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Berliner Kulturnotizen aus  Theater,  Oper und Konzert

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111820

„Digitales Theaterexperiment“

Zeit-Zeichen: Ein Akt der Verzweiflung

im Berliner Renaissance-Theater


Man starrt auf eine leere Bühne,  auf der nichts geschieht.  

Ein wenig Arbeitslicht von oben, hinten drei mit anthrazitfarbenen Vorhängen verschlossene Auftrittsöffnungen. Totenstille, kein Sound und erst recht kein Akteur. Das geht jetzt fünfundzwanzig Minuten so. Ist das etwa schon die lehrreiche Pointe ? Dem Publikum mal zu zeigen, wie Theater ohne Theater ist? Wie bei des Kaisers neuen Kleidern, aber da war der Kaiser wenigstens zu sehen, wenn auch nackt...

Je länger das dauert, desto rätselhafter wird es. Ist dies eine Eulenspiegelei, eine hochintellektuelle Veralberung des Publikums oder ein Akt gesteigerter Ratlosigkeit, ein bitteres Gemisch aus Zorn und Verzweiflung ? Intendant Guntbert Warns bekam auf Anfrage die Auskunft, dass die Vorstellung etwa eine Stunde dauern werde, ehe er im Parkett Platz nahm und den diesmal offenbar geprellten Zuschauern „viel Vergnügen“ wünschte. 

Mehr als eine halbe Stunde ist vergangen. Wenn man jetzt den Cursor dem Fortschrittsbalken am unteren Bildrand folgen lässt, kann man den Endpunkt der "Vorstellung" bei einer Stunde und zwei Minuten erreichen. Dann fällt der rote Vorhang, und es folgen Videos von früheren Aufführungen. 

Zur Pointe gehört wohl, dass nicht nur das Publikum in der gegenwärtigen Situation nichts zu sehen bekommt, sondern auch der kritische Beobachter nichts zu schreiben hat. 










111120

Livestream mit Stipendiaten

Spendensammeln in Corona-Zeiten:

Konzert der Hindemith-Gesellschaft

Der Teufelskreis der Corona-Restriktionen stranguliert nicht nur die einzelnen Zweige des Kulturbetriebs. Nahezu zur Untätigkeit verdammt sind auch ansonsten so segensreiche Spendensammler, die Stipendien für hochbegabte Musikstudenten vergeben, wie die Berliner Paul-Hindemith-Gesellschaft. Sie veranstaltet normalerweise kostenlose Konzerte mit Stipendiaten und Kammermusikpartnern, bei denen das Publikum am Ende um Spenden gebeten wird, die dann wiederum zur Alimentierung des Stipendienfonds dienen. In Corona-Zeiten fand monatelang keines  dieser Konzerte statt.

Nun hat sich die Hindemith-Gesellschaft vorsichtig aus der Umklammerung gelöst und ein Stipendiatenkonzert mit reduziertem Programm wenigstens über Livestream und mit einer als Fußnote übermittelten Spendenbitte  offeriert. 

Die Präsentation per Livestream bringt eher Studioatmosphäre als das Ambiente eines großen Saals, prall gefüllt  mit erwartungsvollem und beifallsbereitem Publikum. Gleichwohl müssen Konzentration und künstlerische Inspiration ebenso auf der Höhe sein, als gälte es eine CD zu produzieren: das Beste geben, dessen man fähig ist. 

Nebenbei sei auch nicht verschwiegen, dass die Livestream-Übertragung für die etwas Bequemeren unter den Musikliebhabern durchaus auch eine angenehme Seite hat. Zu Hause zu sitzen, ohne sich auf den Weg in den entfernteren Konzertsaal begeben zu müssen und trotzdem die Darbietung in erlesener Hörqualität geniessen zu können, stellt schon eine bedeutende Steigerung der Lebensqualität dar. Es mag eine bescheidene Stufe sein, aber man ist wenigstens nicht mehr von kulturellen Ereignissen gänzlich ausgeschlossen.

Austragungsort ist wieder der Joseph-Joachim-Konzertsaal der UdK Berlin, bekannt aus den Zeiten unbeschränkt öffentlicher Hindemith-Konzerte. Hindemith-Vorstandsbeirätin Jutta von Haase übernimmt die Begrüßung und ruft das Besondere der Situation ins Bewußtsein. Damit alle geeigneten Stipendiaten zu Gehör kommen können, werden statt kompletter Kompositionen nur einzelne Sätze vorgetragen. 

Zum Auftakt das Trio Benjamin mit Johannes Rosenberg/Violine, Karolina Pawul/Viola und Sebastian Mirow/Violoncello, der auch  das Trio kurz vorstellt. Gespielt werden drei Sätze aus Ludwig van Beethovens Serenade D-Dur op.8. Zuerst ein Marschthema, dann ein Adagio: Rosenbergs Violine mit feiner, ausgeglichener Melodieführung, Viola und Cello als behutsam und feinfühlig ergänzende Begleiter, Violine und Viola ihrerseits in sensibel  abgestimmtem Zwiegesang. Klanglich bestens ausgewogen. Zum Satzende ist auch vom Cello etwas mehr zu hören. Dann das lebendig hereintanzende „alla polacca“. Der musikalische Duktus liegt allen Dreien wie eine natürliche Gabe im Blut und im Spiel. Raffiniertes Ritardando mit Blickkontakt zur Violine. 

Es folgt das Allegro aus Beethovens  Duo Es-Dur für Viola (Hwayoon Lee) und Violoncello (Anne-Claire Dani) WoO 32 mit dem originellen Untertitel "Duett mit zwei obligaten Augengläsern". Zuerst ein wenig Stühlerücken , dann Auftritt von Bratsche und Cello. Sie freuen sich, das spielen zu dürfen, ist den einleitenden Worten zu entnehmen. Sehr akkurat und präzise, der Beethoven-Klang wird überzeugend realisiert. Zwei sehr sanglich operierende, gut aufeinander abgestimmte Solistinnen. Hier zeigt sich auch das Cello mal als Melodieführer, die Bratsche mit ergänzenden Ornamenten. Es gibt mehrere Stop-Start- Stellen, die in gutem rhythmischen Einklang dargeboten werden.

Als nächstes zwei Sätze aus der Sonate für Violine und Klavier Nr.2 in D-Dur von Sergej Prokofiew. Die Violine spielt May Pitchayapa Lueangtawikit, den Klavierpart übernimmt Yuko Tomeda. Jetzt kommt also  der Flügel ins Spiel, der Schalldeckel wird aufgeklappt. Zwei Solistinnen. Erster und zweiter Satz, Ansage auf deutsch. Ein junger Mann mit Maske assistiert den beiden Damen beim Umblättern. Noch mal die Instrumente stimmen, dann fliegt der helle Ton der Violine leichthin über die Klavier- Grundierung. Zwei Kameras im Wechsel von links und rechts übermitteln das Videobild. Präzise und wohl geformt der Violinklang, klar artikuliert und verwoben mit den Klavierfiguren. Erst Moderato , dann Scherzo presto. Noble Akkuratesse, von beiden  in vorbildlicher Arbeitsteilung vorgetragen. Violine mit entschiedenem Stilempfinden, das Klavier liefert die akzentuierende Grundstimme. 

Das Allegro con brio aus Beethovens "Waldsteinsonate" Nr. 21 C-Dur spielt anschließend Marcel Mok, den Zuhörern schon aus vielen vorangegangenen Stipendiatenkonzerten vertraut. Federnd und mit feinem Empfinden für die musikalische Linie und die thematische Entwicklung trägt der Pianist vor, Läufe in der rechten und rhythmische Pointierung  in der linken souverän exekutiert. Der Klang wird zurückgenommen und dann erneut gesteigert. Schritt für Schritt, darauf  harmonische Akkorde, ein wohldisponierter Ausklang zum Satzende. Hier agiert schon ein versierter Konzertpianist. 

Schliesslich das Allegro con brio aus Beethovens Sonate Nr. 7 c-moll, dargeboten von  Valentina Paetsch/Violine und Yukako Morikawa/Klavier. 

Das Klavier setzt ein und gibt die Richtung in grossen Schritten vor. Ein  reizvoll formulierter Satz, den die Violine unbeeindruckt vom dominanten Auftritt des Klaviers individuell  umformuliert. Der in Sprüngen vorgegebene Rhythmus wird der Violine zum willkommenen Materialfundus. Behutsam und fein tänzelnd wird die Melodie weitergeführt, die Violine als flatternder Vogel über dem thematischen Geschehen, präzise kleine Sprünge. Feste Akkorde zum Satzfinale. 

Viel Beifall von den wenigen, die sich doch im Saal eingefunden haben. Zum Schluss kommen alle noch einmal auf die Bühne, und eins ist nun doch wie früher: jeder und jede der Ausführenden bekommt eine Dankeschön-Rose aus der Hand von Frau von Haase. Alle sind sichtlich glücklich, dass ihnen dieser Auftritt ermöglicht wurde.



110920

Ein fast vergessenes Traumspiel

Neustart in München: "Die Vögel" von Walter Braunfels

als Livestream aus der Bayerischen Staatsoper

Ein Werk mit singulärem Schicksal: "Die Vögel" nach Aristophanes von Walter Braunfels erlebte die umjubelte Uraufführung unter Bruno Walter am 30. November 1920 im Münchener Nationaltheater. Fünfzig Vorstellungen folgten, Braunfels war einer der angesehensten Komponisten seiner Zeit, wurde verglichen mit Richard Strauss, Franz Schreker und Hans Pfitzner. Von Braunfels, dem "Halbjuden", der als Protestant zum Katholizismus konvertierte, stammt ein beeindruckendes "Tedeum" und eine von Jörg-Peter Weigle 2013 eingespielte "Grosse Messe", farbenreich facettiert.  Was Braunfels' Kompositionen trotz anfänglicher Erfolge in den Hintergrund treten liess, waren Zeitströmungen: der nationalsozialistische Antisemitismus drängte ihn aus dem Beruf, und der musikalische Zeitgeschmack nach dem Zweiten Weltkrieg ließ seine Kompositionen als "unpassend" erscheinen. 

Hundert Jahre nach der Uraufführung und genau einen Tag vor der nächsten Corona-Theaterschliessung hat die Neuinszenierung von Frank Castorf unter der musikalischen Leitung von Ingo Metzmacher nun ihre Premiere im Münchener Nationaltheater. Die Sendung des Livestreams von der Aufführung wurde eigens auf den Premierentag vorgezogen, um den Schließungsvorgaben zu entgehen. 

Der extrovertierte Ratefreund (Michael Nagy) und sein eher introvertierter Kompagnon Hoffegut (Charles Workman) sind vom Leben in der Stadt enttäuscht und wandern hinaus aufs Land, um einen neuen Anfang zu wagen. Sie suchen das Reich der Vögel, um die gewohnten Zerstreuungen hinter sich zu lassen. Wiedhopf, einstens ein Mensch,  nun König der Vögel (Günter Papendell), empfängt die beiden nur widerwillig, da er sich in seiner Abgeschiedenheit gestört fühlt. Ratefreund  entwirft den verlockenden Plan einer Stadt in den Lüften für ein Reich der Vögel, das sich als den Göttern ebenbürtig erweisen kann. Nach ausgiebiger Diskussion siegen die Befürworter der Idee, und der Bau beginnt.

In einer Vollmondnacht trifft der sensible Hoffegut auf die Nachtigall (Caroline Wettergreen) und verfällt dem Zauber ihres Gesangs. Nach Vollendung des Vogel-Baues tritt ein finsterer, mahnender Mann auf, der sich Prometheus (Wolfgang Koch) nennt. Er warnt die Vögel vor der Hybris einer Auseinandersetzung mit den Göttern. Aber Ratefreund stachelt die Vögel unbeirrt zum Kampf auf. Ein Unwetter kommt auf, und das eben erst erstellte "Wolkenkuckucksheim" wird total zerstört. Die gedemütigten Vögel erkennen die unerreichbare Größe der Götter an. Erschüttert von ihren Erlebnissen kehren  die Wanderer Ratefreund und Hoffegut in die Stadt zurück. Ratefreund träumt bereits wieder von der häuslichen Gemütlichkeit, und nur Hoffegut ist in Gedanken noch beim betörenden Gesang der Nachtigall.

Der künstlerische Wert des inzwischen fast vergessenen Traumspiels liegt neben den philosophischen Gedankenspielen, die mit leichter Hand dargeboten werden, vor allem in der bezaubernden musikalischen Gestalt, die einen überzeugenden Beleg für die vielfältigen Reize der spätromantischen Klangwelt liefert. 

Start des Livestreams vor leerem Parkett: Ein pfauenbefiedertes Geschöpf visualisiert den Stücktitel. Es ist die Nachtigall, die hier als Maitresse de plaisir den Gang der Handlung eröffnet. Gewagte Koloraturen sind ihr Markenzeichen, hundert Jahre zuvor von Maria Ivogün dargeboten. 

Ratefreund und Hoffegut irren orientierungslos durch die Landschaft. Zwei Vögel weisen den Weg, und auf einmal sind die beiden Wanderer von gleich mehreren gefiederten Wesen umgeben, die erläutern, wie sie wurden, was sie sind. Sie wollen schon wieder gehen, da erwacht König Wiedhopf aus seiner Mittagsruhe, die offenbar alkoholisch abgefedert war. Ratefreund stösst mit seinem Plan für ein Vogelreich in das Mangelempfinden von Wiedhopf und entzündet dessen Machtgier. 

Das Bühnenbild von Aleksander Denić erinnert an Schiffsaufbauten mit aufgesetzter Kajüte. König Wiedhopf ruft den  süssen Sang der Nachtigall, die aus der Rundbewegung der Drehbühne auftaucht. Sein Ruf versammelt das ganze Vogelvolk, und eine lebhafte Debatte bricht los, nachdem Wiedhopf gestanden hat, dass der Bauvorschlag für das Vogelreich von Menschen stammt. Da kommen übrigens auch wieder Castorfs  portable Videokameras ins Spiel, deren Bilder auf separatem Projektionsschirm zu verfolgen sind.

Ratefreund ruft den Vögeln ihre Machtlosigkeit ins Bewusstsein und verlockt sie, ihre Fesseln abzuwerfen. Krieg gegen Zeus! Die Idee steigt allen zu Kopf. Der Duktus der Repliken lässt dabei strukturell an die „ Meistersinger“ denken. Das neue Reich erwächst aus massloser Selbstüberschätzung. Baubeginn. Ende des Ersten Aufzugs.

Zweiter Aufzug. Vollmondnacht, Romantik pur. Hoffegut und die Nachtigall. Einander überlappende Sehnsüchte. Der  2. Akt des „Tristan“ liefert den Stimmungsrahmen. Beide umkreisen einander in Begeisterung. Stimmlich für Caroline Wettergreen und Charles Workman   die herausforderndste Passage der ganzen Oper, und  sie meistern das mit Bravour. Nun ists heraus: Es ist Liebe, was sie verbindet. 

Jetzt wird Hitchcock auf den Hintergrund projiziert. Seine „ Vögel“ teilen zumindest den Namen mit Braunfels’ Opus. Klänge und Düfte runden das multi-assoziative Empfindungsbild ab. Die „klingende Ferne“ als allumfassende Summe der Gefühle, die beide teilen. In der Projektion dann sogar Vereinigung. 

Der Mond verschwindet, Sonnenaufgang zwischen Hitchcocks flatternden Vögeln. Tippi Hedren wird in der Projektion ausführlich zitiert.  Ratewohl in SS- Uniform gratuliert den Vögeln. Eine erste Hochzeit von Taube und Täuberich in der neuen Wolkenburg. Ein hinreissendes kurzes Intermezzo, dann der Vogelchor. Es gibt nach Castorf-Manier wieder projizierte Texte, die aber wenigstens nicht, den musikalischen Fluss unterbrechend, endlos rezitiert werden. 

Wirkungsvoll vorbereitet: Auftritt Prometheus „ohne Zoll und Gebühren“. Er schildert das eigene Schicksal. Er warnt, aber die Warnung verhallt. Inzwischen tragen Ratefreund und Hoffegut beide die schwarze SS-Uniform. Krieg! Krieg! tönt der Ruf. Furioso der Schlachtszenen. Und Zeus schlägt zurück. Kein Stein bleibt auf dem anderen. Apokalyptisches Finale. Danach reuevolle Zeus-Huldigungen ohne Ende. 

Ratefreund  und Hoffegut, inzwischen wieder uniformlos schwarz gewandet, wandeln heimwärts. 

Die Partitur klingt unter Metzmacher keineswegs einschmeichelnd harmonisch, sondern eher kühl-differenziert, um nicht zu sagen: mehr dem modernen Empfinden angenähert. 

Das Stück führt zwingend vor Augen, dass einige Grunderkenntnisse zur Machtpolitik schon nach dem Ersten Weltkrieg vorlagen, die dann zum Scheitern des Deutschen Reichs im Zweiten Weltkrieg führten. Ob man die Lösung des Konflikts allerdings in der Unterwerfung unter die Götter zu suchen habe, kann füglich bezweifelt werden. 

Frank Castorfs szenische Fantasie fördert aus der Kiste seiner Inventionen bekannte Elemente hervor, die aber hier, legitimiert  durch unser historisches Wissen, einleuchtend erscheinen und wirkungsvoll eingesetzt werden. Insgesamt eine überzeugende, sehenswerte Adaption.


101420

Konzert zweier Legenden

Martha Argerich und Mischa Maisky im Livestream von Klassik Radio

beim Lausitz-Festival in der Synagoge Görlitz

Es war ein Ereignis, das selbst unter den eingeführten Musik-Festivals herausragte: das neu ins Leben gerufene Lausitz-Festival setzte im deutsch-polnischen Kulturraum einen singulären Akzent mit dem Auftreten zweier Instrumentalkünstler, deren Namen überall in der Welt ein Publikum zu versammeln und zu faszinieren vermögen, das höchste Ansprüche zu stellen pflegt. Damit nicht genug: Der Ort ihres Auftretens ist die aufs Sorgfältigste hergerichtete Synagoge in Görlitz. Sie ist an diesem Abend mit wenig Beleuchtungskörpern und sparsamem Kerzenlicht überaus stimmungsvoll beleuchtet. 

Wenn das schon die Konzentration auf die Musik fördert, so wird die eigentliche Kulmination durch eine weitere Besonderheit erreicht, die sowohl die spezifische Zeit der Corona-Pandemie wie die besonderen Schwebungen der Görlitzer Synagoge zusammenzuführen und unvergeßlich zu machen vermag: Es gibt an diesem Abend kein Publikum. Lediglich die beiden Vortragenden und ihre Instrumente sind im Livestream zu beobachten, dessen Klang im ansonsten menschenleeren Synogogenraum mit markantem  Nachhall zu vernehmen ist. 

Mischa Maisky beginnt mit der Cello-Suite Nr. 1 von Johann Sebastian Bach. Sein überaus virtuos eingesetztes Instrument fesselt durch sonoren, markanten Klang, und da jede Ablenkung durch Peripheres unterbleibt, wirkt sein Spiel ungemein fesselnd und mitreissend. Es hat nichts von der Sprödigkeit, die bislang den Hörgenuß an Solostücken für Cello zu beeinträchtigen vermag.

Danach Martha Argerich mit Bachs Klavierpartita Nr. 2. Wunderbare Leichtigkeit und Geläufigkeit, lebendige Frische, als höre man dieses Stück zum ersten Mal. 

Darauf Argerich und Maisky im Duo. Da kein Publikum gegenwärtig ist, verneigen sich beide voreinander - eine hier besonders rührende Geste. Sie spielen Ludwig van Beethovens Sonate für Cello und Klavier opus 5 Nr. 2. Nun ist der Synagogenraum in sanft dunkelblaues Licht getaucht. Der Celloklang erhebt sich wie von selbst in die Höhe, umspielt von den ergänzenden Klavierfiguren und füllt den mit seiner klaren Akustik ideal ausgewählten Kirchenbau. Man hält den Atem an und hat das Gefühl, die Zeit tue das Gleiche. Ebenso mitreissend die folgenden rascheren Sätze, in Präzision und Einklang gleichermaßen vollendet. Das gilt danach auch  für Max Bruchs Opus 47 "Kol Nidre", das hier in besonders angemessener Umgebung erklingt. 

Was in Erinnerung an diesen Abend bestehen bleibt, ist der Eindruck quasi meditativer Konzentration, der die Leistung dieser beiden Ausnahmekünstler noch einmal auf eine besondere Stufe musikalischer Vollendung hebt.









101120

Figürlicher Ausdruck

Georg-Kolbe-Museum in Charlottenburg

wieder geöffnet

In einer Vitrine des Wohnzimmerschranks meines Elternhauses stand eine kleine, schlanke Mädchenfigur mit euphorisch-verträumt ausgebreiteten Armen. Meine Mutter erklärte mir wiederholt,  dies sei eine Replik der Skulptur "Die Tänzerin" von dem Bildhauer Georg Kolbe. Das tanzende Mädchen hat mich unbewußt durch alle Jahre begleitet, die ich im Elternhaus verbrachte.

Jahrzehnte später stiess ich auf den Umstand, dass Georg Kolbes Atelier- und  Wohnhaus, 1928/29 vom Schweizer Architekten Ernst Rentsch in enger Abstimmung mit dem Bauherrn errichtet, sich in gut erhaltenem Zustand in der Westender Sensburger Allee befindet und seit 1950 als Georg-Kolbe-Museum genutzt wird. Zum Ensemble gehört auch das stilistisch ähnliche Wohnhaus von Kolbes Tochter, das nach einer Restaurierung demnächst wieder als Museumscafé eröffnet werden dürfte. Der Besuch vermittelt einen guten Eindruck von der herausragenden Lebensleistung des deutschen Bildhauers und Skulpteurs.

Einen ersten großen Erfolg hatte der 1877 geborene Georg Kolbe mit der erwähnten "Tänzerin", die 1912 in der Berliner Secession gezeigt und dann von der Nationalgalerie angekauft wurde, erringen können. Dieser Initialzündung folgte eine formal und politisch gleichermaßen eigenwillige Entwicklung, die sich aber im weiteren Verlauf von keiner Seite nachhaltig vereinnahmen ließ. Im Museum ist der stilistische und künstlerische Weg des Bildhauers durch die Zwanziger und Dreißiger Jahre bis zu seinem Ableben 1947 in Fotos und Dokumenten nachzuerleben. Durch den stimmungsmäßigen Einklang des gutrestaurierten Museumsbaus mit den gezeigten Skulpturen und Architekturzeichnungen ergibt sich eine lebhafte Impression sowohl vom Zeitkolorit wie von Kolbes Lebensweg.

In Verfolg der Museumsfunktion werden die Atelierräume jetzt auch für die Präsentation anderweitiger Künstler und ihrer Beiträge genutzt. Derzeit geschieht dies für den 1982 in Japan geborenen Shinichi Sawada, dessen eigenwillige, von spitzen Dornen übersäte Ton-Chimären zum Nachdenken über archaische Wurzeln und variantenreiche Implikationen anregen. Der Künstler ist Autist und Autodidakt, der mit seinen keramischen Skulpturen inzwischen internationale Aufmerksamkeit gefunden hat. Die Ausstellung wird bis zum 10. Januar 2021 gezeigt. 


092720

Geschichte live

Wieder im Programm: Tellkamps "Der Turm"

in der Christian Schwochow-Inszenierung auf rbb

Die Wiederbegegnung mit Uwe Tellkamps hellsichtigem Dresden-Roman aus DDR-Zeiten "Der Turm" gerät unerwartet eindrucksvoll. Sei es, dass die seit der Erstsendung 2012 vergangene Zeit den Blick für die Handlung geschärft hat oder dass die Allgewalt der Pandemie das Exemplarische des vorgeführten Geschehens deutlicher hervortreten läßt. Jedenfalls folgt man den beiden Teilen der Fernsehfassung mit nie erlahmendem Interesse und registriert mit Respekt, wie gut es hier gelungen ist, persönliche Schicksale in eine unaufdringliche Geschichtsstunde einzubetten.

Dabei hat der zugrundeliegende Schlüsselroman ja einen zusätzlichen Reiz, der hier im Hintergrund immer mitschwingt. Es ist dem Autor nicht nur gelungen, eine ganze Reihe lebendiger Charaktere vorzuführen, sondern hinter vielen Romanfiguren stehen wohlbekannte Realpersonen aus den späten Jahren der DDR. Keine Porträts, nur jeweils eine Assonanz. So taucht hinter der Romangestalt des Rechtsanwalts Sperber die Silhouette des DDR-Anwalts Wolfgang Vogel auf, und die Figur des SED-Bezirkssekretärs Max Barsano erinnert an Hans Modrow. 

In den Handlungsablauf meisterlich eingewoben ist der schleichende Moralverfall in der Spätzeit der DDR. An die Stelle eines aufrichtigen Bekenntnisses zu den Idealen des Sozialismus tritt immer stärker ein sarkastischer Zynismus, der den einzelnen Personen geradezu eine Doppelgesichtigkeit verleiht. Am deutlichsten läßt sich das in der Entwicklung des Hauptakteurs verfolgen, des Chefarzts Richard Hoffmann (Jan Josef Liefers). Er hatte sich stets bemüht. die Fassade bürgerlicher Lebensführung mit seiner Frau Anne (Claudia Michelsen) allseits abzusichern. Trotzdem gerät er in Konflikt mit der Staatssicherheit, die Kapital aus seinem geheimgehaltenen Verhältnis zu Josta Fischer (Nadja Uhl) zu schlagen versteht. 

Eine zweite Hauptlinie verfolgt die Stufen der Emanzipation des Hoffmann-Sohnes Christian (Sebastian Urzendowski). Er wandelt sich vom anfangs konsequent angepaßten Schüler über verschiedene Stadien des Aufbegehrens in der Militärzeit bei der Volksarmee und einer ernüchternden Phase im Militärgefängnis bis zum Neubeginn nach der Entlassung, wo er seinen weiteren Weg "endlich mal alleine" bestimmen will. 

Die aufkeimende Systemkritik ist in verschiedenen Schattierungen zu verfolgen, unter anderem in der Rolle der Literatin Judith Schevola (Valery Tscheplanova), die es schafft, ihre Texte im Westen veröffentlichen zu lassen. Eine Figur mit ambivalentem Verhalten ist Meno Rohde (Götz Schubert), der Bruder von Richard Hoffmanns Frau Anne. Er agiert als Lektor im Sinne der Staatsführung, fördert aber auch die Kritikfähigkeit des Hoffmann-Sohnes Christian. 

Insgesamt eine durchaus fesselnde Wiederbegegnung mit einer sehr vielfältigen, gegenüber dem Roman etwas gestrafften Filmversion (Drehbuch: Thomas Kirchner). Beide Teile sind noch bis Anfang Oktober in der rbb-Mediathek zu sehen. 


082220

Eine ernüchternde Wette

Mozarts "Cosi fan tutte"

als Aufzeichnung von den Salzburger Festspielen 2020

Manchen gilt Mozarts "Cosi fan tutte", 1790 in Wien uraufgeführt, als musikalisch besonders gelungenes Glanzstück mit dem Libretto von Lorenzo Da Ponte. Die Salzburger Neuinszenierung von 2020 stammt von Christof Loy und hat die Handlung kaum merklich gestrafft, dabei aber die musikalischen Höhepunkte feinsinnig bewahrt.

Die Story ist vergleichsweise simpel. Guglielmo (Andrè Schuen) und Ferrando (Bogdan Volkov) schwören auf die Treue ihrer Verlobten, der Schwestern  Fiordiligi (Elsa Dreisig) und Dorabella (Marianne Crebassa). Don Alfonso (Johannes Martin Kränzle), ein lebenserfahrener Skeptiker, macht sich den Spass, mit den beiden männlichen Akteuren zu wetten, dass es  gelingen werde, die Treue der beiden Mädchen im Handumdrehen ins Wanken zu bringen.  Komplizin bei der Testreihe ist die Dienerin Despina (Lea Desandre), deren Neigung zur Mitwirkung schon mal durch einen Geldschein beflügelt wird. 

Nun entfaltet sich ein komödiantisches Kammerspiel vor einer weissen Wand (Bühnenbild Johannes Leiacker) mit zwei klassizistischen Türen, deren Flügel sich öffnen und schliessen lassen. Auf diesem Hintergrund wirken die schwarzen oder pointiert farbigen Kostüme der Akteure (Kostüme Barbara Drosihn) ungemein plastisch und einprägsam.

Jetzt folgt, in der Regie des Don Alfonso, die Probe aufs Exempel. Guglielmo und Ferrando, eben unter Seufzern ihrer Geliebten vermeintlich  zu Schiff in den Krieg gezogen, kehren in abenteuerlich bunter Verkleidung als fremdländische Adlige zurück und machen nun über Kreuz der jeweils anderen Dame den Hof. Als sie wider Erwarten zunächst abgewiesen werden, täuschen beide einen Selbstmord durch Gift vor und werden dann von Despina mit Hilfe eines gewichtigen Magnetsteins ins Leben zurückgerufen. Im weiteren Verlauf gibts einen Ehevertrag von Fiordiligi und Ferrando sowie Dorabella und Guglielmo, jeweils quasi über Kreuz. Dann kehren die beiden in den Krieg Gezogenen unter ihren echten Namen zurück und schließen ihre beiden Frauen in die Arme, Ferrando seine Dorabella und Guglielmo Fiordiligi. Bleibt nur der unterzeichnete Ehevertrag mit der jeweils anderen, von Don Alfonso listig ins Spiel gebracht. Eifersuchtsszene, allgemeine Zerknirschung, dann das mozart-typische versöhnliche Finale: Glücklich sei der Mensch, der alles nur von der besten Seite nimmt, über die Wechselfälle des Lebens lacht und die Ruhe bewahrt.

Musikalisch wie stimmlich ist die Aufführung ein einziger Hochgenuß. Das gilt sowohl für die Harmonie der beiden Frauenstimmen von Fiordiligi und Dorabella wie für den klangschönen Tenor von Bogdan Volkov  und den kraftvollen Bariton von Andrè Schuen. Ein Sonderlob verdient die agile, stimmlich wunderbar präsente Despina von Lea Desandre. Dirigentin Joana Mallwitz entlockt den Wiener Philharmonikern mit geschmeidiger Zeichengebung einen warmgetönten Mozart-Sound vom Feinsten. Insgesamt ein weiterer Pluspunkt  zum 100jährigen Bestehen der Salzburger Festspiele, bis 31.10.2020 abrufbar in der Mediathek von Arte concert. 



081620

Triumphale Dramatik


Richard Strauss‘ „ Elektra“

von den Salzburger Festspielen 2020

auf 3 Sat

Ein Lichtblick in der pandemisch ausgedörrten Kulturszene: die Eröffnungsvorstellung der diesjährigen Salzburger Festspiele, als Aufzeichnung wiedergegeben auf 3Sat. Richard Strauss' "Elektra", dieser Geniestreich auf ein Libretto von Hugo von Hofmannsthal nach Sophokles, uraufgeführt 1909 in Dresden, diesmal inszeniert von Krzysztof Warlikowski.  Franz Welser-Möst leitete die Wiener Philharmoniker.

Warlikowsky huldigt dem zeitgemäßen Regieprinzip, zusätzliche Verständnishilfen für ein nicht mehr ganz so imaginationsstarkes Publikum anzubieten. So schickt er  Klytemnästra (Tanja Ariane Baumgartner) schon vor dem ersten Orchestereinsatz auf die Szene, um in emphatischer Rede den Mord an ihrem Gatten Agamemnon zu bekennen und zu interpretieren. Aber dann setzt doch noch die Handlung ein, wie man sie kennt, und die Mägde werfen sich Statements über Elektras Seltsamkeiten wie Bälle zu.

Dann Elektras (Ausrine Stundyte) erster großer Monolog "Allein, ganz allein", der ihre psychologische Situation ausleuchtet und die Erinnerung an den Vater heraufbeschwört. Ein erster Eindruck von der Singstimme: ein unüberhörbares Vibrato in der Höhe, aber volle Tonpräsenz, auch in den Tiefen. Die Regie läßt Agamemnon stumm als blutende Schattengestalt einen Wassergraben durchschreiten. Elektra deutet einen ersten Triumphtanz an, ganz selbstgewiß, und da überrascht auch der Griff zur Zigarette nicht sonderlich, wohl ein Emanzipationssymbol.

Chrysothemis tritt auf (Asmik Grigorian), einmal nicht mollig-mütterlich, trotz der im Text festgehaltenen Sehnsucht nach Ehemann und Kindern. Diesmal ist sie einfach ein schlankes junges Mädchen, ebenfalls mit dem Hang zur Zigarette, und ihrer Schwester stimmlich absolut ebenbürtig, wenn nicht sogar überlegen. Dialog der Antagonismen. Beide stehen unter dem gleichen psychologischen Druck in diesem Mörderhaus, aber sie reagieren unterschiedlich darauf. Ein gequältes Duo: die eine will leben, die andere lieber sterben, als diese Situation endlos fortzuschreiben.

Nun kommt Mutter Klytemnästra ins Spiel. Nicht als Paraderolle für gealterte Sopranistinnen, sondern als attraktive Frau in den besten Jahren. So fehlt der Rolle zwar ein Schuss Dämonie, aber ihre erotische Rolle wird glaubwürdiger. Sie trifft auf Elektra in dem krampfhaften Bedürfnis, sich ihrer Tochter endlich einmal zu offenbaren. Die heuchelt zunächst Verständnis, und Klytemnästra berichtet von nächtlichen Alpträumen. Man kann miterleben, wie der lähmende Dämon schrittweise von ihr Besitz ergreift. Und die durchtriebene Tochter nennt mit scheinheiligem Mitgefühl ein Heilmittel, das in Wahrheit den Schandtaten der Mutter die Krone aufsetzt: die Ermordung der Mutter durch den heimkehrenden Bruder. 

Zunächst aber gibt es lügenhafte Informationen über den Verbleib von Orest (Derek Welton). Dann kommt sogar die Nachricht vom angeblichen Tod des Orest, die Klytemnästra frohlocken läßt und Elektra in die totale Hoffnungslosigkeit stürzt. Nun will sie den Rachemord an der Mutter und ihrem Galan Ägisth selbst übernehmen und wirbt mit Hingabe um die Mitwirkung ihrer Schwester, die aber ablehnt. In tiefster Depression :"Nun denn, allein" mit einem heimlich versteckten Beil.

Ein Fremder kommt herein, erkennt Elektra: "Du musst verwandtes Blut zu denen sein, die starben". Er flüstert: "Orestes lebt". Die unvergleichliche Szene des gegenseitigen Erkennens: überwältigend, beide zutiefst ergriffen. Dann schreitet Orest zur Tat. Ruhelose Figuren in den Streichern, dann Licht aus, Schreie, Blut tropft vom Proszenium. 

Ägisth kehrt heim und flucht über den Ungehorsam des Volkes. Elektra weist ihm mit gleisnerischer Liebenswürdigkeit den Weg. Ägisth geht in die Falle und wird getötet. Auch Chrysothemis kommt mit blutverschmiertem Messer aus dem Haus: sie hat sich, vom Beispiel des Bruders beflügelt, dem verheerenden Racheakt angeschlossen. Elektra kostet ihren Triumph in übersteigerter Raserei aus und stürzt nach ihrem Tanz tot zu Boden.

Insgesamt eine überaus eindrucksvolle, überzeugend besetzte Aufführung, die den ganzen Umfang dieses Psychodramas zutreffend abbildete. Franz Welser-Möst hatte mit den Wiener Philharmonikern ein erfahrenes, exzellent brillierendes Strauss-Orchester vor sich, das dem Bühnengeschehen ein farbenreiches Fundament gab. 



072920

Die Dämonie der Pandemie

Was uns da im Frühjahr 2020 überfallen hat, entwickelt nachgerade eine dämonische Kraft der Verwandlung. Wir wissen nicht, wann und auf welcher Stufe die Invasion enden wird. Bis dahin leben wir täglich unter Bedingungen, die für uns neu sind und die uns den Zugang zum Gewohnten massiv verwehren. 

Was einst gesellschaftliche Realität war und felsenfest gesichert erschien, ist mittlerweile aus den Angeln gehoben und auf unabsehbare Zeit unerreichbar. Eine der markantesten Auswirkungen der Pandemie ist der Abstandszwang mit seinen Auswirkungen. Eine der elementarsten Verhaltensweisen des Menschen, aufeinander zuzugehen und sich impulsiv zu umarmen, ist eliminiert. Theater und Konzerte zu besuchen und einen begrenzten Zuschauerraum in lustvoll erlebter Enge zu füllen, bleibt uns versagt. Was das Publikum quält, wird für die Veranstalter zur Existenzfrage: es ist kaum möglich, mit den zugelassenen Zuschauerzahlen kostendeckende Einnahmen zu erzielen. So wird eine noch ungenannte Anzahl von Veranstaltern zur Aufgabe gezwungen, und manche Formen zwangloser oder ritualisierter Geselligkeit mit mehr oder weniger hohem kulturellen Anspruch werden auf der Strecke bleiben, ganz leise und zunächst unbemerkt verschwinden.Keiner gesellschaftlich wirksamen Kraft hätten wir sehenden Auges eine derart brutal verändernde Gewalt zugestanden. Aber die Veränderung kam über Nacht, und niemand wurde nach seinem Einverständnis gefragt. Das ist die Dämonie der Pandemie.

 

042320

Ein erstaunlicher Film 

"Der Klavierspieler vom Gare du Nord" ("Au bout des doigts")

von Ludovic Bernard über Prime Video

Diese Coronazeit ist wie geschaffen dafür, sich über Mediatheken oder Streamingdienste Filme anzusehen, die bisher immer links von der Achtsamkeit liegen geblieben waren. So suchte ich gestern bei Prime Video nach einem ganz anderen Titel, in dem auch ein Pianist im Mittelpunkt stand, und geriet ganz zufällig an diesen Film von Ludovic Bernard. Der Film ist relativ neu, erst im Juni des Vorjahres in Deutschland angelaufen. Um Vorinformationen hatte ich mich nicht gekümmert, war also offen für alle Eindrücke, die auf mich zukommen würden.

Und in einer ganz lapidaren, gelassenen Erzählweise passieren da Dinge, die mich ansprechen, fesseln und zunehmend gefangen nehmen. Im Pariser Gard du Nord, einer vor quirligem Leben nahezu berstenden Bahnstation, steht am Rande der Besucherströme ein Klavier zur allfälligen Benutzung für jeden, der mag. Ein junger Mann namens Mathieu Malinski (Jules Benchetrit) setzt sich an das Instrument und spielt mit frappierender Geläufigkeit Bach. Polizisten werden auf ihn aufmerksam und hetzen den sofort Fliehenden über Gänge und Rolltreppen bis zu einem Bahnsteig, wo er sie geschickt abschütteln kann. Mathieu ist kein unbeschriebenes Blatt, sondern hat sich mit Kumpels bei Einbrüchen hervorgetan - daher das Interesse der Ordnungshüter. 

Belauscht hat den jungen Klavierspieler aber auch Pierre, Leiter einer Klavierklasse am Pariser Konservatorium (Lambert Wilson), der spontan vom Vortragsstil des Mathieu fasziniert ist, der ihn ein paar Tage später erneut im Bahnhof hört, ihn anspricht und seine Visitenkarte mit der Bitte aushändigt, ihn zurückzurufen. Inzwischen ist dann Mathieu aufgrund seiner Delikte zu einer Jugendstrafe verurteilt worden, die ihn zu Putzarbeiten ausgerechnet im Foyer des Konservatoriums verpflichtet, wo Pierre lehrt. Er macht ein Date mit Mathieu am Steinway-Flügel des großen Konzertsaals der Musikhochschule. In Rückblenden erfährt der Zuschauer, woher Mathieus bereits hochgradiges Können stammt: ein greiser Nachbar hatte ihm jahrelang kostenlos Klavierunterricht gegeben und dabei das Gespür für das Zusammenwirken von Virtuosität und Gefühl beim Interpretieren in ihm geweckt. 

Pierre ist insgeheim vom exorbitanten Talent seines Kandidaten fasziniert. Inwieweit sich in diese beinahe erotische Beziehung Erinnerungen an seinen eigenen Sohn einmischen, der 15jährig an Leukämie verstorben war, bleibt unaufdringlich in der Schwebe. Nun beginnt ein spannungsreiches Tauziehen zwischen dem ambitionierten Lehrer, der seinen Schützling zu einem weltweit beachteten Klavierwettbewerb anmelden will, und dem jungen Mathieu, der aus den Zwängen des Übungsbetriebs immer wieder auszubrechen versucht. Zum Glück lernt er eine ebenfalls junge dunkelhäutige Cellistin kennen, und aus dieser mal gut, mal weniger gut funktionierenden Beziehung erwächst ihm Unterstützung immer dann, wenn er aus Frust den ganzen Kram am liebsten hinschmeißen möchte. 

Die gestrenge Impulsgeberin, die diesen ungeschliffenen Edelstein Mathieu nun zu einem Brillanten am Klavier formen will, ist "die Gräfin" (Kristin Scott Thomas), anfangs distanziert kritisch und eher biestig im Ton, aber sie wird mit der Zeit gleichfalls zur Bewunderin von Mathieus Talent und zur engagierten Verfechterin seiner Nominierung für den Wettbewerb.

Ausgerechnet unmittelbar vor dem großen Tag überfallen Mathieu wieder Zweifel an seiner Erstklassigkeit, und er will dem Wettbewerb ausweichen. Diesmal versteht es  seine Mutter, diese letzte Bremse vor dem finalen Erfolg zu lösen, und Mathieu stürmt in den Wettbewerbssaal, wo er in letzter Minute und etwas außer Atem eintrifft. Setzt sich an den Flügel, spielt den ersten Satz aus Rachmaninows Zweitem Klavierkonzert und siegt mit Bravour über seine Konkurrenz. Die Schlußeinstellung zeigt, wie er ein paar Monate später das Konzertpodium im New Yorker Lincoln Center betritt. 

Natürlich ist das alles eher ein Märchen als ein alltäglicher Regelfall. Aber die konsequente Erzählweise, die einfach nur aneinanderreiht, statt modische Komplikationen à la Hollywood hinzuzufügen, gewinnt Sympathie, die sich immer weiter steigert.

Mitzuerleben, wie sich das Talent dieses jungen Pianisten allen Schwierigkeiten und Rückschlägen zum Trotz durchsetzt, einfach weil es das verdient, ist gerade in schwierigen Coronazeiten eine höchst positive Erfahrung. 


041420

Kulturdämmerung


Gedanken zur Total-Resektion des Kulturbetriebs

aus Anlaß der Corona-Pandemie


Der Vorgang ist ungeheuerlich und zumindest in diesem Jahrhundert hierzulande ohne Beispiel: In Umsetzung der Kontaktverbote zur Ausbreitungsdämpfung des Corona-Virus ordnete die oberste Regierungsinstanz die Schliessung aller Institute an, die üblicherweise Menschenansammlungen verursachen und bei denen der geforderte Mindestabstand von Mensch zu Mensch nicht eingehalten werden kann. Auf der Strecke bleiben kleine und große Theater, Opernhäuser und Konzertsäle. Dergleichen kannte man allenfalls aus dem Jahre 1944, als Reichsminister Dr. Goebbels im Zuge des "totalen Krieges" sämtliche "Vergnügungsstätten" schließen ließ. 

Das Diktat ist folgenreich. Mit den Aufführungsstätten sind auch alle betroffen, die dort für gewöhnlich auftreten: Schauspieler, Musiker, Mimen und Pantomimen, alle, die von Auftritten leben und nun keine Einnahmen mehr haben, und nicht zuletzt die Veranstaltungsorte selbst, deren Budget nun auf lebensgefährliche Weise ausgezehrt wird. 

Ein kleines, zeittypisches Hoffnungsfenster öffnet sich durch Internet-Kommunikationstechnik. Theater und Musikveranstalter bieten Mitschnitte oder Live-Übertragungen von Schauspiel-, Opern-und Musikbühnen. die mindestens das Interesse des Publikums wachhalten können und das Bewußtsein schärfen für die Tragweite dieses gewaltsam erzwungenen Kulturverzichts.  Freilich sind das nur Zeichen für den Überlebenswillen der künstlerischen Kreativität. Zur wirtschaftlichen Stabilisierung tragen sie nur dann bei, wenn es gelingt, die Livestreams mit effizienter Spendengenerierung zu verbinden.

Das vielleicht Wichtigste ist aber das fundamentale Mangelempfinden, das den Kulturkonsumenten  in diesen Wochen überfällt. Was bleibt übrig von der Welt, in der es sich zu leben lohnt, wenn Musik und Theater entfallen ?  Welche Ideen bleiben, wenn der beflügelnde Impuls der schönen Künste ersatzlos verschwindet ? Das Erbe aus jahrhundertelanger künstlerischer Schöpferkraft kann auf einmal nicht mehr genutzt werden, um den heute Lebenden geeignete Wege zu weisen. Es gibt Menschen, für die  das Erleben kultureller Ereignisse den entscheidenden Lebensinhalt bildet. Hier bedeutet die Amputation nicht nur eine Verarmung, sondern einen ganz erheblichen Verlust von Lebensenergie. 

Bleibt nur die Hoffnung auf die Zeit, die alles verwandelt. Bald, aber nicht zu früh soll bitte alles wieder so sein wie vor der Corona-Invasion. Eine Welt mit gesteigertem Bewusstsein wird es dankbar registrieren.



 031820

Liebesspiel mit Hindernissen

"Schmetterlinge sind frei" per Livestream

aus dem Schloßpark Theater Berlin 

Die vom Coronavirus inszenierte Attacke auf den Kulturbetrieb hat gerade für die kleinen Häuser ziemlich ruinöse Folgen. Einige von ihnen haben sich dennoch dafür entschieden, zum Publikum hinzugehen, wenn das Publikum sie schon nicht besuchen darf. Das Transfermedium ist das Internet, die Aufführungsform der zeitgleiche Livestream. Beifall und Zwischenrufe entfallen zwar, aber jeder Theaterfan kann sich auf diese Weise immerhin einen  Eindruck von Charakter und Qualität einer Aufführung verschaffen. Bleibt nur die Hoffnung, dass auch Mittel und Wege gefunden werden, den Privattheatern den schmerzlichen Ausfall der Ticketeinnahmen zu entgelten. 

Das Stück stammt vom US-amerikanischen Autor Leonard Gershe, kam 1969 auf die Bühne und war 1972 unter dem Titel "Butterflies are free" die Vorlage für einen erfolgreichen Kinofilm mit Goldie Hawn, der zahlreiche Auszeichnungen bekam. Regisseurin am Schlosspark Theater ist Irene Christ.

Der junge Don Baker(Johannes Hallervorden) wagt einen mutigen Schritt und zieht von zu Hause aus. Sein Handikap: er ist blind, aber er macht kein Aufhebens von dieser Eigenschaft, die er mit Intelligenz, Geruchs- und Tastsinn sowie Hörvermögen kompensiert. Überdies kann er Gitarre spielen und verfügt über eine angenehme Songstimme. In seiner simpel möblierten Bude besucht ihn seine Nachbarin Jill Tanner (Helen Barke), ein recht aufgedrehtes Mädchen mit grossen Träumen von der eigenen Zukunft. Beide kreisen Im Dialog um ihre Situation, wobei die Wahrnehmungsdivergenzen zwischen Blinden und Sehenden einen roten Handlungsfaden liefern. 

Bis auf einmal die Mutter Frau Baker ( Julia Biedermann) in der Tür steht, mit Ironie geladen und berstend vor Energie, die beiden inzwischen verliebten jungen Leute auseinanderzubringen. Sie häuft Sarkasmen, Bosheiten und Anmassungen nach einem Don wohlbekannten Muster aufeinander. Der durchaus blitzende Dialog schlägt Funken und liefert ein amüsantes Feuerwerk kleiner zwischenmenschlicher Gemeinheiten. Aber die dominante Mutter gibt nicht nach und will ihren widerstrebenden Sohn zurück nach Hause holen. Das Vorhaben misslingt. 

Nun richtet Mutter ihre destruktiven Energien auf Jill von nebenan und versucht, ihr die ersehnte Karriere als Schauspielerin madig zu machen. Jetzt fliegen die Dialogfetzen zwischen der eifersüchtigen Mutter und der angehenden Geliebten des Sohnes. Vorhang.

Dann Mutter und Sohn wieder in der Bude mit Hochbett. Mutter gibt sich zum Schein nachgiebig und lobt das Talent ihres Sohnes als Songschreiber. Jill kehrt zurück, mit dem Regisseur  Ralph Austen( Fabian Stromberger) im Arm. Heftige Diskussion über ein Stück, in dem Jill eine Rolle spielen soll. Eine Tournüre der Drehbühne bringt Jills Nebenzimmer ins Spiel. 

Don begreift, dass ihm Jill zu entgleiten droht. In einem widerborstigen Wortgefecht erinnert die Mutter an Texte, die sie einstens verfasste, um die Emanzipation ihres Sohnes zu fördern. Jill will ausziehen, spendiert ein Abschluss-Statement über ihren Konnex mit Ralph. Aus dem finalen Gezänk entwickelt sich dann die abschliessende Kulmination: Don und Jill brauchen einander und wollen ihren weiteren Weg gemeinsam gehen. 

Ein grosses Kompliment verdient die Initiative, diese Aufführung per Livestream zu vermitteln. Da spielt es keine Rolle, dass die Farben des Bühnenbildes gelegentlich etwas schwach ausgeleuchtet sind und der Ton in Spitzenlautstärke nicht zu vernehmen ist. Auf jeden Fall lässt sich in Zeiten der erzwungenen Publikumsabstinenz kein besseres Bindeglied zu einem  liebgewordenen Theater finden als eine solche Livestream-Übertragung. 




031220
Corona macht‘s möglich

Premiere „Carmen“ ohne Publikum
in der Deutschen Staatsoper Berlin

Das „neue“ Virus aus der chinesischen Provinz mischt die Gewohnheiten der Europäer in gänzlich ungewohnter und unerwarteter Weise auf. Der Impetus trifft mit irritierender Geschwindigkeit nicht nur medizinische Ressourcen und behäbige Verwaltungsabläufe, sondern auch den gesamten Kulturbetrieb mit seinen engagiert vorbereiteten Premieren. Die Situation zwingt zur Suche nach Alternativen. Die Deutsche Staatsoper Berlin stand vor der Wahl, ihre lange angekündigte „Carmen“ entweder mit der Schliessungsvorgabe verpuffen zu lassen oder andere Wege der Veröffentlichung zu finden. Engagement und Erfindungsgabe eröffneten einen Ausweg, der in kaum 24 Stunden gebahnt wurde: Der Zuschauerraum bleibt leer, und Bühnenhandlung samt Orchesterstimmen kommen als Livestream mit technischer Unterstützung des Rundfunks Berlin- Brandenburg auf die Bildschirme der interessierten Öffentlichkeit. 

So kommt also nun eine illustre Barenboim-Premiere als zweidimensionale Dokumentation vor die Augen und Ohren der dezentralisierten Zuschauer. Kein Szenenbeifall, keine zustimmende oder ablehnende Publikumsreaktion liefert den Widerpart zum Bühnengeschehen. Gleichwohl kann man auf diese Weise visuell und akustisch einen Eindruck davon gewinnen, welche Vorzüge oder Defizite die Inszenierung von Martin Kušej offenbart. 

Das Bühnenbild kann ohne Übertreibung kärglich genannt werden. In ihm bewegen sich die handelnden Personen in farblich gut akzentuierten Kostümen vor uni-koloriertem Hintergrund. Die georgische Mezzosopranistin Anita  Rachvelishvili verkörpert die Titelrolle, in der Aufführungsgeschichte dieser Oper hundertfach in den verschiedensten Schattierungen dargeboten. Diesmal ist es eine Carmen von vergleichsweise wuchtiger Statur, deren Stimme gelegentlich ein massives Tremolo liefert, die aber auch grosse Zärtlichkeit sowie leidenschaftliche Expressivität zu vermitteln vermag. Ihr zur Seite als überwältigter Counterpart, der über Carmen seine Quasiverlobte Micaela ( mit schönem, kraftvollen Sopran: Christiane Karg) vergisst, der junge Michael Fabiano, der seinen warmgetönten Tenor nicht nur in der berühmten Blumenarie bewegend einzusetzen versteht. Der Stierkämpfer Escamillo ist, stimmlich etwas weniger eindrucksvoll, der Bariton Lucio Gallo, und das Ensemble ergänzen eine ganze Reihe gut besetzter weiterer Figuren aus der Soldaten- und Schmugglerszene. Am Pult der bestens disponierten Staatskapelle Berlin der unverändert vitale Daniel Barenboim, der mit Geschick bemüht ist, den Verlust an Atmosphäre durch den Fortfall des Publikums mit vermehrter Intensität auszugleichen. 

In Erinnerung bleibt eine Aufführung, der durch die Reduzierung auf die optakustische Wiedergabe ein entscheidendes Glanzlicht für das Erleben fehlte. Eher hatte man den Eindruck, einer Probe beizuwohnen. Insgesamt ein überraschend deutliches Plädoyer für die Erhaltung und Fortführung szenischer Opernaufführungen mit Publikum.