralogie "Der Ring des Nibelungen", erstmals 1876 im Bayreuther Festspielhaus unter der Leitung von Hans Richter aufgeführt, kommt 2022 in einer Neuinszenierung von Valentin Schwarz mit der musikalischen Leitung von Cornelius Meister auf die Bayreuther Bühne. Das Finale des Riesenwerkes, das Operndrama "Götterdämmerung", wurde jetzt als Premiere im Video-Livestream gezeigt.

Wagners weltumspannende Kosmologie kulminiert in diesem mächtigen Erzählwerk. Noch einmal treten die Kräfte des Guten und Bösen gegeneinander an, und am Ende setzt Brünnhildes Schlussmonolog grandios den finalen Akzent.

Zur Aufführung selbst diesmal nur eine abschliessende Bemerkung anstelle einer detaillierten Kritik. Es fällt der Geschäftsführung der Bayreuther Festspiele offenkundig schwer, ein funktionierendes Sensorium dafür zu entwickeln, wie sich heutzutage sicherstellen lässt, dass Wagners Opern in  Bayreuth auf höchstem szenischen und musikalischen Niveau dargeboten werden, so dass keine anderweitige Aufführung in der Welt sie übertrifft. Experimente sind natürlich zulässig und erwünscht, aber ihr Resultat muss alle Kritik verstummen lassen.

Das scheint in diesem Jahr einmal mehr mit dem  neuen “Ring” nicht gelungen zu sein. Das szenische Konzept einer bloßen "Familiensaga" ist zu oberflächlich, die musikalische Gestalt zu hastig geformt und in der Auswahl der Stimmen zu weit neben dem angestrebten Perfektionsniveau. Das zwanzig Minuten tobende Publikum  weist  andererseits auch keinen  Lösungsweg zu besseren Aufführungen.

Es wird an der Bayreuther Geschäftsführung liegen, einen Weg zu finden, um  Volltreffer zur Regel zu machen und auf diese Weise auch das zu Recht anspruchsvolle Publikum einzubinden. Oder ist eine solche Forderung unerfüllbar, und perfekte Aufführungen bleiben allemal die Ausnahme ?






072222
Madame Butterfly am Bodensee
Giacomo Puccinis Oper auf der Seebühne
der Bregenzer Festspiele 2022

Wer sich das Ereignis dieser Neuinszenierung zeitnah gönnen wollte und nicht bereit war, sich bis zur ZDF-Sendung am kommenden Sonntag zu gedulden, war auf einen rechten Hindernislauf angewiesen, weil die Direktsendung über ORF 2 ausserhalb Österreichs wohl deshalb nicht zu sehen sein sollte, damit die Aufzeichnung lukrativ ins Ausland verkauft werden kann. Schliesslich wurde ein Kanal über Zattoo gefunden, der zumindest ein Guckfenster öffnete.
Puccinis 1904 uraufgeführte Oper von der gutgläubigen kleinen Japanerin Cio-Cio-San , die ihr Herz an einen amerikanischen Seeoffizier verliert und hofft, dass der sie heiraten und nach USA mitnehmen werde, endet in tragischer Ernüchterung. Der Amerikaner kommt mit seiner wirklichen Ehefrau erneut nach Japan und nimmt Cio-Cio-Sans kleinen Sohn mit, dessen Mutter sich, entehrt, den Tod gibt.

Die Aufführung der Bregenzer Festspiele muss die Aufgabe lösen, eine überaus intime Tragödie im grandiosen, weitläufigen  Bühnenbild von  Michael Levine mit seinen fulminanten Projektionen zu realisieren. Das geschieht mit ausführlichen Gängen des Chors in der Regie von Andreas Homoki und unter der musikalischen Leitung von Enrique Mazzola recht eindrucksvoll. Es gelingt mit erheblichem technischen Aufwand sogar, die sehr achtbaren Stimmen der Hauptpersonen einigermaßen klangschön aus der heimischen Fernseh-Toneinheit hörbar werden zu lassen. Das Bregenzer Bodenseewasser wird effektvoll in die Szene einbezogen, sei es als Erweiterung der Spielfläche oder einfach, indem man hineinspringt.
Die verführte und ihrer Ehre beraubte Japanerin Cio-Cio-San, genannt Butterfly,  verkörpert hier mit bisweilen einschmeichelndem Sopran Barno Ismatullaeva. Ihr verführerischer Amerikaner B.F. Pinkterton ist mit  strahlendem Tenor Edgaras Montvidas. Die Dienerin Suzuki singt Annalisa Stroppa. Den Konsul Sharpless, der die tragische Entwicklung nicht abwenden kann, stellt Brian Mulligan sehr glaubwürdig auf die Szene.

Cio-Cio-San lässt sich in ihrem festen Glauben an Pinkterton nicht beirren. Eine anderweitige Heirat mit dem Fürsten Yamadori lehnt sie ab. Der Aufwand zur szenischen Belebung ist unterdes beträchtlich und füllt den verfügbaren Raum in sehenswerter Weise.  Die Wartezeit bis zu Pinkertons Rückkehr wird unter anderem mit dem berühmten Summchor gefüllt.
Da ist er wieder! Madame Butterfly umarmt ihren Amerikaner. Ausdrucksvoller Bewegungschor. Aber diese Rückkehr war zunächst nur ein Wunschtraum. Jetzt Pinkerton und Konsul Sharpless. Ja, und eben mit einer Dame, die sich als die wahre Misses Pinkerton herausstellt. Reue hilft nicht weiter. Geld auch nicht. "Sie wird so sehr weinen". Abschied vom Sohn. Harakiri vor Publikum, Flammen vor dem Bühnenbild. Effektvolles Finale.

Viel Beifall vom Publikum. Eine gelungene Inszenierung mit einer überzeugend funktionierenden Lösung vieler technischer Probleme. Erneut im  ZDF am 24.Juli 2022.


071322
„ Figaros Hochzeit“ aufgefrischt
UdK-Studiengang Gesang/Musiktheater
zeigt eine Neuproduktion der Mozart-Oper
Wolfgang Amadeus Mozarts  Vierakter "Figaros Hochzeit", ganz sicher eine seiner beliebtesten Opern, läßt auf spannende Weise das Wetterleuchten der gesellschaftlichen Revolution miterleben, das bereits merklich an den Privilegien des Adels nagt. Das Werk mit dem Libretto von Lorenzo da Ponte nach dem "tollen Tag" des Beaumarchais wurde
1786 an der Wiener Hofoper uraufgeführt, und drei Jahre später brach sich die Revolution mit dem Sturm auf die Bastille in Paris ihre Bahn.

Die Neuinszenierung mit Studierenden der Berliner Universität der Künste hat Isabel Hindersin besorgt. Errico Fresis leitet das Symphonieorchester der UdK.  Die Aufführung von "Le nozze di Figaro" wird in italienischer Sprache mit deutschen Übertiteln präsentiert(die dann leider im Livestream bis zur Pause entfallen). Eingebunden sind  auch der UdK-Studiengang Kostümbild sowie der Studiengang Bühnenbild der weißensee kunsthochschule berlin.
Figaro (Kento Uchiyama),  einst Barbier in Diensten des Grafen Almaviva (Sungbin Kim), liebt Susanna (Charlotte Schetelich), die Zofe der Gräfin (Laura Albert), und sie liebt auch ihn mit beider Absicht, einander zu heiraten. Leider benötigen sie dafür die Genehmigung des Grafen, der sich selbst um die Ehebündnisse seiner Beschäftigten zu kümmern pflegt. Etwas voreilig hat er den genußreichen Brauch des "ius primae noctis" aufgekündigt und muss nun sehen, wie er anderweitig zu erotischen Abenteuern kommt. Also macht der Graf Susanna den Hof, indem er zunächst versucht, ihre Heirat zu verhindern. Außerdem bekommt Figaro vom Grafen unverhofft eine opulente Wohnung in einem teuren Stadtviertel angeboten, und erst Susanna bringt ihren Verlobten auf den Gedanken, dass solche Großzügigkeit möglicherweise nicht ganz uneigennützig sein könnte.
Figaro, mit der Zimmereinrichtung beschäftigt, dialogisiert mit einer freilich etwas unvermittelt auftauchenden pantomimisch agierenden Figur  im Trikot. Dann meditiert Don Bartolo (Roman Garcia) mit schöner Baritonstimme im Beisein  seiner Marcellina (Begona Gomez) über einen Kontrakt. Marcellina und Susanna anschliessend im Duett, Susanna verspottet die schon etwas ältere Marcellina. Darauf Susanna mit dem liebstollen Cherubino (Xinmeng Liu), der vor amourösen Flausen nicht weiss, wo ihm der Kopf steht. Susanna versteckt ihn unter Wäsche, als der Graf auftaucht.
Dann Basilio und Susanna im Zwiegespräch. Anschliessend der Graf hinzutretend. Der versteckt lauschende Cherubino wird entlarvt. Der Graf will ihn los sein und schickt ihn zum Militär.

Zweiter Aufzug. Eingangs kniet wieder diese noch rätselhafte pantomimische Figur, die nun auch nicht minder rätselhafte Laute von sich gibt,  während sich hinter ihr der Umbau des Bühnenbildes vollzieht. Dann enthüllt der Tänzer sein  Antlitz und artikuliert Worte wie  "Liebe", "Schicksal" und "So schnell verfällt das Strahlende dem Ruin".
Die Gräfin beklagt die nachlassende Zuwendung ihres Gatten. Sie tut dies in der Badewanne liegend, die Stimme eher dramatisch geschärft. Dann Susanna, die von den Annäherungsversuchen des Grafen berichtet. Figaro kommt hinzu und breitet einen Plan aus, Cherubino in Frauenkleider zu stecken und den Grafen im Park zu blamieren.

Die Gräfin, Susanna, dann Cherubino. Die Umkleidung Cherubinos ist kaum vollzogen, als der stets eifersüchtige Graf auftaucht. Susanna schmuggelt sich in den Alkoven, und als der Graf meint, Cherubino zu entlarven, steht er Susanna gegenüber. Kaum sind Graf und Gräfin aus dem Zimmer, holt Susanna den Cherubino aus dem Versteck und lässt ihn durch das geöffnete Fenster entkommen. Graf und Gräfin kehren zurück, der Graf will endgültig den Cherubino dingfest machen. Das Duett Graf-Gräfin offenbart erstaunlich reife stimmliche Leistungen beider Akteure. Abermals steht der Graf vor Susanna, wo er einen Fehltritt seiner Frau mit Cherubino geargwöhnt hatte. Der Graf leistet reuevolle Abbitte, die ihm seine Gattin aber nicht abnimmt.

Gärtner Antonio (Roman Garcia) berichtet von einem Menschen, der aus dem Fenster in den Garten geworfen wurde, mitten ins Blumenbeet. Daran schliesst sich ein längerer Disput an, der den Aufzug abschliesst.
In der Pause ergeben Nachforschungen, dass es sich bei der rätselvollen, meist pantomimisch agierenden Figur um Puck (Carlo Nevio Wilfart) handelt, eine von der Regisseurin aus freien Stücken wohl dem "Sommernachtstraum" entlehnten Imagination. Man verzeihe dem Berichterstatter die Bewertung: eine aufgesetzte Zutat, die recht willkürlich zur szenischen Belebung durch verschiedene Situationen geistert.

Der dritte Aufzug bringt ein paar Überraschungen: Marcellina erweist sich als Figaros Mutter, und Don Bartolo ist demnach sein Vater. Susanna und die Gräfin tauschen ihre Kleider im Schutze der Nacht.

Vierter Aufzug: im Garten. Das Spiel um Verkleidungen, Irreführungen und Ernüchterungen setzt sich fort. Am Ende verzeihen sich alle gegenseitig, wie das in Mozart-Opernfinales gern der Fall ist.

Zusammengefaßt ist das Ganze eine erstaunlich reife Leistungsschau, in der  die stimmlichen Auftritte von Graf und insbesondere Gräfin, von Susanna und Figaro überzeugende Präsenz und Personengestaltung mit "Mozart-Spirit" beweisen. Eine eigentlich  erwartete Straffung und Aktualisierung findet  nicht statt, das Orchester liefert mit großer Kontinuität die verläßliche Basis für die szenische Gestaltung. Ein bemerkenswerter und insgesamt sehr gelungener Abend. Am 13. Juli findet eine weitere Aufführung mit Livestream-Wiedergabe statt.


061822

Skrupelloses Rom
in Amsterdam

Barrie Kosky, lange Jahre Intendant und Chefregisseur der Berliner Komischen Oper, inszeniert Puccinis "Tosca" an der Oper Amsterdam.

Giacomo Puccinis Oper "Tosca", im Jahre 1900 in Rom uraufgeführt, stützt sich auf ein Libretto von Giuseppe Giacosa und Luigi Illica, die wiederum ein Drama von Victorien Sardou herangezogen hatten. 1902 gabs die deutsche Erstaufführung an der Dresdener Semperoper, und für die zunehmende Akzeptanz beim deutschen Opernpublikum war auch die Premiere am Deutschen Opernhaus Berlin im Jahre 1920 von Bedeutung.

Charakteristisch für dieses Werk sind starke, dramatische Wirkungen, in denen Liebe, skrupellose politisch motivierte Gewalt und grausam enttäuschte Hoffnung auf bewegende Weise verknüpft und von Puccinis überaus farbenreicher Musik getragen werden.
Dirigent des Abends an der Amsterdamer Oper, der von 3Sat übertragen wird, ist Lorenzo Viotti. Er leitet das Philharmonische Orchester der Niederlande.


Regisseur Barrie Kosky lässt die überlieferten Elemente der Tosca-Bühnendarstellung beiseite und möchte die Zuschauer  diese Oper erleben lassen, als sähen sie das Drama zum ersten Mal.

Zu Beginn der Maler Mario Cavaradossi (Joshua Guerrero) im Wechselspiel mit dem Sagrestano (Donato di Stefano) und dem Cesare Angelotti (Martijn Sanders) auf der Flucht, der sich im Kirchenraum zu verbergen sucht. Näherkommend die aufblühende Stimme von Floria Tosca (Malin Byström), die ihren Mario aufsucht. Sie ist verliebt und stets auf eifersüchtiger Wachsamkeit vor möglichen Nebenbuhlerinnen. Ein wenig Geplänkel mit Pinsel und Farbe. Wer ist die blonde Frau da auf der Staffelei ? Etwa die Attavanti ? Cavaradossi dementiert und umgarnt sie mit Worten der Liebe. Floria geht ab mit schelmischem Lächeln.
Cavaradossi hilft Angelotti, sich vor Scarpia zu retten, der ihn verfolgt. Die Kanone von der Engelsburg signalisiert, dass Angelottis Flucht entdeckt wurde. Ein Kinderchor strömt herein und will den Sieg über Napoleon feiern. Lärmende Freude. Da tritt Scarpia (Gevorg Hakobyan) herein (im himmelblauen Strassenanzug) und tadelt den Lärm in der Kirche. Er findet einen Fächer, einen Korb für Speisen, argwöhnt die Anwesenheit Angelottis.
Wieder tritt Tosca auf. Dialog mit Scarpia. Er reizt ihre Eifersucht mit dem Hinweis auf den Fächer der Attavanti. Das Gift tut seine Wirkung. Scarpia zeigt unverhohlen sein Begehren. Scarpia liebkost den Mantel von Tosca. Bestellt ein Treffen mit seinen Schergen zum Palazzo Farnese. Hinter ihm drei Altarflügel mit Darstellungen von Höllenszenen, in Wahrheit der Chor. Eindrucksvolle Bilder. Jubel im  Publikum.

Zweiter Akt. Eine Bar im Raum Scarpias. Er lässt sich ein Glas einschenken und wartet auf Tosca, die ein Konzert gibt, das durchs Fenster hereinklingt. Scarpias Monolog über seine Begierde. Ein bemerkenswert klar akzentuierender Spoletta (Lucas van Lierop). Der gefangene Cavaradossi wird hereingeführt. Dies ist ein Ort der Tränen, sagt Scarpia. Wo ist Angelotti ? Scarpia ordnet Folter an "nach meinen Anweisungen".Tosca kommt herein, umgarnt von Scarpia. Folterszenen und ein abgeschnittener Finger. Tosca soll reden. Weigert sich zuerst. Dann zerbricht ihr Widerstand. Sie verrät Angelottis Versteck. Cavaradossi kommt aus dem Folterkeller herauf, begreift Toscas Verrat aus Liebe. Die  "Victoria"-Rufe Cavaradossis: kraftvoll und klangschön, die anschliessenden Spitzentöne von Tosca blendend und von aggressiver Klarheit. Sie will den Preis für ihre Hingabe wissen, Scarpia rühmt ihre Schönheit, die seine Begierde anstachelt.
Er reisst ihr die Robe vom Leib. Droht mit dem Galgen für Cavaradossi. "Vissi d'arte" - ihr Bekenntnis zum Schönen und Reinen im Leben. Wie sie das in halb zerrissener Unterwäsche singt, ist ein bewegendes Bild. Nun wendet sich das Blatt: sie täuscht ihn. Angelotti hat Selbstmord begangen. Spoletta bekommt den Befehl, für Cavaradossi eine Hinrichtung "wie bei Palmieri" vorzubereiten. Scarpia fertigt einen Geleitbrief aus. Tosca zieht einen Dolch und sticht Scarpia nieder, der um Hilfe schreit. "Stirb, Verdammter!" gibt sie ihm auf den Weg. sie nimmt einen Umhang von einem Wandhaken. "Vor ihm zitterte einst ganz Rom".

Dritter Akt. Der Sonnenaufgang über Rom mit dem Lied des Hirtenknaben. Bilder des gefangenen, gefesselten und blutenden Cavaradossi, während die Kirchenglocken erklingen. Makaber, aber gerade in diesen Zeiten realistisch.
Er darf noch einen Brief an Tosca schreiben. Seine Arie ausgesprochen klangschön gesungen.
Tosca kommt, mit dem vermeintlichen Freibrief. Sie schildert die Ermordung Scarpias. Beide finden zu einem Duett der Hoffnung auf die Zukunft.
Es ist Zeit. Die Hinrichtung zum Schein soll erfolgen. Cavaradossi wird ein Sack über den Kopf gezogen. Das Erschiessungskommando zielt und trifft. Sie will ihn aufwecken - aber er ist tot. Sie stürzt sich vom Erschiessungsgerüst. Am Ende liegen beide vereint am Boden.
Viel Beifall für Solisten und Chor. Viottis Dirigat bringt den Glanz der Solistenstimmen voll zur Geltung. Koskys Regie setzt klare dramatische Akzente und meidet abgedroschene Versatzstücke. Eine straffe, musikalisch ausgereifte Aufführung, bis 16. 09.2022 in der 3Sat Mediathek zu sehen.


053022

Pfiffig, flott und mit schönen Stimmen:
Premiere "Don Pasquale" aus der
Staatsoper Hamburg auf Arte

Gaetano Donizettis dreiaktige Oper im Geiste der Komödien Carlo Goldonis wurde 1843 in Paris uraufgeführt und gehört bis heute zu seinen beliebtesten Werken.
Die Hamburger Neuinszenierung von David Bösch setzt nur behutsame szenische Modernisierungen wie Videos und Handygebrauch ein, wahrt aber die Grundzüge der Handlung in der überlieferten Form.
Don Pasquale ist ein steinreicher Hagestolz, der sich etwas spät zur Heirat entschließt. Symbol seines überbordenden Reichtums ist ein  gigantischer Geldschrank, der den ganzen Bühnenhintergrund ausfüllt und der zur Untermalung der Szene wirkungsvoll geöffnet wird (Bühnenbild: Patrick Bannwart).
Don Pasquale (Ambrogio Maestri) möchte Norina (Danielle de Niese) heiraten, die aber ihre Liebe dem jungen Ernesto, Pasquales Neffen( Levy Sekgapane)  zuwendet. Pasquale wirft ihn erst mal hinaus. Norina präsentiert im Schaumbad ihre erste Bravourarie. Dann taucht Dottore Malatesta (Kartal Karagedik) auf und serviert eine Lösungsmöglichkeit für die  widerstreitenden Liebesbeziehungen: Pasquale soll Sofronia heiraten, angeblich die Schwester Norinas aus klösterlicher Zucht, in Wahrheit aber natürlich Norina selbst. Die darf nun laut Ehevertrag alles bestimmen und nutzt ihre Stellung weidlich aus, um den "fetten, altersschwachen" Pasquale nach Strich und Faden zu verspotten. Ungebremst und schamlos schraubt sie ihre Forderungen immer höher.
Angesichts der Ausgabenfreudigkeit seiner Angetrauten fürchtet Pasquale im Hospital zu enden. Das schöne alte Motiv von der bis zum Eheschluß sanften Schönheit, die sich nach der Hochzeit als ruinöses Biest erweist, wird hier zum Vergnügen des Publikums voll ausgekostet. Das geht bis zur Szene mit gegenseitigen Ohrfeigen.
Ein hinreissendes Chorensemble: Unter einem Schauer von Geldscheinen rühmen die Bediensteten ihre Herrin (Chorleitung Christian Günther). Schliesslich klagt Pascale dem Dottore sein Leid: Hätte ich doch Norina dem Ernesto gegeben ! Ein anonymer Brief weckt Pasquales Argwohn: ist ein heimliches Rendezvous seiner Frau mit Ernesto im Garten geplant ?
Dort dann Ernestos einschmeichelnde Arie an die Aprilnacht: Geliebte, warum kommst du nicht ? Unterm Sternenhimmel ein betörendendes Liebesduett. Der Geldschrank ist inzwischen als Kletterfelsen im Gartenboden versunken. Dann entpuppt sich Sofrania als Norina, und dem Eheglück der beiden Verliebten steht nichts mehr im Wege, zumal Pasquale froh und dankbar ist, dass er sein aufmüpfiges Ehgespons los werden konnte. Zum versöhnlichen Schluss
gibts für alle ein Stück "Pizza morale": Heirate nie im Alter !
Musikalisch ist der Abend ein wirklicher Genuss. Der fette alte Pasquale ist treffend und mit Liebe gezeichnet. Sein Neffe Ernesto kann mit einer herrlich strahlenden Tenorstimme punkten, und seine Norina glänzt mit wendigem Koloratursopran.   Was sie an strahlenden Spitzentönen gelegentlich vermissen lässt, macht sie mit komödiantischem Impetus mühelos wett. Nicht minder trefflich agiert der Dottore Malatesta.
Am Pult des Philharmonischen Staatsorchesters hat Maestro Matteo Beltrami alle Soli und Tutti gut im Griff mit dem rechten Gespür für Donizettis spritzige Musik, und besonders die Ensembles gelingen ihm absolut perfekt. Viel Beifall vom Premierenpublikum für einen rundum trefflichen Opernabend. Die Aufzeichnung ist in der Arte-Mediathek bis 27. 08.2022 abrufbar.


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Der rastlos Suchende
Premiere von Wagners "Der fliegende Holländer"
per "Opera Vision"-Livestream aus dem Nationaltheater Mannheim

Die 1843 in Dresden uraufgeführte "romantische Oper in drei Aufzügen" von Richard Wagner entstand unter dem Eindruck einer stürmischen Schiffsfahrt des Komponisten von Riga nach London. Die Handlung stützt sich auf die Geschichte des niederländischen Kapitäns Bernhard Fokke. Der hatte vergeblich versucht, das Kap der Guten Hoffnung zu umschiffen, und weil er dabei Gott und Natur gleichermaßen verfluchte, wurde er dazu verdammt, mit seinem Geisterschiff auf ewige Zeiten die Weltmeere zu durchkreuzen. Wagner verlegte die Handlung in der Urfassung des Werkes nach Schottland, später nach Norwegen. 1860 hat der Komponist die bis dahin nur mäßig erfolgreiche Oper überarbeitet. Bei ihm darf der rastlos Suchende nur alle sieben Jahre an Land gehen und kann lediglich durch die Liebe einer treuen Frau von seinem Fluch erlöst werden.

Die Neuinszenierung im Nationaltheater Mannheim stammt von Roger Vontobel. Das Orchester des Nationaltheaters Mannheim steht unter der Leitung von Jordan de Souza. Die Einstudierung des Opernchores besorgte Dani Juris.
Die Ouvertüre sehr plastisch und lebhaft, mit kraftvollen Einwürfen der Bläser. Als sich der Vorhang öffnet, ist eine Projektion zu sehen, die auf suggestive Weise seemännisches Tauwerk mit einer Imagination der Senta-Figur verbindet. Der erste Matrosenchor auf Dalands Schiff, das vom Sturm vom Kurs getrieben wurde. Arie des Steuermanns ( Juraj Holly): die Stimme etwas gepresst, außerdem gibt's anfangs Schwierigkeiten, in der Übertragung den korrekten Wiedergabemodus anzusteuern.

Arie des Holländers (Michael Kupfer-Radecky) "Die Frist ist um". Neben ihm der tänzerisch kommentierende "Traum-Holländer" (Michael Bronczkowski). Des Holländers warmgetönter Bass kann zusätzlich  auch mit gut verständlicher Artikulation aufwarten. Der Tänzer des Traum-Holländers verharrt am Boden. Senta durchschreitet einen Verhau aus Schiffstauwerk. Der Holländer verzweifelt an der Hoffnung, "ew'ge Treu" auf Erden zu finden. Daland (Patrick Zielke)  weckt den eingeschlafenen  Steuermann: Dort liegt ein Schiff ! Dialog mit dem Holländer: Woher des Wegs ? Daland geht auf den Holländer zu. Der Holländer bietet ihm Freundschaft an, wenn ihm Obdach gewährt wird, kostbare Schätze aus dem Laderaum seines Schiffes werden offeriert. Hast Du eine Tochter? Ja, ein treues Kind. Holländer und Daland schliessen einen Pakt aus sich ergänzender Interessenlage.
Ihr Konsens-Duett wird flankiert vom Auftritt des Traum-Holländers und der Traum-Senta (Delphina Parenti), mit deren Beitrag die Szene zusätzliche Handlungselemente gewinnt. Der zweite Matrosenchor unter Tauwerk in eindrucksvoller Lichtregie (Florian Arnholdt). 

Senta (Daniela Köhler) und ihr Traum-Double in der Spinnstube, auf der Drehbühne unter wieder raffiniert ausgeleuchtetem Tauwerk. Auf diese Weise bleibt die Schiffsatmosphäre kontinuierlich präsent. Senta verinnerlicht den Charakter ihres Vortrags. Dann  bricht es aus ihr heraus: sie berührt die Hand des Traum-Holländers und extemporiert die Ballade vom Schicksal des rastlosen verfluchten Holländerkapitäns. Stimmlich eine fesselnde Leistung.
Im Hintergrund turnt der Traum-Holländer illustrierend durch das hängende Tauwerk und umarmt die Traum-Senta. So wird dem Auge, unterstützt von der Lichtregie, ergänzende szenische Schau geboten, ohne gänzlich fremde Elemente einzuführen. Senta sagt sich damit los von ihrem Verlobten Erik (Jonathan Stoughton). Auch Sentas Amme Mary ( Marie-Belle Sandis) vermag an Sentas Gefühlslage nichts zu ändern. Noch einmal klagt Erik über Sentas neue Wunschvorstellungen, sieht seine Felle davonschwimmen. Er schildert ihr einen Traum, der das Scheitern seines Werbens um Senta zutreffend voraussagt.

Daland kehrt heim, vom Holländer begleitet. Wer ist der Fremde ? Eine wunderbare musikalische Floskel begleitet Dalands Werben um die Aufgeschlossenheit seiner Tochter, auch wenn er im Hinterkopf deutlich den Gedanken an die verheissenen Schätze des Holländers bewahrt. Aber nicht das hingehaltene Geschmeide, sondern der schliessliche Anblick des Holländers läßt Senta einlenken.

"Wie aus der Ferne längst vergang'ner Zeiten" fühlt sich der Holländer angesichts Sentas Erscheinung angesprochen. Die ausgedehnten Passagen der Bekenntnisse beider werden wieder durch tänzerischen Ausdruck der Traumfiguren von Holländer und Senta ergänzt und interpunktiert.
Noch kann der Holländer kaum glauben, dass seine Erlösung greifbar nahe sein könnte. Er prüft die Ernsthaftigkeit ihres Treuegelöbnisses. Sie bekräftigt ihre Absicht, "Treue bis zum Tod" zu halten. Schliesslich legt Daland die Hände beider ineinander.

Szenenwechsel: "Steuermann, halt die Wacht" mit viel Bewegung des Matrosenchors auf der  Schiffstreppe von Dalands Schiff. Mitreissend in Tempo und Akzentuierung vorgetragen. Doch der Kontakt zur Mannschaft des Holländerschiffs kommt nicht zustande: die Matrosen dort scheinen tot zu sein. Die Chorszenen sind sehr dynamisch choreografiert und musikalisch überaus exakt ausgeführt. Auf einmal antwortet die vermeintlich tote Holländer-Mannschaft, flankiert von lebhafter Lichtregie. Eindrucksvolles Bühnenbild (Fabian Wendling).
Noch einmal ein Dialog von Erik und Senta, der von den beiden Traumfiguren geleitet und gestärkt wird. Hatte sie etwa schon Erik die "ewige Treue" versprochen ? Der Holländer kommt hinzu und glaubt sein Schicksal verloren. Noch habe Senta nicht "vor dem Ewigen" ihm die Treue gelobt. Der Holländer will sie vor dem Schicksal bewahren, das derjenigen droht, die ihr Treuegelöbnis bricht. Er bekennt, der gefürchtete "Fliegende Holländer" zu sein. Aber Senta hält unbeirrt an ihrer Treuezusage fest und wird daraufhin in des Himmels Höhe verklärt.

Reicher Applaus des Premierenpublikums für eine zügig vorgeführte, schlüssige Inszenierung, die ohne aufgepfropfte szenische Gewaltakte auskommt. Ausgezeichnete Chöre, ausdrucksvolle Solisten, dazu die musikalische Leitung von Jordan de Souza, der das Orchester des Nationaltheaters mit sicherer, gut disponierter Hand durch die dynamisch weit auseinander driftenden Phasen der Partitur geleitet. Die Aufzeichnung ist bis 24. Oktober 2022 auf Opera Vision abrufbar.






032522
Fundsache mit etwas Blut und viel Fantasie
Premiere von Heinrich Marschners Oper "Der Vampyr"
als Livestream über Opera Vision aus der Staatsoper Hannover

Über dem nachhaltigen Ruhm des Musicals und der Polanski-Filmversion von "Tanz der Vampire" ist in Vergessenheit geraten, dass schon der Komponist Heinrich Marschner im Jahre 1828 seine Oper "Der Vampyr" in Leipzig zur Uraufführung gebracht hatte. In Hannover, wo Marschner jahrzehntelang als königlich-hannoveraner Kapellmeister und Intendant tätig war, hatte jetzt eine Neuinszenierung des Werkes in der Regie von Ersan Mondtag Premiere. Marschner gilt als wichtigster deutscher Opernkomponist zwischen Weber und Wagner. Am Pult des Niedersächsischen Staatsorchesters Hannover stand am Premierenabend Stephan Zilias.
Die Handlung der Oper erfordert vom Publikum die Bereitschaft, sich auf eine fantasievolle Fabel einzulassen, die tief in den Wesenszügen der Romantik wurzelt.
Erster Akt: Ahasver und Astarte treffen im Text von Wilhelm August Wohlbrück versgebunden beim Geistermeeting aufeinander. Hauptperson der folgenden Handlung ist der Vampyr Lord Ruthwen (Michael Kupfer-Radecky), der nach dem Gebot seiner Vampyrmeisterin (Oana Solomon) binnen 24 Stunden drei junge Frauen opfern muss, um ein weiteres Jahr leben zu können. Als erstes Opfer verführt er Janthe (Petra Radulovic), die Tochter des Kardinals Berkley ( Daniel Eggert).Janthes Vater Berkley versucht noch, seine Tochter zu retten, kann aber nur noch ihren Entführer Ruthwen im Handgemenge niederstechen.
Lord Byron (Benny Claessens) trägt in rosaseidenem Anzug (als Elton John-Adaption) ein ziemlich groteskes Gedicht und einen pointiert jetztzeitigen Song vor.

Der junge Edgar Aubry, dem Ruthwen einst das Leben rettete, kehrt in einem VW Käfer von der Reise zurück. Er weiss zwar, dass Ruthwen ein Vampir ist, hat jedoch geschworen, diesen Umstand geheim zu halten.
Aubrys Geliebte Malwina( Mercedes Arcuri) will ihrem Vater, dem Ölmagnaten Lord Davenaut (Shavleg Armasi) Edgar als ihren Verlobten vorstellen. Davenaut hat aber bereits den wohlhabenden Earl von Marsden als Ehemann für sie erwählt, den zu heiraten sich Malwina nun nachdrücklich weigert. Als Marsden inmitten einer grossen Schar von Geburtstagsgratulanten erscheint, erkennt Aubry in ihm den Vampir Lord Ruthwen. Da aber Malwina das nächste Opfer von Ruthwen werden könnte, muss er prüfen, wie er sein Schweigegelübde halten kann. Schöner mehrstimmiger Ensemblesatz mit Chorbegleitung. Davenaut lädt alle zum Hochzeitsfest ein.

Die Pause wird mit einer von leichter Hand gemixten Folge von Interviews mit den Hauptpersonen gefüllt. Darin gibt es auch eine Passage für den Dirigenten des Abends, Generalmusikdirektor Stephan Zilias, der einige Schwerpunkte der Musik Heinrich Marschners erläutert und dabei verwandte Züge sogar zu Gustav Mahler entdeckt.
Im zweiten Akt wird zunächst gezecht und gesungen - wieder eine gelungene Sequenz mit dem Chor (Einstudierung Lorenzo Da Rio). Dann treten anfangs wieder Ahasver (Jonas Grundner-Culemann) und Astarte ( Oana Solomon) als strippenziehende Geister aufeinander. Intelligente Texte für Freunde sarkastischer Interpretation. Auch Lord Byron gesellt sich wieder hinzu und steuert die gegenwartsnahen Boah-Eyh-Rap-Texte bei.
Emmy (Nikki Treurniet)(vielleicht der schönste Sopran des Abends) wartet auf ihren Bräutigam George (Philipp Kapeller), der dann rasend vor Eifersucht bemerkt, dass der Earl of Marsden Emmy einen Ring als Hochzeitsgeschenk übergibt. Dabei bleibt es nicht -Ruthwen nimmt sie gefangen. Nun sind die Hauptpositionen markiert, die Gegensätze abschliessend definiert. Noch einmal ein Auftritt der babylonischen Liebesgöttin Astarte.
Als eine Art Satyrspiel feiern die vier Trinker James Gadshill (Pawel Brozek), Richard Scrop (Peter o'Reilly), Robert Green (Darwin Prakash) und Toms Blunt ( Markus Suihkonen). Noch einmal kommt Lord Byron ausschweifend zu Wort. Sein heiseres Plädoyer ruft zur Revolution auf. Oder doch nicht ? Schüsse ertönen, und George kommt mit der Leiche von Emmy herein.

Hochzeitsfeier für Malwina. Earl von Marsden in Wartestellung. Edgar Aubry springt dazwischen und enthüllt das Geheimnis des vermeintlichen Earls. Doch nun schlägt die Uhr Eins, und Lord Ruthwens Lebensfrist ist überschritten. Alle feiern die Bestrafung des Vampyrs.

Regisseur Ersan Mondtag gelingt das Kunststück, die manchmal etwas starre Vorlage mit Ergänzungen auf legitime Weise so an die Gegenwart heranzuführen, dass die Szene immer fesselnd und nach aktuellem Verständnis unterhaltsam dargeboten wird, ohne dem überlieferten Material über Gebühr Gewalt anzutun. Dazu tragen auch die fantasievollen Kostüme von Josa Marx angemessen bei. Das Dirigat von Stephan Zilias wird der überlieferten, mit Sorgfalt freigelegten Marschner- Partitur mit Engagement gerecht. Marschners Musik hat einen wunderbar romantischen Touch, der irgendwo zwischen Weber und Lortzing angesiedelt ist. Insgesamt ein Abend mit einer reizvollen Entdeckung. Das Video ist noch einige Monate bei Opera Vision abrufbar.


Masken gehören auf die Bühne

und nicht in den Zuschauerraum.

Deshalb habe ich mich bis zum Wegfall

der Maskenpflicht zur Abstinenz bei der

Premierenkritik verpflichtet. Ich hoffe auf

das Verständnis meiner Leserinnen und

Leser und bitte noch um Geduld für

einige Zeit.

Freundliche Grüsse

Horst Rödiger







120721

Die Ballade vom schrankenlosen Machthunger

Saisoneröffnung in der Mailänder Scala

mit Verdis "Macbeth" auf Arte

Giuseppe Verdis "Macbeth" geht auf das Drama von William Shakespeare zurück und fußt auf einem Libretto von Francesco Maria Piave und Andrea Maffei. Die Uraufführung fand 1847 im Teatro della Pergola in Florenz statt. Die Saisoneröffnung an der Mailänder Scala erhält besonderen Reiz durch Anna Netrebko in der Rolle der Lady Macbeth. Am Pult des Orchesters der Scala steht Riccardo Chailly. Die Inszenierung besorgte der Italiener Davide Livermore.

Die Handlung, in der eine düstere Atmosphäre vorherrscht, setzt auch auf Schauereffekte und gruselige Situationen. Sie beginnt mit einem Chor von Hexen, die sich in einem Wald versammelt haben, um den siegreichen Feldherren Macbeth (Luca Salsi)  und Banco (Ilda Abdrazakov) Prophezeiungen über ihr künftiges Schicksal zu übermitteln. Macbeth soll demnach Herrscher von Cawdor und später König von Schottland werden,  Banco hingegen der Vater von Königen. Ein Bote verkündet, dass der bisherige Herrscher von Cawdor hingerichtet wurde und Macbeth sein Nachfolger werden solle. Macbeth erschrickt über die Nähe des Throns.  

Verdi hat die Figur der Lady Macbeth und ihr Charakterbild konsequent in den Mittelpunkt des Handlungsablaufs gestellt.

Das Bühnenbild geht von Anfang an konsequent den Weg in die Moderne. Ein Auto, das durch eine Hochhausszenerie zu fahren scheint, bildet den Hintergrund für den Aufmarsch der Hexen, in Wahrheit eine zunächst gemischtgeschlechtliche Volksmenge, die Macbeth und Banco, pantomimisch unterstützt, begrüßt, wenn sie ihrem Automobil entsteigen. Den beiden bleibt der offenbarte Blick in die Zukunft zunächst rätselhaft. Sie steigen in einen Fahrstuhl, und Macbeth denkt an Mord, ohne zu wissen warum.

Die Lady Macbeth liest und kommentiert einen Brief ihres Gatten, der von den Voraussagen der Hexen berichtet.  Sie beschliesst, Macbeths Ehrgeiz anzustacheln, damit er das Ziel der Königswürde erreicht. Der augenblickliche König Duncan lässt sein Kommen ankündigen. Anna Netrebko meistert die dramatischen Aufschwünge ihrer ersten Auftrittsarie mit vitaler Bravour.

Die beiden Ehepartner planen ein Attentat. König Duncan trifft ein. Die düstere Zwanziger-Jahre-Szenerie gibt den Hintergrund für das Erzittern von Macbeth im Vorfeld seiner Untat. Mit blutigen Händen beichtet er dann seiner Frau, dass alles erledigt ist. Die Lady zerstreut seine Schuldgefühle.

Netrebkos Lady Macbeth ist von satanischem Ehrgeiz getrieben. Sie begeht selbst  einen Mord und lenkt damit den Mordverdacht von ihrem Gatten ab. Die Morde werden entdeckt. Die Lady beteiligt sich scheinheilig an den Mutmaßungen über den Täter.

Zweiter Akt. Die Lady macht Macbeth Vorwürfe wegen seiner Schwermut. Der treibt inzwischen selbst die Mordpläne weiter voran. Jetzt sind Banco und sein Sohn das Ziel für einen Mordauftrag. Der rasende Ehrgeiz der Lady liefert die Motivation. Banco stirbt, aber sein Sohn entkommt. Faszinierendes Bühnenbild eines Metropolis. Die Schwarzweiss-Kamera mit Blick in den Fahrstuhl steigert den Reiz des Betrachtens.

Ein Bankett, die Lady in neuer Robe. Eine tolle Auftrittsarie mit gewagten Koloraturpassagen. Dann erscheint Bancos Geist, den aber nur Macbeth sieht. Alle anderen meinen, einer Wahnsinnsszene beizuwohnen. Netrebko präsentiert eine etwas verkrampfte Neuauflage ihres Trinkspruchs. Aber Macbeths Wahnsinn steigert sich noch. Düstere Wolken hängen über der Szene.

Dritter Akt. Wieder die Hexen. Macbeth will mehr über seine Zukunft erfahren. Exzellente Chöre und Bewegungschöre. Tolle Videoprojektionen, präzise und treffend. Fesselndes Spektakel. Huldigungen an Bancos kleinen Sohn. Netrebko nun auch noch mit tänzerischem Bewegungsrepertoire.

Die Hexen warnen vor Macduff. "Niemand, der von einer Frau geboren wurde, wird dich töten". Erscheinungen der Gemordeten. Die Lady tritt aus dem Fahrstuhl und beschimpft ihren Gatten. Dann erkennt sie jedoch "seinen alten Mut".

Vierter Akt. Promenierendes Volk. Eindrucksvolle Bilder. Macduffs Arie (Francesco Mili). Der Wald von Birnam. Jeder soll einen Zweig nehmen und ihn vor sich halten.

Jetzt kommt die nachtwandelnde Königin, redet irre und stirbt. Erneut eine fesselnde stimmlich charakterisierende Leistung von Anna Netrebko.

Macbeth fühlt seinen Lebensmut schwinden, Macduff tötet ihn. Malcolm, der älteste Sohn von Duncan, wird der neue König.

Zweifellos war dies vor allem der Abend von Anna Netrebko. Mögen ihre darstellerischen Mittel eher überschaubar sein, stimmlich war sie absolut in Höchstform, sowohl was die wütend hervorgestossenen dramatischen Impulse anging wie die ersterbend verklingenden Soprantöne in höchster Lage. Riccardo Chailly am Pult war der versierte Tonmanager, der alles zusammenhielt, sowohl die Solisten wie die bewundernswert präzise und ausdrucksvoll einstudierten Chöre.

Die Aufzeichnung ist bis 06.06. 2022 in der Arte Mediathek zu sehen. 



120521

Der gescheiterte Libertin

Mozarts "Don Giovanni" in einer Neuinszenierung

aus der Wiener Staatsoper

Mozarts Bühnenwerk nach einem Libretto von Lorenzo da Ponte, uraufgeführt 1787 im Prager Nationaltheater, ist vielleicht neben der "Zauberflöte" die berühmteste Oper des Komponisten und hat das Genre nachhaltig geprägt. Barrie Kosky, Intendant der Komischen Oper Berlin, schüttet mit dieser Neuinszenierung das Füllhorn seines häufig überraschenden szenischen Einfallsreichtums auf die Bühne der Wiener Staatsoper aus. Da die Premiere infolge der Pandemie-Schutzmaßnahmen ohne Saalpublikum stattfinden muss, wird sie per Livestream übertragen.

Die Handlung der Oper entspinnt sich zwischen zwei Katastrophen: der Ermordung des Komturs in einem Duell mit dem unerkannten Don Giovanni zu Beginn und dem Höllensturz des Don Giovanni als Akt ausgleichender Gerechtigkeit am Schluss. Zwischendurch ereignen sich in lockerer Folge nach Art der Commedia dell' Arte verschiedene Übergriffe des ewigen Verführers Don Giovanni, die am Ende sein Schicksal besiegeln.

Der erste Sänger. der nach der Ouvertüre die Szene betritt, ist der mit seinem Dienst unzufriedene Leporello (Philippe Sly), gefolgt von Donna Anna(Hanna-Elisabeth Müller) und Don Giovanni (Kyle Ketelsen).  Er und der hinzugekommene Komtur (Ain Anger) prügeln sich, Don Giovanni verletzt ihn tödlich. Don Ottavio (Stanislas de Barbeyrac) versucht Anna über den Tod des Vaters zu trösten. Der tödlich Verletzte verlässt unterdessen wie geistesabwesend die Szene.

Don Giovanni spürt Frauenduft, und richtig: Donna Elvira tritt auf (Kate Lindsay), schon früher von Don Giovanni enttäuscht. Jetzt ist sie selig, in seinen Armen schmollen zu dürfen. Und wieder ist sie die Betrogene. Leporello singt seine Registerarie, jung und blond. Elvira staunt über dieses Referat. Das Bühnenbild ist eine dunkle ansteigende Landschaft aus Vulkanasche, von der die Akteure gelegentlich Basaltbrocken aufnehmen, um damit zu jonglieren.

Zerlina (Patricia Nolz) und Masetto (Peter Kellner) stürmen in Begleitung von Jungen und Mädchen aus der Dorfgemeinschaft herein. Leporello beweist Gelenkigkeit, Don Giovanni macht sich an Zerlina heran. Zähneknirschend ergibt sich Masetto in sein Schicksal und gibt dem Herrn Giovanni den Weg frei.

Zerlina mit Don Giovanni allein. Er macht Komplimente, sie ziert sich. Die Singstimmen sind nicht lippensynchron. Von ferne beäugt Elvira Don Giovannis Liebeswerben, kommt näher und beschimpft den Verführer. Donna Anna und Don Ottavio treten hinzu. Vor dem Grau des Hintergrunds stehen die Kostüme farblich gut differenziert (Katrin Lea Tag).

Ein Vorhang senkt sich hinter Anna und Ottavio herab. Zeit für einen klärenden Dialog: Don Giovannis Schandtaten an Donna Anna werden referiert. Sie fordert Rache. Dann Don Ottavios grosse Tenorarie, von tiefer Liebe zu Anna erfüllt. Der Vorhang hebt sich wieder und gibt den Blick auf eine gewandelte, begrünte Szene frei. Der weiterhin höchst gelenkige Leporello hat jetzt die Kostümfarbe von Don Giovanni, der seinerseits  einen goldenen Mantel trägt, bei dem  die muskulöse Brust frei bleibt.

Zerlina und Masetto, zunächst versucht sie seine Eifersucht zu besänftigen. Schliesslich siegt sie im Versöhnungsdialog. Aber Masetto schwört Rache. Don Giovanni beschwört eine quirlige Festszene herauf, die sich nach hinten entfernt. Auf einmal ist Don Giovanni wieder mit Zerlina allein. Liebesspiel zwischen Grünpflanzen. Masetto liegt am Boden.

Anna, Ottavio und Elvira verkleidet bei Giovannis Maskenfest. Sehr hübsches Terzett durch den Einklang von  Stimmen, Kostümen und Lichtregie (Franck Evin).

Kaffee und Schokolade werden gereicht. Ständig quirliges Leben auf der Bühne. Leporello lockt die maskierten Rachedürstigen. "Viva la liberta". Die Szenen mit den wechselnden Tanzpaaren sind bestens gelungen. Dann platzt die Bombe: Zerlina ruft um Hilfe. Don Giovanni beschuldigt Leporello. Die Auflösung musikalisch hochklassig.

Zweiter Akt. Leporello will Giovanni verlassen. Vier Dublonen stimmen ihn um. Von den Frauen kann Giovanni nicht lassen. Elvira und Don Giovanni beim Versteckspiel, mit vertauschten Rollen zwischen Giovanni und Leporello. Es folgt die Arie Don Giovannis mit Mandoline, die er allerdings nicht hat. Masetto mit Zerlina: Und Giovanni behauptet, Leporello zu sein.

Masetto böse verprügelt am Boden. Zerlina will ihn heilen, wenn er nicht mehr eifersüchtig ist. Donna Elvira meint immer noch, einen reumütigen Don Giovanni im Arm zu haben, der in Wahrheit Leporello ist. Die Täuschung fliegt auf: Leporello ist wieder er selbst und erfleht die Gnade der Geprellten.

Don Ottavios zweite große Arie. Dann ein grosser dramatischer Ausbruch von Elvira. Die Asynchronität zwischen Stimme und mimischem Ausdruck hat sich leider verstärkt.

Aus heiterem Himmel unterbricht die Stimme des Komturs die Prahlereien Don Giovannis und seines Dieners. Ein Gesteinsbrocken aus einem Wassertümpel verkörpert den Komtur im Gespräch, und so wird er zum Abendessen ein- geladen.

Noch einmal Donna Anna und  Don Ottavio als stummer Zuhörer. Dann ein ganzes Unterhaltungsorchester in leuchtend rotem Samt und Don Giovanni als Maître de Plaisir. Elvira taucht auf und hat immer noch Mitleid. Blutbefleckt kommt aus dem Hintergrund der Komtur näher. Don Giovanni reicht ihm die Hand. Er bereut aber nichts. Eine Dreiergruppe am Boden. Leporello berichtet den beiden Paaren und Elvira, was geschehen ist.

Don Ottavio und Donna Anna haben ein Schlusswort.Dann Zerlina und Masetto. Ein "uraltes Lied": So gehts dem, der Böses tut. Und Don Giovanni nimmt seine Jacke und verläßt nachdenklichen Schrittes die Szene.

Ein etwas schütterer Schlußbeifall vom Orchester, den Umständen geschuldet.

Insgesamt eine sehr lebendige Inszenierung von Barrie Kosky mit wirklich schönen Stimmen, hervorzuheben vielleicht die beiden Donnas, Anna und Elvira, ebenso Zerlina, und bei den Herren natürlich Don Giovanni, der überaus wendige und schön klingende Leporello und der klangvolle Tenor von Don Ottavio. Philippe Jordan leitete das Wiener Staatsopernorchester mit Feingefühl und dem omnipräsenten Drive für einen Mozart-Klang mit großer Lebendigkeit. 



111921

Paukenwirbel und großes Finale

UdK-"Konzert für die Nationen"

als Livestream aus dem Berliner Hochschulsaal

Das Symphonieorchester der UdK Berlin blickt auf eine lange Tradition zurück. Es wurde im Zuge der Gründung der Hochschule für Musik im Jahr 1869 etabliert und u. a. von Joseph Joachim, Max Bruch, Julius Prüwer sowie später von Erich Bergel, Harry Lyth und Lutz Köhler geleitet. Im Rahmen von Orchesterworkshops standen international renommierte Dirigenten wie Sir Simon Rattle, Bernard Haitink, Kent Nagano und Mariss Jansons am Pult des Orchesters. Auch Spezialisten der Alten Musik, wie zuletzt Andreas Spering 2015, arbeiten mit dem Orchester zusammen.

Das diesjährige "Konzert für die Nationen" unter der Leitung von Steven Sloane (UdK-Professor für das Fach Dirigieren) wird mit Rücksicht auf die Zugangsbeschränkungen infolge der Corona-Pandemie als Livestream übertragen. Es steht diesmal unter der Schirmherrschaft der Britischen Botschaft.  Das Programm umfasst die Symphonie Nr. 103 Es-Dur, Hob.1:103 "mit dem Paukenwirbel" von Joseph Haydn, uraufgeführt 1735 im Londoner King's Theatre, sowie (Programmänderung wegen Corona- Abstandsregeln) Antonìn Dvořáks Sinfonie Nr. 9 mit dem Beinamen "Aus der neuen Welt", seine bekannteste und beliebteste, uraufgeführt 1893 von den New Yorker Philharmonikern in der berühmten Carnegie Hall.

Haydns Sinfonie Nr. 103 gehört zu seinen "Londoner Sinfonien" und hat wegen ihrer durchaus eigenwilligen Gestaltungsprinzipien bereits seit ihrer Uraufführung als ein herausragendes Werk gegolten, das für manchen Beobachter geradezu in Richtung der Romantik zu weisen scheint. Sie beginnt mit einem Paukensolo, und da Angaben zur Lautstärke in der Urschrift fehlen, wird es sehr unterschiedlich interpretiert. Ein düster-getragenes Thema schliesst sich an, das in Varianten fortgeführt wird, bis ein Allegro con spirito in ganz anderem Geist die weitere Gestaltung übernimmt.

Stephen Sloane läßt den sinfonischen Fluß behutsam angehen, so dass man das allmähliche Anwachsen der musikalischen Dichte gut verfolgen kann. Dann setzt, wie befreiend, das markant-tänzerische Thema des Allegro con spirito ein, mit Akkuratesse und Finesse dargeboten. Sämtliche Streicher agieren mit Maske, und desto bewundernswerter ist ihr spiritueller Einklang. Noch einmal meldet sich die Pauke zu Wort, gefolgt von einem Anklang des dunklen Eingangsthemas, bis der Satz mit Schwung ausklingt.

Andante più tosto , Allegretto ist der zweite Satz überschrieben. Mehrere Themen werden vorgeführt und variiert. Die feinfühlige Akzentuierung besorgt der Mann am Pult. Reizvoll die Intervention der Konzertmeisterin mit flüssiger Violinvariation. Gepflegtes Zusammenwirken eines gut einstudierten Kammerorchesters.

Ein Menuet im dritten Satz. Selbst wenn man sich diesen Einsatz noch etwas tänzerischer vorstellen könnte, überzeugt die harmonische Diktion mit einem gewissen Nachdruck.

Das Finale ist Allegro con spirito betitelt. Flott und mit klarer Zeichengabe setzt Steven Sloane den Satz in Fahrt, der dann mit fröhlichem Überschwang fortgeführt wird. Reicher Applaus aus dem mit Sitzabstand gefüllten Publikumsrund.

Weiter geht's mit Antonin Dvoraks beliebter 9. Sinfonie mit dem Beinamen "Aus der neuen Welt". Der Komponist hat darin eigene Themen aus dem Geist indianischer Melodik verarbeitet.

Adagio-Allegro molto ist der erste Satz betitelt. Das Orchester ist jetzt größer besetzt, den verfügbaren Bühnenraum im Rahmen der Corona-Vorschriften voll ausnutzend. Eine langsame Einleitung, die in das Allegro überführt. Wieder bündelt Steven Sloane den Orchesterklang mit den manchmal etwas dominanten Blechbläsern zu einem geschlossenen Auftritt. Charaktervolles von Flöten und Klarinetten, bis dann die Coda einen wuchtigen Schlußpunkt setzt.

Das Largo setzt mit einem legendenartigen Thema ein, das den Charakter einer Totenklage hat. Thema im Englischhorn, von Holzbläsern flankiert. Ein zweites Thema wird mit dem ersten verquickt. Der melodische Duktus gelingt geschlossen und sehr überzeugend. Die innige Intensität der Streicher kann sich gut entfalten.

Der dritte Satz ist als Scherzo gestaltet. Sein Thema verbindet indianischen Geist mit böhmischer Volkstümlichkeit. Molto vivace wird eine tänzerische Szene ausgebreitet. Die individuell auftretenden Holzbläser bringen ein zweites Thema ein, das sich dem markanten Rhythmus einfügt. Richtig mit Lust führt Steven Sloane das nächste Thema ein, vom Orchester feinfühlig umgesetzt. Mit einem erneut auftrumpfenden Blechbläsereinsatz endet der Satz.

Der Finalsatz kommt Allegro con fuoco hereinmarschiert und präsentiert ein weiteres markantes Thema. Die Klarinetten erzählen von Dvoraks Sehnsucht nach der Heimat. Dann vermischen sich diese Ansätze und führen schliesslich zur triumphalen Coda, die nach einem Höhepunkt langsam und nachdenklich verklingt.

Der reiche Schlußapplaus belohnt eine überzeugende Gemeinschaftsleistung des Symphonieorchesters der UdK, in dem sich junge Musikerinnen und Musiker von Nationen aus aller Welt zusammenfinden.


110721

Geduldsprobe verlängert

Meinen geneigten Leserinnen und Lesern muss ich leider eine Verlängerung der Geduldsprobe bis zu den nächsten Premierenkritiken zumuten. Schuld ist das Corona-Virus, das mit seinen Mutanten gerade mal wieder einen Höchststand der Infektionen verursacht. Die Folge ist eine weitere Verzögerung des Wegfalls der Maskenpflicht, was für mich erst das grüne Licht für Theater- und Konzertbesuche wäre. Ich bitte um Verständnis und hoffe auf weiteren Zuspruch in der Zukunft.


100221

Von der Umwertung aller Werte

Premiere von Kurt Weills "Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny" in der Komischen Oper Berlin

Eingangs ist besonders zu loben, dass die Komische Oper Berlin parallel zum wieder einsetzenden Kartenverkauf einen kostenlosen Livestream von der Premiere einer berühmten Politsatire anbietet: Barrie Koskys Neuinszenierung von "Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny" mit der Musik von Kurt Weill und dem Libretto von Bertolt Brecht. 

Das Stück bietet ätzende Gesellschaftskritik und schöpft seine Handlung aus einer bisweilen geradezu bösartigen Umwertung aller tradierten Werte. Mahagonny ist eine fiktive Gründung in USA, an Sodom und Gomorra gemahnend, kreiert von drei Gaunern, die sich vor der Polizei verbergen müssen. Ihre Absicht ist, vorüber kommenden Reisenden mit einem umfassenden Programm zügelloser Verlockungen das Geld aus der Tasche zu ziehen. Größtes und todeswürdiges Verbrechen ist es in Mahagonny, kein Geld zu haben.

Regisseur Barrie Kosky versteht es auf einzigartige Weise, eine überlieferte Vorlage aus dem Jahre 1930 von allem Staub der seither vergangenen Zeit zu befreien und ihr aktuelle Vitalität zu geben.

Ein Jude und ein Christ diskutieren die Lage. Zusammen mit Leokadja Berbick (Nadine Weissmann) fassen sie den Beschluss, an Ort und Stelle eine Stadt zu gründen, die geeignet ist, wandernden Goldbesitzern ihre Habe abzuluchsen. Einfach dadurch, dass alle in den großen Religionen fixierten moralischen Grundsätze über Bord geworfen werden.

"Show us the way to the next Whisky Bar": Der Alabama-Song weist die Richtung. Die Nachricht von der paradiesischen Stadtgründung verbreitet sich . "Die Unzufriedenen aller Kontinente" drängen nach Mahagonny. Sie scharen sich um den Gin- und Rumspender und stacheln sich zu immer neuen Genußvarianten an. Holzfäller aus Alaska haben in jahrelanger Arbeit Kapital angesammelt, das sie nun in Vergnügen umsetzen wollen. "Ach bedenken Sie, Herr Jack o'Brien": die käufliche Jenny (Nadja Mchantaf) erobert die Szene.

Jim Mahoney (Allan Clayton) lässt sich von Jenny einfangen. Erste Krisen am Horizont: Fatty (Ivan Turšić), der Dreieinigkeitsmoses (Jens Larsen) und die vollbusige Berbick kritisieren den bisherigen Geschäftserfolg. Jimmy scheut vor einer Verbotstafel. Weills elektrisierende Songdiktion fährt den Chorszenen in die Beine.  Ein Bühnenklavier wird umjubelt, alle kauern sich drumherum. Jimmy schlägt Akkorde an. Ein jugendlicher Pianist spielt das "Gebet einer Jungfrau". Beifall und Buhs. "Das ist die ewige Kunst", formuliert Berbick ungewollt ironisch.

Jimmys leuchtender Tenor rühmt Mahagonny und erleichtert sich aus der geöffneten Hose. Auf hinreissende Weise wird Weills raffinierte Musik in Bewegung übersetzt. Zusammen mit intelligenter Lichtregie (Klaus Grünberg) wird daraus greifbare  Handlung. "Oh Moon of Alabama" von Jenny. Ruhe und Eintracht gibt es nicht, stattdessen einen dräuenden Hurrikan, dekretiert Jimmy. Am schlimmsten ist der Mensch, konstatiert Berbick daraufhin sarkastisch.

"Wie man sich bettet, so liegt man", stellt Jimmy fest. Der Chor stimmt zu. Eine vibrierende Streichersequenz als Intermezzo. Eine Durchsage: Hurrikan bewegt sich auf Mahagonny zu und hat unterwegs eine Stadt bis auf die Grundmauern zerstört. Noch drei Minuten bis zum Eintreffen des Hurrikans. Dann macht der aber einen Bogen um die Stadt und verschont sie. Ein Choral zum Dank.

"Du darfst" wird zum neuen  Leitspruch. Schafsgedärm als Trophäe. "Essen Sie noch ein Kalb" : Vielfresserei bis zum  Exzeß. Raffinierte musikalische Satzkunst. Jenny entkleidet sich unter den gierigen Augen der Geniesser. Jeder darf mal ran zu suggestiver Tangomusik. "Jungens, macht rasch, denn hier geht's um Sekunden".

Jimmy spendiert Whisky für alle und kann ihn nicht bezahlen. Für dieses todeswürdige Verbrechen muss er büssen. Alle verlassen die Szene zum Bühnenhintergrund, kehren dann zurück und schliessen die Öffnungen im Szenenboden. Der geblendete Jimmy irrt darauf herum und ringt die Hände zum Himmel, der ihm nun dunkel erscheint. In grossen Gesangsbögen beklagt er sein Schicksal.

Der Staatsanwalt sammelt Bestechungsgelder und spricht den Zechpreller frei. Jimmy wird verspottet. "Wer ist der Geschädigte ?" Ein Kumpel aus Holzfällerzeiten in Alaska erinnert sich an Jimmy. Wie Kosky hier das gesamte Ensemble in eine Hüpfbewegung versetzt, ist höchst sehenswert.

Todesurteil für die Zahlungsunfähigkeit. Alle gehen ab, holen dann Jimmy wieder auf die Szene zum Schlussdialog mit Jenny. "Ja, ich bin deine Witwe", legt sich Jenny fest. Alle formulieren das Mahagonny-Glaubensbekenntnis. Jimmy bekennt seine Fehlspekulationen. Ein Glas Wasser, dann wird nacheinander auf den Delinquenten eingestochen, bis er blutüberströmt leblos am Boden liegt.

Resümierende Schlusschöre im Oratorienstil mit Reminiszenzen an die Songs der Oper. Dann brausender Applaus für das Ensemble. Ainārs Rubiķis, dem jungen Generalmusikdirektor der Komischen Oper, gelingt das Kunststück, sein hellwaches Orchester durch die komplexe Partitur mit wechselnden Stilen bei anhaltend federnder Spannung hindurchzugeleiten und die hochpräzise Leistung des Chors (Einstudierung David Cavelius) durchgehend einzubinden. Ein sehr hervorhebenswerter Abend mit einer Fülle individueller Leistungen.




Bitte um Geduld

Meinen treuen Leserinnen und Lesern zunächst ein herzliches Dankeschön - die Zahl der Klicks ist erstmals über die Grenze von 39 000 gestiegen. Bei mir ist derzeit noch Sommerpause, aber ich hoffe, ab Oktober wieder Berichte und Kritiken posten zu können. Bedingung ist allerdings von meiner Seite, dass es möglich ist, die betreffende Vorstellung ohne Maske zu verfolgen. Bis dahin bitte ich noch um etwas Geduld.

Beste Grüße

Horst Rödiger



061421

Ein erlösender Opernabend: 

Minnie rettet ihren Banditen

Premiere von "La fanciulla del West" vor Publikum

in der Staatsoper Unter den Linden Berlin

Giacomo Puccinis Ausflug in das modische Goldrausch-Land des Wilden Westens kam 1910 an der Metropolitan Opera in New York City mit Enrico Caruso als Johnson und Arturo Toscanini am Pult heraus. Die Minnie sang damals Emmy Destinn. Die deutsche Erstaufführung gab es drei Jahre später unter Ignatz Waghalter am Charlottenburger Deutschen Opernhaus, der heutigen Deutschen Oper Berlin. 

Die Neuinszenierung an der Berliner Staatsoper besorgte Lydia Steier, und in Zeiten abklingender Pandemie-Gefahr findet diese Premiere gewissermassen auf zwei Ebenen statt: vor Publikum im Hause Unter den Linden und im kostenlosen Livestream, was die Freude des Zuschauens noch steigert. (Den Livestream konnte man auch in einem Pop-up-Autokino am Flughafen Tempelhof verfolgen, mit Tonwiedergabe übers Autoradio).

Am Pult der Staatskapelle Berlin steht diesmal Sir Antonio Pappano aus London, der Musikchef des Royal Opera House.

Minnie (Anja Kampe), Schankwirtin ihres Zeichens im Saloon “Polka”, ist die einzige Frau in der rauen Männerwelt eines Gold Rush Districts weit draussen im kalifornischen Wilden Westen. Die Männer achten sie alle, begehren sie aber auch. Besonders deutlich zeigt das ein ausgesprochenes Raubein, der Sheriff Jack Rance (Michael Volle).

Der 1. Akt greift beherzt ins volle Milieu. Das Lagerleben besteht am Abend aus Kartenspiel und Whiskytrinken. Auf den Tischen wird getanzt, einer spendiert Zigarren, ein anderer “Whisky für alle”. Sentimentales Heimweh grassiert. Das Bühnenbild schafft reizvolle optische Fixpunkte. Falschspielern geht’s ohne viel Federlesens an den Kragen. Minnie schlichtet einen Streit mit der Knarre in der Hand. Trinkfest ist sie ausserdem. Und gibt Bibelunterricht. 

Ein Postillon kommt. Eine zwielichtige Frau soll behauptet haben, das Versteck des gesuchten Banditen Ramirez zu kennen. Der Sheriff bekennt, dass er Minnie liebt, aber sie weist ihn ab. Rance holt weit aus, seinen Lebensweg mit vollem stimmlichen Einsatz zu schildern. Minnie tut’s ihm gleich, hier die Stimme aufs Äusserste forcierend. 

Ein Fremder tritt ein, erzeugt zunächst Befremden. Er und Minnie sind sich schon früher begegnet. Dieser Mr. Johnson (vorzüglich: Marcelo Álvarez) stösst auf Ablehnung, aber Minnie bürgt für ihn. Beide tanzen zusammen. 

Minnie und Johnson allein zu zweit. Ihr gegenseitiges Vertrauen wächst. Minnie bewacht das dort deponierte Gold der Lagerinsassen. Sie lädt ihn zu sich nach Hause ein. 

Der zweite Akt spielt in Minnies häuslicher Umgebung. Sie macht sich fein, um ihren Besuch zu empfangen. Johnson kommt. 

Sie schildert ihr Leben. Beide diskutieren über die Liebe. Ein Kuss wird gewährt. Schüsse ertönen draussen. Johnson: “Ich will dich für immer ! “ Sein Name sei Dick, sagt er. Jack Rance kommt herein und sagt, Johnson sei der gesuchte Ramirez. Kellner Nick (Stephan Rügamer) will ihn auf dem Weg zu Minnies Haus gesehen haben. Minnie ist gewarnt. 

Johnson verlässt das Haus, und draussen trifft ihn ein Schuss. Er flieht verwundet zurück zu ihr, sie verbirgt ihn auf dem Dachboden.  Jack Rance sucht ihn und erkennt an einem Tropfen Blut, wo er steckt. Sie schlägt absichtsvoll eine Pokerpartie um das Leben von Johnson vor. Er willigt ein. Sie spielen, Minnie gewinnt. Mit einer falschen Karte. Und triumphiert. 

Schneegestöber. Sehr fantasievolle Projektion. Dritter Akt. Hasstirade von Jack Rance. Ein Gehenkter baumelt von der Decke. Ein Pickup rollt herein, und die Verfolger von Ramirez jubeln: der Gesuchte ist gefunden! Ein mächtiger Wirbel mit Feuerwerk: Ramirez soll hängen. Jack Rance verspottet ihn. Dessen Schlusswort, dann senkt sich die Schlinge herab. Aber Minnie gebietet Einhalt. Sie erwirkt allseitige Verzeihung und enteilt mit ihrem Geliebten in ein neues Leben. 

Die Stimmen der Hauptakteure  werden, von einigen anfänglichen, der Dramatik geschuldeten Forcierungen abgesehen, ihrem darstellerischen Ausdruck absolut gerecht. Ein plausibles Bühnenbild und vorzügliche Lichtregie unterstützen die szenische Wirkung. Eine insgesamt überzeugende Aufführung, die auch für die streckenweise kolportagehafte Handlung einen guten, einleuchtenden und bewegenden Ausdruck findet. 

Antonio Pappano am Pult der Staatskapelle erreicht vom ersten Takt an die optimale Balance zwischen vitalem Auftrumpfen und feinsinnig-sensibler Melodik. Das Ganze ist schönster Puccini in einer überaus sorgfältigen Interpretation. 

Reicher, verdienter Applaus, ein erlösender Abend: endlich wieder vor wirklichem, wenn auch hygienebedingt vermindertem Publikum.




061221

Wolfgang Boettcher zum Gedenken

Kammerkonzert von UdK und Hindemith-Gesellschaft 

im Joseph-Joachim-Konzertsaal Berlin 

Die Berliner Universität der Künste gedenkt zusammen mit der Paul-Hindemith- Gesellschaft des im Februar  diesen Jahres verstorbenen Solocellisten der Berliner Philharmoniker und späteren Cello- Professors der UdK , Wolfgang Boettcher, der auch langjähriger Vorsitzender der Berliner Paul-Hindemith- Gesellschaft war, mit zwei Livestream-Kammerkonzerten, deren zweites hier beschrieben wird. 

Vorstands-Beirätin Jutta von Haase würdigt eingangs die herausragende Persönlichkeit und die ungewöhnlich vielfältige musikalische wie organisatorische Leistung von Wolfgang Boettcher. 

Eingeleitet wird das Konzert am 12. Juni 2021 mit der Sonate Nr. 2 G-Dur op. 13 für Violine und Klavier von Edvard Grieg, gespielt von den Schwestern des Verstorbenen, der UdK-Professorin Marianne Boettcher, Violine, und Ursula Trede-Boettcher, Klavier. Das Stück beginnt mit der Satzbezeichnung Lento doloroso, gefolgt von einem Allegro vivace. Die Violine intoniert ein melodisch- einprägsames Thema, das dann im Dialog mit dem Klavier fortgeführt wird und sich zu gesanglicher Freiheit mit eindringlicher Intensität aufschwingt. Es folgt ein Allegro tranquillo, sanft und gleichwohl vital von der Violine vorgetragen. Klavier und Violine in trefflich abgestimmtem Einklang. Die Sonate schliesst mit einem Allegro animato, vom Klavier mit Schwung eingeleitet, von der Violine mit Feuer fortgeführt. 

Nun Uladzimir Sinkevich (Cello) und Naoko Sonoda (Klavier), beide zeitweilig Stipendiaten der Hindemith-Gesellschaft, zunächst mit zwei Stücken für Cello und Klavier von Sergej Rachmaninow op.2, Prélude und Danse orientale. Einleitende Worte des Cellisten erinnern an Wolfgang Boettcher. Ein herrlich schwingender, kraftvoller Celloton, vom Klavier einfühlsam kommentiert. Der “orientalische Tanz” gibt zunächst dem Klavier den vernehmlicheren Part, bis sich das Cello mit stimmungsvoll sanglichem Ton anschliesst und der Rhythmus beide vorantreibt. Claude Debussys Sonate für Violoncello und Klavier d-moll schliesst sich an. Ein Prologue Lent zur Einleitung, dann Sérénade et Finale, zunächst modérément und Pizzikato im Cello, dann Animé. Der begeisternde Celloklang ist hervorragend geeignet, der Erinnerung an Wolfgang Boettcher Leben einzuhauchen. An Raffinesse der Klanggestaltung lassen beide Solisten keine Wünsche offen. 

Den Schlusspart übernehmen Julia Suslov-Wegelin (Violine), Karin Suslov- Götz(Viola) und Alexander Wegelin (Violoncello), alle drei gewissermassen eine Familie, mit Auszügen aus Johann Sebastian Bachs Goldberg-Variationen in einer sehr reizvollen Version für Streichtrio. “Professor Boettcher hat uns inspiriert”, sagt die Geigerin Julia. Die überaus feinfühlige, sehr präzise Umsetzung von Bachs filigraner Figuration ist wie ein Widerschein von Wolfgang Boettchers einfühlsam vermittelten musikpädagogischen Impulsen. 

Viel Beifall vom spärlich in den Joseph-Joachim- Konzertsaal eingesickerten Publikum. Jutta von Haase verabschiedet sich mit Rosen zum Dank an die Mitwirkenden. 


050721

Stipendiaten im Livestream

Kammerkonzert der Hindemith-Gesellschaft Berlin 

Die Corona-Pandemie hat das segensreiche Wirken der Berliner Paul-Hindemith-Gesellschaft weiterhin fest im Griff. Ein Publikum bei Kammerkonzerten mit Stipendiaten, das man um Spenden für die Generierung von Stipendien für Hochbegabte nutzen könnte, existiert derzeit nicht. Lediglich ein „Virtueller Spendenkorb“ lädt dazu ein, sich für ein Livestream-Konzert wie das nachstehend Beschriebene vom 07. Mai 2021 erkenntlich zu zeigen. 

Nach einem Grusswort von Hindemith-Vorstandsbeirätin Jutta von Haase zum Auftakt Schostakowitschs Quartett Nr. 7 mit May Pitchayapa, Violine; Yula Kim, Violine; Julia Palęcka, Viola und Juliet Wolff, Violoncello. Ein farbenreiches, schwungvolles Allegretto zu Beginn, gefolgt von einem stimmungsvollen Lento, klanglich fein abgetönt. Schliesslich ein flott und entschlossen vorgetragenes Allegro, wobei besonders die saubere Justierung der einzelnen Instrumentalstimmen beeindruckt. 

Ein lieblicher Schlussteil, sorgsam einstudiert, entfaltet eine besonders gewinnende Wirkung. 

Danach die Havanaise op. 83 von Camille Saint-Saëns mit Takashi Lorenz Waschkau, Violine und Daniel Streicher, Klavier. Nach einleitenden Klavierakkorden führt die Violine sinnlich-klangschön in das Leitthema  über, das vom Klavier umspielt wird. Dann ein Themenwechsel, die Violine bewundernswert rein und rhythmisch in überaus feiner Harmonie mit dem Klavier. Der Klangsinn des Violinisten zeigt gerade in den hohen Lagen ausgeprägtes, reifes Niveau. Die Doppeltöne gelingen prächtig. Ein tänzerisches Motiv wird hinzugefügt - das war’s dann schon.

Zum Abschluss das Quartett Nr. 3 c-moll von Johannes Brahms mit dem bewährten Marcel Mok am Klavier, Victoria Wong an der Violine, Karolina Pawul an der Viola und Sebastian Mirow , Violoncello. 

Allegronontroppo, eine Seelenspiegelung des Komponisten, geprägt von dessen unglücklicher Liebe zu Clara Schumann. Finster und zerrissen der Auftakt, dem aber bald sinnliche Sanglichkeit folgt. Markante Klavierakkorde, in die sich die Streicher hineinstürzen. Kraftvolle, hervorragend abgestimmte Aufschwünge. Die Viola stimmt in sonorem Ton ein Thema an, dem die beiden anderen Streicher folgen, bis das Klavier das Ensemble auf eine Anhöhe hebt. 

Eine Scherzo im Allegro-Tempo folgt, feinst abgestimmt zwischen Klavier und den Streichern, sauber und ausgeprägt ziseliert, mitreissend in leidenschaftlichem Rhythmus, kraftvoll vorwärtsdrängend. 

Ein nachdenklich-vertiefendes Andante schliesst sich an, vom Cello eingeleitet. Schwesterlich begleitend folgen Violine und Viola. Nun scheint eine beschwichtigende Harmonie eingekehrt zu sein. Brahms’sche Diktion beherrscht die Szene. Behutsamer Ausklang. 

Spielerisch dann das Finale Allegrocomodo, noch einmal hinreissende Melodieführung. Den Streichern folgt das virtuos verzierende Klavier. Schönster unisono-Duktus, fesselnd und begeisternd. Die Melodielinien verschränken sich exakt und scheinbar mühelos. Grösste Klangintensität in wohldisponierter Synthese. Klavierakkorde eröffnen das Finale: der Komponist hat zu kraftvoller, eigener Sprache zurückgefunden. 

Beifall von einer Handvoll Zufalls-Zuhörern für ein ausserordentliche Ensemble-Leistung, dann Jutta von Haases obligatorische Dankeschön-Rosen für die Solisten des Abends. 





042721

Alles blauer Dunst 

Premiere "Il segreto di Susanna"

im Livestream aus der Bayerischen Staatsoper München 

Inhaltlich kein Schwergewicht, sondern eher ein "Intermezzo" vom italienischen Komponisten Ermanno Wolf-Ferrari, uraufgeführt 1919 in München. 

Der junge Graf Gil hat eine wunderschöne Frau namens Susanna. Aber wer etwas so Schönes sein eigen nennt, lebt auch ständig in der Furcht, daß es ihm genommen werden könnte. Eines Tages vermeint der Graf den Duft von Zigarettenrauch wahrzunehmen und wähnt sofort einen heimlichen Liebhaber seiner Frau im Hause. 

Gil plant, seiner Frau eine Falle zu stellen und den heimlichen Konkurrenten zur Strecke zu bringen. Er verläßt zum Schein das Haus, kehrt aber umgehend zurück und durchstöbert wütend alle Räume auf der Suche nach dem vermeintlichen Nebenbuhler, findet aber nichts Einschlägiges. Schliesslich beichtet ihm seine Frau, dass sie sich aus purer Langeweile selbst dem Laster des Rauchens ergeben habe. Beschämt entschuldigt sich der Graf für seine rasende Eifersucht und greift nun selbst zur Zigarette, um es seiner geliebten Gattin gleichzutun, und auch der stumme Diener Sante folgt dem neuen Trend im  Hause Gil.

Diese Handlung wirkt in unseren Tagen auf rührende Weise anachronistisch. Heute greift niemand mehr aus Zuneigung zur Zigarette - stattdessen ist die Nikotinsucht gesellschaftlich geächtet, und wer seine Frau versöhnen möchte, begleitet sie eher in ein First-Class-Restaurant oder auf eine Kreuzfahrt, statt mit ihr im Zigarettenkonsum zu schwelgen. 

Die Inszenierung von Axel Ranisch mischt geschickt Realszenen, die in einem kleinen Geviert auf der Bühne spielen, mit Videoaufnahmen aus einer noblen Villenetage. Flotte Ouvertüre. Der Graf (Michael Nagy) verfolgt seine schöne Susanna (Selene Zanetti) mit der argwöhnischen Jagd nach dem unbekannten Zigarettenraucher. Unterdessen spielt  Sante, der stumme Diener, ein wenig den Clown und scherzt auch schon mal mit dem Dirigenten. Zugespitzter Ehekrach, die Daunenfedern fliegen aus den Kissen des Ehelagers. 

Der Graf verläßt das Haus, der stumme Diener ist heimlicher Hüter des gefährdeten ehelichen Zusammenhalts. Susanna und Sante ziehen gemeinsam an einer (elektronischen) Zigarette, die Rauchschwaden erfüllen den Raum. Der Graf kehrt zurück und stürmt unter eifersüchtiger Hochspannung durch die Wohnung auf der Suche nach dem geargwöhnten Liebhaber. Es folgt die Beichte und die Auflösung der Gewitterwolken: die Qualmer waren die durchaus treue Ehefrau und ihr willfähriger Diener. Erleichtert läßt sich der Graf ebenfalls zum Elektrodunst verführen, der Susannas ganzes Geheimnis war.

Yoel Gamzu am Pult des Bayerischen Staatsorchesters präsentiert Wolf-Ferraris spielerisch-anmutige Musik mit geschmeidigem Körpereinsatz und  in höchst gefälliger Form. Ein unterhaltsamer Opernabend, der leicht ins Ohr geht und nicht schwer im Magen liegt. 


040221

“Toller Tag” im Livestream

Premiere "Figaros Hochzeit"

in der Deutschen Staatsoper Berlin

Wolfgang Amadeus Mozarts Opera Buffa mit dem Libretto von Lorenzo da Ponte nach Beaumarchais, uraufgeführt in Wien am 1. Mai 1786. Die Neuinszenierung von Vincent Huguet hatte ihre Premiere im Livestream aus der Staatsoper Berlin am 1. April 2021. Am Pult der Staatskapelle Berlin stand Daniel Barenboim. Dies war die erste Aufführung aus dem neuen Mozart-da Ponte-Zyklus, der in dieser Saison noch mit "Cosi fan tutte" und "Don Giovanni" fortgeführt wird. 

Ein turbulentes Ränkespiel, gleichermassen von hohem szenischen wie musikalischen Reiz. Sänger und Musiker müssen infolge der Pandemie einmal mehr auf unmittelbare Reaktionen eines Publikums verzichten, was die Atmosphäre zunächst tendenziell etwas abkühlt.

Figaro (Riccardo Fassi) hat das erste Wort. Er freut sich zusammen mit seiner Braut Susanna ( Nadine Sierra), der Zofe der Gräfin, an häuslichen Turnübungen in der Wohnküche. Die Gräfin (Elsa Dreisig) meldet sich am Telefon. Figaro fordert inmitten einer improvisierten Kochshow den Grafen imaginativ zum Tänzchen auf. 

Doktor Bartolo (Maurizio  Muraro) mit Marcellina ( Katharina Kammerloher). Susanna, unbeeindruckt: „Geh, alte Frau.“ Cherubino, der alle Frauen liebt ( Emily d’Angelo) gibt seiner Seelenverwirrung Ausdruck. Der Graf Almaviva (Gyula Orendt) tritt auf und macht Susanna Avancen. Cherubino versteckt sich. Musiklehrer Don Basilio (Stephan Rügamer) taucht auf. Graf contra  Basilio. Der Graf findet den versteckten Cherubino und verdonnert ihn zum Militärdienst. 

Figaro bittet inmitten einer Juniorengruppe um die Heiratserlaubnis. Ein gewaltiger Brautschleier symbolisiert die intendierte Aktion. Der Graf will Zeit gewinnen. Zunächst wird nur Cherubino mit Aplomb und Begleitmusik verabschiedet, Figaro agiert als Stimmführer. Schön artikulierte Stimme. Aktschluss. 

Zweiter Akt: Die Gräfin beklagt ihr Los, denn der Gatte liebt sie nicht mehr. Frustriert willigt sie ein, Cherubino in Mädchenkleider zu stecken, wie Figaro und Susanna das  vorschlagen, damit er als vermeintliche Susanna den Grafen der Untreue überführe. Mitten in die Umkleideszene schneit der Graf herein, und der immer noch nicht abgereiste Cherubino wird in der Garderobe der Gräfin versteckt. Aber der argwöhnische Graf fordert Aufklärung. Während er mit der Gräfin kurz den Raum verlässt, nimmt Susanna den Platz von Cherubino ein, der seinerseits durchs offene Fenster entweicht. Nun muss sich der Graf entschuldigen. Er vermutet in Figaro den Urheber der ganzen Verwirrung und verweigert seine Zustimmung zu dessen Heirat, ehe nicht die Angelegenheit mit einem früheren Heiratsversprechen an Marcellina geklärt ist. Mitreissender Aktschluss. 

Zur Pause lässt sich feststellen, dass sowohl das Ambiente der Räume  wie der Habitus der Personen konsequent entrümpelt wurden. Vom 18. Jahrhundert ist optisch nichts übrig. Einzige Reminiszenz sind die seinerzeitigen gesellschaftlichen Verhältnisse mit der Allmacht des Grafen. 

Dritter Akt: Das Geflecht der Intrigen wird weiter gesponnen. Susanna schlägt dem Grafen zum Schein ein  nächtliches Treffen im Garten vor. Der Richter Don Curzio (Siegfried Jerusalem) hat im Prozess Marcellina recht gegeben: Figaro soll zahlen oder sie heiraten. Der bekennt sich daraufhin als Findelkind, und Marzelline sowie Bartolo stellen sich als Figaros Eltern heraus. Nun wollen beide Paare eine Doppelhochzeit feiern. 

Gräfin und Zofe Susanna schreiben einen Brief, der den Grafen in den nächtlichen Park locken soll, wo ihn Susanna erwarten würde, die aber in Wahrheit die Gräfin in den Kleidern ihrer Zofe ist. 

Vierter Akt: Barbarina (Liubov Medvedeva) berichtet Figaro von dem geplanten Rendezvous im Garten, was dessen eifersüchtigen Argwohn steigert. Susanna und die Gräfin tauschen ihre Kleider. Die vermeintliche Susanna ist nun die Gräfin. Der Graf umgarnt nichtsahnend seine eigene Ehefrau. Figaro erkennt seine Susanna im Gewand der Gräfin. Alle verzeihen zum guten Ende einander und kehren zum Hochzeitsfest zurück. 

Maestro Daniel Barenboim entlockt seiner Staatskapelle einen federnden, klangschönen Mozart-Sound, in den die durchgehend exzellent disponierten Stimmen feinfühlig eingebettet werden. Hervorzuheben vielleicht die komödiantisch besonders agile Susanna von Nadine Sierra und der klangvolle, jugendliche Bass des spielfreudigen Figaro von Riccardo Fassi sowie der überaus flexible Bariton von Gyula Orendt. Elsa Dreisig hat mit ihrer zweiten grossen Arie im 3. Akt einen besonders bewegenden, stimmlich sehr ausdrucksstarken Moment. 

Insgesamt eine durchaus sehenswerte, musikalisch absolut überzeugende Aufführung, in der lediglich die rigorose optische Aktualisierung für eine gewisse Ernüchterung sorgt. Leider ist es dem Rezensenten  trotz ehrlichen Bemühens nicht gelungen, unterwegs deutschsprachige Untertitel einzustellen, deren Angebot in konkurrierenden Berliner Operninstituten inzwischen eine Selbstverständlichkeit ist.






032121

Ein würdiger Nachfolger

der Schenk-Inszenierung 

Barrie Koskys neuer Münchener "Rosenkavalier"

Richard Strauss' höchst erfolgreiche und beliebte "Komödie für Musik",  1911 im Dresdener Königlichen Opernhaus uraufgeführt, nun in einer Neuinszenierung von Barrie Kosky, dem Intendanten der Komischen Oper Berlin, an der Bayerischen Staatsoper München. Die Premiere wurde bei Arte übertragen und fand ohne Publikum statt.

Marlis Petersen als Feldmarschallin, Samantha Hankey als ihr Gespiele Octavian: Eine Standuhr, die rückwärts läuft, gemahnt an die verstreichende Zeit. Die Marschallin in duftigen Dessous tritt herein, in der Tür von Octavian liebkost. Ein Satintuch wird dekorativ herumgereicht. Octavian macht anfangs kein Geheimnis daraus, dass er eine Frau ist, die einen Mann spielt. Umarmungen par terre. Der Tag naht. 

Das Frühstück wird hereingebracht. Bläulich glänzende Pflanzenkübel beleben das Bild. Jedes Ding hat eine Zeit: Ein greisenhafter Engel (der gealterte Cupido ?) streut Flitter über die Liebenden. Besorgnis, entdeckt zu werden vom hoffentlich weit entfernten Feldmarschall. Wo kann sich Octavian verstecken ? Entwarnung: Es ist nicht der Ehegatte, sondern der Ochs auf Lerchenau (Christof Fischesser). Octavian ist jetzt eine adrette Kammerzofe. Ochs will das Fräulein Faninal heiraten. Wer soll die Silberrose überreichen ? Leichte, mühelose Szenenwechsel im Bühnenbild (Rufus Didwiszus). Koketterien mit einem Staubwedel. Flotte, leichtfüssig gestaltete Szenerie im Dialog Marschallin-Ochs.

Drei arme, adelige Waisen und allerlei buntes Jahrmarktsvolk tritt auf: Lever der Marschallin. Cupido mit Panflöte, hübsche Überleitung zur Tenorarie (Galeano Salas) in dekorativen Kostümen. Dialog Ochs und Notar (Christian Rieger) hinter dem  Schminkspiegel. Valzacchi (Wolfgang  Ablinger-Sperrhacke) und Annina (Ursula Hesse von den Steinen) offerieren ihre Spionagedienste. 

Marschallins Nachsinnen über die verfliessende Zeit, in einer prächtigen Robe. Keine alternde, sondern eine junggebliebene, liebende Frau. "Die Zeit, die ist ein sonderbar Ding". Sie ahnt die Trennung von Octavian voraus. Beide sind stimmlich ideal besetzt für diese Gefühlsdarstellungen. Über allem die Standuhr als Symbol der verstreichenden Zeit. Und die Marschallin sitzt sinnend auf dem Uhrpendel. Sehr hübsch. 

Ein großer Tag im Hause des neureichen Herrn von Faninal eröffnet den zweiten Akt. Die Überreichung der silbernen Rose geschieht in einer zauberhaften Szene, in die Octavian mit einer großzügig bemessenen Traumkarosse einfährt. Die Stimmen von Sophie (Katharina Konradi) und Octavian ergänzen einander vorschriftsmäßig in idealer Verquickung. 

Nun kommt Ochs, Sophies Zukünftiger. Ochs und Faninal (Johannes Martin Kränzle) bilden ein höchst einvernehmliches Gespann. Cupido serviert Getränke und bleibt das stets präsente Sinnbild der schnell vergehenden Zeit.  Ein Ringelreihen um die irritierte Sophie, und Ochs hat "ein lerchenauisch' Glück". Sophie flieht vor ihrem Zukünftigen, das lerchenauische Personal stürmt alkoholisiert durch den Raum, und Octavian verbündet sich mit Sophie. Cupido streut wieder Flitter, diesmal über das junge Paar. 

Valzacchi und Annina sammeln Belege, um Sophie bei Ochs zu verklagen.  "Die Fräulein mag ihn nicht", nimmt Octavian allen Mut zusammen. Duell Degen gegen  Ochs. Der macht ein Riesengezeter um den Kratzer, den er dabei kassiert. Faninal tobt, und auch Sophie ist in Rage. Auf Lebenszeit in ein Kloster ? Cupido jetzt als Medikus mit Stethoskop und Stirnreflektor. Annina bringt eine Einladung und rezitiert: vom bewussten Mariandl. 

Der uralte Cupido betritt im dritten Akt einen Kinosaal ohne Publikum. Emsige Arrangements: Octavian zahlt Valzacchi aus, und der teilt die Chargen für die späteren Knalleffekte im  Wirtshaus ein. Man zieht sich um. Die Bühnenmusik stürmt herein. Jetzt ist Octavian das Mariandl und nimmt am gedeckten Tisch Platz. Beide umkreisen sich komödiantisch, Mariandl steigt auf den Tisch.  Dann wird Ochs entkleidet und in einen Morgenmantel gesteckt. 

Auf einmal fordert eine Witwe Alimentezahlungen. Ein Polizeikommissar  (Martin Snell) und Berge von Akten auf dem Tisch. Es droht eine Anklage wegen Verführung Minderjähriger. Faninal taucht auf, rasch herbeigeholt. Allgemeine Verwirrung und heftiger Meinungsstreit. Cupido entsorgt Ochsens Perücke. Mariandl gesteht dem Polizeikommissar, dass sie ein Mann namens Octavian ist. Auf dem Gipfel des Durcheinanders tritt die Marschallin herein, und Cupido sitzt im Souffleurkasten. "Das Ganze war halt eine Farce, und weiter nichts". Tolles Schlußbild vom Kinosaal mit Publikum und Puppen, die den Ochs mit Kamellen bewerfen.

Und die Marschallin schickt Octavian zu Sophie. Die Marschallin hat auch das versöhnliche Schlusswort. Schöne finale Apotheose mit dem jungen Paar und der zeitbewußten Marschallin samt der Standuhr, der Cupido symbolisch den Minutenzeiger abnimmt. 

Vladimir Jurowski am Pult des Bayerischen Staatsorchesters schafft das Kunststück, trotz pandemiebedingt verminderter Orchesterbesetzung den vollen Glanz der Strauss'schen Partitur zu entfalten und die Solisten wie das Orchester sicher durch die turbulenten wie die lyrischen Partien der Handlung zu geleiten. 






031521

Der veredelte Krimi

"Francesca da Rimini" von Riccardo Zandonai

Premiere im Livestream

an der Deutschen Oper Berlin 


Eine als "Tragedia" definierte Oper auf ein  Libretto nach Gabriele d'Annunzio vom italienischen Musikverleger Tito Ricordi  mit der Musik von Riccardo Zandonai, uraufgeführt 1914 in Turin. 

Die Deutsche Oper Berlin zeigt das selten gespielte Opus in einer Neuinszenierung von Christof Loy, der bereits 2018 Erich Wolfgang Korngolds Oper "Das Wunder der Heliane" zu großem Erfolg geführt hatte. Die Titelpartie sang damals Sara Jakubiak, die nun auch die Rolle der Francesca übernommen hat. Am Pult des Orchesters der Deutschen Oper steht Carlo Rizzi. 

Gabriele d'Annunzios Schauerdrama in Versen stand beim Publikum zu Beginn des 20. Jahrhunderts hoch im Kurs. Die in grellem Wechselspiel der Farben geführte Handlung verbindet Arglist und Täuschung, Liebessehnsucht und moralische Schuld mit Eifersucht und Mord. Im Mittelpunkt steht die Figur der Francesca, die selbst leidenschaftlich liebt und gleich von mehreren Männern sehr verschiedenen Charakters begehrt wird. Das dominante Spannungsfeld entsteht zwischen Francesca und dem ihr angetrauten, aber ungeliebten Giovanni (genannt Gianciotto) und seinem als "der Schöne" idealisierten Bruder Paolo, den Francesca leidenschaftlich liebt. Der Konflikt steigert sich bis zum finalen Aufeinandertreffen aller drei  Brüder, das mit dem Tode sowohl von Francesca wie von ihrem Geliebten Paolo endet. Regisseur Christof Loy zeichnet mit Augenmaß und Feingefühl das überaus modern anmutende Charakterbild einer Frau, die ihrem Empfinden folgt  und sich gesellschaftlichen Konventionen entzieht. 

So weit der Handlungsrahmen für ein Szenario, das einem heute in jedem besseren Fernsehkrimi begegnen kann. Was aber Christof Loy bewogen haben mag, gleichwohl diese Version ans Licht zu ziehen, ist sein ausgeprägter Sinn für musikalische Schätze  und für ein exzellentes Sänger/Darstellerensemble, das ihm für die Wiedererweckung zu Gebote stand. 

Ausgangspunkt des Geschehens ist ein politisches Kalkül. Italien im 14. Jahrhundert: Bürgerkrieg zwischen verfeindeten Adelsfamilien. Die schöne junge, aber etwas eigenwillige Francesca aus dem Clan der Polenta (Sara Jakubiak) soll mit einem Sohn der einflussreichen Familie Malatesta verheiratet werden. Ihr Bruder Ostasio (Samuel Dale Johnson) hat dafür alles vorbereitet. Da man aber befürchtet, Francesca würde den eher unattraktiven Giovanni lo Sciancato genannt Gianciotto (Ivan Inverardi) ablehnen, lässt man im geeigneten Moment dessen ansehnlicheren Bruder Paolo il Bello (Jonathan Tetelman) auftreten, von dessen Erscheinung Francesca geblendet ist und beiläufig den Ehevertrag unterschreibt. 

Der zweite Akt spielt am Tage einer Entscheidungsschlacht zwischen den Malatesta und den Paridati. Der Regie gelingt hier das Kunststück, mit Bühnennebel und aufwendigem Herumgerenne sogar ein verheerendes Schlachtgetümmel glaubwürdig zu realisieren. Francesca weiss, dass sie mit der Heirat des ungeliebten Gianciotto betrogen wurde und entschließt sich zur Rache an den intriganten Brüdern. Paolo und Francesca erkennen ihre tiefe gegenseitige Liebe. 

Im dritten Akt kommen Paolo und Francesca vor dem Hintergrund der Lektüre in der Geschichte von Tristan und Isolde einander abermals näher, und sie begreifen ihre Liebe als schicksalhaft und unausweichlich. Das Verhängnis naht im vierten Akt, als der dritte Bruder, der gewalttätige Malatestino ( Charles Workman) dem Ehemann Gianciotto von dem Verhältnis zwischen seiner Frau Francesca und Paolo berichtet und vorschlägt, die beiden in der nächsten Nacht zu überraschen. Gianciottos Eifersucht ist aufs Höchste entflammt, und er tötet die beiden  in  flagranti Ertappten: sowohl Francesca wie seinen Bruder Paolo. Am Rand kauert grinsend der sadistische Denunziant Malatestino. 


Sämtliche Gesangspartien sind in hervorragender, ausgeglichener Qualität besetzt. Neben der auch darstellerisch sehr ausdrucksvollen Sara Jakubiak steht gleichrangig ihr Traumpartner Jonathan Tetelman: eine leidenschaftliche, durchgehend edel getönte Tenorstimme ohne Schärfen in der Höhe. 

Die eigentliche Entdeckung in dieser mitreissend gestalteten Tragödie ist aber die Musik von Riccardo Zandonai. Sie hat gewiss eine klangliche Nähe zu den Kompositionen von Puccini, aber sie führt eigentlich mit manchem raffiniert gesetzten Halbton noch weiter. Carlo Rizzi leitet das bestens aufgelegte Orchester der Deutschen Oper mit Durchblick und feinem Gespür für die Klangvielfalt der Partitur. Aus dem Orchesterprobenraum vernimmt man den stimmungsvollen, von Jeremy Bines einstudierten Chor, und Alexandra Hutton, als Samaritana im Ensemble, offeriert in der Pause einen Gang hinter die Szene, wie man das aus der New Yorker Metropolitan Opera kennt.

Insgesamt ist der Deutschen Oper für eine sehr reizvolle Aufführung von höchster Qualität zu danken, wie das unter den schwierigen Hygienebedingungen der Pandemie umso bewundernswerter ist. 















030721

Stipendiaten im Livestream

Zwei Konzertabende der 

Hindemith-Gesellschaft Berlin 

In Corona-Zeiten ist der verdienstvollen Berliner Paul-Hindemith-Gesellschaft ein Instrument der Begabtenförderung für wirtschaftlich schlecht gestellte Musikstudenten aus der Hand genommen, das sie normalerweise zur Generierung von Fördermitteln nutzt: Konzerte von Stipendiaten, deren Publikum am Ausgang des Konzertsaals um Spenden gebeten wird. Ersatzweise halten jetzt kostenlose Livestream- Konzerte diese Erinnerung wach, und Überweisungen auf ein Spendenkonto sind zum Glück weiterhin möglich und erwünscht. 

Jetzt gab es zwei Kammerkonzerte mit jungen UdK-Musikstudent*innen, die auf der Hindemith-Stipendiatenliste stehen. Zunächst am 5. März im Joseph-Joachim-Konzertsaal Viktoria Wong, Violine mit Béla Bartóks Sonate für Violine solo Sz.117.

Ein sehr anspruchsvolles Werk aus dem Jahre 1944, uraufgeführt in New York durch Yehudi Menuhin.  Die Sonate beginnt mit versonnen gesteigerten Tonfolgen, die allmählich bei sehr schwierigen Griffkombinationen zu grösserer Intensität finden. Mit Hingabe und technischer Perfektion exekutiert. 

Die Fuge im 2. Satz resolut intoniert, rhythmisch komplex, mit raffinierten Akzenten und Betonungsvarianten, wechselnd zwischen mit dem Bogen gestrichenen und gezupften Tönen, mündend in eine mitreissende Tanzsequenz. 

Der 3. Satz Melodia Adagio sanft und melancholisch, die Solistin scheint den Tönen und deren Echo nachzulauschen. Wieder schwierigste Griffkombinationen gestrichen, gezupft und nur angetippt. Sogar der Steg der Violine muss unterwegs versetzt werden.

Zum Schluss ein Prestosatz, der an das Gesumm eines Bienenschwarms erinnert, dann eine volksliedhafte Melodie mit komplizierten Sprungfolgen bringt, die in Doppeltönen weitergeführt werden. Ein entschlossener Abstrich beendet das Werk, das den technischen Fähigkeiten der Solistin das denkbar beste Zeugnis ausstellt.

Danach Marcel Mok mit Mozarts Klaviersonate F-Dur KV 332. Ein inzwischen wohlbekannter Solist, der Mozarts anmutige Erzählweise aufs Einprägsamste wiederzugeben versteht, wobei ihm die erforderliche Technik quasi mühelos zu Gebote steht, was er auch gerade im zweiten Adagiosatz eindrucksvoll zu belegen weiss. Das abschliessende Allegro assai besticht durch Tempo, geläufige Leichtigkeit und Prägnanz. Diesem sympathischen Interpreten ist auf seinem weiteren Weg als Konzertpianist viel Erfolg zu wünschen. 

Zum Abschluss Antonin Dvoráks Terzetto C-Dur op. 74 mit Valentina Paetsch  und Haryum Kang an den Violinen sowie Hwayoon Lee, Viola.

Es beginnt mit dem Satz Introduzione, Allegro ma non troppo, leitet dann in ein Larghetto über, dem sich ein Scherzo mit den Vortragsbezeichnungen Vivace und Poco meno mosso anschliesst. Ans Ende hat der Komponist ein Thema mit Variationen gestellt, das zunächst Poco adagio einsetzt und dann das Stück Molto allegro zu Ende führt.  Die drei Solistinnen verstehen es, die intensive Ausdruckspalette voll auszuschöpfen, die Dvorák hier nutzt. Dabei erreichen sie feinste Tongebung und eine wohlabgestimmte Harmonie des Einklangs. Das funktioniert am Frappierendsten im Scherzo und dem hinreissend temperamentvollen Allegro des Finalsatzes.

Das zweite Konzert am nächsten Abend, wiederum  Joseph-Joachim- Konzertsaal der Universität der Künste Berlin. Paul Hindemiths Sonate für Viola solo op.25 Nr.1 spielt Karolina Pawul, Viola. 

Erster Satz: Breit, Viertelnoten. Klanglich intensiv, die Viola als sonores, kraftvoll intonierendes Streichinstrument. Sehr frisch und straff der zweite Satz: virtuoser Bogenstrich. Der dritte Satz „sehr langsam“: nachdenklich mit an- und abschwellender Tongebung, wieder mit überaus charaktervoller Intonation. Dem vierten Satz wird ein entfesseltes „ rasendes Zeitmass“ verordnet, bei dem es keineswegs auf Tonschönheit ankommt. Schliesslich ein beinahe andächtig klingendes Finale. 

Danach die Flötistin Juree Kim mit der Klavierbegleitung der Gastpianistin Imke Lichtwark in einer Fantasie über Themen aus Webers „ Freischütz“ von Claude-Paul Taffanel. Die junge Solistin kann ihr schon sehr ausgereiftes Können wirkungsvoll einsetzen. Das gelingt ihr sowohl bei den lyrischen, sanglichen Passagen wie in virtuosen Läufen und spielerischen Trillerfiguren. Die Pianistin stärkt die akustische Präsenz der zarten Querflöte mit markantem Auftritt. 

Zwei Violoncelli von Sebastian Mirow und Anne-Claire Dani gestalten als nächstes die Sonate für zwei  Celli von Boris Blacher. Das Werk ist dem Cellisten Wolfgang Boettcher gewidmet, mit dem beide Solisten noch kurz vor seinem überraschenden Tod an der Aufführung gearbeitet hatten.  Nun führen beide das Stück zu seinem Andenken auf. Allegro der erste Satz, dann ein Pizzikato-Presto in hervorragender rhythmischer Präzision. Der dritte Satz ist ein Andante  von grosser Ruhe und Klangschönheit, das beide Solisten mit Intensität und Innigkeit interpretieren.

Am Schluss dieses Konzertabends steht Felix Mendelssohn-Bartholdys Klaviertrio c-moll, gespielt von Johanna Müller Violine, Oliwia Meiser Violoncello und Daria Tudor Klavier, die sich kurz vor der Pandemie als Trio zusammengefunden hatten. Ein Allegro energico e con fuoco leitet das Werk ein, strömende Klangfülle, mit hinreissendem Temperament und individueller Virtuosität vorgetragen. Ein Andante espressivo schliesst sich an. Schönste romantische Kammermusik, gefolgt von einem Scherzo, das „molto allegro quasi  presto“ vorzutragen ist und den drei Solistinnen eine glänzende Gelegenheit gibt, ihren wohlabgestimmten  Einklang in virtuoser Technik unter Beweis zu stellen. Am Schluss steht ein Finale Allegro appassionato, dessen leidenschaftlichen Stil die drei Solistinnen mit intensivem Ausdruck gestalten. Perfekter und mit mehr Feinsinn wird man dieses Trio nicht leicht woanders hören können. Drei hinreissend musizierende junge Frauen, denen es weder an Kraft noch an Feingefühl mangelt. Man wünscht ihnen, dass sie ihre ausgefeilte Kunst bald wieder vor Live-Publikum hören lassen können. 

Vorstands-Beirätin Jutta von Haase lässt es sich nicht nehmen, auch in der etwas kühlen Atmosphäre des Livestreams den Mitwirkenden mit  einer langstieligen Rose für ihr Auftreten zu danken.

Zwei sehr erlebnisreiche Konzertabende mit Interpretationen bemerkenswerter Qualität, denen leider nur der rauschende Beifall aus einem gut gefüllten Konzertsaal fehlte.




022221

Eine Frau wie eine Naturgewalt

Livestream-Premiere "Carmen" 

in der Staatsoper Wien

George Bizets erfolgreichste Oper, 1875 in der Pariser Opéra Comique uraufgeführt, war bei der Premiere eher ein Flop. Wenig später wurde daraus ein grandioser Erfolg, den der Komponist allerdings nicht mehr erlebte. Heute gehört das Werk zu den meistgespielten Stücken dieses Genres überall in der Welt. 

Regisseur der Wiener Neuinszenierung ist Calixto Bieito. Andrés Orozco-Estrada steht am Pult des Wiener Staatsopernorchesters, das praktisch mit den Wiener Philharmonikern identisch ist. 

Müssiggang im Militärposten nahe Sevilla. Die Soldaten, die sich mit Exerzieren oder Joggen fit halten, warten auf die Mittagspause der Mädchen aus der nahen Zigarettenfabrik. Micaëla (Vera-Lotte Boecker, vielleicht die schönste Stimme dieses Abends) fragt nach Don José (Piotr Beczala), der aber erst mit der Wachablösung kommen wird. 

Dann ist Carmencita (Anita Rachvelishvili) da und singt ihre "Habanera". Eine schwere, gewichtige Mezzostimme, in der Höhe mit deutlichem Vibrato, aber mit kraftvoller Tiefe. Sie beherrscht die Szene. Die Männer in Uniform sind hingerissen. Micaëla gibt Don José (schöner Tenor, bisweilen etwas angestrengt) einen Brief und einen Kuss von der Mutter. Noch findet José nichts an Carmen. 

Dann ein Streit unter den Zigarettenmädchen, Carmen soll angefangen haben. Sie muss nun ins Gefängnis, bekennt aber auf Befragen, sie liebe "keinen Offizier, nur einen Brigadier". José und Carmen verfallen einander.

Im zweiten Akt fährt ein dicker Mercedes vor, permanent hupend. Ein Weihnachtsbaum wird errichtet, eine Campingparty mit animierten Handgreiflichkeiten nimmt ihren Lauf. Der allseits bekannte Torero Escamillo (Erwin Schrott) wird umjubelt. 

Die Schmuggler planen die nächste Gaunerei, aber Carmen will nicht mitkommen: Diesmal geht die Liebe vor. Don José kommt, und Carmen singt die "Seguidilla". Dann hört man den Zapfenstreich von der Kaserne, José will dorthin pünktlich zurück, und Carmen reagiert verächtlich. José unterstreicht seine Liebe mit der "Blumenarie", aber Carmen verlangt von ihm, daß er ihr in die Berge folgt. 

Eifersuchtsstreit zwischen Zuniga (Peter Kellner)  und José, der nun gezwungen ist, der Gaunerbande in die Berge zu folgen. "Am Berauschendsten ist dort die Freiheit". 

Dritter Akt: ein Tänzer entkleidet sich im Halbdunkel und ergeht sich dann in pantomimischen Posen. Der Mercedes fährt wieder herein, andere Autos folgen. Die Schmuggler träumen von Reichtum. Kartenbefragung auf der Motorhaube: Carmen mit Frasquita (Slávka Zámečníková)

und Mercédès (Szilvia Vörös). Die beiden Mädchen träumen von jungen Liebhabern, Carmen sieht immer nur den Tod voraus. Micaëla schleicht herein und versteckt sich. Duett Don José und Escamillo: Letzterer liebt Carmen, wie sich herausstellt. Sie rettet Escamillo vor Don Josés eifersuchtsgesteuerter Messerklinge. Escamillo lädt alle zum Stierkampf nach Sevilla ein. 

Im 4. Akt wird eingangs eine Tribüne errichtet. Eine quirlige Volksmenge (Chor und Kinderchor) inszeniert einen gut gemachten Massenjubel, rhythmisch exakt. Carmen und Don José treffen ein letztes Mal auf einander, aber all sein Flehen kann sie nicht umstimmen. Sie wirft ihm den Ring vor die Füße, den  er ihr einst geschenkt hat.  Darauf zieht er ein Messer und tötet sie. 

Insgesamt eine etwas gestraffte und weitgehend entzauberte Handlung. Das Vordergründige dominiert, das Hintergründige spielt kaum eine Rolle. Zwischentöne gibt es nicht. Carmens wetterwendisches Liebesverhalten ist Dokument eines eher oberflächlichen Empfindens, wobei die persönliche Freiheit allemal höher steht als irgendeine längerfristige Beziehung. Carmens einziger tiefergehender Gedanke ist der an den Tod.

Das Wiener Staatsopernorchester unter Andrés Orozco- Estrada illustriert diese erfolgreiche Tragödie kraftvoll und farbenreich mit prägnanter Präzision. In Ermangelung des Publikums spendet am Ende das Orchester den Solisten, dem Chor und dem Regieteam den verdienten Applaus. 




021921

 Ägyptisches aus Paris 

„Aida“ - Neuinszenierung an der Opéra National 

mit der Musik von Giuseppe Verdi in der Regie von Lotte de Beer

Corona-Modus ohne Publikum: Die Digitaluhr zählt die Minuten bis zum Auftakt. Der Begrüssungsbeifall des Publikums entfällt, dafür erhebt sich das Orchester. Dann hebt Michele Mariotti (mit schwarzer Atemschutzmaske) den Taktstock für die Ouvertüre: Das Orchester der Opéra national de Paris setzt ein. 

Szenen während der Ouvertüre: von drei Spielern bewegt, fesselt eine mannshohe Marionette den Blick, eine distanzierende Symbolfigur für die liebende Sklavin Aida. 

Auftrittsarie des Radames, der heute Jonas Kaufmann heisst. „Celeste Aida“: Die Stimme hat Kraft und Glanz, aber er versteht auch, sie zurückzunehmen und wechselt klug zwischen beiden Modi. Dann tritt Ksenia Dudnikova als Amneris auf, festliches Gewand zum Zeichen ihres Ranges als Königstochter.  Aida , die Marionette mit der Stimme von Sondra Radvanovsky,  tritt hinzu, Terzett. Szene mit Chor, alle mit Maske bis auf die Solisten. 

Der König (Soloman Howard) ruft zum Kampf gegen die fremden äthiopischen Eindringlinge auf, Radames wird an die Spitze des Heeres gestellt. „Als Sieger kehre heim“ von Amneris,  Aida antwortet mit einer längeren Replik, eine sehr schöne, in der Höhe kraftvoll aufblühende Sopranstimme, die selbst zurückgenommen grosse Eindruckskraft entfaltet. „Numi pietà“ ist bewegend. 

Chorszene mit Anrufung des Gottes Phta. Masken in Glasvitrinen, Amneris und Radames in der Menge, der goldene Streitwagen wird enthüllt, es wird Sekt gereicht. Duett Radames mit Ramfis (Dmitry Belosselskiy).

Intrige der Amneris, um der Sklavin Aida ihr Liebesgeheimnis zu entlocken. Chor der Dienerinnen, viele lockende Seidenkostüme. Anmutige, kokette Bewegungen zur Ballettmusik. Aida kommt. Amneris teilt ihr höhnend mit, dass die Armee ihres Vaters Amonasro geschlagen wurde. Radames sei tot. Nein, er lebt ! Aida verrät sich mit einem befreiten Aufschrei.  Amneris will Aida vernichten. Der Triumphmarsch tönt herein. Nochmals grossartig Aidas “Numi pietà“.

Triumphmarsch. Keine spektakulären Aida-Trompeten. Dafür in der Mitte der Bühne  eine Prozession, Genrebilder mit rasch wechselnder Dekoration. Darunter auf einmal auch ein triumphierender Napoleon zu Pferde. Amerikanische Soldaten mit aufgepflanzter Siegesfahne. Temporeicher Orchestervortrag. Dann stürzt unvermittelt der Livestream ab. Kein Bild mehr, stattdessen minutenlang ein rein akustischer Genuss. 

Später zurück auf der Szene. Bewegendes Plädoyer des unterlegenen Amonasro ( Ludovic Tézier). Widerstreit von  Hass und Mitgefühl zwischen Amneris, Aida und Radames. Der bittet um Freiheit für die Unterlegenen. Radames soll die Hand von Amneris zum Dank für seinen Sieg erhalten. Sie hat darob jetzt Engelsflügel und einen goldenen Lorbeerkranz für Radames. 

Das Orchester spendet etwas schütteren, aber höchst verdienten Applaus. Eine halbstündige Pause lässt die hochgepeitschten Gefühle etwas abklingen.

Mariotti wieder am Pult. Auftakt mit  grosser klanglicher Finesse: Das  Nilbild. Chöre  von ferne. Amneris und Ramfis. Aida solo in Erwartung von Radames. “Oh Vaterland, nie werde ich dich wiedersehen”. Diese Stimme von Sondra Radvanovsky kann wirklich Gefühle glaubwürdig spiegeln. Eine schwebende Höhe  von bewunderungswürdigem Reiz. Amonasro tritt hinzu, klagt seine Tochter an. 

Radames kommt. Er spricht vom Gegenschlag der Äthiopier. Sie will mit ihm fliehen. Ein betörender Dialog. Auch er denkt an Flucht. Er verrät den Fluchtweg, und Amonasro hat alles  mitgehört. Radames wird als  Verräter festgenommen und angeklagt.

Das Kampfduett zwischen Amneris und Radames: Zuerst lässt Amneris Radames kommen, sie will eine Begnadigung für ihn erwirken, wenn er Aida abschwört. Aber Radames verachtet ihre Intrigen. Sie ihrerseits verflucht ihre Eifersucht.

Radames wird wegen Hochverrats zum Tode verurteilt. 

Radames im versiegelten Grabgewölbe. Er glaubt sich allein. Da tritt Aida herzu und teilt sein Los. Das Schlussduett beider gehört zum Bewegendsten der Opernliteratur.

So endet eine bemerkenswert hervorragende Aufführung, die ebenso durch die exzellenten Stimmen der Solisten wie durch eine kraftvolle, mit zügigen Tempi gestaltete Orchesterleistung überzeugte. Die Aufzeichnung ist noch bis zum 20. Februar auf  operadeparis.fr  zu sehen, 



021421

Charakterstudien zweier Frauen

Premiere "Jenůfa" an der Deutschen Staatsoper Berlin

Leoš Janáčeks Oper von 1904, in Berlin inszeniert von Damiano Michieletto. Am Pult der Staatskapelle Berlin Sir Simon Rattle. 

Noch immer prägen Corona-Maßnahmen unsere Theaterlandschaft. Eine Premiere gibt es deshalb nur als Livestream vor leerem Zuschauerraum zu sehen. Diesmal wird das Ereignis schwerpunktmäßig über 3Sat verbreitet.

Jenůfa (Camilla Nylund, Rollendebut)  liebt Števa (Ladislav Elgr), von dem sie ein Kind erwartet. Nur die Heirat könnte sie aber vor der uferlosen Schande einer unehelichen Geburt bewahren. Die Küsterin (Evelyn Herlitzius), moralische Autorität in der Dorfgesellschaft, verbietet diese Heirat, weil Števa ein gewalttätiger Trunkenbold sei. Jenůfa bringt ihr Kind heimlich zur Welt, und die Küsterin versteckt es im Haus. Števa will Jenůfa nun nicht mehr heiraten, weil sie ihm fremd geworden ist. Števas Stiefbruder Laca (Stuart Skelton) liebt aber Jenůfa und will sie ehelichen. Die Küsterin möchte Jenůfas Zukunft retten und wird das Kind ertränken, wobei sie dann behaupten wird, der Knabe  sei gestorben. 

Am Hochzeitstag von Laca und Jenůfa wird ein toter Knabe im Eis des Flusses gefunden. Die Küsterin bekennt sich schuldig. Jenůfa vergibt ihr, weil sie die fehlgeleitete gute Absicht hinter der Mordtat erkennt.  Am Ende schreitet sie ins Licht der Ehe mit Laca.

Regisseur Damiano Michieletto unterstreicht mit einem asketischen Bühnenbild (Paolo Fantin), das durch Lichtakzente (Alessandro Carletti) seine suggestive Wirkung erreicht, das szenische Konzept der Konzentration auf die Psychologie  der handelnden Personen. Wir bewegen uns in der engmaschigen Sittenstrenge einer zutiefst konservativen Dorfgemeinschaft, in der jeder Bewohner gefangen bleibt. 

Was an dieser Inszenierung wirklich fasziniert, sind die eindrucksvollen Charakterstudien zweier Frauen aus dem engen Dorfmilieu. Die Handlung wird zum bewegenden Abbild widerstreitender Gefühle in den beiden Frauen. 

Camilla Nylund realisiert ihr Rollendebut mit Hingabe und differenziertem Ausdruck. Sowohl die enttäuschte Liebe zu Števa wie die spätere Neigung zu Laca gelingen ihr überzeugend. Die stimmlichen Qualitäten sind gänzlich präsent und erlauben ihr sowohl anteilnehmende Wärme wie den expressiven Angstschrei. Besonders eindringlich gestaltet sie das Mariengebet vor dem Hausaltar. 

Wenn es allerdings noch eine Steigerung dieser Leistung gibt, dann gelingt sie Evelyn Herlitzius in der Rolle der Küsterin Buryjovka. Bei makellosem stimmlichen Ausdruck entwickelt sie in Gestik und szenischer Aktion ein Charakterbild, das die scheinbar widersprüchlichen Züge dieser Frau plausibel werden läßt und ein Mitgefühl generiert. Wie sie nach dem Kindsmord die Szene wieder betritt und mit aufgelöstem Haar verkündet, der Junge sei gestorben, ist höchst einprägsam. Am Ende das Schuldbekenntnis und der Satz zu Jenůfa "Jetzt sehe ich, dass ich mich mehr liebte als Dich" - die überzeugende Darstellung einer bemühten, aber irrenden Person.

Hanna Schwarz zeichnet bei bester stimmlicher Präsenz die Rolle der Großmutter, der alten Buryjovka, die immer bemüht ist, begütigend in die Auseinandersetzungen einzugreifen. 

Die beiden Tenöre gestalten überzeugend die Antipoden in der Heiratskonkurrenz. Ladislav Elgr ist Števa, der die rettende Verbindung mit Jenůfa ausschlägt. Den Gegenpol Lara verkörpert Stuart Skelton mit wuchtiger Gestalt und strahlender Stimmgewalt. 

Am Pult der perfekt intonierenden Staatskapelle Berlin beweist Simon Rattle seine intime Vertrautheit mit Janáčeks farbkräftiger Musik, die von einschmeichelnder Harmonik bis zu schrill expressivem Ausdruck reicht. Ein hübscher Einfall, den kommentierenden Chor im ersten Akt in den ansonsten leeren Zuschauerraum zu platzieren. Von hier kommt dann am Schluß auch der Sound des applaudierenden Chores. Insgesamt eine sehr überzeugende Aufführung, die noch eine Weile in der Mediathek und im weiteren Jahresverlauf auch live auf der Bühne der Staatsoper zu sehen ist. 








010221

Corona macht's möglich:

Neujahrskonzert vor leeren Stuhlreihen

Dies war ohne jeden Zweifel ein historisches Ereignis: Das weltberühmte, stets ausverkaufte Neujahrskonzert der Wiener Philharmoniker, eine Auszeichnung für die wechselnden Gastdirigenten, fand an diesem Neujahrstag vor leerem Saal statt. Im Zeichen der Pandemie hatte man sich an Maßnahmen des Verzichts gewöhnt, aber diesmal war man einfach froh, dass die liebgewordene Jahreseröffnung überhaupt stattfand. Und dass man sie wenigstens über die Funkmedien verfolgen konnte. 

Die Tradition der Neujahrskonzerte mit den Wiener Philharmonikern geht auf das Jahr 1939 zurück, was diesem Datum heute eine etwas ambivalente Färbung gibt. Clemens Krauss dirigierte damals ein Konzertprogramm, das zugunsten des Winterhilfswerks veranstaltet wurde. 

Das jüngste Neujahrskonzert 2021 dirigierte einmal mehr der international renommierte Maestro Riccardo Muti. Auf dem Programm, wie üblich, ein Querschnitt durch die Kompositionen der Strauß-Dynastie und verwandte Melodien. Den Auftakt bildete der "Fatinitza-Marsch" von Franz von Suppé, von dem später auch noch die "Dichter und Bauer"-Ouvertüre zu hören war. Der Löwenanteil der Kompositionen stammte aber aus der Feder von Johann Strauß (Sohn), wozu neben anderen Titeln der "Frühlingsstimmen-Walzer" und der "Kaiserwalzer" gehörten.

Mit der ausdrucksstarken Gestik von  Riccardo Muti am Pult (übrigens bereits zum sechsten Mal) war das Konzert eine sichere Sache und ein schwungvoller  Auftakt für das neue Jahr. Auch die tourismuswerbenden Einschaltungen aus dem Burgenland  und von Spielszenen mit einzelnen Instrumentengruppen sowie die eleganten Ballett-Einlagen waren gut platziert.  Die Einblendung von hunderten von Handy-Selfies, die sich als Ersatz für das fehlende Publikum von überall her zur Unterstützung für das Traditionskonzert gemeldet hatten, zeigte die Verbundenheit mit dem Orchester und seinem alljährlichen Auftreten zum Jahresbeginn. Vorstand Daniel Froschauer sprach diesmal die Grußworte im Namen der Wiener Philharmoniker, deren  kultiviertes  Klangbild einmal mehr begeisterte und faszinierte, wenn auch die gewohnten Interaktionen mit dem geneigten Publikum diesmal entfallen mussten. Riccardo Muti selbst griff zum Schluß noch zum Mikrofon und formulierte seine Botschaft an die Politiker in aller Welt: "Musik ist nicht einfach nur Unterhaltung, sondern ein entscheidender Beitrag zu einer besseren Gesellschaft". 


121220


Professoren musizieren für Stipendien

Livestream-Konzert der Berliner Paul-Hindemith-Gesellschaft

Sie ist überaus verdienstvoll als Stipendien-Generatorin für hochbegabte, aber wirtschaftlich knapp ausgestattete Musik- und Schauspielstudenten: die Berliner Paul-Hindemith-Gesellschaft. In Corona-Zeiten ist ihr ein Hauptkanal der Mittelbeschaffung versperrt: die Veranstaltung von Kammerkonzerten mit Stipendiaten vor Publikum, das anschließend um Spenden gebeten wird. Diese Spendenbitte läßt sich allerdings auch dann aussprechen, wenn solche Konzerte als Livestream ausgestrahlt werden. Ein derartiges Kammerkonzert, diesmal von Musikprofessoren bestritten, war jetzt als Video-Übertragung aus dem  Joseph-Joachim-Konzertsaal an der Berliner Bundesallee zu verfolgen. 

Nach einem Grußwort von Hindemith-Vorstandsbeirätin Jutta von Haase und einer Bemerkung des Cellisten Wolfgang Boettcher zu Beethovens offenbar etwas rigoroser Diktion gegenüber einem Vertreter dieser Instrumentengruppe startet das Konzert mit den "Sieben Variationen über 'Bei Männern, welche Liebe fühlen' aus Mozarts 'Zauberflöte' für Klavier und Violoncello Es-Dur". Am Flügel Björn Lehmann. Das Thema erklingt Andante, man vernimmt die zwei Solisten in überaus  lebhaftem, farbig virtuosem Einklang. Variation III mit schöner, sonorer Cello-Artikulation. Variation IV: Pianoeinleitung spielerisch, sangliche Cello-Einfügung . Variation V ist ein flotter Dialog von Klavier und Cello. Die Nummer VI hingegen ein eher gedanklich ausgreifender Klavierpart, dem sich das Cello modulierend anschliesst. Schliesslich Nummer VII, springlebendig vom Piano vorformuliert, das Cello ergänzt in freier Sprache, dann leuchtet das Thema wieder auf, akzentuierter Ausklang. Anerkennender Applaus aus dem eher spärlich mit ein paar Zugangsberechtigten besetzten Saal.

Zum anschliessenden Duo für Violine und Viola KV 423 von Mozart erläutert zunächst die Geigerin Nora Chastain kurz die Vorgeschichte dieser Komposition. Der Klang von Violine und Viola ergänzt sich wunderbar zwanglos, ein farbenreicher Dialog, sehr gute gegenseitige Abstimmung. Gelöste Virtuosität, heitere Sequenzen. Das folgende Adagio bringt klangliche Intensität, die sofort ihre Flügel ausbreitet. Die Violine agiert ein wenig als Wortführerin, die Viola liefert beiläufig ergänzende Formulierungen. Im anschliessenden Rondeau  allegro stellt die Violine Thesen auf, die von der Viola in präzisen Antworten kommentiert werden.  Reizvoll umrankte Verschränkungen. Unisono- Passagen mit vorwärtsdrängender Artikulation.

Zum Schluss Robert Schumanns Klavierquartett op.47 mit Nora Chastain (Violine), Hartmut Rohde (Viola), Wolfgang Boettcher (Violoncello) und Björn Lehmann (Klavier). Zwei Bachchoräle sind in die hier verwendeten Themen hineinverwoben. 

Das Opus beginnt Sostenuto Assai- Allegro ma non troppo. Markante Schrittgeschwindigkeit. Der Klangcharakter der drei Streichinstrumente ergänzt sich wunderbar mit den verzierenden Repliken des Flügels. Hinreissend vital.

Ein zügiger zweiter Satz Scherzo-Molto vivace folgt mit dem Flügel als melodischem Wortführer; die drei Streicher trippeln wie Verschwörer hinterher. Eine herrlich unheimliche Stimmung. Dann der dritte Satz Andante cantabile: Das Cello intoniert das Thema, die Violine folgt , von der Viola accompagniert, im Hintergrund kommentiert der Flügel. Ein Seitenthema der drei Streicher führt die Gedanken fort. Nun ergreift die Bratsche das Wort. Die übrigen Solisten stimmen ihr bei. Das Cello bejaht das Gesagte. 

Finale. Vivace: temporeich und raffiniert verzahnt, mit Leidenschaft und lebhafter Kolorierung. Trickreich und rhythmisch durchaus vertrackt. Die Vier sind in einem verschworenen Einklang, als würden sie  nie etwas anderes tun als Klavierquartett spielen. Eine letzte, fugierte Steigerung mit brillanten Injektionen der Streicher, dann die Schlussformulierung. 

Die langstieligen Dankesrosen von Jutta von Haase und eine Erneuerung der Spendenbitte runden das Programm ab.  Die fehlerfreie Bild- und Tonregie lag in den Händen von  Laura Picerno. 



120320

Ein schon etwas  älterer Herr macht sich zum Gespött

Neuinszenierung in München: Verdis "Falstaff" 

als Livestream aus der Bayerischen Staatsoper

Es wurde das letzte Werk eines nahezu 80jährigen Komponisten, und es öffnete die Tür zu einer Renaissance der komischen Oper. Giuseppe Verdis "Falstaff" mit dem Libretto von Arrigo Boito (dem Komponisten der Oper "Mefistofele" und Librettisten von Verdis "Otello") lehnt sich an Shakespeares "Die lustigen Weiber von Windsor" an und wurde 1893 in der Mailänder Scala uraufgeführt. Die Komödie gab die Initialzündung für den Stil der leichten, der Komischen Oper, die Komödiantisches mit Philosophischem und mit karikierenden Elementen  verbindet.

Die Münchener Neuinszenierung von Regisseurin Mateja Koleznik spielt in einem Casino. Eigentlich ist das aber nur eine Sammlung universell nutzbarer Rahmen und Türen, hochaufragend, die sich ideal für wechselvolle Durchblicke eignen.  Es gelingt ihr, die im Laufe der Jahrzehnte etwas angestaubte Vorlage mit der Vitalität und dem Tempo unserer Tage auf die Bühne zu bringen.  Dieser Sir John Falstaff (Wolfgang Koch im Rollendebut) ist eben nicht einfach nur ein älterer Herr, sondern ein solcher in herausgehobener gesellschaftlicher Stellung, was wiederum  mißliche Rückwirkungen auf dessen eigene realistische Selbsteinschätzung hat. So hält er die Wirkung seiner Persönlichkeit für unwiderstehlich, insbesondere auf die von ihm umworbenen Damen aus der Society von Windsor.

Zwei Damen der besseren Gesellschaft bekommen gleichlautende Liebesbriefe von Falstaff und entdecken empört, dass sie nur als Vehikel in einer Geldbeschaffungsaktion Falstaffs benutzt werden sollen. Sie schwören, sich zu rächen. Es handelt sich um Mrs. Alice Ford ( Ailyn Pérez), Mrs. Meg Page (Daria Proszek) ,und sie bedienen sich zur Vorbereitung ihres zweimaligen Racheaktes der Freundin Mrs. Quickly (Judit Kutasi). Den stets eifersüchtigen Ehemann Ford singt Boris Pinkhasovich. Der Arzt Dr. Cajus ist Kevin Conners. Alices Tochter Nannetta (Elena Tsallagova)  fesselt mit betont schönem Sopran, und ihr Geliebter Fenton (Galeano Salas) kann seinen Tenor insbesondere in der Arie zu Beginn des Gartenteils erstrahlen lassen.

Vor den geöffneten Casinotüren ergeben sich hinreissende Ensembles in knallbunten Kostümen. Verdis temporeich vorgetragene Musik:  vom Bayerischen Staatsorchester unter Leitung von Michele Mariotti  mit grosser Lebendigkeit und nahezu kabarettistischer Pointierung exekutiert. 

Beide Damen signalisieren nun Falstaff, dass sie ihn mit Ungeduld erwarten.

Ford als Herr Fontana ermuntert Falstaff, um Alice zu werben, um ihre Treue auf die Probe zu stellen. Die  Damen tauschen sich aus und ergeben sich der Vorfreude auf ihre Rache.

Falstaff umgarnt Alice. Liebt er etwa auch Meg ? "Alice, Du musst fliehen, Dein Mann kommt". Fenton und Nanetta bekennen einander ihre Liebe, und der Behälter mit der Schmutzwäsche wird samt dem darin versteckten Falstaff in die Themse gekippt. Großes Tempo, präzises Ineinandergreifen der Elemente, Pluspunkte der Regie. Eine wundervoll lebenskräftige Aufführung. Ein multifunktionales Bühnenbild, das sich wie selbstverständlich der Handlung zur Verfügung stellt (Raimund Orfeo Vogt). Fantasievolle Kostüme (Ana Savić-Gecan), die dem Profil der Figuren in Verbindung mit klar konturierender Lichtregie (Tamás Bányai) einen zusätzlichen Drive geben.

Zweiter Teil: Der mit Themsewasser gefüllte Falstaff beklagt die Schlechtigkeit der Welt. "Es gibt keine Tugend mehr. " Tief zerknirscht ist der gedemütigte Edelmann, 

dem die Grandezza der vermeintlichen Überlegenheit ebenso zu Gebote steht wie die abgrundtiefe Depression des Geprellten. Mrs. Quickly entfacht die alten Flammen wieder in ihm und stürzt ihn in ein zweites Abenteuer mit Alice.

Ein Verwirr-und Versteckspiel  im Garten schließt sich an. Fentons Arie zeigt die ganze Schönheit dieser Stimme. Falstaff mit Hirschgeweih zählt Glockenschläge: Mitternacht!

Verdis unglaublich präsente, vor Vitalität geradezu berstende, in tausend Facetten aufleuchtende Musik triumphiert. Zauberhafter Auftritt der von Pfauenfeder-Fächern  umkränzten Sylphen, von Nanette dirigiert. Dann fällt die ganze Gartenszenerie über Falstaff her. Drei lustige Weiber machen ihm klar, dass er ein Esel war.

Zum Schluss ein besonderer optischer Gag: die handelnden Personen gegen Ende der Gartenszene singen quasi in realistischer Photo-Optik die berühmte Schlussfuge, die dazu auffordert, alles nicht so schwer zu nehmen. Die Mitwirkenden füllen ein letztes Mal die Rahmen-Elemente des Bühnenbildes und vereinen sich zum alles versöhnenden Finale. 

Abschliessend sei nicht verschwiegen, dass die technische Perfektion des Livestreams noch verbesserungswürdig ist. Es gab Unterbrechungen, erzwungene Neustarts und Passagen, die automatisch wiederholt wurden. Was nichts daran ändert, dass diese Darbietungsform ohne Zweifel Zukunft hat.



111820

„Digitales Theaterexperiment“

Zeit-Zeichen: Ein Akt der Verzweiflung

im Berliner Renaissance-Theater


Man starrt auf eine leere Bühne,  auf der nichts geschieht.  

Ein wenig Arbeitslicht von oben, hinten drei mit anthrazitfarbenen Vorhängen verschlossene Auftrittsöffnungen. Totenstille, kein Sound und erst recht kein Akteur. Das geht jetzt fünfundzwanzig Minuten so. Ist das etwa schon die lehrreiche Pointe ? Dem Publikum mal zu zeigen, wie Theater ohne Theater ist? Wie bei des Kaisers neuen Kleidern, aber da war der Kaiser wenigstens zu sehen, wenn auch nackt...

Je länger das dauert, desto rätselhafter wird es. Ist dies eine Eulenspiegelei, eine hochintellektuelle Veralberung des Publikums oder ein Akt gesteigerter Ratlosigkeit, ein bitteres Gemisch aus Zorn und Verzweiflung ? Intendant Guntbert Warns bekam auf Anfrage die Auskunft, dass die Vorstellung etwa eine Stunde dauern werde, ehe er im Parkett Platz nahm und den diesmal offenbar geprellten Zuschauern „viel Vergnügen“ wünschte. 

Mehr als eine halbe Stunde ist vergangen. Wenn man jetzt den Cursor dem Fortschrittsbalken am unteren Bildrand folgen lässt, kann man den Endpunkt der "Vorstellung" bei einer Stunde und zwei Minuten erreichen. Dann fällt der rote Vorhang, und es folgen Videos von früheren Aufführungen. 

Zur Pointe gehört wohl, dass nicht nur das Publikum in der gegenwärtigen Situation nichts zu sehen bekommt, sondern auch der kritische Beobachter nichts zu schreiben hat. 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 






111120

Livestream mit Stipendiaten

Spendensammeln in Corona-Zeiten:

Konzert der Hindemith-Gesellschaft

Der Teufelskreis der Corona-Restriktionen stranguliert nicht nur die einzelnen Zweige des Kulturbetriebs. Nahezu zur Untätigkeit verdammt sind auch ansonsten so segensreiche Spendensammler, die Stipendien für hochbegabte Musikstudenten vergeben, wie die Berliner Paul-Hindemith-Gesellschaft. Sie veranstaltet normalerweise kostenlose Konzerte mit Stipendiaten und Kammermusikpartnern, bei denen das Publikum am Ende um Spenden gebeten wird, die dann wiederum zur Alimentierung des Stipendienfonds dienen. In Corona-Zeiten fand monatelang keines  dieser Konzerte statt.

Nun hat sich die Hindemith-Gesellschaft vorsichtig aus der Umklammerung gelöst und ein Stipendiatenkonzert mit reduziertem Programm wenigstens über Livestream und mit einer als Fußnote übermittelten Spendenbitte  offeriert. 

Die Präsentation per Livestream bringt eher Studioatmosphäre als das Ambiente eines großen Saals, prall gefüllt  mit erwartungsvollem und beifallsbereitem Publikum. Gleichwohl müssen Konzentration und künstlerische Inspiration ebenso auf der Höhe sein, als gälte es eine CD zu produzieren: das Beste geben, dessen man fähig ist. 

Nebenbei sei auch nicht verschwiegen, dass die Livestream-Übertragung für die etwas Bequemeren unter den Musikliebhabern durchaus auch eine angenehme Seite hat. Zu Hause zu sitzen, ohne sich auf den Weg in den entfernteren Konzertsaal begeben zu müssen und trotzdem die Darbietung in erlesener Hörqualität geniessen zu können, stellt schon eine bedeutende Steigerung der Lebensqualität dar. Es mag eine bescheidene Stufe sein, aber man ist wenigstens nicht mehr von kulturellen Ereignissen gänzlich ausgeschlossen.

Austragungsort ist wieder der Joseph-Joachim-Konzertsaal der UdK Berlin, bekannt aus den Zeiten unbeschränkt öffentlicher Hindemith-Konzerte. Hindemith-Vorstandsbeirätin Jutta von Haase übernimmt die Begrüßung und ruft das Besondere der Situation ins Bewußtsein. Damit alle geeigneten Stipendiaten zu Gehör kommen können, werden statt kompletter Kompositionen nur einzelne Sätze vorgetragen. 

Zum Auftakt das Trio Benjamin mit Johannes Rosenberg/Violine, Karolina Pawul/Viola und Sebastian Mirow/Violoncello, der auch  das Trio kurz vorstellt. Gespielt werden drei Sätze aus Ludwig van Beethovens Serenade D-Dur op.8. Zuerst ein Marschthema, dann ein Adagio: Rosenbergs Violine mit feiner, ausgeglichener Melodieführung, Viola und Cello als behutsam und feinfühlig ergänzende Begleiter, Violine und Viola ihrerseits in sensibel  abgestimmtem Zwiegesang. Klanglich bestens ausgewogen. Zum Satzende ist auch vom Cello etwas mehr zu hören. Dann das lebendig hereintanzende „alla polacca“. Der musikalische Duktus liegt allen Dreien wie eine natürliche Gabe im Blut und im Spiel. Raffiniertes Ritardando mit Blickkontakt zur Violine. 

Es folgt das Allegro aus Beethovens  Duo Es-Dur für Viola (Hwayoon Lee) und Violoncello (Anne-Claire Dani) WoO 32 mit dem originellen Untertitel "Duett mit zwei obligaten Augengläsern". Zuerst ein wenig Stühlerücken , dann Auftritt von Bratsche und Cello. Sie freuen sich, das spielen zu dürfen, ist den einleitenden Worten zu entnehmen. Sehr akkurat und präzise, der Beethoven-Klang wird überzeugend realisiert. Zwei sehr sanglich operierende, gut aufeinander abgestimmte Solistinnen. Hier zeigt sich auch das Cello mal als Melodieführer, die Bratsche mit ergänzenden Ornamenten. Es gibt mehrere Stop-Start- Stellen, die in gutem rhythmischen Einklang dargeboten werden.

Als nächstes zwei Sätze aus der Sonate für Violine und Klavier Nr.2 in D-Dur von Sergej Prokofiew. Die Violine spielt May Pitchayapa Lueangtawikit, den Klavierpart übernimmt Yuko Tomeda. Jetzt kommt also  der Flügel ins Spiel, der Schalldeckel wird aufgeklappt. Zwei Solistinnen. Erster und zweiter Satz, Ansage auf deutsch. Ein junger Mann mit Maske assistiert den beiden Damen beim Umblättern. Noch mal die Instrumente stimmen, dann fliegt der helle Ton der Violine leichthin über die Klavier- Grundierung. Zwei Kameras im Wechsel von links und rechts übermitteln das Videobild. Präzise und wohl geformt der Violinklang, klar artikuliert und verwoben mit den Klavierfiguren. Erst Moderato , dann Scherzo presto. Noble Akkuratesse, von beiden  in vorbildlicher Arbeitsteilung vorgetragen. Violine mit entschiedenem Stilempfinden, das Klavier liefert die akzentuierende Grundstimme. 

Das Allegro con brio aus Beethovens "Waldsteinsonate" Nr. 21 C-Dur spielt anschließend Marcel Mok, den Zuhörern schon aus vielen vorangegangenen Stipendiatenkonzerten vertraut. Federnd und mit feinem Empfinden für die musikalische Linie und die thematische Entwicklung trägt der Pianist vor, Läufe in der rechten und rhythmische Pointierung  in der linken souverän exekutiert. Der Klang wird zurückgenommen und dann erneut gesteigert. Schritt für Schritt, darauf  harmonische Akkorde, ein wohldisponierter Ausklang zum Satzende. Hier agiert schon ein versierter Konzertpianist. 

Schliesslich das Allegro con brio aus Beethovens Sonate Nr. 7 c-moll, dargeboten von  Valentina Paetsch/Violine und Yukako Morikawa/Klavier. 

Das Klavier setzt ein und gibt die Richtung in grossen Schritten vor. Ein  reizvoll formulierter Satz, den die Violine unbeeindruckt vom dominanten Auftritt des Klaviers individuell  umformuliert. Der in Sprüngen vorgegebene Rhythmus wird der Violine zum willkommenen Materialfundus. Behutsam und fein tänzelnd wird die Melodie weitergeführt, die Violine als flatternder Vogel über dem thematischen Geschehen, präzise kleine Sprünge. Feste Akkorde zum Satzfinale. 

Viel Beifall von den wenigen, die sich doch im Saal eingefunden haben. Zum Schluss kommen alle noch einmal auf die Bühne, und eins ist nun doch wie früher: jeder und jede der Ausführenden bekommt eine Dankeschön-Rose aus der Hand von Frau von Haase. Alle sind sichtlich glücklich, dass ihnen dieser Auftritt ermöglicht wurde.



110920

Ein fast vergessenes Traumspiel

Neustart in München: "Die Vögel" von Walter Braunfels

als Livestream aus der Bayerischen Staatsoper

Ein Werk mit singulärem Schicksal: "Die Vögel" nach Aristophanes von Walter Braunfels erlebte die umjubelte Uraufführung unter Bruno Walter am 30. November 1920 im Münchener Nationaltheater. Fünfzig Vorstellungen folgten, Braunfels war einer der angesehensten Komponisten seiner Zeit, wurde verglichen mit Richard Strauss, Franz Schreker und Hans Pfitzner. Von Braunfels, dem "Halbjuden", der als Protestant zum Katholizismus konvertierte, stammt ein beeindruckendes "Tedeum" und eine von Jörg-Peter Weigle 2013 eingespielte "Grosse Messe", farbenreich facettiert.  Was Braunfels' Kompositionen trotz anfänglicher Erfolge in den Hintergrund treten liess, waren Zeitströmungen: der nationalsozialistische Antisemitismus drängte ihn aus dem Beruf, und der musikalische Zeitgeschmack nach dem Zweiten Weltkrieg ließ seine Kompositionen als "unpassend" erscheinen. 

Hundert Jahre nach der Uraufführung und genau einen Tag vor der nächsten Corona-Theaterschliessung hat die Neuinszenierung von Frank Castorf unter der musikalischen Leitung von Ingo Metzmacher nun ihre Premiere im Münchener Nationaltheater. Die Sendung des Livestreams von der Aufführung wurde eigens auf den Premierentag vorgezogen, um den Schließungsvorgaben zu entgehen. 

Der extrovertierte Ratefreund (Michael Nagy) und sein eher introvertierter Kompagnon Hoffegut (Charles Workman) sind vom Leben in der Stadt enttäuscht und wandern hinaus aufs Land, um einen neuen Anfang zu wagen. Sie suchen das Reich der Vögel, um die gewohnten Zerstreuungen hinter sich zu lassen. Wiedhopf, einstens ein Mensch,  nun König der Vögel (Günter Papendell), empfängt die beiden nur widerwillig, da er sich in seiner Abgeschiedenheit gestört fühlt. Ratefreund  entwirft den verlockenden Plan einer Stadt in den Lüften für ein Reich der Vögel, das sich als den Göttern ebenbürtig erweisen kann. Nach ausgiebiger Diskussion siegen die Befürworter der Idee, und der Bau beginnt.

In einer Vollmondnacht trifft der sensible Hoffegut auf die Nachtigall (Caroline Wettergreen) und verfällt dem Zauber ihres Gesangs. Nach Vollendung des Vogel-Baues tritt ein finsterer, mahnender Mann auf, der sich Prometheus (Wolfgang Koch) nennt. Er warnt die Vögel vor der Hybris einer Auseinandersetzung mit den Göttern. Aber Ratefreund stachelt die Vögel unbeirrt zum Kampf auf. Ein Unwetter kommt auf, und das eben erst erstellte "Wolkenkuckucksheim" wird total zerstört. Die gedemütigten Vögel erkennen die unerreichbare Größe der Götter an. Erschüttert von ihren Erlebnissen kehren  die Wanderer Ratefreund und Hoffegut in die Stadt zurück. Ratefreund träumt bereits wieder von der häuslichen Gemütlichkeit, und nur Hoffegut ist in Gedanken noch beim betörenden Gesang der Nachtigall.

Der künstlerische Wert des inzwischen fast vergessenen Traumspiels liegt neben den philosophischen Gedankenspielen, die mit leichter Hand dargeboten werden, vor allem in der bezaubernden musikalischen Gestalt, die einen überzeugenden Beleg für die vielfältigen Reize der spätromantischen Klangwelt liefert. 

Start des Livestreams vor leerem Parkett: Ein pfauenbefiedertes Geschöpf visualisiert den Stücktitel. Es ist die Nachtigall, die hier als Maitresse de plaisir den Gang der Handlung eröffnet. Gewagte Koloraturen sind ihr Markenzeichen, hundert Jahre zuvor von Maria Ivogün dargeboten. 

Ratefreund und Hoffegut irren orientierungslos durch die Landschaft. Zwei Vögel weisen den Weg, und auf einmal sind die beiden Wanderer von gleich mehreren gefiederten Wesen umgeben, die erläutern, wie sie wurden, was sie sind. Sie wollen schon wieder gehen, da erwacht König Wiedhopf aus seiner Mittagsruhe, die offenbar alkoholisch abgefedert war. Ratefreund stösst mit seinem Plan für ein Vogelreich in das Mangelempfinden von Wiedhopf und entzündet dessen Machtgier. 

Das Bühnenbild von Aleksander Denić erinnert an Schiffsaufbauten mit aufgesetzter Kajüte. König Wiedhopf ruft den  süssen Sang der Nachtigall, die aus der Rundbewegung der Drehbühne auftaucht. Sein Ruf versammelt das ganze Vogelvolk, und eine lebhafte Debatte bricht los, nachdem Wiedhopf gestanden hat, dass der Bauvorschlag für das Vogelreich von Menschen stammt. Da kommen übrigens auch wieder Castorfs  portable Videokameras ins Spiel, deren Bilder auf separatem Projektionsschirm zu verfolgen sind.

Ratefreund ruft den Vögeln ihre Machtlosigkeit ins Bewusstsein und verlockt sie, ihre Fesseln abzuwerfen. Krieg gegen Zeus! Die Idee steigt allen zu Kopf. Der Duktus der Repliken lässt dabei strukturell an die „ Meistersinger“ denken. Das neue Reich erwächst aus massloser Selbstüberschätzung. Baubeginn. Ende des Ersten Aufzugs.

Zweiter Aufzug. Vollmondnacht, Romantik pur. Hoffegut und die Nachtigall. Einander überlappende Sehnsüchte. Der  2. Akt des „Tristan“ liefert den Stimmungsrahmen. Beide umkreisen einander in Begeisterung. Stimmlich für Caroline Wettergreen und Charles Workman   die herausforderndste Passage der ganzen Oper, und  sie meistern das mit Bravour. Nun ists heraus: Es ist Liebe, was sie verbindet. 

Jetzt wird Hitchcock auf den Hintergrund projiziert. Seine „ Vögel“ teilen zumindest den Namen mit Braunfels’ Opus. Klänge und Düfte runden das multi-assoziative Empfindungsbild ab. Die „klingende Ferne“ als allumfassende Summe der Gefühle, die beide teilen. In der Projektion dann sogar Vereinigung. 

Der Mond verschwindet, Sonnenaufgang zwischen Hitchcocks flatternden Vögeln. Tippi Hedren wird in der Projektion ausführlich zitiert.  Ratewohl in SS- Uniform gratuliert den Vögeln. Eine erste Hochzeit von Taube und Täuberich in der neuen Wolkenburg. Ein hinreissendes kurzes Intermezzo, dann der Vogelchor. Es gibt nach Castorf-Manier wieder projizierte Texte, die aber wenigstens nicht, den musikalischen Fluss unterbrechend, endlos rezitiert werden. 

Wirkungsvoll vorbereitet: Auftritt Prometheus „ohne Zoll und Gebühren“. Er schildert das eigene Schicksal. Er warnt, aber die Warnung verhallt. Inzwischen tragen Ratefreund und Hoffegut beide die schwarze SS-Uniform. Krieg! Krieg! tönt der Ruf. Furioso der Schlachtszenen. Und Zeus schlägt zurück. Kein Stein bleibt auf dem anderen. Apokalyptisches Finale. Danach reuevolle Zeus-Huldigungen ohne Ende. 

Ratefreund  und Hoffegut, inzwischen wieder uniformlos schwarz gewandet, wandeln heimwärts. 

Die Partitur klingt unter Metzmacher keineswegs einschmeichelnd harmonisch, sondern eher kühl-differenziert, um nicht zu sagen: mehr dem modernen Empfinden angenähert. 

Das Stück führt zwingend vor Augen, dass einige Grunderkenntnisse zur Machtpolitik schon nach dem Ersten Weltkrieg vorlagen, die dann zum Scheitern des Deutschen Reichs im Zweiten Weltkrieg führten. Ob man die Lösung des Konflikts allerdings in der Unterwerfung unter die Götter zu suchen habe, kann füglich bezweifelt werden. 

Frank Castorfs szenische Fantasie fördert aus der Kiste seiner Inventionen bekannte Elemente hervor, die aber hier, legitimiert  durch unser historisches Wissen, einleuchtend erscheinen und wirkungsvoll eingesetzt werden. Insgesamt eine überzeugende, sehenswerte Adaption.


101420

Konzert zweier Legenden

Martha Argerich und Mischa Maisky im Livestream von Klassik Radio

beim Lausitz-Festival in der Synagoge Görlitz

Es war ein Ereignis, das selbst unter den eingeführten Musik-Festivals herausragte: das neu ins Leben gerufene Lausitz-Festival setzte im deutsch-polnischen Kulturraum einen singulären Akzent mit dem Auftreten zweier Instrumentalkünstler, deren Namen überall in der Welt ein Publikum zu versammeln und zu faszinieren vermögen, das höchste Ansprüche zu stellen pflegt. Damit nicht genug: Der Ort ihres Auftretens ist die aufs Sorgfältigste hergerichtete Synagoge in Görlitz. Sie ist an diesem Abend mit wenig Beleuchtungskörpern und sparsamem Kerzenlicht überaus stimmungsvoll beleuchtet. 

Wenn das schon die Konzentration auf die Musik fördert, so wird die eigentliche Kulmination durch eine weitere Besonderheit erreicht, die sowohl die spezifische Zeit der Corona-Pandemie wie die besonderen Schwebungen der Görlitzer Synagoge zusammenzuführen und unvergeßlich zu machen vermag: Es gibt an diesem Abend kein Publikum. Lediglich die beiden Vortragenden und ihre Instrumente sind im Livestream zu beobachten, dessen Klang im ansonsten menschenleeren Synogogenraum mit markantem  Nachhall zu vernehmen ist. 

Mischa Maisky beginnt mit der Cello-Suite Nr. 1 von Johann Sebastian Bach. Sein überaus virtuos eingesetztes Instrument fesselt durch sonoren, markanten Klang, und da jede Ablenkung durch Peripheres unterbleibt, wirkt sein Spiel ungemein fesselnd und mitreissend. Es hat nichts von der Sprödigkeit, die bislang den Hörgenuß an Solostücken für Cello zu beeinträchtigen vermag.

Danach Martha Argerich mit Bachs Klavierpartita Nr. 2. Wunderbare Leichtigkeit und Geläufigkeit, lebendige Frische, als höre man dieses Stück zum ersten Mal. 

Darauf Argerich und Maisky im Duo. Da kein Publikum gegenwärtig ist, verneigen sich beide voreinander - eine hier besonders rührende Geste. Sie spielen Ludwig van Beethovens Sonate für Cello und Klavier opus 5 Nr. 2. Nun ist der Synagogenraum in sanft dunkelblaues Licht getaucht. Der Celloklang erhebt sich wie von selbst in die Höhe, umspielt von den ergänzenden Klavierfiguren und füllt den mit seiner klaren Akustik ideal ausgewählten Kirchenbau. Man hält den Atem an und hat das Gefühl, die Zeit tue das Gleiche. Ebenso mitreissend die folgenden rascheren Sätze, in Präzision und Einklang gleichermaßen vollendet. Das gilt danach auch  für Max Bruchs Opus 47 "Kol Nidre", das hier in besonders angemessener Umgebung erklingt. 

Was in Erinnerung an diesen Abend bestehen bleibt, ist der Eindruck quasi meditativer Konzentration, der die Leistung dieser beiden Ausnahmekünstler noch einmal auf eine besondere Stufe musikalischer Vollendung hebt.









101120

Figürlicher Ausdruck

Georg-Kolbe-Museum in Charlottenburg

wieder geöffnet

In einer Vitrine des Wohnzimmerschranks meines Elternhauses stand eine kleine, schlanke Mädchenfigur mit euphorisch-verträumt ausgebreiteten Armen. Meine Mutter erklärte mir wiederholt,  dies sei eine Replik der Skulptur "Die Tänzerin" von dem Bildhauer Georg Kolbe. Das tanzende Mädchen hat mich unbewußt durch alle Jahre begleitet, die ich im Elternhaus verbrachte.

Jahrzehnte später stiess ich auf den Umstand, dass Georg Kolbes Atelier- und  Wohnhaus, 1928/29 vom Schweizer Architekten Ernst Rentsch in enger Abstimmung mit dem Bauherrn errichtet, sich in gut erhaltenem Zustand in der Westender Sensburger Allee befindet und seit 1950 als Georg-Kolbe-Museum genutzt wird. Zum Ensemble gehört auch das stilistisch ähnliche Wohnhaus von Kolbes Tochter, das nach einer Restaurierung demnächst wieder als Museumscafé eröffnet werden dürfte. Der Besuch vermittelt einen guten Eindruck von der herausragenden Lebensleistung des deutschen Bildhauers und Skulpteurs.

Einen ersten großen Erfolg hatte der 1877 geborene Georg Kolbe mit der erwähnten "Tänzerin", die 1912 in der Berliner Secession gezeigt und dann von der Nationalgalerie angekauft wurde, erringen können. Dieser Initialzündung folgte eine formal und politisch gleichermaßen eigenwillige Entwicklung, die sich aber im weiteren Verlauf von keiner Seite nachhaltig vereinnahmen ließ. Im Museum ist der stilistische und künstlerische Weg des Bildhauers durch die Zwanziger und Dreißiger Jahre bis zu seinem Ableben 1947 in Fotos und Dokumenten nachzuerleben. Durch den stimmungsmäßigen Einklang des gutrestaurierten Museumsbaus mit den gezeigten Skulpturen und Architekturzeichnungen ergibt sich eine lebhafte Impression sowohl vom Zeitkolorit wie von Kolbes Lebensweg.

In Verfolg der Museumsfunktion werden die Atelierräume jetzt auch für die Präsentation anderweitiger Künstler und ihrer Beiträge genutzt. Derzeit geschieht dies für den 1982 in Japan geborenen Shinichi Sawada, dessen eigenwillige, von spitzen Dornen übersäte Ton-Chimären zum Nachdenken über archaische Wurzeln und variantenreiche Implikationen anregen. Der Künstler ist Autist und Autodidakt, der mit seinen keramischen Skulpturen inzwischen internationale Aufmerksamkeit gefunden hat. Die Ausstellung wird bis zum 10. Januar 2021 gezeigt. 


092720

Geschichte live

Wieder im Programm: Tellkamps "Der Turm"

in der Christian Schwochow-Inszenierung auf rbb

Die Wiederbegegnung mit Uwe Tellkamps hellsichtigem Dresden-Roman aus DDR-Zeiten "Der Turm" gerät unerwartet eindrucksvoll. Sei es, dass die seit der Erstsendung 2012 vergangene Zeit den Blick für die Handlung geschärft hat oder dass die Allgewalt der Pandemie das Exemplarische des vorgeführten Geschehens deutlicher hervortreten läßt. Jedenfalls folgt man den beiden Teilen der Fernsehfassung mit nie erlahmendem Interesse und registriert mit Respekt, wie gut es hier gelungen ist, persönliche Schicksale in eine unaufdringliche Geschichtsstunde einzubetten.

Dabei hat der zugrundeliegende Schlüsselroman ja einen zusätzlichen Reiz, der hier im Hintergrund immer mitschwingt. Es ist dem Autor nicht nur gelungen, eine ganze Reihe lebendiger Charaktere vorzuführen, sondern hinter vielen Romanfiguren stehen wohlbekannte Realpersonen aus den späten Jahren der DDR. Keine Porträts, nur jeweils eine Assonanz. So taucht hinter der Romangestalt des Rechtsanwalts Sperber die Silhouette des DDR-Anwalts Wolfgang Vogel auf, und die Figur des SED-Bezirkssekretärs Max Barsano erinnert an Hans Modrow. 

In den Handlungsablauf meisterlich eingewoben ist der schleichende Moralverfall in der Spätzeit der DDR. An die Stelle eines aufrichtigen Bekenntnisses zu den Idealen des Sozialismus tritt immer stärker ein sarkastischer Zynismus, der den einzelnen Personen geradezu eine Doppelgesichtigkeit verleiht. Am deutlichsten läßt sich das in der Entwicklung des Hauptakteurs verfolgen, des Chefarzts Richard Hoffmann (Jan Josef Liefers). Er hatte sich stets bemüht. die Fassade bürgerlicher Lebensführung mit seiner Frau Anne (Claudia Michelsen) allseits abzusichern. Trotzdem gerät er in Konflikt mit der Staatssicherheit, die Kapital aus seinem geheimgehaltenen Verhältnis zu Josta Fischer (Nadja Uhl) zu schlagen versteht. 

Eine zweite Hauptlinie verfolgt die Stufen der Emanzipation des Hoffmann-Sohnes Christian (Sebastian Urzendowski). Er wandelt sich vom anfangs konsequent angepaßten Schüler über verschiedene Stadien des Aufbegehrens in der Militärzeit bei der Volksarmee und einer ernüchternden Phase im Militärgefängnis bis zum Neubeginn nach der Entlassung, wo er seinen weiteren Weg "endlich mal alleine" bestimmen will. 

Die aufkeimende Systemkritik ist in verschiedenen Schattierungen zu verfolgen, unter anderem in der Rolle der Literatin Judith Schevola (Valery Tscheplanova), die es schafft, ihre Texte im Westen veröffentlichen zu lassen. Eine Figur mit ambivalentem Verhalten ist Meno Rohde (Götz Schubert), der Bruder von Richard Hoffmanns Frau Anne. Er agiert als Lektor im Sinne der Staatsführung, fördert aber auch die Kritikfähigkeit des Hoffmann-Sohnes Christian. 

Insgesamt eine durchaus fesselnde Wiederbegegnung mit einer sehr vielfältigen, gegenüber dem Roman etwas gestrafften Filmversion (Drehbuch: Thomas Kirchner). Beide Teile sind noch bis Anfang Oktober in der rbb-Mediathek zu sehen. 


082220

Eine ernüchternde Wette

Mozarts "Cosi fan tutte"

als Aufzeichnung von den Salzburger Festspielen 2020

Manchen gilt Mozarts "Cosi fan tutte", 1790 in Wien uraufgeführt, als musikalisch besonders gelungenes Glanzstück mit dem Libretto von Lorenzo Da Ponte. Die Salzburger Neuinszenierung von 2020 stammt von Christof Loy und hat die Handlung kaum merklich gestrafft, dabei aber die musikalischen Höhepunkte feinsinnig bewahrt.

Die Story ist vergleichsweise simpel. Guglielmo (Andrè Schuen) und Ferrando (Bogdan Volkov) schwören auf die Treue ihrer Verlobten, der Schwestern  Fiordiligi (Elsa Dreisig) und Dorabella (Marianne Crebassa). Don Alfonso (Johannes Martin Kränzle), ein lebenserfahrener Skeptiker, macht sich den Spass, mit den beiden männlichen Akteuren zu wetten, dass es  gelingen werde, die Treue der beiden Mädchen im Handumdrehen ins Wanken zu bringen.  Komplizin bei der Testreihe ist die Dienerin Despina (Lea Desandre), deren Neigung zur Mitwirkung schon mal durch einen Geldschein beflügelt wird. 

Nun entfaltet sich ein komödiantisches Kammerspiel vor einer weissen Wand (Bühnenbild Johannes Leiacker) mit zwei klassizistischen Türen, deren Flügel sich öffnen und schliessen lassen. Auf diesem Hintergrund wirken die schwarzen oder pointiert farbigen Kostüme der Akteure (Kostüme Barbara Drosihn) ungemein plastisch und einprägsam.

Jetzt folgt, in der Regie des Don Alfonso, die Probe aufs Exempel. Guglielmo und Ferrando, eben unter Seufzern ihrer Geliebten vermeintlich  zu Schiff in den Krieg gezogen, kehren in abenteuerlich bunter Verkleidung als fremdländische Adlige zurück und machen nun über Kreuz der jeweils anderen Dame den Hof. Als sie wider Erwarten zunächst abgewiesen werden, täuschen beide einen Selbstmord durch Gift vor und werden dann von Despina mit Hilfe eines gewichtigen Magnetsteins ins Leben zurückgerufen. Im weiteren Verlauf gibts einen Ehevertrag von Fiordiligi und Ferrando sowie Dorabella und Guglielmo, jeweils quasi über Kreuz. Dann kehren die beiden in den Krieg Gezogenen unter ihren echten Namen zurück und schließen ihre beiden Frauen in die Arme, Ferrando seine Dorabella und Guglielmo Fiordiligi. Bleibt nur der unterzeichnete Ehevertrag mit der jeweils anderen, von Don Alfonso listig ins Spiel gebracht. Eifersuchtsszene, allgemeine Zerknirschung, dann das mozart-typische versöhnliche Finale: Glücklich sei der Mensch, der alles nur von der besten Seite nimmt, über die Wechselfälle des Lebens lacht und die Ruhe bewahrt.

Musikalisch wie stimmlich ist die Aufführung ein einziger Hochgenuß. Das gilt sowohl für die Harmonie der beiden Frauenstimmen von Fiordiligi und Dorabella wie für den klangschönen Tenor von Bogdan Volkov  und den kraftvollen Bariton von Andrè Schuen. Ein Sonderlob verdient die agile, stimmlich wunderbar präsente Despina von Lea Desandre. Dirigentin Joana Mallwitz entlockt den Wiener Philharmonikern mit geschmeidiger Zeichengebung einen warmgetönten Mozart-Sound vom Feinsten. Insgesamt ein weiterer Pluspunkt  zum 100jährigen Bestehen der Salzburger Festspiele, bis 31.10.2020 abrufbar in der Mediathek von Arte concert. 



081620

Triumphale Dramatik


Richard Strauss‘ „ Elektra“

von den Salzburger Festspielen 2020

auf 3 Sat

Ein Lichtblick in der pandemisch ausgedörrten Kulturszene: die Eröffnungsvorstellung der diesjährigen Salzburger Festspiele, als Aufzeichnung wiedergegeben auf 3Sat. Richard Strauss' "Elektra", dieser Geniestreich auf ein Libretto von Hugo von Hofmannsthal nach Sophokles, uraufgeführt 1909 in Dresden, diesmal inszeniert von Krzysztof Warlikowski.  Franz Welser-Möst leitete die Wiener Philharmoniker.

Warlikowsky huldigt dem zeitgemäßen Regieprinzip, zusätzliche Verständnishilfen für ein nicht mehr ganz so imaginationsstarkes Publikum anzubieten. So schickt er  Klytemnästra (Tanja Ariane Baumgartner) schon vor dem ersten Orchestereinsatz auf die Szene, um in emphatischer Rede den Mord an ihrem Gatten Agamemnon zu bekennen und zu interpretieren. Aber dann setzt doch noch die Handlung ein, wie man sie kennt, und die Mägde werfen sich Statements über Elektras Seltsamkeiten wie Bälle zu.

Dann Elektras (Ausrine Stundyte) erster großer Monolog "Allein, ganz allein", der ihre psychologische Situation ausleuchtet und die Erinnerung an den Vater heraufbeschwört. Ein erster Eindruck von der Singstimme: ein unüberhörbares Vibrato in der Höhe, aber volle Tonpräsenz, auch in den Tiefen. Die Regie läßt Agamemnon stumm als blutende Schattengestalt einen Wassergraben durchschreiten. Elektra deutet einen ersten Triumphtanz an, ganz selbstgewiß, und da überrascht auch der Griff zur Zigarette nicht sonderlich, wohl ein Emanzipationssymbol.

Chrysothemis tritt auf (Asmik Grigorian), einmal nicht mollig-mütterlich, trotz der im Text festgehaltenen Sehnsucht nach Ehemann und Kindern. Diesmal ist sie einfach ein schlankes junges Mädchen, ebenfalls mit dem Hang zur Zigarette, und ihrer Schwester stimmlich absolut ebenbürtig, wenn nicht sogar überlegen. Dialog der Antagonismen. Beide stehen unter dem gleichen psychologischen Druck in diesem Mörderhaus, aber sie reagieren unterschiedlich darauf. Ein gequältes Duo: die eine will leben, die andere lieber sterben, als diese Situation endlos fortzuschreiben.

Nun kommt Mutter Klytemnästra ins Spiel. Nicht als Paraderolle für gealterte Sopranistinnen, sondern als attraktive Frau in den besten Jahren. So fehlt der Rolle zwar ein Schuss Dämonie, aber ihre erotische Rolle wird glaubwürdiger. Sie trifft auf Elektra in dem krampfhaften Bedürfnis, sich ihrer Tochter endlich einmal zu offenbaren. Die heuchelt zunächst Verständnis, und Klytemnästra berichtet von nächtlichen Alpträumen. Man kann miterleben, wie der lähmende Dämon schrittweise von ihr Besitz ergreift. Und die durchtriebene Tochter nennt mit scheinheiligem Mitgefühl ein Heilmittel, das in Wahrheit den Schandtaten der Mutter die Krone aufsetzt: die Ermordung der Mutter durch den heimkehrenden Bruder. 

Zunächst aber gibt es lügenhafte Informationen über den Verbleib von Orest (Derek Welton). Dann kommt sogar die Nachricht vom angeblichen Tod des Orest, die Klytemnästra frohlocken läßt und Elektra in die totale Hoffnungslosigkeit stürzt. Nun will sie den Rachemord an der Mutter und ihrem Galan Ägisth selbst übernehmen und wirbt mit Hingabe um die Mitwirkung ihrer Schwester, die aber ablehnt. In tiefster Depression :"Nun denn, allein" mit einem heimlich versteckten Beil.

Ein Fremder kommt herein, erkennt Elektra: "Du musst verwandtes Blut zu denen sein, die starben". Er flüstert: "Orestes lebt". Die unvergleichliche Szene des gegenseitigen Erkennens: überwältigend, beide zutiefst ergriffen. Dann schreitet Orest zur Tat. Ruhelose Figuren in den Streichern, dann Licht aus, Schreie, Blut tropft vom Proszenium. 

Ägisth kehrt heim und flucht über den Ungehorsam des Volkes. Elektra weist ihm mit gleisnerischer Liebenswürdigkeit den Weg. Ägisth geht in die Falle und wird getötet. Auch Chrysothemis kommt mit blutverschmiertem Messer aus dem Haus: sie hat sich, vom Beispiel des Bruders beflügelt, dem verheerenden Racheakt angeschlossen. Elektra kostet ihren Triumph in übersteigerter Raserei aus und stürzt nach ihrem Tanz tot zu Boden.

Insgesamt eine überaus eindrucksvolle, überzeugend besetzte Aufführung, die den ganzen Umfang dieses Psychodramas zutreffend abbildete. Franz Welser-Möst hatte mit den Wiener Philharmonikern ein erfahrenes, exzellent brillierendes Strauss-Orchester vor sich, das dem Bühnengeschehen ein farbenreiches Fundament gab. 



072920

Die Dämonie der Pandemie

Was uns da im Frühjahr 2020 überfallen hat, entwickelt nachgerade eine dämonische Kraft der Verwandlung. Wir wissen nicht, wann und auf welcher Stufe die Invasion enden wird. Bis dahin leben wir täglich unter Bedingungen, die für uns neu sind und die uns den Zugang zum Gewohnten massiv verwehren. 

Was einst gesellschaftliche Realität war und felsenfest gesichert erschien, ist mittlerweile aus den Angeln gehoben und auf unabsehbare Zeit unerreichbar. Eine der markantesten Auswirkungen der Pandemie ist der Abstandszwang mit seinen Auswirkungen. Eine der elementarsten Verhaltensweisen des Menschen, aufeinander zuzugehen und sich impulsiv zu umarmen, ist eliminiert. Theater und Konzerte zu besuchen und einen begrenzten Zuschauerraum in lustvoll erlebter Enge zu füllen, bleibt uns versagt. Was das Publikum quält, wird für die Veranstalter zur Existenzfrage: es ist kaum möglich, mit den zugelassenen Zuschauerzahlen kostendeckende Einnahmen zu erzielen. So wird eine noch ungenannte Anzahl von Veranstaltern zur Aufgabe gezwungen, und manche Formen zwangloser oder ritualisierter Geselligkeit mit mehr oder weniger hohem kulturellen Anspruch werden auf der Strecke bleiben, ganz leise und zunächst unbemerkt verschwinden.Keiner gesellschaftlich wirksamen Kraft hätten wir sehenden Auges eine derart brutal verändernde Gewalt zugestanden. Aber die Veränderung kam über Nacht, und niemand wurde nach seinem Einverständnis gefragt. Das ist die Dämonie der Pandemie.

 

042320

Ein erstaunlicher Film 

"Der Klavierspieler vom Gare du Nord" ("Au bout des doigts")

von Ludovic Bernard über Prime Video

Diese Coronazeit ist wie geschaffen dafür, sich über Mediatheken oder Streamingdienste Filme anzusehen, die bisher immer links von der Achtsamkeit liegen geblieben waren. So suchte ich gestern bei Prime Video nach einem ganz anderen Titel, in dem auch ein Pianist im Mittelpunkt stand, und geriet ganz zufällig an diesen Film von Ludovic Bernard. Der Film ist relativ neu, erst im Juni des Vorjahres in Deutschland angelaufen. Um Vorinformationen hatte ich mich nicht gekümmert, war also offen für alle Eindrücke, die auf mich zukommen würden.

Und in einer ganz lapidaren, gelassenen Erzählweise passieren da Dinge, die mich ansprechen, fesseln und zunehmend gefangen nehmen. Im Pariser Gard du Nord, einer vor quirligem Leben nahezu berstenden Bahnstation, steht am Rande der Besucherströme ein Klavier zur allfälligen Benutzung für jeden, der mag. Ein junger Mann namens Mathieu Malinski (Jules Benchetrit) setzt sich an das Instrument und spielt mit frappierender Geläufigkeit Bach. Polizisten werden auf ihn aufmerksam und hetzen den sofort Fliehenden über Gänge und Rolltreppen bis zu einem Bahnsteig, wo er sie geschickt abschütteln kann. Mathieu ist kein unbeschriebenes Blatt, sondern hat sich mit Kumpels bei Einbrüchen hervorgetan - daher das Interesse der Ordnungshüter. 

Belauscht hat den jungen Klavierspieler aber auch Pierre, Leiter einer Klavierklasse am Pariser Konservatorium (Lambert Wilson), der spontan vom Vortragsstil des Mathieu fasziniert ist, der ihn ein paar Tage später erneut im Bahnhof hört, ihn anspricht und seine Visitenkarte mit der Bitte aushändigt, ihn zurückzurufen. Inzwischen ist dann Mathieu aufgrund seiner Delikte zu einer Jugendstrafe verurteilt worden, die ihn zu Putzarbeiten ausgerechnet im Foyer des Konservatoriums verpflichtet, wo Pierre lehrt. Er macht ein Date mit Mathieu am Steinway-Flügel des großen Konzertsaals der Musikhochschule. In Rückblenden erfährt der Zuschauer, woher Mathieus bereits hochgradiges Können stammt: ein greiser Nachbar hatte ihm jahrelang kostenlos Klavierunterricht gegeben und dabei das Gespür für das Zusammenwirken von Virtuosität und Gefühl beim Interpretieren in ihm geweckt. 

Pierre ist insgeheim vom exorbitanten Talent seines Kandidaten fasziniert. Inwieweit sich in diese beinahe erotische Beziehung Erinnerungen an seinen eigenen Sohn einmischen, der 15jährig an Leukämie verstorben war, bleibt unaufdringlich in der Schwebe. Nun beginnt ein spannungsreiches Tauziehen zwischen dem ambitionierten Lehrer, der seinen Schützling zu einem weltweit beachteten Klavierwettbewerb anmelden will, und dem jungen Mathieu, der aus den Zwängen des Übungsbetriebs immer wieder auszubrechen versucht. Zum Glück lernt er eine ebenfalls junge dunkelhäutige Cellistin kennen, und aus dieser mal gut, mal weniger gut funktionierenden Beziehung erwächst ihm Unterstützung immer dann, wenn er aus Frust den ganzen Kram am liebsten hinschmeißen möchte. 

Die gestrenge Impulsgeberin, die diesen ungeschliffenen Edelstein Mathieu nun zu einem Brillanten am Klavier formen will, ist "die Gräfin" (Kristin Scott Thomas), anfangs distanziert kritisch und eher biestig im Ton, aber sie wird mit der Zeit gleichfalls zur Bewunderin von Mathieus Talent und zur engagierten Verfechterin seiner Nominierung für den Wettbewerb.

Ausgerechnet unmittelbar vor dem großen Tag überfallen Mathieu wieder Zweifel an seiner Erstklassigkeit, und er will dem Wettbewerb ausweichen. Diesmal versteht es  seine Mutter, diese letzte Bremse vor dem finalen Erfolg zu lösen, und Mathieu stürmt in den Wettbewerbssaal, wo er in letzter Minute und etwas außer Atem eintrifft. Setzt sich an den Flügel, spielt den ersten Satz aus Rachmaninows Zweitem Klavierkonzert und siegt mit Bravour über seine Konkurrenz. Die Schlußeinstellung zeigt, wie er ein paar Monate später das Konzertpodium im New Yorker Lincoln Center betritt. 

Natürlich ist das alles eher ein Märchen als ein alltäglicher Regelfall. Aber die konsequente Erzählweise, die einfach nur aneinanderreiht, statt modische Komplikationen à la Hollywood hinzuzufügen, gewinnt Sympathie, die sich immer weiter steigert.

Mitzuerleben, wie sich das Talent dieses jungen Pianisten allen Schwierigkeiten und Rückschlägen zum Trotz durchsetzt, einfach weil es das verdient, ist gerade in schwierigen Coronazeiten eine höchst positive Erfahrung. 


041420

Kulturdämmerung


Gedanken zur Total-Resektion des Kulturbetriebs

aus Anlaß der Corona-Pandemie


Der Vorgang ist ungeheuerlich und zumindest in diesem Jahrhundert hierzulande ohne Beispiel: In Umsetzung der Kontaktverbote zur Ausbreitungsdämpfung des Corona-Virus ordnete die oberste Regierungsinstanz die Schliessung aller Institute an, die üblicherweise Menschenansammlungen verursachen und bei denen der geforderte Mindestabstand von Mensch zu Mensch nicht eingehalten werden kann. Auf der Strecke bleiben kleine und große Theater, Opernhäuser und Konzertsäle. Dergleichen kannte man allenfalls aus dem Jahre 1944, als Reichsminister Dr. Goebbels im Zuge des "totalen Krieges" sämtliche "Vergnügungsstätten" schließen ließ. 

Das Diktat ist folgenreich. Mit den Aufführungsstätten sind auch alle betroffen, die dort für gewöhnlich auftreten: Schauspieler, Musiker, Mimen und Pantomimen, alle, die von Auftritten leben und nun keine Einnahmen mehr haben, und nicht zuletzt die Veranstaltungsorte selbst, deren Budget nun auf lebensgefährliche Weise ausgezehrt wird. 

Ein kleines, zeittypisches Hoffnungsfenster öffnet sich durch Internet-Kommunikationstechnik. Theater und Musikveranstalter bieten Mitschnitte oder Live-Übertragungen von Schauspiel-, Opern-und Musikbühnen. die mindestens das Interesse des Publikums wachhalten können und das Bewußtsein schärfen für die Tragweite dieses gewaltsam erzwungenen Kulturverzichts.  Freilich sind das nur Zeichen für den Überlebenswillen der künstlerischen Kreativität. Zur wirtschaftlichen Stabilisierung tragen sie nur dann bei, wenn es gelingt, die Livestreams mit effizienter Spendengenerierung zu verbinden.

Das vielleicht Wichtigste ist aber das fundamentale Mangelempfinden, das den Kulturkonsumenten  in diesen Wochen überfällt. Was bleibt übrig von der Welt, in der es sich zu leben lohnt, wenn Musik und Theater entfallen ?  Welche Ideen bleiben, wenn der beflügelnde Impuls der schönen Künste ersatzlos verschwindet ? Das Erbe aus jahrhundertelanger künstlerischer Schöpferkraft kann auf einmal nicht mehr genutzt werden, um den heute Lebenden geeignete Wege zu weisen. Es gibt Menschen, für die  das Erleben kultureller Ereignisse den entscheidenden Lebensinhalt bildet. Hier bedeutet die Amputation nicht nur eine Verarmung, sondern einen ganz erheblichen Verlust von Lebensenergie. 

Bleibt nur die Hoffnung auf die Zeit, die alles verwandelt. Bald, aber nicht zu früh soll bitte alles wieder so sein wie vor der Corona-Invasion. Eine Welt mit gesteigertem Bewusstsein wird es dankbar registrieren.



 031820

Liebesspiel mit Hindernissen

"Schmetterlinge sind frei" per Livestream

aus dem Schloßpark Theater Berlin 

Die vom Coronavirus inszenierte Attacke auf den Kulturbetrieb hat gerade für die kleinen Häuser ziemlich ruinöse Folgen. Einige von ihnen haben sich dennoch dafür entschieden, zum Publikum hinzugehen, wenn das Publikum sie schon nicht besuchen darf. Das Transfermedium ist das Internet, die Aufführungsform der zeitgleiche Livestream. Beifall und Zwischenrufe entfallen zwar, aber jeder Theaterfan kann sich auf diese Weise immerhin einen  Eindruck von Charakter und Qualität einer Aufführung verschaffen. Bleibt nur die Hoffnung, dass auch Mittel und Wege gefunden werden, den Privattheatern den schmerzlichen Ausfall der Ticketeinnahmen zu entgelten. 

Das Stück stammt vom US-amerikanischen Autor Leonard Gershe, kam 1969 auf die Bühne und war 1972 unter dem Titel "Butterflies are free" die Vorlage für einen erfolgreichen Kinofilm mit Goldie Hawn, der zahlreiche Auszeichnungen bekam. Regisseurin am Schlosspark Theater ist Irene Christ.

Der junge Don Baker(Johannes Hallervorden) wagt einen mutigen Schritt und zieht von zu Hause aus. Sein Handikap: er ist blind, aber er macht kein Aufhebens von dieser Eigenschaft, die er mit Intelligenz, Geruchs- und Tastsinn sowie Hörvermögen kompensiert. Überdies kann er Gitarre spielen und verfügt über eine angenehme Songstimme. In seiner simpel möblierten Bude besucht ihn seine Nachbarin Jill Tanner (Helen Barke), ein recht aufgedrehtes Mädchen mit grossen Träumen von der eigenen Zukunft. Beide kreisen Im Dialog um ihre Situation, wobei die Wahrnehmungsdivergenzen zwischen Blinden und Sehenden einen roten Handlungsfaden liefern. 

Bis auf einmal die Mutter Frau Baker ( Julia Biedermann) in der Tür steht, mit Ironie geladen und berstend vor Energie, die beiden inzwischen verliebten jungen Leute auseinanderzubringen. Sie häuft Sarkasmen, Bosheiten und Anmassungen nach einem Don wohlbekannten Muster aufeinander. Der durchaus blitzende Dialog schlägt Funken und liefert ein amüsantes Feuerwerk kleiner zwischenmenschlicher Gemeinheiten. Aber die dominante Mutter gibt nicht nach und will ihren widerstrebenden Sohn zurück nach Hause holen. Das Vorhaben misslingt. 

Nun richtet Mutter ihre destruktiven Energien auf Jill von nebenan und versucht, ihr die ersehnte Karriere als Schauspielerin madig zu machen. Jetzt fliegen die Dialogfetzen zwischen der eifersüchtigen Mutter und der angehenden Geliebten des Sohnes. Vorhang.

Dann Mutter und Sohn wieder in der Bude mit Hochbett. Mutter gibt sich zum Schein nachgiebig und lobt das Talent ihres Sohnes als Songschreiber. Jill kehrt zurück, mit dem Regisseur  Ralph Austen( Fabian Stromberger) im Arm. Heftige Diskussion über ein Stück, in dem Jill eine Rolle spielen soll. Eine Tournüre der Drehbühne bringt Jills Nebenzimmer ins Spiel. 

Don begreift, dass ihm Jill zu entgleiten droht. In einem widerborstigen Wortgefecht erinnert die Mutter an Texte, die sie einstens verfasste, um die Emanzipation ihres Sohnes zu fördern. Jill will ausziehen, spendiert ein Abschluss-Statement über ihren Konnex mit Ralph. Aus dem finalen Gezänk entwickelt sich dann die abschliessende Kulmination: Don und Jill brauchen einander und wollen ihren weiteren Weg gemeinsam gehen. 

Ein grosses Kompliment verdient die Initiative, diese Aufführung per Livestream zu vermitteln. Da spielt es keine Rolle, dass die Farben des Bühnenbildes gelegentlich etwas schwach ausgeleuchtet sind und der Ton in Spitzenlautstärke nicht zu vernehmen ist. Auf jeden Fall lässt sich in Zeiten der erzwungenen Publikumsabstinenz kein besseres Bindeglied zu einem  liebgewordenen Theater finden als eine solche Livestream-Übertragung. 




031220
Corona macht‘s möglich

Premiere „Carmen“ ohne Publikum
in der Deutschen Staatsoper Berlin

Das „neue“ Virus aus der chinesischen Provinz mischt die Gewohnheiten der Europäer in gänzlich ungewohnter und unerwarteter Weise auf. Der Impetus trifft mit irritierender Geschwindigkeit nicht nur medizinische Ressourcen und behäbige Verwaltungsabläufe, sondern auch den gesamten Kulturbetrieb mit seinen engagiert vorbereiteten Premieren. Die Situation zwingt zur Suche nach Alternativen. Die Deutsche Staatsoper Berlin stand vor der Wahl, ihre lange angekündigte „Carmen“ entweder mit der Schliessungsvorgabe verpuffen zu lassen oder andere Wege der Veröffentlichung zu finden. Engagement und Erfindungsgabe eröffneten einen Ausweg, der in kaum 24 Stunden gebahnt wurde: Der Zuschauerraum bleibt leer, und Bühnenhandlung samt Orchesterstimmen kommen als Livestream mit technischer Unterstützung des Rundfunks Berlin- Brandenburg auf die Bildschirme der interessierten Öffentlichkeit. 

So kommt also nun eine illustre Barenboim-Premiere als zweidimensionale Dokumentation vor die Augen und Ohren der dezentralisierten Zuschauer. Kein Szenenbeifall, keine zustimmende oder ablehnende Publikumsreaktion liefert den Widerpart zum Bühnengeschehen. Gleichwohl kann man auf diese Weise visuell und akustisch einen Eindruck davon gewinnen, welche Vorzüge oder Defizite die Inszenierung von Martin Kušej offenbart. 

Das Bühnenbild kann ohne Übertreibung kärglich genannt werden. In ihm bewegen sich die handelnden Personen in farblich gut akzentuierten Kostümen vor uni-koloriertem Hintergrund. Die georgische Mezzosopranistin Anita  Rachvelishvili verkörpert die Titelrolle, in der Aufführungsgeschichte dieser Oper hundertfach in den verschiedensten Schattierungen dargeboten. Diesmal ist es eine Carmen von vergleichsweise wuchtiger Statur, deren Stimme gelegentlich ein massives Tremolo liefert, die aber auch grosse Zärtlichkeit sowie leidenschaftliche Expressivität zu vermitteln vermag. Ihr zur Seite als überwältigter Counterpart, der über Carmen seine Quasiverlobte Micaela ( mit schönem, kraftvollen Sopran: Christiane Karg) vergisst, der junge Michael Fabiano, der seinen warmgetönten Tenor nicht nur in der berühmten Blumenarie bewegend einzusetzen versteht. Der Stierkämpfer Escamillo ist, stimmlich etwas weniger eindrucksvoll, der Bariton Lucio Gallo, und das Ensemble ergänzen eine ganze Reihe gut besetzter weiterer Figuren aus der Soldaten- und Schmugglerszene. Am Pult der bestens disponierten Staatskapelle Berlin der unverändert vitale Daniel Barenboim, der mit Geschick bemüht ist, den Verlust an Atmosphäre durch den Fortfall des Publikums mit vermehrter Intensität auszugleichen. 

In Erinnerung bleibt eine Aufführung, der durch die Reduzierung auf die optakustische Wiedergabe ein entscheidendes Glanzlicht für das Erleben fehlte. Eher hatte man den Eindruck, einer Probe beizuwohnen. Insgesamt ein überraschend deutliches Plädoyer für die Erhaltung und Fortführung szenischer Opernaufführungen mit Publikum.